Hoek van Holland: Blau

hoek_nordseeDie Nordsee spült Rheinbestandteile zurück in den Himmel
hoek_fast ferry_2aMit der Schnellfähre durch den Rotterdamer Hafen
hoek_kanadagänseKanadagänse ziehen über die Hafenanlagen (Bild: Finn, 12 Jahre)
hoek_stranddrinksStranddrinks
hoek_finnwal bo jenssonFinnwal Bo Jensson
hoek_nontierDas Nichttier auf der Jagd nach einem anderen Blau

Hoek van Holland: Rot

hoek_leuchtturm_2Fensterscheiben-Panorama mit altem gußeisernen und neuem Betonleuchtturm
hoek_leuchtturmmuseumKüstenbeleuchtungsmuseum
hoek_seekuhSeekuh auf Bojehoek_rotGebäudeensemble am Marktplatzhoek_geistermöweGeistermöwe

Rhein-Meditation (6)

“Die Sohlen brennen, Möwen schreien. Aus einer alten Zeitung steigt der Morgendunst. Im Nacken spüre ich die Sonne ihre morgendlichen Dehnübungen absolvieren. Das Ende ist nah, weil alles immer wieder von vorne beginnt. Ich glaube zu verstehen. Weil ich von nirgendwoher komme. Deswegen gehe ich zu den Quellen, die am Ende des Piers liegen müssen. Weil die Analogien von Quellen und Geburt ebenso fragwürdig sind wie diejenigen von den Mündungen zum Tod. Weil auf dieser Welt alles und nichts stimmt und ich überallhin gehen kann, gerade deswegen gehe ich nirgendwo hin. Stattdessen kommt das Meer auf mich zu, mit geöffnetem Rachen. Die letzten Rheinmeter liegen im Frühdunst und ich gewinne das Gefühl, mich auf einer Verzweigungsader des Mündungssystems zu befinden, die direkt in eine der Verzweigungsadern des Quellensystems greift. Der Blick nach Norden ergibt die Sandwüste eines extrem breiten, endlosen Strandes, darüber dimmen milde lavendelfarbene Himmel, die am Horizont dem Meer sich einen. Der Blick nach Süden fällt auf Hafenkräne, -schlote und -tanks, die Silhouette eines schwarzen Industrieplaneten, gleichsam die Aufhebung des Blickes Richtung Nord. Nasreddin Hoca kommt mir in den Sinn wie er am Flußufer sitzt und sinnt, als vom gegenüberliegenden Ufer jemand ruft: „Wie komme ich denn auf die andere Seite?“ und der Hoca antwortet: „Du bist auf der anderen Seite!“ Es gibt keine andere Seite, und wenn doch, befinden wir uns bereits dort.”

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.
Vorort-Buchvorstellungen finden sich in der Rubrik “Termine“.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die letzten Rheinmeter

An der Quelle des Vorderrheins steht inmitten erhabener Gipfel am Oberalppaß ein Nachbau des Leuchtturms von Hoek van Holland in verkleinertem Maßstab. An der Mündung des Nieuwe Waterweg bei Hoek van Holland wird der begehbare Pier von alpenähnlichen Gesteinsformationen (hier zwei Gipfel des Gizeh Massief) en miniature ins Meer fortgesetzt. Beides Bauwerke von Menschenhand weisen sie auf die Weltenschlange der germanischen Mythologie, deren Kopf- und Schwanzende sich in Vervollkommung aufheben. Aus dem Nichts hinter der sich selbst umschlingenden, genügenden, erfüllenden Rheinwelt dringt indes ein futuristisches Vehikel ein, beladen vielleicht mit unvorstellbaren Mengen brasilianischen Orangensaftkonzentrats oder mit Zigtausenden chinesischer TV-Geräte, die, sobald sie in unsere Breiten gelangt sind, die immergleichen Rheindokumentationen empfangen, damit wir uns nach Feierabend bei vollster tropisch basierter Gesundheit unserer selbst und unserer einzigartigen Heimat vergewissern zu können.

Die Farben von Hoek van Holland

rdam_hafen_hoekLavendel-Mintgrün. Blick auf die Hafenanlagen der Maasvlakte, ein dem Meer abgewonnenes Gebiet, an der Rheinmündung des Nieuwe Waterweg.

hoek_abendstimmungHeinekengelb. Schöne Aussicht durch die Scheibe eines Fischrestaurants in der Nähe des Strand-Bahnhofs.

RDB-Blau. Verszeilen aus dem Gedichtband Westwärts 1&2 von Rolf Dieter Brinkmann.

