Presserückschau (Dezember 2016)

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Schifferkirche
“Das weiß gestrichene Boot hat eine lange Reise hinter sich. Und wenn es sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen: von den Neugierigen in der Halle des Nordturms des Kölner Doms, als es zwischendurch als Altar beim Gottesdienst an Fronleichnam auf der Domplatte diente, als es vor der Küste Maltas strandete, als es an der Küste Nordafrikas Menschen aufnahm, viel zu viele für das kleine Boot, als das Erzbistum das Boot kaufte und nach Europa, nach Deutschland transportierte.” (Aachener Zeitung)

“Eines der Kunstwerke in Kölns kleinster romanischer Innenstadtkirche ist eine spätgotische Marienfigur, die früher in einer Nische an der Außenfassade stand, wo sie von den Rheinschiffern gesehen und verehrt werden konnte. Nach dieser „Schiffermadonna“ wird das Gotteshaus in der Altstadt auch Schifferkirche genannt. Umso passender ist es, dass dort das Flüchtlingsboot aus Malta Platz gefunden hat, das seit dem 31. Mai im Dom gestanden hatte. (…) Für Kardinal Woelki steht das Boot nicht nur für die Not der Flüchtlinge, sondern soll darüber hinaus Anstoß dazu geben, über die Auswirkungen der Globalisierung und soziale Gerechtigkeit nachzudenken.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Neue Rheinbrücke
“Der Vorderrhein ist um ein Bauwerk reicher. Zwischen Schluein und Castrisch ist (…) eine neue Brücke für den Langsamverkehr eröffnet worden. (…) Mit dem Brückensteg wird zwischen Ilanz und Reichenau bereits die fünfte Langsamverkehrs-Überquerung des Vorderrheins realisiert. (…) Bei der Brücke handle es sich um eine knapp 100 Meter lange und zwei Meter breite Schrägseilbrücke, deren Pylone leicht nach vorne geneigt seien (…). Es wurden unter anderem 95 Tonnen Stahl und 130 Kubikmeter Beton verwendet. (…) Die Brücke wurde heute zwar bereits dem Langsamverkehr übergeben, die letzten Arbeiten werden aber im Verlauf des Frühlings 2017 fertiggestellt. So auch der Rückbau der alten Rohrbrücke. Die offizielle Einweihung ist dann für Mai 2017 geplant.” (Südostschweiz)

3
Störmanöver
“Naturschützer hoffen bei Stören als einzige noch nicht in den Rhein zurückgekehrte Fischart langfristig auch hier auf Erfolge. Der «Nationale Störaktionsplan für Deutschland» nimmt zwar wegen günstigerer Voraussetzungen dafür erst die Elbe in den Blick, wie die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) mitteilte. Bei einem dortigen Erfolg solle aber in fernerer Zukunft auch im Rhein flussabwärts von Koblenz eine Wiederansiedlung dieser Fische versucht werden. In den Niederlanden gibt es bereits Versuche. «Der Europäische Stör (Acipenser sturio) ist im Rheineinzugsgebiet in den 1940er/1950er Jahren ausgestorben und gehört zu den am meisten bedrohten Arten weltweit», hieß es weiter. Nach dem massiven Ausbau der Kläranlagen an der einstigen Industriekloake Rhein sind inzwischen alle traditionellen Fischarten in den Fluss zurückgekehrt – nur nicht die sensiblen urtümlichen Störe.” (Frankfurter Rundschau)

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Sinkende Arbeitsplattformen
“Im Rhein auf der Höhe Duisburg-Rheinhausen (…) ist ein sogenanntes Stelzenponton gesunken, eine schwimmende Arbeitsplattform mit Baggervorrichtung. Aus Sicherheitsgründen durften Schiffe hier nicht aneinander vorbei fahren, nur abwechselnd konnte der Verkehr entweder rheinauf- oder rheinabwärts fließen. (…) Fünf Tage blieb die Plattform im Rhein liegen. Aus den Niederlanden musste zunächst ein schwimmender Hebebock geordert werden, denn die Unglücksstelle lag mitten in der Fahrrinne – vom Ufer aus mit Kränen nicht zu erreichen. Auch andere Faktoren wie die Strömung verkomplizierten die Bergung.” (WDR)

