Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.

Neue Rheinmetropolen, leere Innenstädte, volle Innenstädte, der Hochwasserpapst

Fotobeweise wären an dieser Stelle schön und angebracht, doch kaum hatten wir die Rollplakate im Untergeschoß der KVB-Haltestelle Neusser Straße/Gürtel entdeckt, auf denen für günstige Thalys-Verbindungen nach Paris am Rhein und Brüssel am Rhein geworben wurde, waren sie schon wieder ausgetauscht, weswegen die kamerabewehrte Rückkehr an den Ort der Verkündung erfolglos bleiben mußte. Auch im Internet war die Kampagne nicht aufzufinden. Ob die vorschnelle Eingemeindung der französischen und belgischen Hauptstädte ins Gesamtrheinische für Proteste gesorgt hat? Wir wissen es nicht – falls wir es erfahren, geben wirs an dieser Stelle bekannt.

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Vergangenen Sonntag wurden in Koblenz am Rheinufer im Stadtteil Pfaffendorf eine 1,8 Tonnen-Luftmine und eine 125 Kilo-Fliegerbombe entschärft, sowie ein Faß mit Tarnnebel gesprengt. Es handelte sich um Niedrigwasser-Rheinfunde, die aus dem Zweiten Weltkrieg datierten. Für die Maßnahmen mußten 45.000 Koblenzer evakuiert werden – fast die Hälfte der Stadtbevölkerung. Die Evakuierung soll reibungslos vonstatten gegangen sein, auch sonst wurden kaum Unterschiede zu anderen Koblenzer Sonntagen vermeldet.

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Vorgestern in Bonn fanden wir die gesamte Innenstadt zum Weihnachtsmarkt umgebaut: unterschiedlich beschriftete Buden boten den überwiegend immergleichen Kunsthandwerkkitsch, Glühwein (in den auf Wunsch auch Schnaps geschüttet wird), heiße Maronen oder identische Fleischhappen und -lappen zu identischen Preisen. Visueller Höhepunkt ist dabei zweifellos das mithilfe von Zäunen umsperrte Beethoven-Denkmal, vor dem einige kleinere Weihnachtstannen herumliegen. Vom Mittelgang der Bretterbuden aus betrachtet wird Ludwig Vans mächtiges Künstlerhaupt nun von einem (abendlich sogar beleuchteten) Miniriesenrad umspielt, ein Anblick, der den Koloß seinem statischen Kontext entrückt, indem das Riesenradrotieren um Beethovens Schädel herum auf die Kompositionstätigkeit des Meisters zu weisen scheint.

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Der vom Kölner Express ernannte Hochwasser-Papst Reinhard Vogt weiß unterdessen: “Wirft man in Köln einen Kühlschrank in den Fluß, taucht der in Holland wieder auf.” Und was wird sonst noch so alles im Rhein gefunden, heiliger Hochwasservater? Vogt: “Möbel, Fernseher, Spielzeug, geklaute Mopeds und Autos. Ich hab mal ein paar Knochen gefunden. Vielleicht gibt`s demnächst ja einen Schatz.”

Denkmal am deutschen Eck

An der Mosel ging es noch an. Wir soffen uns langsam den Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen von Trier nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es war. Wenn wir das festgestellt hatten, stiegen wir wieder ein: der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren und: “Seiner Majestät ist soeben der Sturmangriff gemeldet worden.” Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken und dabei Würfel spielen. Und es entstanden in diesen Bahnstunden die Spiele:

Lottchen dick
Spix ist stolz
und:
Georgine, die ordentliche Blume
sowie:
Karlchen und die Rehlein –

das letztere Spiel zur Erinnerung an Karlchen seine Liebesabenteuer im freien, frischen, frommen Walde, wo ihm einmal die kleinen Rehlein zugesehn hatten. Ich verlor auf das Grauenerregendste und mußte immer bezahlen. Aber so ist alles.

