Gregorovius über Konstanz

Konstanz, 25. Juli
Gestern nach Konstanz. Ich stieg ab in Hohentwiel, um jenen isolierten Berg nebst Burg zu sehen. Der schlechte Bau der Feste ist vielleicht aus Huttens Zeit, der hier im Exil lebte. Der Berg, ein häßlich unförmlicher Kegel von Basalt, bietet eine weite und schöne Aussicht dar. Alles Land ist hier katholisch.
Im Regen weiter nach Konstanz, wo ich um 4 Uhr nachmittags eintraf. Die Stadt liegt schön am See, der eine große und träumerische Fläche darbietet. Pappeln und andere Bäume umher; altdeutsche Bauart, oft häßlich; dann Häuser wie aus Papier. Ich sah den Konziliensaal, wo Martin V. gewählt wurde. Der Saal ganz modern, von Holz, zeigte noch seine Zurüstung zum Einweihungsfest der badischen Seebahn. Wappen badischer und schweizerischer Städte an den Wänden. Oben bewahrt das Museum einige auf Huß und noch ältere Epochen bezügliche Antiquitäten. Zwei kindische Wachspuppen stellen Huß und Hieronymus dar. Alte Schilde von Kreuzfahrern, sehenswert; einige historische Porträts; römische Altertümer, Bronzen, Münzen; heidnische Idole der Konstanzer Vorzeit. Einige alte Drucke; das Meßbuch Martins V.; der Sessel, in dem beim Konzil der Kaiser Sigismund gesessen.
Im Brühl vor der Stadt bezeichnet ein im Jahr 1862 gesetzter Stein die Ruhestätte des Huß. Das Denkmal ist gut und passend; zuerst ein Steinhaufen, umschlungen von Efeu, darüber ein kolossaler Block, worauf nur der Name Johannes Huß, gestorben 6. (14.) Juli 1415; auf der andern Seite in gleicher Weise die Erinnerung an Hieronymus von Prag.

(Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852-1889. Kapitel 13)

Goethe begoethet den Rheinfall (2)

Goethe hat seine Tageserstperspektive zureichend genossen und setzt über, es ist Zeit für seinen Morgenwein:

“Schlößchen Wörth

Ich ging hinein, um ein Glas Wein zu trinken.
Alter Eindruck bey Erblickung des Mannes.
Ich sah Trippels Bild an der Wand und fragte, ob er etwa zur Verwandtschaft gehörte. Der Hausherr, der Geltzer heißt, war mit Trippel durch Mütter Geschwisterkind. Er hat das Schlößchen mit dem Lachsfang, Zoll, Weinberg, Holz u.s.w. von seinen Voreltern her im Besitz, doch als Schupf-Lehn, wie sie es heißen. Er muß nämlich dem Kloster oder dessen jetzigen Successoren die Zolleinkünfte berechnen, 2/3 des gefangenen Lachses einliefern, auf die Waldung Aufsicht führen und daraus nur zu seiner Nothdurft schlagen und nehmen; die Nutzung des Weinberges und der Felder gehört ihm zu, und er giebt jährlich überhaupt nur 30 Thaler ab. Und so ist er eine Art von Lehenmann und zugleich Verwalter. Das Lehn heißt Schupf-Lehn deswegen, weil man ihn, wenn er seine Pflichten nicht erfüllt, aus dem Lehn herausschieben oder schuppen kann. Er zeigte mir seinen Lehnbrief von Anno 62, der alle Bedingungen mit großer Einfalt und Klarheit enthält. Ein solches Lehn geht auf die Söhne über, wie der gegenwärtige Besitzer die ältern Briefe auch noch aufbewahrt. Allein im Briefe selbst steht nichts davon, obwohl von einem Regreß an die Erben darinn die Rede ist. Um 10 Uhr fuhr ich bey schönem Sonnenschein wieder hinüber. Der Rheinfall war noch immer seitwärts von hinten erleuchtet, schöne Licht- und Schattenmassen zeigten sich sowohl von dem Laufenschen Felsen als von den Felsen der Mitte.
Ich trat wieder auf die Bühne an den Sturz heran, und ich fühlte, daß der vorige Eindruck schon verwischt war; es schien gewaltsamer als vorher zu stürmen. Wie schnell sich doch die Nerve wieder in ihren alten Zustand herstellt. Der Regenbogen erschien in seiner größten Schönheit; er stand mit seinem ruhigen Fuß in dem ungeheuern Gischt und Schaum, der, indem er ihn gewaltsam zu zerstören droht, ihn jeden Augenblick neu hervorbringen muß.”

Gedopt von einem frühen Tröpfchen schweift Goethe ein wenig vom Naturspektakel ab, um es sich dann umso genauer zu besehen und interessante, kräftige Details zu notieren:

“Beobachtungen und Betrachtungen.

Sicherheit neben der entsetzlichen Gewalt.
Durch das Rücken der Sonne noch größere Massen von Licht und Schatten.
Da nun kein Nebel ist, scheint der Gischt gewaltiger, wenn er über den reinen Himmel und die reine Erde hinauffährt.
Die dunkle grüne Farbe des abströmenden Flusses ist auch auffallender.”

Höchste Erkenntnis, was das Wesen des Falles angeht, in klare Sätze gepackt. Einmal vorort, fällt es jedem musischen Menschen schwer, seinen Blick von dem Naturspektakel zu lösen, allein: nach ein paar Stunden ist es dann doch gut. Und irgendwo wartet sicherlich bereits das nächste Gläschen.

“Wir fuhren zurück.