“Auf dem Rhein bei Koblenz-Horchheim ist eine schwimmende Arbeitsplattform untergegangen. Der 15 Meter lange Ponton war an einem Motorschiff befestigt, das Richtung Mainz fuhr. Die Plattform riss am Morgen von dem Schiff ab, warum steht noch nicht fest. Nach Auskunft eines Sprechers der Wasserschutzpolizei in Koblenz lief auch Öl aus. Wie viel steht noch nicht fest. Verletzt wurde niemand. Der Ponton konnte bislang noch nicht gehoben werden.” (SWR)

5
Jetski-Nikoläuse
“Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat (…) eine Gruppe von Jetski-Fans auf sich aufmerksam gemacht: Anlässlich von Nikolaus sind 15 Jetski-Fahrer in Nikolaus-Kostümen auf dem Rhein gefahren. „Der Sinn war einfach nur, den Kölnern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, sagt Benedikt Bereuter von der Truppe.” (WDR)

6
Barbarenschatz
“Er gilt als kostbares Überbleibsel aus der Römerzeit: Rund 1700 Jahre lang ruhten hunderte Metallobjekte in einem Arm des Altrheins. Küchengerät und Werkzeug, Tafelgeschirr und Waffen – Stücke aus Eisen, Bronze, Kupfer und Silber römischer Bürger, die von 1967 bis 1997 in der Nähe der heutigen Ortschaft Neupotz in Rheinland-Pfalz aus dem Wasser geborgen wurden. Nach langen Querelen um Zuständigkeit und Eigentum hat der “Barbarenschatz von Neupotz”, als der er inzwischen bekannt ist, jetzt eine Dauerbleibe im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte bekommen. (…) Nicht zufällig wird ein Querschnitt der Funde im Bacchussaal des Neuen Museums gezeigt. Lange stand dort einsam der Xantener Knabe, eine römische Bronzestatue, die Fischer 1858 im Rhein bei Xanten entdeckt hatten.” (Berliner Morgenpost)

7
Rheintote
“Grausige Überraschung beim Spaziergang am Rhein. Um acht Uhr (…) alarmierte ein Passant den Basler Rettungsdienst: Er sah von der Kleinbasler Seite her, rund zehn Meter vom Ufer weg, eine Leiche im Wasser treiben. Kurz darauf barg die Berufsfeuerwehr gemeinsam mit der Polizei einen toten Mann aus dem Rhein. Laut des Instituts für Rechtsmedizin trieb die Leiche schon seit mehreren Tagen im Wasser.” (Blick)

“(In Speyer) wird auf einer Sandbank bei Rheinkilometer 400 eine Leiche entdeckt. Laut Polizeipräsidium Rheinpfalz hat man den Leichnam einer weiblichen Person gefunden, die nach bisherigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen Suizid begangen hat. Die Kriminalpolizei ist mit der Spurensicherung vor Ort um Beweise zu sichern. Doch ist nicht klar, um wen es sich handelt. Auch, ob es sich um ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall handelt, ist unklar.” (Heidelberg24)

Hydrometrischer Flügel

„(…) Der Pegelstand des Vorderrheins wird kontinuierlich mit zwei Sonden gemessen. Eine Pneumatiksonde ist seitlich am rechten Ufer angebracht. Sie ermittelt den Pegel durch eine Druckmessung unterhalb des Wasserspiegels. An einem Auslegerbalken ist eine Radarsonde montiert. Sie bestimmt den Pegel durch eine Distanzmessung von oben. Die Doppelmessung erlaubt eine ständige Kontrolle der Messwerte.
Als Abfluss bezeichnet man die Wassermenge, die einen Flussquerschnitt pro Sekunde durchfliesst. In Ilanz wird der Abfluss entweder mit Hilfe eines hydrometrischen Flügels gemessen, an dem ein rotierender Propeller die Fliessgeschwindigkeit anzeigt, oder es kommt ein Akustik-Doppler-Gerät zum Einsatz, das die Fliessgeschwindigkeit mittels Schallwellen bestimmt. Durch die Messungen werden das Flussquerprofil und die Fliessgeschwindigkeiten detailliert aufgenommen. Aus diesen Angaben kann der momentane Abfluss berechnet werden. Da die Gewässersohle sich durch Geschiebe oder Ablagerungen laufend ändert, müssen die Abflussmessungen periodisch wiederholt werden.
Abflussmessungen können nicht automatisch und kontinuierlich durchgeführt werden. Zwischen Pegelstand und Abfluss besteht aber eine direkte Beziehung. Mit der sogenannten Pegelstand/Abfluss-Beziehungskurve können die Pegelstände in Abflussmengen umgerechnet werden. (…)“