Bernkastel, Traben-Trarbach, Bulley… dann aber setzten wir uns in einen seriösen Zug und fuhren nach Kolbenz. (Diese Aussprache wurde adoptiert, falls Jakopp ein künstliches Gebiß hätte: es spricht sich leichter aus.) In Kolbenz tranken wir der Geographie halber einen Rheinwein, und der konnte Papa und Mama sagen, wir aber nicht mehr. Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag hell und klar – gingen wir spazieren.

Ich kannte Kolbenz nicht. Das erste, was mir auffiel, war ein breites und lautes Bürgerpublikum von Reisenden, die sich merkwürdig aufgeregt gebärdeten. So, wie schwarzhaarige Frauen, wenn sie einmal in Paris sind, dem Zauber des Wortes “Paris” erliegen und sich so benehmen, wie sie es zu Hause niemals täten, so kippten hier die blonden Damen aus den Pantinen; der Rhein, Vater Rhein, der deutsche Rhein klingelte in den Gläsern, und es war ziemlich scheußlich anzusehn. Das zweite, was damals auffiel, war die “Schmachch”. Wir sprachen das Wort mit zwei ch, und wir meinten die Franzosen damit, von deren “schwarzer Schmach” wir so viel in den bildenden Kinos gesehen hatten. Hier war nur weiße Schmachch, und wir mochten sie nicht. Und zwar nicht etwa, weil wir die Franzosen nicht mögen, sondern weil wir das Militär nicht mögen. Wir sind nur nicht so dumm wie zum Beispiel der Kolbenzer “General-Anzeiger”, der nun, nach dem Abzug der Schmachch, Mord und Tod hinter ihnen herschimpfte, ohne auch nur einen Augenblick lang zu untersuchen: wie sich die Deutschen in Belgien und Frankreich benommen haben, was das Militär eigentlich ist und für wen es arbeitet, und wie an diesem ganzen namenlosen Unglück, am Krieg und seinen Folgen, Europa schuld ist und seine nationale Zerfetztheit. Statt dessen krähte die Zeitung in echt kleinbürgerlicher Wut wegen der unbedingt zu verurteilenden Übergriffe nun hinter ein paar tausend Soldaten her, deren jugendliche Kraft genau so unproduktiv mißbraucht wird, wie das mit Soldaten in allen Ländern geschieht – auch in Deutschland.

Wir spazierten also am Rhein entlang, ich hatte wieder einmal meine Geographie nicht gelernt und ließ mir von Jakopp die Gegend erklären. Da war der Ehrenbreitstein; auf dem brannte zum Gaudium aller Rheinkadetten eine französische Fahne – wirklich, die Fahne brannte hoch am Fahnenstock, verglomm, leuchtete wieder auf… mich interessiert Militär nicht, und ich weiß nicht, was sie da gekokelt haben. Es ist ja auch gleichgültig, so gleichgültig wie alles, was diese uniformierten Brüder tun. Und da war der Rhein, der kitschumrauschte, und, wie bei Goethe steht, da waren große Schiffe im Begriffe, auf diesem Flusse hier zu sein… und plötzlich bekam ich den größten Schreck auf dieser Reise. Ich weiß es noch ganz genau:

Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch… und fiel beinah um.

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg.

Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist – nun wollen wir sie dreschen! In Holland.

Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen… vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich… es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.

“Ja”, sagte Jakopp, “das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck.”

Richtig: da floß noch ein zweiter Fluß in den ersten Fluß, und es war, wenn man von den Fabrikschornsteinen absah, eine hübsche Gegend, viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump, für diesen Trumm, diesen Trubas von einem Denkmal. “Was… wie…” stammelte ich ergriffen. Da hörte ich ein leises Stimmchen an meiner Linken, ein Knabe war mir unversehens genaht, er hatte wohl meine Ratlosigkeit bemerkt, und er sprach: “Soll ich Ihnen mal das Denkmal erklären –?” Rasches Erfassen der Kriegslage ziert den SA-Mann, und ich sprach: “Erkläre mir mal das Denkmal.”

