Rheinfelden AG

schweizerdeutsch: Rhyfälde, ist eine Kleinstadt und Einwohnergemeinde in der Schweiz sowie Hauptort des gleichnamigen Bezirks. Sie liegt am Hochrhein an der Grenze zu Deutschland im Westen der Region Fricktal, am östlichen Rand des Ballungsraum der Stadt Basel. (Wikipedia)

„Er ging durch ein kleines Tor in der Ringmauer, er kam in eine andere Welt. Eine schattige Gasse, die sich nach dreißig Metern teilte. Haus an Haus, zwei- oder dreistöckig, organisch gewachsen wie ein Wald, Oleander und Schaukelpferde vor der Tür, Rosmarin und Thymian an den Simsen, Doppelnamen neben den Klingeln. Natale-Meier, Tomscyk-Casali, Hunziker-Kupferschmid.
Er ging kreuz und quer den Gassen nach, ließ sich führen durchs Fuchsloch, Jagdgasse, Propstgasse. Er stieg die abfallende Tempelgasse hinunter zum Rhein und kam zum Schweizer Zoll. Durchfahrt für Autos von 8 bis 17 Uhr, für Radfahrer frei rund um die Uhr. Dahinter die Brücke, leicht ansteigend zu einer Insel, die schroff aus dem Fluß ragte, ein Eiland aus Kalk. Burgstell hieß es, wie auf einer Tafel zu lesen war. Hier hatte Rudolf von Rheinfelden im 11. Jahrhundert seine Burg gehabt. Es war nichts mehr zu sehen von Mauerresten, nur Buchen, Eichen, Kastanien.
Er überquerte die Insel und sah unten eine Landzunge liegen. Erlen und Weiden, links eine Sandbank, rechts der aufreißende Fluß. Inseli hieß dieses Stück Land, auch das stand auf der Tafel. Ein Paradies für Badende wohl. Er beschloß, in den nächsten Tagen hier schwimmen zu gehen.
Er kehrte um zur Brücke, die nach rechts abknickte zum deutschen Ufer hin. In der Mitte blieb er stehen und schaute zurück auf das Städtchen, das durch den Nebel schimmerte.
Zurück in der Marktgasse glaubte er, in einem südlichen Land in den Ferien zu sein. Die Geschäfte hatten geöffnet, Laden an Laden, Metzgerei, Schuhladen, Blumengeschäft, Hotel Schiff, Wirtschaft zur doppelten Sichel, zum Meerhafen. Diese Poesie gefiel ihm, er beschloß einzukehren. Er holte drinnen zwei Zeitungen, bestellte einen Espresso und setzte sich an ein Tischchen auf der Gasse.
(…)
Hunkeler schaute die Gasse hinunter, die sich parallel zum Rhein hinzog. Er sah die Wirte, die ihre Tische für die Gäste bereit machten. Die Händler, die ihre Waren auslegten. Schräg gegenüber stand ein mächtiges, rötlich gestrichenes Haus. Es war die Brasserie zum Salmen, wie auf der Frontseite zu lesen war. Bis 1884 Braustätte vom Rheinfelder Urbräu, vormals Dietschys Bierhaus, begründet von Franz Dietschy 1799.
Was für ein vernünftiger Mann, dieser Dietschy, dachte er. Der hatte im Kiesbett des Rheins nach altem, gutem Wasser gesucht, heraufgepumpt und daraus Bier gebraut, ein Labsal für jung und alt. Er hatte damit so viel Geld verdient, daß er mitten in Rheinfelden dieses große Haus bauen und seinen Namen draufschreiben konnte.”

Die oben ausgelassene Passage mit den beiden Zeitungen deutet Kommissär Hunkelers aktuellen Fall an, einen Mord im Schwulenmilieu, begangen im Solebad des (fiktiven) Hotels Marina im beschaulichen Rheinfelden. Wie stets in den Hunkeler-Krimis fällt der Fall zunächst hinter mehr oder minder vertrackte psychologische Gebilde. So treten im aargauischen Rheinfelden und um das aargauische Rheinfelden herum Polizeibefugnisse, Rückenschmerzen, der Hotzenwälder Dialekt oder obskure Schweizer Lakota samt Almbisons, falls nötig stampedeartig, in den Vordergrund. “Das sind schlichtweg die besten deutschsprachigen Kriminalromane, die derzeit geschrieben werden”, urteilte Björn Kuhligk über die Hunkeler-Reihe einst im Berliner Tip. Ohne die deutschsprachige Krimiszene zu überschauen, schließen wir uns dem Urteil gerne an: es sind sehr lesenswerte und unbedingt rheinische Bücher zudem:

Hansjörg Schneider, Hunkeler und die goldene Hand, Ammann Verlag, Zürich 2008

Bad Säckingen (2)

