Achill in Vaduz

Manchmal, wenn ich die Straße
vor dem Kunstmuseum in Vaduz überquere,
rüber will in den Laden, um mir ein Brot
zu kaufen, steht Achill vor mir, er
der Krieger, Sohn der Thetis, ein Halbgott,
bis auf die berühmte Ferse unverwundbar.
Er ist ein freundlicher Herr, gekleidet
in einen dunklen Anzug, er grüßt, lüpft
seinen Hut wie zum Scherz, dann nimmt er
den Speer, der neben ihm auf dem Boden
liegt, schleudert ihn leichthin, hoch,
mit seiner Rechten, an seinem Schild,
den er über dem Anzug in seiner Linken hält,
vorbei – eine grazile Bewegung, ganz
hoch hinauf, und ich sehe ihn fliegen,
höher und höher, aufblitzen im Licht,
der Sonne entgegen – dort hält er sich,
er scheint zu schweben, ganz langsam,
fast ohne Bewegung, da oben am Himmel,
bevor er dann gleitend verschwindet,
weit, hinter Nebel und Wolken,
Bergen und Schnee – auf dass er falle und lande,
auf der Landkarte irgendwo unten, seicht,
an des Mittelmeers kultreichen Stränden.

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Achill in Vaduz markiert den Auftakt des gleichnamigen Bandes mit Gedichten und Zeichnungen von Wolfgang Heyder. Das unvermittelte Erscheinen des antiken Helden als freundlicher Anzugträger im Städtle, der Vaduzer Fußgängerzone, mag verblüffen. Verweist es auf eine der zahlreichen Skulpturen, mit denen das Städtle so vollgepackt ist, daß ihre Zahl diejenige der Passanten häufig überschreitet und die, als Kunstwerke, geflissentlich über sich selbst hinausweisen sollen? Oder handelt es sich um einen veritablen Liechtensteiner aus Fleisch und Blut, einen intellektuellen vielleicht gar, und seine Sehnsüchte, dem engen Nord-Süd-Korridor des von hohen Bergwänden begrenzten Rheintals zu entfliehen? Wo mag der Speer einschlagen? In Monaco vielleicht, einem weiteren Kleinststaat? ”Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus / Mutter, du weißt das alles; was soll ichs Dir noch erzählen?” (Homer, Ilias, herausgegeben von Johann Heinrich Voss) Gedichte sind selten dafür geschaffen, erklärt zu werden. Sie rühren in unserem Wissen. Gelingen sie, fügen sie einen frischen Schlag Sonstewas hinzu. Wolfgang Heyder zieht aus der Geschichte literarische Personen und Persönlichkeiten hervor und setzt sie im heutigen liechtensteinischen Alltag aus. Orpheus aus der Tiefgarage “(…) hat den Autoschlüssel vergessen / (…) noch im Dunkeln greift er zum Handy / (…)”, Kuhportraits gehören zwingend zu einer liechtensteinischen Dichtung: der heilige Stier beunruhigt Triesen, später am Abend löscht Hamlet seinen Durst auf der Schweizer Rheinseite in einer Buchser Beiz mit Fernet Branca.  Heyder geht in seinen Texten auch über die straff gezogenenen liechtensteinischen Landesgrenzen hinaus, die er mit dem texte trouvé Eine Werbung für Liechtenstein beschließt, einer Autoreklame der Marke Chrysler, die verkündet: “Das Leben vergeht viel / zu schnell. Holen Sie es ein.”

Wolfgang Heyder: Achill in Vaduz. Liechtensteiner Gedichte und Lieder mit Zeichnungen des Autors, Corvinus Presse, Berlin 2013, 132 Seiten, 25 Euro. ISBN 978-3-942280-22-8. Das Buch kann auch direkt bei der Corvinus Presse bestellt werden.
(Achill in Vaduz mit freundlicher Genehmigung des Autors. rheinsein dankt!)

rheinsein antwortet auf leerlaufende Suchanfragen

Frage: Wie heißen die Krüppelbäume am Rhein?