Da sah der Knabe überall hin, nur nicht auf den Tortenaufsatz, er schlief im Stehen, seine Augen hatten den Ausdruck einer friedlich grasenden Kuh, ich hatte so etwas noch nie bei einem Menschen gesehen. Er sprach mit modulationsloser, quäkender Stimme. Und weil dieses arme Kind solches nicht allein tat, sondern vier oder fünf seiner Kollegen, wie ich später sah, den ganzen Sonntagvormittag lang gewerbsmäßig dasselbe ausübten, vor dem Denkmal und weiter unten, vor dem Hotel und überall, so habe ich das, was sich die Knaben eingepaukt hatten, mehrere Male hören können. Nach Verabreichung mehrerer Gläser guten Weines zwecks Auffrischung des Gedächtnisses läßt sich das etwa folgendermaßen an:

“Dieses Denkmal wurde gegründet im Jahre 1897; es stellt dar den berittenen Kaiser Wilhelm den Ersten, sowie auch eine Siegesgöttin benebst die besiegten Feinde. Die Siegesgöttin ist nach verlorenen Kriegen ein Friedensengel und hat eine Flügelbespannung von fünf Meter in die Breite. Das Denkmal wiegt fünf Millionen Kilogramm und hat einen Flächeninhalt von 1200 Quadratmetern, daher ist es ein großes Kunstwerk. Auf dem Grundsockel erhebt sich der Sockel, auf dem das Denkmal aufgebaut ist; auf diesem Sockel steht der richtige Sockel, und auf diesem der Untersockel, worauf sich der Denkmalssockel erhebt. Die Künstler, die an dem Denkmal schuld sind, heißen Schmitz und Hundrieser. Der Spruch, der in das Denkmal eingelassen ist, besagt: “Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.” Die Köpfe der Seeschlangen bedeuten Deutschlands Feinde, der Granit der Söckel ist aus dem Schwarzwald. Die Mosel fließt hinter dem Denkmal, ihre Strömung ist hier besonders schnell, weil sie an dem Denkmal vorbei muß. Das Denkmal ist in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms des Zweiten eröffnet worden und hat daher zwei Millionen Mark gekostet. Das ist das Denkmal am Deutschen Eck.” (Große Trinkgeldpause.)

Wie ich in der Zeitung gelesen habe, sind die Reden, die sie nach dem Abzug der Schmachch gehalten haben, genau so gewesen wie das Denkmal. Aber könnt ihr euch denken, dass sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen gefrorenen Mist abzukarren –? Im Gegenteil: sie werden gar bald ein neues Mal errichten: das Reichsehrenmal. Wenn es errichtet ist, werden rotzgenäste Knaben hingehn und es uns erklären: die Gastwirtschaften ringsherum werden voll sein, und in den Massengräbern zu Nordfrankreich wird sich ein Geraune erheben:

»Wofür –? Dafür.«

(Ignaz Wrobel in: Die Weltbühne, 1930)

La Pêche miraculeuse (4)