Bad Säckingen auf den ersten Blick: Brunnen, Parkbänke, Kurkliniken und -cafés, sowie eben: Trompeter. Ein wenig Grillbudensumpf um den Bahnhof herum. Ein Müllmuseum soll es hier geben. Für einen Kurort dürfen erstaunlich viele Laubbläser, Steinbohrer und Preßlufthämmerer ihren stumpfen Industrial-Sound entfalten. Dazu die Cabriofahrer: je undifferenzierter der Musikgeschmack, desto weiter nach rechts gedreht ihre Volumenregler. Flucht ins Münster mit seinen sehenswerten Fresken, Skulpturen und Reliquienschreinen. Plötzlich bin ich der führende Lärmproduzent: das Quietschen der Gummisohlen meiner Dachdeckerschuhe scheint sich im heiligen Raume von selbst zu verstärken. Raus in die Natur. Auch die kleine Schweiz am anderen Ufer des flaschengrünen Hochrheins produziert ein fettes Pfund Verkehrslärm. Nach einer halben Stunde erreiche ich den Fähranleger für Rheinquerungen hinüber ins eidgenössische Mumpf. Die Fähre geht nur zu wenigen Stunden die Woche. Schade. Auf Schweizer Seite mumpft Mumpf stoisch im Schienen- und Straßenlärm, auch das Gekrächze eines Mumpfer Kleinkinds trägt das Wasser herüber, NDB sind alle Hurensöhne, hat eine jugendliche Hand in das Wartehäuschen gekritzelt, flach eilt der Rhein von dannen und entkommt sich nicht. Eine Eidechse wuselt durchs Ufergebüsch. Unter der Autobrücke mit Spraylack: „people not profit“ – der Sinn wechselt mit der Betonung. Auf der Schnellimbißmeile zum Aufgang der Holzbrücke herrscht chicque`s Apostrofieren: im Rhybrugg gibt’s „Cocktail`s Und Und Milch-Shake`s – Latte M. – Cappu. – Säfte – Biere“, das Menü im Imbiss an der Holzbrücke lautet wie eine mathematische Gleichung „Currywurst mit Pommes und 0,2 lt. Cola = 4,80“, das passende Motto „Kebap und Pizza`s“. Über Scholle`s Croque Laden galoppiert ein fescher Bronzetrompeter auf füsslilike wieherndem Roß. „Gegen Wasser und Feind im Jahre 1343 erbaut wurde der Gallusturm im Jahre 1973 von der Narrenzunft Saeckingen wiederhergestellt als Bollwerk gegen Truebsal.“ Etwas rheinauf das EnBW-Bollwerk zur Energieerzeugung, das Wehr des Laufwasserkraftwerks, aus dessen einzig offener Schleuse ein mörderisch anmutender Teilrhein strömt. Im Haus der Fischerzunft eine eigentlich geschlossene Fotoausstellung mit Motiven vom Bergsee. Doch der Fotograf lauert auf Besucher, erzählt von seinen monetschen Ansätzen. Ach ja, der Bergsee, dorthin machte doch das halbe Säkkingen einen Picknickausflug, in Scheffels Trompeter, und bald trat der mißmutige Waldgeist Meisenhartus in Erscheinung. Durch die Unterführung hinterm Bahnhof („das Geld wird töten“), vorbei an alten Mühlsteinen und Hanfreiben, sowie eher neuzeitlich ausschauenden Kurkliniken und Altenheimen entere ich den Hotzenwald.

Hotzenwald

Kreuzende Mistkäfer begleiten den Aufstieg zum Bergsee oberhalb Bad Säckingens, einem Familienidyll mit Tretbooten („Keine Steine in den See o. auf die Boote werfen“) und Badeverbot. Im Ausflugs-Café lesen gut restaurierte Damen ihren hart gesottenen Galanen mit lustigem süddeutschen Akzent die besten Geschichten aus Neue Post und Bild der Frau vor. Der Bergsee selbst spiegelt in seiner glatten, doch unsteten Oberfläche kosmische Wahrheit und befördert Zukunftsgedanken. Wohlstand und Gesetztheit der Gegend beängstigen den Dichter im Lande der Dichter und Denker. Zuviel Idyll, das, erstmal in Verse gebracht, kaum einer kaufen will. Hans Löffler hat es klassisch-volkstümlich versucht, mit einem Gedicht, das immerhin in einer Dauerausstellung des Schwarzwaldvereins im Haus der Fischerzunft in Bad Säckingen zu finden ist:

Fernsicht vom Hotzenwald

Von des Hochrheins waldiger Empore
schweift der Blick hinaus ins Land
übers Tal im zarten Nebelflore
zu des Stromes Silberstrang

Schweift zum Ufer hin der Eidgenossen
in des Flusses weite Au,
allerwärts vom Jura eingeschlossen,
Berg an Berg im dunklen Blau

Nichts kann mehr jedoch das Aug` entzücken
als – in Schnee und hell besonnt -
ferner Alpen scharf gezackter Rücken,
stolze Pracht am Horizont.

So bist Hotzenwald, oh schöner Flecken,
du Empore, fern zu schau`n.
Lass von dir mir Fern- und Heimweh wecken
bis die Augen nicht mehr schau`n.