Antwort: In ihrer eigenen Sprache, die Menschen weder zu verschriftlichen noch auszusprechen vermögen, tragen sie mit den Umweltbedingungen und Jahreszeiten wechselnde Namen, die sie innerhalb einer komplizierten Systematik miteinander verknüpfen, sodaß sich gegen Lebensende eines zählebigen Krüppelbaums ein Baumname in Roman- oder Rheinlänge ergeben kann.
Die deutsche Sprache kennt diese Bäume als Kopfweiden, also kopfgeschneitelte Weiden. Es gibt verschiedenartige Kopfweiden am Rhein. Je nachdem wie genau Sie zwischen diesen Weiden zu differenzieren wünschen, schlagen wir die Konsultation eines bebilderten Nachschlagewerks oder einer Baumschule vor. Evtl käme für Ihr Anliegen auch die im Grunde zeitlose D.I.Y.-Technik infrage: versehen Sie besagte Krüppelbäume, z.B. zur besseren Unterscheidung, zum Spaß oder zur sinnisolierten Ausübung eines kreativen Akts eigenständig mit Namen Ihres Geschmacks!
(P.S.: Ihre Frage hat uns angeregt, darüber nachzudenken wie eine Sprache, die mit den menschlichen Sprachen sehr wenige Gemeinsamkeiten aufweist, sich  dennoch, insbesondere im Deutschen, widergeben ließe. Auf jeden Fall müßten  für eine breitenorientierte Kommunikation die Längen der Baumsprache umcodiert werden, da ansonsten z.B. die gesamte Jugend eines menschlichen “Gesprächspartners” aufgebracht werden müßte, um nur einen einzigen “kurzen Satz” in der Krüppelweidensprache zu verstehen. Mit diesen notwendigen Verkürzungen würde jedoch automatisch die genuine Kraft der Baumsprache bereinigt bzw geraubt. Anders ausgedrückt: einen guten Baumsprachensatz auf einen 5000seitigen Roman zu reduzieren wäre vergleichbar in etwa einer Kürzung von Homers Odyssee auf drei knappe, zusammenfassende Sätze in Verwaltungssprache. In diesem krassen Verhältnis liegt natürlich ein enormes  Mißverständnispotential, welches die ohnehin schon zeitintensive Übersetzungsarbeit der Baumversteher nicht gerade erleichert.)

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Tausende Menschen landen über Suchmaschinen auf diesen Seiten. Die Suchstichworte und -fragen sind unterschiedlichster Couleur und bisweilen nicht wenig skurril. Obgleich rheinsein nebst eigenen Fragen auch zahlreiche Antworten bietet, dürften viele Suchanfragen ins Leere laufen. Um Abhilfe zu schaffen, haben wir uns entschlossen, eine Serie mit Antworten (sofern wir welche besitzen) auf die interessantesten Fragen zu starten, welche die Webwelt an unsere Gestade spült.

Gorrh (13)

Gorrh, nach einer langwierigen Fase psychischen und fysischen Niedergangs etwas ausgefranst, flämmt das Mittelrheintal ab, verübt Brandrodung, rupft die Kraftwerke von Biblis und Mülheim-Kärlich aus ihren Verankerungen und löst in einem beiläufigen Arbeitsgang (als zünde er sich ne Fluppe an, als Nichtraucher!) die Kernschmelze aus, verharrt dann, nachhaltig zufriedengestellt, an einer Flußschlinge, bis das Gebiet wieder bewohnbar wird. Nicht auch nur ansatzweise erahnbare Zeiträume vergehen. Gorrh meditiert, während sich über ihm das Universum in weiterhin kaum ergründlicher Motivation dehnt, spannt und krampft. Dann aber, eines schönen Morgens: klettern nach und nach die Wilden aus den Wäldern, verlassen ihre unbeschreiblich neu- und fortevolvierte Pflanzenwelt und beginnen einen Kult um das einsame Wesen (sie nennen es „Große Kröte“), das schon immer dort am Ufer hockte. Gorrh, der lange keine Menschen mehr aushalten mußte und die Zwischenzeit zum Nachdenken reichlich genossen hatte, entschließt sich zur Gastfreundschaft, insbesondere gegenüber den Rheinschiffern auf ihren primitiven Plankenbooten, da diese ihn dauern. Gorrh hält Symposien mit enormem Zulauf. Spricht von den Dingen der Vorzeit, von Zyklik, Treu und Glauben. Serviert ein feines Tröpfchen dazu, welches die Geister der Wilden aus den Wäldern bis in den Weltraum erhebt. Natürlich schafft das Neider. Bald muß sich Gorrh vor dem Bischof von Trier für seine angeblichen Ausschweifungen verantworten, findet aber Gnade, als er im Empfangsbereich zerstreut Hut und Mantel an einem Sonnenstrahl aufhängt. Der Ruf seiner Wundertätigkeit weitet sich aus, es kursieren Gerüchte, d.h. Bestrebungen, denen zufolge Gorrh das Bischofsamt angetragen werden soll (was ihn entsetzt). Auf seinem Rückweg durch die Wälder (Gorrh pfeift, die Sorglosigkeit in Person, alte deutsche Schnulzen) wird er von wohltätig gesinnten Räubern überfallen, die ihn den Armen zum Fraß vorwerfen wollen. Gorrh disputiert, wiegelt ab, läßt die Schinderhanseln am Leben und ruft drei Heimathirsche herbei, die mittels Milchgaben und anschließender Selbstentleibung einen Butter- und Fleischberg schaffen, den die Politik jedoch kurz darauf seiner Bestimmung, die Armen zu speisen, entbindet. Gorrh weiß all das, nebst seiner persönlichen Lebenserfahrung hat er den gesamten Homer gelesen, es geht ihm darum, dem allgemeinen Hang zu Unverstand und Resignation immer wieder kleine Nadelstiche zu versetzen. Den Wein der Räuber verwandelt Gorrh in guten Wein, dergleichen Gesten mehr – kurzum das übliche Hastenichgesehn. Es sammeln sich Geschichten („wie Gorrh gegen die Strömung trieb“) und um diese Geschichten herum Agglomerationen. Doppelstädte mit Industrien entstehen längs des Stroms. Gorrh heilt, seiner angeborenen Überdrüssigkeit offenbar ledig, die Frauen der Mächtigen und verwaltet das Wetter. Diverse Ehrenämter erfüllen ihn mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, auch mit Stolz. Doch die Traurigkeit ist dem Tier nicht auszutreiben (wußte bereits der Physiologus). Nach einem langen Abend in der Schenke „Zum Kürassier“ verliert Gorrh völlig den Bezug zu seiner Umgebung. Er grubbert und drillbohrt sich ins Erdreich, Ziel unbekannt. So kommt die Große Kröte einem ganzen Zeitalter abhanden. (An der Stelle aber, an der Gorrh verschwand, pulsiert heute der Geysir von Andernach.)