(…) Nous entrâmes dans la petite allée sombre, et bientôt maître Andreusse, qui marchait le premier, s’étant retourné, me dit à l’oreille:
«Attention, Christian!»
En même temps il poussa la porte, et sous les jambons, les harengs et les andouilles suspendus aux poutres noires, j’aperçus une centaine d’hommes assis autour de longues tables; rangées à la file; les uns accroupis comme des magots, les épaules arrondies; d’autres, les jambes écartées, le feutre sur l’oreille, le dos contre le mur, lançant au plafond des nuages de fumée tourbillonnante.
Ils avaient tous l’air de rire, les yeux à demi fermés, les joues bridées jusqu’aux oreilles, et semblaient plongés dans une sorte de béatitude profonde.
A droite, une large cheminée flamboyante envoyait ses traînées de lumière d’un bout de la salle à l’autre; de ce côté, la vieille Judith, longue et sèche comme un manche à balai, la figure empourprée, agitait au milieu des flammes une grande poêle où pétillait une friture.
Mais ce qui me frappa surtout, ce fut Hérode Van Gambrinus lui-même, assis dans son comptoir, un peu à gauche, tel que me l’avait dépeint maître Andreusse, les manches de sa chemise retroussées jusqu’aux épaules sur ses bras velus, les coudes au milieu des chopes luisantes, les joues relevées par ses poings énormes, son épaisse tignasse rousse ébouriffée et sa longue barbe jaunâtre tombant à flots sur sa poitrine. Il regardait d’un oeil rêveur la Pêche miraculeuse, suspendue au fond de la taverne, juste au-dessus de la petite horloge de bois.
Je le considérais depuis quelques secondes, lorsque, au dehors, non loin de la ruelle des Trois-Sabots, la trompe du watchmann se fit entendre, et dans le même instant, la vieille Judith, agitant sa poêle, se prit à dire d’un ton ironique:
«Minuit! Depuis douze jours le grand peintre Van Marius repose sur la colline d’Osterhaffen, et le vengeur n’arrive pas.
- Le voici!…» s’écria Cappelmans en s’avançant au milieu de la salle.
Tous les yeux se fixèrent sur lui, et Gambrinus, ayant tourné la tête, se prit à sourire en se caressant la barbe.
«C’est toi, Cappelmans? dit-il d’un ton goguenard. Je t’attendais. Tu viens chercher la Pêche miraculeuse“!
- Oui, répondit maître Andreusse, j’ai promis à Van Marius de terminer son chef-d’oeuvre; je le veux, et je l’aurai!
- Tu le veux et tu l’auras! reprit l’autre; c’est bientôt dit, camarade. Sais-tu que je l’ai gagné, moi, la cruche au poing?
- Je le sais. Et c’est la cruche au poing que j’entends le reprendre.
- Alors tu es bien décidé à jouer la grande partie?
- Oui, j’y suis décidé. Que le Dieu juste me soit en aide. Je tiendrai ma parole, ou je roulerai sous la table!»
Les yeux de Gambrinus s’illuminèrent:
«Vous l’avez entendu, s’écria-t-il en s’adressant aux buveurs, c’est lui qui me défie: qu’il soit fait selon sa volonté!»
Puis se tournant vers maître Andreusse:
«Quel est ton juge?
- Mon juge est Christian Rebstock,» dit Cappelmans en me faisant signe d’approcher.
J’étais ému, j’avais peur.
Aussitôt l’un des assistants, Ignace Van den Brock, bourgmestre d’Osterhaffen, coiffé d’une grande perruque de chiendent, tira de sa poche un papier, et d’un ton de pédagogue il lut:
«Le toâgt des biberons a droit au linge blanc,
«au verre blanc, à la blanche chandelle:
«qu’on le serve!»
Et une grande fille rousse vint déposer ces choses à ma droite.
«Quel est ton juge, à toi? demanda maître Andreusse.
- Adam Van Rasimus.»
Cet Adam Van Rasimus, le nez fleuri, l’échine courbée et l’oeil en coulisse, vint prendre place à côté de moi. On le servit de même.