Presserückschau (August 2014)

Indem die Berichterstattung über die Krisenherde Ukraine, Israel/Gaza und Syrien/Irak das diesjährige Sommerloch stopfte, hatten Flußmonster und Konsorten kaum Chancen auf mediale Öffentlichkeit. Die Meldungen des Augusts handeln von den Erfolgen der beiden Rheindurchschwimmer, alten Straßenkurvennamen und Lachsen, einer rasenden Plattform und einem Wärememodell:

1
Eine 40 Tonnen schwere schwimmende Bauplattform mit zahlreichen Geräten (Hebebock, Generator, Seilwinde) hat sich in Rossboden bei Chur bei starker Strömung aus ihrer Stahlseil-Verankerung gelöst und trat eine unaufhaltsame Reise mit rund 15 Stundenkilometern Richtung Bodensee an: “Auf ihrem Weg zwischen Chur und Hard touchierte sie mehrere Brückenpfeiler. Auf Schweizer Seite kam es laut der St. Galler Kantonspolizei zu fünf Kollisionen. Dabei verlor der Ponton einige Geräte.” (Südostschweiz) Von Passanten erstellte Videos im Netz zeigen wie das 9 mal 15 Meter messende Geschoß die Pfeiler der Vaduzer Holzbrücke ohne Berührung passiert, dafür mit gewaltigem Rumms auf andere Brückenfüße prallt. Die für den Brückenrückbau eingesetzte Plattform erreichte schließlich den Bodensee, wo Seepolizei und Feuerwehr die Bergung einleiten konnten.

2
Die Kehren des San Bernardino-Passes erhalten Namensschilder. Dies berichten einige Schweizer Zeitungen, am ausführlichsten jedoch die Website des Parc Adula: “Wie die Hinterrheiner Häuser alle ihren Namen haben, so von früher her auch die Kehren auf der Passstrasse, welche ehemals für die Existenz der Tal- und Dorfbevölkerung von äusserster Wichtigkeit war. Man musste sich genau darüber verständigen können, wovon man sprach, wenn man zum Beispiel als Ruttner oder Postpferdehalter etwas weiterzuleiten hatte – eine Schwierigkeit auf dem Weg, die Meldung über einen Unfall, ein Unglück. Der Unterhalt der Strasse war gerade im Winter eine grosse Herausforderung, manchmal ein Wagnis. Ein Lawinenunglück ereignete sich im Winter 1939 zwischen dem Obersten und dem Tschensch-Cheer. Der vordere Schlitten der passierenden Pferdepost wurde mitgerissen und verschüttet, der Postillion und ein Pferd verloren beim Unglück ihr Leben. Die herbeieilenden Helfer konnten nur eine Person lebend bergen.”

3
“Zwei schwere Wintersalme, die 1881 oberhalb von Rees gefangen wurden, kamen (…) in Berlin bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., auf den Tisch” schreibt die Rheinische Post in Folge 21 ihrer vorbildlichen Sommerserie “Unser Rhein” mit Geschichten und geschichtlichen Rekursen über den Niederrhein im Großraum Düsseldorf und stromabwärts, in diesem Fall über die Umgestaltung des “Schnellen Brüters Kalkar” zum Vergüngungspark: “Wo Besucher im “Wunderland Kalkar” Achterbahn fahren und Pommes essen, gingen die legendären Rheinfischer bis vor circa 100 Jahren ihrer harten Arbeit nach. Häfen wie Grieth, heute Ortsteil von Kalkar, lebten von Fischerei und Schifffahrt. Der Name Grieth geht zurück auf “Gritt”, was Kies bedeutet. Und eben jene Kiesbänke, die zur Rheinmitte abfallen, waren ideale Fanggebiete für die Fischer, die ihre langen Netze dort leicht auslegen und einholen konnten und meist stattliche Lachse, genannt Salme, aus dem Rhein holten. Auf Stromkilometer 834,6 befand sich eine der besten Lachsfangstellen am Rhein. In Körben mit Eisstücken wurden die schönsten Exemplare an die Herrscherhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland geliefert.”

4
“Der Schweizer Extremsportler und „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis hat es geschafft: Innerhalb von 44 Tagen – einschließlich Ruhezeiten – durchschwamm der 46-Jährige den gesamten Rhein. (…) Gestartet war er am 7. Juli im Lago die Dentro am Lukmanierpass (Kanton Graubünden), dem von der Nordsee am weitesten entfernten Punkt des Rheins. Mit seiner Schwimmaktion über 1247 Kilometer warb der Schweizer für die Umsetzung des Menschenrechts auf sauberes Wasser. Im Mai 2012 hatte er einen ersten Versuch nach rund 400 Kilometern aufgegeben – unter anderem weil ihm die seinerzeit niedrigen Wassertemperaturen zu schaffen machten. Zudem erwiesen sich die damaligen Tagesetappen von 40 Kilometer als zu anstrengend.” (Hessische/Niedersächsische Allgemeine)