Wenn man nun den Fluß nach dem Falle hinabgleiten sieht, so ist er ruhig, seicht und unbedeutend. Alle Kräfte, die sich gelassen successiv einer ungeheuern Wirkung nähern, sind ebenso anzusehen. Mir fielen die Colonnen ein, wenn sie auf dem Marsche sind. Man sieht nun links über die bebaute Gegend und Weinhügel mit Dörfern und Höfen belebt und mit Häusern wie besäet. Ein wenig vorwärts Hohentwiel und, wenn ich nicht irre, die vorstehenden Felsen bey Engen und weiter herwärts. Rechts die hohen Gebürge der Schweiz in weiter Ferne hinter den mannigfaltigsten Mittelgründen. Auch bemerkt man hinterwärts gar wohl an der Gestalt der Berge den Weg, den der Rhein nimmt.
In dem Dorf Uhwiesen fand ich in der Zimmerarbeit Nachahmung der Mauerarbeit. Was sollen wir zu dieser Erscheinung sagen, da das Gegentheil der Grund aller Schönheit unsrer Baukunst ist.
Auch sah ich wieder Mangold, nahm mir vor, Saamen davon mitzunehmen und künftigen Sommer unsern Wieland zu tractiren.
Ich wurde abermals dran erinnert, wie das Sentimentale das Ideale auf einen einzelnen Fall anwendet und deswegen meistens schief ist.
Schafhausen lag mit seiner Dächermasse links im Thale.
Schafhauser Brücke schön gezimmert, höchste Reinlichkeit. In der Mitte einige Sitze, hinter denen die Öffnungen mit Glasfenstern zugeschlossen sind, damit man nicht im Zuge sitze.
Unterm Thore des Wirthshauses fand ich ein paar Franzosen wieder, die ich auch am Rheinfall gesehen hatte. Der eine war wohl damit zufrieden, der andere aber sagte: C`est asses joli, mais pas si joli que l`on me l`avait dit. Ich möchte die Ideen des Mannes und seinen Maasstab kennen.
Bey Tische saß ich neben einem Manne, der aus Italien kam und ein Mädchen von ohngefähr 14 Jahren, eine Engländerin, Namens Dillon, deren Mutter, eine geborne D`Alston, in Padua gestorben war, nach England zurückführte. Er konnte von der Theurung in Italien nicht genug sagen. Ein Pfund Brot kostet 20 französische Sous und ein paar Tauben einen kleinen Thaler.
Makaronische Uniform französischer edlen Cavalleristen. Fürchterliches Zeichen der drey schwarzen Lilien auf der weißen Binde am Arm.”

Leichte Makkaronizität dürfen wir wohl auch solchem Bericht attestieren. Doch nur Wochen später wird Goethe den Rheinfall in einem Brief an Charlotte von Stein auf seinen höchstpoetischen Nenner geschrumpft haben: “er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom besten”.

Vom Hohentwiel

Es gibt in der rheinisch-deutschen Sferiferie eine Menge dieser mittelhohen bis schon ganz ordentlichen, plastisch benamten Berge, die einst zu erklimmen – wenigstens aber mit dem Auto auf ihren Gipfelparkplatz vorzufahren – ich mir schon lange vorgenommen habe: Drachenfels, Feldberg, Hornisgrinde, Schauinsland, Wattkopf usw. usw., nun also der winterliche Hohentwiel, seiner markanten Form halber bestens bekannt aus Funk-, Fernseh-, und Fotodokus. Der Hegau bietet mehrere dieser bizarren Vulkanschlote aus Klingstein und Basalt und trägt daher den kratzigen Beinamen „des Herrgotts Kegelspiel“. Der Hohentwiel wiederum trägt eine imposante Festungsruine an Kopfes statt, die auf dem Drachenfels ist Pipifax dagegen. (Dafür hat der Drachenfels tiefer in die Mythentüte gelangt.) Vom Parkplatz aus kreist der Weg noch ein beachtliches Stückchen steil bergan, dem fysisch zerbrechlichen Wanderer wird klar: solche Festung möchtest du weder erstürmen, noch erbauen; jedenfalls nicht als Fußvolk. Gekeuche beim Ausblick: über den einzigartigen Hegau mit seiner ungekünstelten A81 im Abendschein, hinter den Wolken dort, das sind ein paar Alpenspitzen, dies unverkennbar der Bodensee, Radolfzell (bekommt auch noch mindestens einen Eintrag hier, besitzt wie Engen eine Schiesser-Fabrik), unten Singen mit der Maggi-Fabrik, das sind ja zentrale Produktionsstätten der Grundausstattung deutscher Durchschnittshaushalte, hier wurden und werden Muster fürs Sexleben und den hohen Geschmack ganzer Generationen vorgefertigt, es ist eine liebliche Gegend, nur die Sprache klingt leicht angerauht, der Winter wirkt eher wie so ein Schneekugelding, im Sommer blüht reichlich der Ysop, es ist ein Paradies auf Erden, genau so eines wie Büsingen direkt gegenüberliegt, wie es mich umgibt, die Luft ist weich, schmiegt sich flauschig in die Lungen, macht es sich dort gemütlich, schaltet die Tagesschau ein, die äußere Kälte schmilzt, von geistigen Heizkörpern bestrahlt, drunt die Reichenau mit ihren Klosterschätzen und Gewächshaustomaten, wie strich ich dort einst durch Obst und Gemüse, Italien ist nicht fern, was sag ich, nichtmal Jugoslawien, d.h. Kroatien, d.h. dies ist die Gegend, von der ich als Junge immer träumte: einmal zum Bodensee!, aber einmal reicht eben nicht, auch zweimal nicht, auch nicht dreimal.