Cela fait, Hérode, tendant sa large main par-dessus le comptoir à son adversaire, s’écria:
«N’emploies-tu ni sortilège ni maléfice?
- Ni sortilège ni maléfice, répondit Cappelmans.
- Es-tu sans haine contre moi?
- Quand j’aurai vengé Fritz Coppélius, Tobie Vogel le paysagiste, Roëmer, Nickel Brauer, Diderich Vinkelmann, Van Marius, tous peintres de mérite noyés par toi dans l`aele et le porter, et dépouillés de leurs oeuvres, alors je serai sans haine.»
Hérode partit d’un immense éclat de rire; et les bras étendus, ses larges épaules rejetées en arrière contre le mur:
«Je les ai vaincus la cruche au poing, s’écria-t-il, honorablement et loyalement, comme je vais te vaincre toi-même. Leurs oeuvres sont devenues mon bien légitime; et quant à ta haine, je m’en moque et je passe outre. – Buvons!»
Alors, mes chers amis, commença une lutte telle qu’on n’en cite pas deux comparables, de mémoire d’homme, en Hollande, et dont il sera parlé dans les siècles des siècles, s’il plaît au Seigneur Dieu: le blanc et le noir étaient aux prises; les destins allaient s’accomplir!
Une tonne d’aele fut déposée sur la table, et deux pots d’une pinte furent remplis jusqu’au bord. Hérode et maître Andreusse vidèrent chacun le leur d’un trait. Ainsi de suite de demi-heure en demi-heure, avec la régularité du tic-tac de l’horloge, jusqu’à ce que la tonne fût vide.
Après l’aele on passa au porter, et du porter au lambic.
Vous dire le nombre de barils de bière forte qui furent vidés dans cette bataille mémorable me serait facile: le bourgmestre Van den Brock en a consigné le chiffre exact sur le registre de la commune d’Osterhaffen, pour l’enseignement des races futures; mais vous refuseriez de me croire, cela vous paraîtrait fabuleux.
Qu’il vous suffise de savoir que la lutte dura deux jours et trois nuits. Cela ne s’était jamais vu!
Pour la première fois, Hérode se trouvait en face d’un adversaire capable de lui tenir tête; aussi, la nouvelle s’en étant répandue dans le pays, tout le monde accourait à pied, à cheval, en charrette: c’était une véritable procession; et comme beaucoup ne voulaient pas s’en retourner avant la fin de la lutte, il se trouva qu’à partir du deuxième jour, la taverne ne désemplit pas une seconde; à peine pouvait-on se mouvoir, et le bourgmestre était forcé de frapper sur la table avec sa canne et de crier:
«Faites place!» pour qu’on laissât passer les garçons de cave apportant les barils sur leurs épaules.
Pendant ce temps-là, maître Andreusse et Gambrinus continuaient de vider leurs pintes avec une régularité merveilleuse.
Parfois, récapitulant dans mon esprit le nombre de moos qu’ils avaient bus, je croyais faire un rêve et je regardais Cappelmans le coeur serré d’inquiétude; mais lui, clignant de l’oeil, s’écriait aussitôt en riant:
«Eh bien, Christian, ça marche! Bois donc un coup pour te rafraîchir.»
Alors je restais confondu.
«L’âme de Van Marius est en lui, me disais-je; c’est elle qui le soutient!»
Quant à Gambrinus, sa petite pipe de vieux buis aux lèvres, le coude sur le comptoir et la joue dans la main, il fumait tranquillement, comme un honnête bourgeois qui vide sa chope le soir, en songeant aux affaires de la journée.
C’était inconcevable. Les plus rudes buveurs eux-mêmes n’y comprenaient rien.
Le matin du troisième jour, avant d’éteindre les chandelles, voyant que la lutte menaçait de se prolonger indéfiniment, le bourgmestre dit à Judith d’apporter le fil et l’aiguille pour la première épreuve.
Aussitôt il se fit un grand tumulte; tout le monde se rapprochait pour mieux voir. (…)