5
Und auch der zweite Rheinschwimmer, Andreas Fath, hat im August seine letzte Etappe durchschwommen und die Nordsee erreicht: “Bei 17 Grad Wassertemperatur und neun Grad kalter Luft war er (…) zunächst zehn Kilometer bis zum Rotterdamer Hafen geschwommen und dort auf ein Boot der Hafenbehörde umgestiegen. Bei Hoek van Holland legte er dann die letzten fünf Kilometer bis zur Nordsee schwimmend zurück. Ende Juli hatte der 49 Jahre alte Chemieprofessor (…) seinen Schwimm-Marathon begonnen. In den 28 Tagen hatte ihn ein Team auf Booten auf der 1.231 Kilometer langen Strecke von der Quelle bis zur Mündung begleitet und Wasserproben entnommen. “Kein Tag war wie der andere”, sagte Fath nach seiner Ankunft. Überall hätten ihm Menschen zugejubelt und ihn ermutigt. Aufgeben sei für ihn nie eine Option gewesen: “Manchmal musste ich mich extra motivieren, aber das muss man ja manchmal auch, wenn man morgens zur Arbeit geht.”" (SWR) “Fath schilderte auch Eindrücke vom Rhein, die den meisten verborgen bleiben. “Unheimlich laut” sei der Strom, vor allem unter Wasser. Fortwährend rausche der Kies auf dem Grund, das klinge wie ein riesiges Glas voll Murmeln.” (Schwarzwälder Bote)

6
“Ein neues Wärmemodell für den Rhein von Basel bis Köln soll ein massenhaftes Fischsterben wie im Jahr 2003 verhindern. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellte (…) in Karlsruhe ein entsprechendes Gemeinschaftsprojekt mit Hessen und Rheinland-Pfalz vor. “Wassertemperaturmanagement” nennt sich das Vorhaben, mit dem bei Bedarf steuernd eingegriffen werden soll bei zu hohen Temperaturen. Für den Neckar gibt es ein solches Monitoring bereits seit Sommer 2005, für den Oberrhein bis Worms seit 2011″, schreibt die Badische Zeitung. Kühlere Wassertemperaturen sollen dabei durch Drosselungen der Kraftwerke und Auflagen für die Großindustrie entlang des Rheins erreicht werden. So könne allein die BASF Ludwigshafen als größter Wärmeeinleiter in Rheinland-Pfalz die Rheintemperatur um ein Grad Celsius beeinflussen.

Rijngedichten

reno di lei

kostbare druppel
italiaans water
hield zich sterk

overleefde de val
liet zich niet drinken
droeg naar vermogen

passeerde
passeerde
passeerde

ronde
de drachenfels
liet zich wijden
ging weer te water

druppel
danste de rijn af

bereikte de hoek
dreef af

meed de zeeschoot
rolde het duin in

minde

***

vergeten de alp
vergeten de rotswei
valt
valt

loonwater ploetert plichtmatig
schopt schepen voort

loreleyt niet
nibelingt niet
stookoliet
het rheingold

halverwege
is het alleen met de nacht
voedt zich met angsten

wat bevatten die vrachten
drenk ik al die steden
verdrink ik al dat vuil
vul ik al die havens en monden

welke stroom nog te kiezen
welke takken te mijden

ik hunker zo diep naar een schoot
wacht die zee wel op mij?

verward stormt het water
naar voren
dolt zich vast
in tolkamers
wijkt furieus terug

kalmeert
gaat te rade in bingen
biecht op te xanten
ontvangt teerkost
ten eeuwigen reize

achter hem
hurkt het rijndal
verheffen zich münsters en torens

voor hem
ligt open de delta

weidelijk
herstelt zich het water
verneemt al een zweem
van de zee

vloeit over
ooij

berent
belvédère
noviomagus

passeert
bommel en
waarden

passeert
grotius
slot

daar wenkt
een nauw voelbare
vloed

stroomt onder
desiderius
brug

daar trekt
een gebiedende
eb

nadert
botlek licht op

scheur en maas
vatten het water

de zee zwemt genadiglijk op
biedt haar schoot

verkwikt zoet haar het water

***

zéér oude rijn
verliet zich ten einde
op theems
ijzer maas schelde
bereikte calais

stuitte op ijswal graniet
keerde ten oosten

onvermoeibaar opnieuw
rijn zingt een wolgalied

***

het veer is verlaten
zwerfkeien troffen de veerlui

de stuurstand is foetsie
overvaarten verzonken

zee zuigt aan de monden
water glijdt over leegte

(Ein Gastbeitrag von B. Zwaal. rheinsein dankt!)