(Quelle: Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Umwelt)

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Einfalte Delineation

„Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden nach der Ordnung der Hochgerichten eines jeden Bunds, ihren Nammen, Nachbarschafften, Höfen, Situationen, Landsart, Religion und Landsprach nach kurz entworfen, Samt beygefügten etwelchen merkwürdigen Begebenheiten auch Seltsamkeiten der Natur verfast durch einen Liebhaber guter Freunden Nicolin Sererhard einem Bundsmann, beschrieben im Prettigeu auf Seewis des Loblichen X Gerichten Bunds im Jahr unsers Heils 1742“ lautet der vollständige Titel eines lang gesuchten und nun in der Ausgabe von 1944 in der Liechtensteinischen Landesbibliothek vorgefundenen Bandes, dessen Entstehen in Dielhelms Zeit fällt, ohne daß zwischen beiden Werken direkte Bezüge auszumachen wären. Wohl aber finden sich Überschneidungen einiger Anekdoten „vom Hörensagen“ und Vorgriffe auf die Geistergeschichten aus Büchlis 200 Jahre jüngerer Mythologischen Landeskunde. Sererhards bisweilen launische Kommentare funkeln lustig im Zeitkolorit. Dergleiche berühmte Alpenföhn, der seinerzeit bisweilen Sererhards Gedankengänge beeinflußt haben mag, hat uns folgende Ausschnitte ins Netz geweht:

Der graue Bund
„Dieser Bund wird der graue Bund genennet, wie man meynet von dem Lugnezer Landwasser Gloin har, welches bey Ilanz, allwo es sich in den vordern Rhein ergießet, eine graue Farb praesentirt. Von diesem so genanten Bund La Liga Grisa werden alle Bündner mit einem General Nammen bey den Ausländischen benamset Grisonei, oder die Grau Bündner.
Ja, weil bey dem Zusammenfluß des Rheins und Glorin oder Gleners der Rhein weiser Farb und der Glener grauer Farb ist, soll auch der Ober Bund diese zwei Farben zu seiner Liberei angenommen haben.
Dieser Bund ist das erste mahl geschworen worden anno 1424 zu Trünß under einer Linden. Dazu sind die gute Leuth veranlaßt worden durch die unmenschliche Proceduren und Tyraney ihrer Oberherren und deren Vogten, danachen sie sich bemüssiget befunden, sich zum gemeinen Schutz wider die unbilliche Gewalt zusammen zu verbinden.
Von viel Exemplen nur eines zu bemerken, so ist bekannt, wie der Vogt zu Bernburg in Schamß einen Baur gezwungen, mit den Hennen und salvo honore Schweinen aus ihren Trögen zu essen. – Doch hernach als die Bauren Meister worden, ist eben diesem ein gleiches wiederfahren, und er zu gleicher Näscherey gezwungen worden. Dergleichen Exempel noch manche beyzubringen wären.“

Heute heißts, der Bund sei unter einem Ahorn geschworen worden, von dem ein Teil in Truns noch zu besichtigen sei. Linde oder Ahorn, Ahorn oder Linde? Zu den Baumauswirkungen auf Schwüre: Rita Lüthy-Schwöri – Naturwesen, Baumfeen, Berggeister. Unsere unsichtbaren Freunde, Maienfeld 1977. Die Geschichte des Vogts von der Bärenburg und dem Bauern Johannes Caldar gibts auch in einer anderen Version, die stark an jene von Pidder Lüng auf Sylt erinnert.