La Pêche miraculeuse (3)

II
Notre carriole, attelée d’un petit cheval du Zuyderzée à grosse tête, les jambes courtes et poilues, le dos couvert d’une vieille peau de chien, courait depuis trois heures, de Leyde à l’Anse des Harengs, sans paraître avoir avancé d’un pouce.
Le soleil couchant projetait sur la plaine humide d’immenses reflets pourpres; les mares flamboyaient, et tout autour se dessinaient en noir les joncs, les roseaux et les prêles qui croissaient sur leurs rives.
Bientôt le jour disparut, et Cappelmans, sortant de ses rêveries, s’écria:
«Christian, enveloppe-toi bien de ta casaque, rabats les bords de ton feutre, et fourre tes pieds sous la paille. – Hue… Barabas… hue donc! nous marchons comme des escargots.»
En même temps il donnait l’accolade à sa cruche de skidam; puis s’essuyant les lèvres du revers de la main, il me la présentait, disant:
«Bois un coup, de peur que le brouillard ne t’entre dans l’estomac. C’est un brouillard salé, tout ce qu’il y a de pire au monde.»
Je crus devoir suivre l’avis de Cappelmans, et cette liqueur bienfaisante me mit aussitôt de bonne humeur.
«Cher Christian, reprit le vieux maître après un instant de silence, puisque nous voilà pour cinq ou six heures dans les brouillards, sans autre distraction que de fumer des pipes et d’entendre crier la charrette, causons d’Osterhaffen.»
Alors le brave homme se mit à me faire la description de la taverne du Pot de Tabac, la plus riche en bières fortes et en liqueurs spiritueuses de toute la Hollande.
«C’est dans la ruelle des Trois-Sabots qu’elle se trouve, me dit-il. On la reconnaît de loin à sa large toiture plate; ses petites fenêtres carrées, à fleur de terre, donnent sur le port. En face s’élève un grand marronnier; à droite, le jeu de quilles longe un vieux mur couvert de mousse, et derrière, dans la basse-cour, vivent pêle-mêle des centaines d’oie, de poules, de dindons et de canards, dont les cris perçants forment un concert tout à fait réjouissant.
«Quant à la grande salle de la taverne, elle n’a rien d’extraordinaire; mais là, sous les poutres brunes du plafond, au milieu d’un nuage de fumée bleuâtre, trône, dans un comptoir en forme de tonneau, le terrible Hérode Van Gambrinus, surnommé le Bacchus du Nord!
«Cet homme-là boit à lui seul deux mesures de porter; l`aele triple et le lambic passent dans son estomac comme dans un entonnoir de fer-blanc; il n’y a que le genièvre qui puisse l’assommer!
«Malheur au peintre qui met le pied dans cet enfer! – je te le dis, Christian, il vaudrait mieux qu’il n’eût jamais vu le jour. – Les jeunes servantes aux longues tresses blondes s’empressent de le servir, et Gambrinus lui tend ses larges mains velues, mais c’est pour lui voler son âme: le malheureux sort de là, comme les compagnons d’Ulysse sortirent de la caverne de Circé!»
Ayant dit ces choses d’un air grave, Cappelmans alluma sa pipe et se prit à fumer en silence.
Moi, j’étais devenu tout mélancolique, une tristesse insurmontable pénétrait dans mon âme. Il me semblait approcher d’un gouffre, et s’il m’eût été possible de sauter de la charrette, – que Dieu me le pardonne! – j’aurais abandonné le vieux maître à son entreprise hasardeuse.
Ce qui me retint encore, c’est l’impossibilité de retourner à travers des marais inconnus, par une nuit sombre. Il me fallut donc suivre le courant et subir le sort funeste que je prévoyais.
Vers dix heures, maître Andreusse s’endormit; sa tête se prit à ballotter contre mon épaule. Moi je tins bon encore plus d’une heure; mais enfin la fatigue l’emporta et je m’endormis à mon tour.
Je ne sais depuis combien de temps nous jouissions du repos, lorsque la charrette s’arrêta brusquement, et que le voiturier s’écria: «Nous y sommes!»
Cappelmans fit entendre une exclamation de surprise, tandis qu’un frisson me parcourait de la tête aux pieds.
Je vivrais mille ans, que la taverne du Pot de Tabac, telle que je la vis alors, avec ses petites fenêtres scintillantes et sa grande toiture qui s’abaisse à quelques pieds du sol, serait toujours présente à ma mémoire.
La nuit était profonde. La mer, à quelque cent pas derrière nous, mugissait, et par-dessus ses clameurs immenses, on entendait nasiller une cornemuse.
Dans les ténèbres, on voyait danser des silhouettes grotesques aux vitres de la baraque. On aurait dit un jouet d’enfant, une lanterne magique, un mirliton posé là dans la nuit pour narguer la scène formidable.
L’allée fangeuse éclairée par une lanterne de corne laissait entrevoir des figures étranges, avançant et reculant dans l’ombre comme des rats dans un égout. La ritournelle poursuivait toujours son train, et ce bruissement nasillard, le petit cheval de Van Eyck, la tête basse, les pieds dans la boue; Cappelmans, qui serrait sa grosse houppelande sur ses épaules en grelottant; la lune, entourée de nuages, regardant à travers quelques crevasses lumineuses: tout confirmait mes appréhensions et me pénétrait d’une tristesse invincible.
Nous allions mettre pied à terre, quand, du milieu des ombres, s’avança brusquement un homme de haute stature, coiffé d’un large feutre, la barbe en pointe, le col rabattu sur le pourpoint de velours noirs, et la poitrine ornée d’une triple chaîne d’or, à la manière des anciens artistes flamands.
«C’est vous, Cappelmans? fit cet homme, dont le profil sévère se dessinait sur les petites vitres du bouge.
- Oui, maître! répondit Andreusse tout stupéfait.
- Prenez garde! reprit l’inconnu en levant le doigt; prenez garde: le tueur d’âmes vous attend!
- Soyez tranquille; Andreusse Cappelmans fera son devoir!
- C’est bien, vous êtes un homme: l’esprit des vieux maîtres est avec vous!»
Ce disant, l’étranger s’enfonça dans les ténèbres, et Cappelmans, tout pâle, mais l’air ferme et résolu, descendit de la carriole.
Je le suivis plus troublé qu’il ne me serait possible de le dire.
De vagues rumeurs s’élevaient alors de la taverne. On n’entendait plus la cornemuse. (…)

