Wilde Berge, kaltes Fieber, schlaffe Nerven

„Am nördlichen Fuss des Camor liegt das Kobelwiesbad, das dem Rheintaler das kalte Fieber stillet, welches der austretende Rheinstrohm häufig verursachen soll. Wir besuchten die Grotte der Nympfe, die die heilsame Quelle aus ihrer Urne giesst, welche hier aufgefasst, in mächtigen Kesseln gewärmt, und in etwa 40 Badkasten gegossen, die schlaffen Nerven der Gäste stärkt. Diese sind wirthschaftlich genug, die Cur während der Nacht zu machen, um am frühen Morgen wieder an der Arbeit zu seyn.“

(Archiv kleiner zerstreuter Reisebeschreibungen durch merkwürdige Gegenden der Schweiz 1796, Erster Band, St. Gallen Huberische Buchhandlung)

hoher kastenBild: Hoher Kasten mit Blick ins Rheintal und auf den Alpstein um das Jahr 1910 (Aufnahme und Verlag der Gebrüder Wehrli, Kilchberg Zürich, Nr. 14017)

„Wenn man einen ganzen langen Tag mit diesen wilden Bergen [Kreuzberge] gekämpft hat, so kann ich mir kaum etwas Schöneres denken, als am Abend über den Roslensattel zum Mutschen zu bummeln und von seinem Gipfel in die Rheintaltiefen zu blicken, erlöst von allem Kämpfen müssen zur Beschauung. Tief in der Ebene durchschneidet ein Bahnzug die Landschaft, der Fluss schlängelt sich geruhsam gegen den Norden und verliert sich im Dunste von Ferne und Abend, Automobile hupen und wirbeln kleine Staubwolken auf. Ich aber bin auf einer Klippe im freien Weltraume und werde voll wehmütigen Schauens, wenn ich nachdenke über Sinn und Unsinn der Welt.“

(Alfred Graber: Alpines und Beschauliches aus dem Säntisgebirge in: Zeitschrift „Der Alpenfreund“, Illustrierte Halbmonatsschrift für Reise und Touristik, Jahrgang 1925, Schriftleiter: Max Rohrer)

rheinsein dankt Karin Lehner für obiges Material, das Bestandteil ihres neuen, im Juni erscheinenden Doazmol-Bandes (Nr. 6) über das rheinangrenzende Alpsteinmassiv sein wird. Doazmol versammelt, in bemerkenswerter Analogie zu rheinsein, Geschichten und Geschichtliches aus den rheinanliegenden Dörfern der Region Werdenberg im Schweizer Kanton St. Gallen. Hier geht es zu Doazmol.

Alpstein: Faltensystem

alpstein(Auszug aus: Das Säntisgebirge. Vortrag von Prof. Dr. Alb. Heim in “Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft”, 1905)

Alpstein: kostspieliges Silberband des Rheines

appenzeller alpstein_2(Auszug aus “Der Appenzellische Alpstein. Streiflichter von J. B. Grütter – im Appenzeller Kalender 1891″ über die menschliche Gespaltenheit zwischen ideellen und materiellen Betrachtungsweisen)

Felsrose

Wahnsinn, diese Alpen! Mit der Frümsener Luftseilbahn hoch auf den Stauberen (1750 Meter). In der Kabine der Werdenberger Chronist samt Gattin, die frohgemut Rheinlieder anzusingen beginnt, als sie von meiner Profession erfährt. Rachiges Schwyzerdütsch, felsiger Singsang. Kuhglocken und Sennhütten, restlos unglaubhaft für einen Höhenschwindligen, aber sie existieren, auf ihre extrem steilheitsannehmende Art und Weise. Oben: atemberaubende Blicke aufs Fürstentum im Dunst, seinen kantig eingefaßten Rhein, das vorarlbergische Österreich, Appenzell, den Bodensee, wie der klaffende Kiefer eines Tyrannosaurus Rex spannt ein zerfurchter Gipfel zur Linken, zur Rechten der Hohe Kasten, blumenübersäte Alpen (Teufelskralle, Felsrose, Pulsatilla, Siebenmänteli, Pimpinelle, Knorpellattich, Rindsauge… von rund 360 Alpenblumensorten gedeihen auf diesen Wiesen angeblich und glaubhaft 320) beflattert von sommerisch torkelnden Widderchen, Trostlosfaltern und Schwalbenschwänzen. Rasend ziehen Dunstfelder hangan, verschwinden überm Gipfel, lösen sich auf in strahlendes Nichts. Es ist eine alpenrheingeborne Muse, die mich führt in zeitloser Schönheit, ein paar hundert Meter in diese Richtung, ein paar hundert Meter in jene, bis eben immer zum allergeilsten Ausblick, „fall nicht!“, sie ist besorgt um mein Verhältnis zum Sog, den solche Höhen auf mich ausüben. Sie quatscht und quatscht, die Muse, läßt alles Lebenswichtige Revue passieren, für mich, vor diesem Panorama, lacht über meine kargen Repliken, sorgt sich, nimmt mich, wo ich zu taumeln drohe ob all der ungeheuren, massiv energetischen Pracht, zärtlich bei der Hand, schimpft auf das ferne Meer, lobt die letzten zerrieselnden Schneefelder auf den Hängen, bestellt Apfelmost in der Hütte, während ich mir ein dünnes Appenzeller Quellwasserbier genehmige. Tadelnde Fragen, ob mir dieser Ausblick denn poetisch etwas eingebracht habe. Sie spielt und sie meint es ernst. Ein Leben haben wir auf Erden.