Echo des Poseidon

Der Ex-Kanzler kannte Duisburg nur aus den Schimanski-Filmen. Ein geringfügiges Manko, das er nun ausbügeln konnte: anläßlich der Enthüllung einer sechs, mit Sockel zehn Meter hohen und elf Tonnen schweren Skulptur seines Freundes (und unseres Düsseldorfer Ex-Nachbarn) Markus Lüpertz namens “Echo des Poseidon” war Gerhard Schröder, eigenen Worten zufolge, erstmals in der Stadt mit Deutschlands größtem Binnenhafen zu Gast. Im Vergleich zu den Filmkulissen aus den 80ern habe sich die Stadt sehr positiv entwickelt, befand der gelernte Staatenlenker und Gazprom-Angestellte. Die Einweihungsfeier der Skulptur in Ruhrort, die an die Moai auf der Osterinsel erinnert, blieb einer exklusiven Clique vorbehalten. Das Gesicht der Skulptur ist dem Rhein zugewandt, Anwohner blicken auf den Hinterkopf. Der persönlich anwesende Künstler lobte sein Werk als hochgradig gelungen. Die Duisburger Lokalzeit hat das historische Ereignis für das Volk in Bild und Ton festgehalten.

Duisburg-Ruhrort (2)

ruhrort_alienRuhrort, eine Art Insel zwischen den Hafenbecken, verbindet dörfliche Elemente mit denen eines heruntergekommenen, sich gerade wieder berappelnden urbanen Kiezes. Reichlich Leerstand trifft auf skurrile Schaufenstergestaltungen, Büdchen weisen halbleere Regale auf, über denen diverse Schnapsflaschen thronen. Ein Alien assimiliert, ein wenig unbeholfen, ein typisches Ruhrgebiets-Bild: den Arbeiter, der die Sinnlichkeit des Produktionshelferstandes symbolisiert, indem er mit einer Pulle Bier im Wohnzimmerfenster lehnt und auf die Straße schaut.

ruhrort_schimanskiBis heute ist Tatort-Kommissar Horst Schimanski das Gesicht, das mit Ruhrort verbunden wird. Auf einem Spucki wirbt er für solidarisches Miteinander, während aus verhangenen Fenstern lautstarkes Geschimpfe gegen Türken, die “nicht hierher” gehörten, auf die Straße dringt. Dieweil Schimanski seine Currywurst gerne teilt, behauptet das amerikanische Celebrity Blog Gawker, es sei gerade die ungenießbare Currywurst (“ein fürchterliches Gericht, so abstoßend, daß nichtmal Tiere damit gefüttert werden sollten”), welche viele Flüchtlinge zurück in die Kriegsgebiete treibe: “Death before Currywurst!”

ruhrort_lichtinstallationAm Tausendfensterhaus (eigentlich Haus Ruhrort) wird, sobald es dunkelt, die Lichtinstallation “Resonanzraum” von Sigrid Sandmann gezeigt. Sie besteht aus zu Schrift/sätzen gefügten Erinnerungen an das alte Ruhrort, persönliche Geschichten und Vorstellungen der Anwohner, die mit Schlagworten zur Entwicklung des Ortes verschnitten und teilweise in Wellenlinien auf die Fassade projiziert werden: ein Teil der Duisburger Akzente, bei denen wir mit Rhein-Meditation zu Gast waren.

Rheinzitat (31)

schimanski_zahn um zahn

“Weißt du warum es am Rhein so schön ist? Der ist so dreckig, du, der spuckt nichts wieder aus.” (Aus dem Schlußdialog des Schimanski-Kinofilms “Zahn um Zahn” von 1985)

Waljagd im Duisburger Hafen

nowottny_waljagd ruhrort

Dramatische Jagdszene: im Mai diesen Jahres reinszenierte Michael Nowottny Vorkommnisse um den Beluga, der 1966 den Rhein besuchte, im Duisburger Hafen. Am Bug eines modernen Walfängers positioniert: ein antiquiert wirkender Bogenschütze, der an Harpunier Queequeg und Captain Ahab von der Pequod erinnert. Das Beiboot ähnelt dem Motorboot, auf dem Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit Pistole posierte, bis er aus einem von Naturschützern eigens gemieteten Luftschiff mit Apfelsinen torpediert wurde. Der Luftangriff bleibt auf dem Foto ausgespart, die verfilmte und mit Soundtrack versehene Jagd wurde in der zweiten Maihälfte ab Sonnenuntergang auf dem Steuerhaus des Kohle-Schleppkahns Fendel 147 im Duisburger Schimanski-Viertel Ruhrort als Videoinstallation projiziert.

Duisburg

duisburg_2 duisburg_3 duisburg_4duisburg Die leicht bearbeiteten Screenshots zeigen den Duisburger Hafen Mitte der 80er Jahre, für einen Schimanski-Tatort inszeniert. Der Fluß dient auch in den übrigen rheinischen Tatort-Städten (u.a. Baden-Baden, Ludwigshafen, Bonn, Köln) als gerne verwendetes Bildmotiv. Am Arbeiterklasse-Standort Duisburg riecht der Rhein gleichermaßen nach Maloche und Naherholung. Die Leiche am Hafenbecken ist voreingestellt. Der Kommissar wechselt die Verkehrsmittel zu Wasser, zu Lande und zur Luft mit beachtlicher Selbstverständlichkeit. Die Wasser des Rheins scheinen die Stadt erst zu ermöglichen und zusammenzuhalten – so wie der Fluß aus den Zapfhähnen und klandestinen Vorräten der Spelunken zu fließen scheint, mittels zuvor zugesetzter Tabletten als “labbriges Pils” oder mehrfach gefiltert als “Schnäpsken”.

Infrarot-in flagranti

infraInfrarotstill des Rheins (in gelb und rot) mit Frachtschiff “Titanja-Star” (blau) aus dem Jahre 1984. Die aus einem Hubschrauber gefilmte Aufnahme der Duisburger Polizei überführt den Schiffskapitän des Verklappens von hochgradig krebserregenden Giftstoffen in den Fluß. In wenigen Sekunden wird Kommissar Schimanski sich an die Kufen des Hubschraubers hängen und aus mehreren Metern Höhe auf das Dach des Führerstands fallen lassen, um den Kapitän zur Rede zu stellen.