Gruß aus Düsseldorf

Gruss-aus-Duesseldorf

“Solang der Rhing no Holland flüsst, / Die Düssel sich en der Rhing ergüsst, / Steht Düsseldorf an eschte Stell / Als Radschlägerstadt on Mostertquell.”

Der Salm

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein
bis in die Schweiz hinein.

Und sprang den Oberlauf
von Fall zu Fall hinauf.

Er war schon weißgottwo,
doch eines Tages – oh! –

da kam er an ein Wehr:
das maß zwölf Fuß und mehr!

Zehn Fuß – die sprang er gut!
Doch hier zerbrach sein Mut.

Drei Wochen stand der Salm
am Fuß der Wasser-Alm.

Und kehrte schließlich stumm
nach Deutsch- und Holland um.

(Christian Morgenstern)

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Über den zugefrorenen Rhein

Die Winter müssen in früheren Jahren, wenn auch nicht schneereich, so doch viel kälter gewesen sein als jetzt. Wie hätten wir sonst Schlittschuhlaufen können? Mit dem Spiegel des Rheins pflegte das Grundwasser zu steigen und an den tiefergelegenen Stellen hervorzutreten. Der Kittelbach, der seinen Lauf unter der Clemensbrücke um die Nordbastei der alten Festung zum Rhein hin nahm, trat über die Ufer. Wenn der Frost einsetzte, ergaben sich erwünschte und ungefährliche Eisflächen unter dem Gutshof, dem Barbarossawall oder in „Abels Kull“.
In den Weihnachtsferien spürten unsere Brüder die günstige Gelegenheit aus. Bei scharfem Frost bildete sich die spiegelglatte Eisbahn zwischen den „Kribben“. Der Rhein strömte dicht vorbei, Eisschollen tragend, die leise knisternd, aneinander stoßend, vorüberzogen. Den Eisgang gab es in manchen Jahren auch ohne Gelegenheit zum Schlittschuhlauf. Anfang der neunziger Jahre erlebten wir es, daß der Rhein „stand“. Die Eisschollen hatten sich gestaut, ineinander geschoben und hatten nach Holland hin keinen Abzug. Da konnten wir auf einem bezeichneten Pfad zu Fuß das andere Ufer erreichen. In dem sehr kalten Winter 1928-29 hatten sich Schollen bei Wesel gestaut. Für den fälligen Wandertag des Oberlyzeums wurde dieses Ziel gewählt, um die Schülerinnen die seltene Fußwanderung über den Rhein erleben zu lassen.
Bei Eisgang war immer die bange Frage: Wo wird das Tauwetter zuerst einsetzen? Wenn es den Ober- und Mittelrhein traf, war zu befürchten, dass die strömenden Fluten die Ufer am Niederrhein überschwemmten. In dem ungewöhnlich kalten Winter 1929, als ich unter der Loreley die Autos über die Eisfläche des Rheins fahren sah, lösten sich die Eismassen zuerst in Holland, die Schollen schoben sich allmählich auseinander und glitten in ruhiger Folge der Nordsee zu. Die Gefahr war gebannt.

(aus: Luise Fliedner – Kaiserswerther Erinnerungen)

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.