Chur (4)

Dielhelm spricht in einem Nebensatz von der gefühlten Düsternis Churs (es gibt, ein für allemal, weit düstere Täler und Ortschaften) und in einer beiläufigen Aufzählung von ihren Zooqualitäten – Themen, die sich bis ins heutige Rheinsein erhalten haben, während die Macht des Bischofs im Laufe der Zeiten, wir wollen nicht vorgreifen, eine endliche Sinuskurve beschreiben könnte: “Die Stadt ist an sich selbst wohl erbauet, aber nicht sonderlich groß, und macht bey nahe ein Dreyek aus. Sie liegt auf einem fruchtbaren und luftigen Boden, welchen der Rhein und die Plessur befeuchten. Wie denn dieser letztere mitten durchfliesset, darinnen etliche Mühlen treibet, und fast durch alle Gassen geleitet werden kan. Rings umher hat sie einen guten rothen und weisen Weinwachs, absonderlich gegen den Morgen. Sie wird ferner allenthalben mit hohen Gebürgen umgeben, die den Sommer ungemein verkürzen; massen man auf diesen Bergen und auf ihren erhabenen Gipfeln noch wohl im May und Junio Schnee findet. Im übrigen dienen sie nichts desto weniger zu einem Aufenthalt der Gemsen, Steinböcke, Haasen, Murmelthiere, Geyer, Steinhüner, Auerhäne, Fasanen, und dergleichen Gethiere mehr. Der Umkreiß dieser ganzen Stadt begreift anjetzo zwey Haupttheile in sich. Der eine bestehet aus dem bischöflichen Wohnsitz, aus der Domkirche, der Probstey, und aus den dabey stehenden Domherrenhäusern, welche von der Stadt durch Thor und Thürne abgesondert sind. Der andere Haupttheil ist die Stadt selbst. Diese bekennet sich ganz zu der reformirten Religion, und zwar seit dem Jahr 1526. als zu welcher Zeit sie dieselbe gleich andern Orten in Graubünden mit Abschaffung der catholischen angenommen, nachdem Johannes Comander des Terzels Predigten widerleget, und zu Ilanz über die streitige Puncten zwischen beyderseitigen Geistlichen eine Disputation gehalten worden. So hat auch der dortige Bischof weder in burgerlichen noch in Kirchensachen etwas zu gebieten.”

Ilanz

Sehr profan, fast kanalartig und ziemlich grau im Gesicht erscheint der von lauten vordergründigen Asfaltbändern eskortierte Rhein (Rein anteriur) in Ilanz. Kaum vorstellbar, daß er kurz darauf in der Ruinaulta zu einem Naturfänomen erster Kategorie aufläuft. Die Stadt Ilanz selbst, wies heißt “die erste am Rhein”, auf 702 Metern Höhe gelegen, gibt sich merklich kühl. Es ist die Zeit zwischen den Saisons, das von außen etwas ranzige, mit einem abstrusen Verkehrsschild behaftete, insofern erfahrungsgemäß vielversprechende Museum Regiunal Surselva hat leider geschlossen. Ein paar Hotels, darunter ein kastenförmiges, mehrstöckiges, ein paar mehr Restaurants, drei oder vier Pubs: Ilanz gibt äußerlich ein urban übertünchtes Dorf, und läßt sich als solches furchtbar schnell abschreiten. Als Besonderheiten fallen auf: Zwei Häuser mit bündnertypisch illusorischen Fensterverzierungen, traditionelle Versuche am 3d-Effekt. Die Gewölbemalereien in der reformierten St. Margarethenkirche. Gotische, eichelnbewachsene Ranken umwuchern Renaissancemotive: das zentrale Heiliggeistloch (durch das vor der Reformation zu Pfingsten der Heilige Geist in Gestalt einer Holztaube eingelassen wurde) ist mit tierischen Evangelisten umrahmt, vierfach im Geranke versteckt und doch präsent lugt der zierliche Tod (schwertumgürtet, pfeileschießend, Waage und Stundenglas haltend, Schach mit einer Frau spielend) auf die Gemeinde herab. Das lyrische Apotheken-Schaufenster zum Thema „Aromabäder“, gestaltet von Patienten und Team der Psychiatrischen Tagesklinik: „In Fichtennadeln baden, das ist mega, / da brauch ich nach dem Boarden keine Rega!“ Die Ilanzer Artikel zur Trennung von Kirche und Staat aus den Jahren 1524 und 1526, bzw. ihre ausgeschilderte Existenz als Bedeutungsgeber der Ortschaft. Die von den lange vorherrschenden Schmid von Grünecks erbaute Casa Gronda (1677), wichtigstes Profangebäude des Städtchens und bedeutendstes Bürgerhaus des Bündner Oberlands. Die goldene Krone, durchflossen vom Rhein, am Obertor, sowie die einsame und todtraurige, aus einer fernen Welt dem mittelalterlichen Kopfstein eintransplantierte Parkuhr davor. Das Mundaun Center, eine gut getarnte Einkaufshalle samt Kantine, in der sich zumindest um die Mittagszeit das eigentliche Stadtleben abspielt. Der Glogn/Glenner, ein rascher Rheinzufluß aus den stilisierten Bergen. Schi ditg che siattan cuolms e vals stai ferm Surselva nossa. Abfahrt!