Gorrh (5)

Dort wo Gorrh wie ein siebenschwänziger Leu in seinen Pranken den Himmel fand (sein Gebiß an Alpenkämmen schärfte), denselben für nichts als Ballspiele brauchend, ihn schuppige fischschwänzige Vögel umflatterten, Gorrh erstmals durch das andere Ende des Fernglases an seinen langgestreckten Beinen hinabschaute (seine homerischen Ausmaße begriff, seine burleske Gestalt), fern fern die entarteten Dachse im Farn seiner Waden, kühl prickelten mineralische Sturzbäche auf seiner skulptural gewölbten muskelunterzogenen Haut, wo Gorrh sich wandelte zu unendlich vielen Gestalten pro Minute (gpm), dort blieb vom Raum-Zeit-Kontinuum nur ein gedachter Fleck (el regorrh de la mancha), eine ausgebliebene Monatsblutung der Muttergottes, eine Zweite Ankündigung. Daß er in den Alltag eingehen müsse. Ins täglich Brot, zuzeiten in die tägliche Mehlpampe. In Wasser, Stein und Gemsenbein. Ins kühisch-käsige der Hochgebirgs-Grundbedarfsregulierung: in die Frischmilch, ins Rauchfleisch und die Blasen des Emmentalers. In die Sprache. In die ARBEIT MACHT FREI. Ins Heu. In Blitz und Donner, um Respektsperson zu bleiben. In die Pfarrei. Bescheiden in die Sakristei. Ins Kirchenschiff, um von allen Tieren ein Paar aufzunehmen und in See zu stechen, zwischen den schwindenden Gipfeln, in vollem Vertrauen, das Wasser werde wieder sinken. Denn das wird es tun. Daß er in der Zeitung stehen müsse, täglich, aber hauptsächlich zwischen den Zeilen, dort, wo überhaupt nur gelesen werde. Daß schon die besten Fotografen kommen mußten und eine stattliche Zahl Presseidioten, damit die Welt davon erfuhr. Wie er den Rhein ans Fließen gebracht. Was ansonsten stets Geheimnis bleiben und Bleiben und Schweigen. „Die CDU hat den Rhein gebaut!“ Was auf Plakaten. Was die Geohydrologen. Die Immunbiologen. Was schon die frühesten Poeten, heute nicht mehr entzifferbar, vielleicht niemals, dann die Römer… (Gorrh hatte das alles gesehen, er hatte`s sogar gefressen!) Wer, wenn nicht Gorrh hat den Rhein bis Island fließen lassen? Sein Auge aus lauter winzigen Bergkristallen, das ein- und ausdrehbare, sein Gebläse, sein Mixer, niemand sonst hatte das technische Gerät – damals schon! (Nicht umsonst verkaufen seine heutigen Jünger gorrhsche Ahnungen als Amulette aus der vorsiderischen Zeit.) Das unvergessene Portrait: Gorrh im Trachtenjanker, Gamsbarthut, ein Strauß Alpenblumen, später nachgeahmt von abertausend Politikern. Aus jener historischen Aufnahme seit letztem Jahr herausgerechnet: der halbwegs ewige Fluß.