Haldenstein

Rheinseins Ankunft in Haldenstein vollzieht sich in der Gaststube Calanda bei netten Einweisungen der charmanten Vorstipendiatin, Kalbsbratwurst und einem ersten Kübel Calanda, wie überhaupt unterm Calanda alles Calanda scheint und der bündnergrüne Rhein eine nachgeordnete, bestenfalls als Calandarhein einzunehmende Rolle zu spielen. Später am Abend schmeißt der Chäschpi im Hinterzimmer eine Runde Zwetschgenpunsch und erzählt vom Höhepunkt seiner Touren als Reisebusfahrer, dem Apenheul in Apeldoorn, desweiteren vom Museum Rhein-Schauen in Lustenau, einem verstorbenen Pater-Unikum in Disentis und einer dramatischen Rettungsaktion im Rhein bei Ilanz, seiner Heimatstadt, der ersten am Rhein; während Haldenstein immerhin die erste Oper am Rhein besitzt – im August wurde im Schloßhof Carmen aufgeführt. Am Morgen steht die Besichtigung der Ruine Haldenstein an, der markantesten von gleich drei Burgruinen auf der kleinen Gemarkung ob des Rheins bzw nid des Calanda, „des Herablassenden“. Der Anmarsch steht mit 25 Minuten ausgeschildert, die zügig einen derart steilen Aufstieg darstellen, daß ich nach fünf Minuten denke: „wenn das so weitergeht, kommst du bestenfalls als toter Mann oben an“. Es geht so weiter, doch nur fünf Minuten, nun auf schmalem Pfad längs eines trockenen Sturzbachs, schon ist die Ruine erreicht. Schafsglocken lockern den aufdringlichen Verkehrslärm des mehrfach trassendurchfurchten Tals, Esel eseln daneben, vom gezackten Himmel schenkt eine schwer überhitzte Sonne ihre Novemberreserven her. Die Ruine balanciert ihre Imposanz auf unzugänglichem Felsspitz, hinter den Mauern dreschen zwei ewige Raubritter aufeinander ein, fügen sich schwere Scharten zu, prosten sich sportlich mit Calanda-Bräu zu in den Kampfpausen; unten eilt derweil der Rhein, als wolle er sich selbst überholen und wisse keineswegs, wohin. Wanderschilder weisen auf poetisch klingende Ziele wie Bärenhag, Batänja (ein Maiensäß), Ruine Grottenstein (deren Name von Kröten, nicht von Grotten rühren soll), Ruine Lichtenstein, Arella, Funtanolja, Altsäss.

Dielhelms Vorderrhein (3)

Abschließender Blick Dielhelms auf den Vorderrhein mit weiteren, heuer eher unbekannten Heiligenfleckchen (Kirchengrundstücken?), teils rätselhaften Wassersystemen und die erste Rheinstadt Ilanz: “Unter diesem Kloster und Flecken Dissentis vermischt sich eine gewisse Bach mit dem vordern Rhein, welcher von einigen für die mittlere Rheinquelle will gehalten werden. Es entspringet dieser mittlere Rhein auf dem Lütmannierberg / so auch ein Theil von dem Adula zu oberst im Sanct Marienthal ist, wo gegen über der Tesinfluß keine Quellen hat, und zwar aus vielen beyderseits zusammenfliessenden Bächen, denen sich auf linker Seite ein anderes Wasser zugesellet, so sich von einem hohen Berg herabstürzet. Ob dieses die Frodda sey, deren Simler (Anm.: anzunehmen in wunderbarer Vagheit wohl eher Josias, der Alpenbeschreiber als Johann Wilhelm, der Verfasser der “Teutschen Gedichte”) / Tschudi und andere gedenken, oder aber ein anderes Wasser, welches aus den Corner Alpen hervorfliesset, hat Herr Johann Jacob Scheuchzer (Anm.: der berühmte Sintflutforscher, nach dem die Blumen- bzw Blasenbinse benannt ist) nicht erfahren können. Es läuft durch das Modelser Thal, welches sich gegen Mitternacht ziehet, und die Oerter, so an diesem Rhein nach einander folgen, sind Sanct Maria / allwo ein Hospital, oder Herberge für die ist, welche in das Palenser= oder Piliner=Thal reisen; ferner Sanct Gallo / Sanct Giovanni, allwo ein Wasser von den Corner Alpen hineinfliesset; Sanct Giacomo, Sanct Rocco / Curalia, Suliva / und Sanct Valentin, unter welchem er sich, wie gedacht, bey dem Kloster Dissentis / mit dem vordern Rhein vereiniget. Die Oerter, welche der vordere Rhein weiter begrüsset, sind Sonvix, Tront, das alte Schloß Rinkenberg / unter welchem zur Rechten ein Wasser hineinfliesset (Anm.: Hübner, der seinen Dielhelm gründlich kennt, berichtet über einen Voderrheinzufluß von übernatürlich heller Wasserfarbe); der Rhein aber läuft von dannen fort auf die beyden Schlösser Waltersburg und Obersax, wendet sich darauf nach Schlans, Ruvis und komt nach Ilanz / oder Iant, lateinisch Ilantium und Hilliande Villa. Dieses ist ein alter Ort und das vornehmste Städtgen in Räthien, oder in Graubündten, anbey auch das oberste und erste Städtgen, so am Rhein zu finden ist. Weil auch solches der Hauptort in dem grauen Bund (Anm.: der nicht nach den Farben der Berge, sondern nach den Hirtenwämsern, welche aus gemischter Wolle schwarzer und weißer Schafe bestanden, geheißen haben soll) ist, so pflegen sich die gesamten drey Bünde allda zu versammlen, wenn sie über wichtige Sachen rathschlagen wollen. Wie denn die Landtage des obern Graubunds ordentlich allda gehalten werden. Es haben die Einwohner in Ilanz in etlichen gemeinen Sachen ihr eigenes Burgergericht; da sie hingegen über öffentliche Angelegenheiten mit den übrigen Benachbarten ihrer Gemeinde zu Rathe gehen müssen. Im übrigen wird an diesem Orte Churwelsche Sprache (*) geredet. Alda sind im Jahr 1561. auf dem Landtag nebst andern Gesetzen, auch eines ausgemacht worden, daß die Jesuiten in Graubündten nicht solten gedultet werden, welches Verbott man im Jahr 1600. wiederholet hat. Worauf sie auf ewig (Anm.: was lang werden kann) aus diesem Land verbannet worden, damit der politische Staat in Graubündten durch solche nicht verunruhiget würde; wie Fortunatus Sprecher (Anm.: der als um Objektivität bemühter Chronist auch in Conrad Ferdinand Meyers historischem Roman Jürg Jenatsch auftaucht) in seiner Räthischen Chronick pag. 171. und 187. meldet. Dem Städtgen Ilanz gehören die Dörfer Flont und Straden. Es führt das Städtgen Ilanz in seinem Wappen eine guldene Krone, wodurch der Rhein fließt, damit anzuzeigen, daß es das erste und vornehmste Städtgen des Rheins, ja gleichsam die Krone des Rheins sey. (…) (Anm.: Dielhelm zählt in dieser Lücke auf seine akribische Art die sieben Ilanzer Markttage auf und nieder.) Alsobald unterhalb dem Städtgen Ilanz wird dieser vordere Rhein durch das kleine Glennerflüßgen (Anm.: oder Glogn, was gelogen klingt) verstärket. Auch folgen unter Ilanz la Voppa, Grub, Valendas, ein altes Schloß, und zur linken Seite Laar, Flims / welches Dorf seinen Namen von den vielen dort zusammenfliessenden, und in dem Dorfe selbst entspringenden Wasserquellen hat, welche hernach in den Rhein hinabfliessen. Von dannen streicht der Rhein fort nach Damürz / Bonaduz, und also folgends nach Reichenau / allwo sich dieser vordere Rhein mit dem hintern vermischet.

(*) Die Churwelsche Sprache wird zwar, in Vergleichung mit der lateinischen und florentinischen Mundart, für etwas grob gehalten, gleichwohl hat sie nichts destoweniger ihre Vollkommenheit und Zierlichkeit. Sie wird nur um die Gegend der Stadt Chur geredet, doch befleißigen sich die Einwohner auch der deutschen.”