Weltrekordversuch mit Übermensch-Methode

Polyfasische Schlafmuster und Übermensch-Methode: es läuft seit heute mal wieder ein Weltrekordversuch auf dem Rhein. Ein solcher braucht nicht nur monatelange Vorbereitung, sondern, um von den Medien wahrgenommen zu werden, vor allem einen Slogan: „Erfolgreich auf der Welle deines Lebens!“ lautet der von Chris Ley, der auf einem sogenannten Stand Up Paddle Board (SUP), einer Art Surfbrett, den Rhein „von der Quelle bei Chur“ (wie der WDR recht großzügig berichtet) bis zur Mündung bei Hoek van Holland in sieben Tagen und Nächten stehend mit einem Stechpaddel bewältigen möchte. Das wäre die schnellste Zeit, in welcher die Distanz offiziell von einem Paddler durchmessen wäre.

Stand Up Paddling gilt unseren Medien als „Trendsport aus Hollywood“. Die Ursprünge des Sports, weiß Wikipedia, seien tahitisch bzw hawaiianisch: Hoe he’e nalu lautet die hawaiianische Bezeichnung für das Stehendpaddeln auf dem Brett. Das allerdings als langwieriger gilt als das Paddeln etwa im Kajak.

Leys Start ins Weltrekordabenteuer war heute (geplant für 6.30 Uhr) irgendwo in Chur. Sein Brett sollte geeignet sein, die Schnellen des Alpenrheins gleichsam surfend zu bewältigen. Das Tagebuch des Rekordversuchs gibt für heute noch keine Auskünfte über den Start und die ersten Kilometer. Überhaupt ist der letzte Eintrag bereits drei Tage alt. Etwas näher am Geschehen sind Leys Facebook-Einträge. Ob die im Vorfeld antrainierte „Übermensch-Methode“ (nämlich pro Rekordversuchtag nur zwei Stunden zu schlafen und ansonsten durchzupaddeln), dem Sportsmann wirklich Zeit freischaffen wird, noch Tagebuch zu führen, werden wir jedenfalls mit nicht geringem Interesse verfolgen. Auch ein Kitetracker auf Leys Website, mit dem seine Position (“rheinchallenge”) zu verfolgen sein soll, liefert derzeit keine Daten.

Rotterdam (3)

ring rotterdam

Am Rotterdamer Autobahnring sind die Häfen 100 – 1000, sowie 1200 – 9900 beschildert, Ziffern, die weniger der realen Hafenbeckenanzahl entprechen dürften, als vielmehr dem Plan, die Becken systematisch zu numerieren. Die Hafenanlagen strecken sich (grob fahrlässig geschätzt) über 30 Kilometer von Rotterdam bis zur Nordsee, ein superlativisches Ausmaß für Europa, dieweil in Asien, vor allem in China, mittlerweile noch größere Häfen existieren.

rdam_containerrobotAchtung, Roboter! Vom Wegrand grüßt ein unbemannter Container-Ladekran. Die Container werden auf ebenfalls unbemannte Fahrzeugautomaten gehievt, die mithilfe von Magnetgittern im Bodenbelag durch die Geisterterminals zockeln.

speed

Überwuchert von Pfeilern und Gestängen verlieren wir die Orientierung und folgen doch strikt unserer Spur.

verstegen-kruiden

Ein gute Orientierungsmarke: der Riesen-Hühnerkräuter-Gewürzstreuer des Verstegen-Gebäudes an der Ringautobahn.

Im Rheindelta

Direkt an Hoek van Holland grenzt ’s-Gravenzande. Vor diesen beiden Ortschaften bietet das Rheindelta, das zur besseren Unterscheidung vom Bodenseedelta auch als Rhein-Maas-Delta (die Niederländer setzen mit Rijn-Maas-Scheldedelta noch einen drauf) bezeichnet wird, Gewächshausfalangen, von denen einige den Eindruck erwecken, als würden sie auf ihren schwer umwässerten Landparzellen schwimmen, oder aber, angesichts ihrer hoffnungslosen aquatischen Umzingeltheit, paramilitärische Geduldsübungen absolvieren.

gewächshäuser_2

Hinter den letzten Baumreihen Südhollands läßt sich das Meer erahnen. Die Nordsee wirkt im Juli wie ein Traumbild ihrer selbst. Schutz vor der Unbill diverser küstenklimatischer Erscheinungen bietet an den Stränden in Sichtweite der Rheinmündung u.a. das Elements Beach, eine chillige Strandbar mit Sitzliegen, balinesisch wirkenden Schnitzarbeiten, Palmwedeln und wohltemperierten Houseklängen. Hätten die Wärmegrade ein klein wenig höher gelegen und der Himmel nicht doch allzu holländisch ausgesehen, das Geschehen hätte auch einer auf alternativ getrimmten Bacardi-Werbung entstammen können.

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Passend zur tropisierten Strandgestaltung ein exotischer Fliegender Fisch auf königlich Oranje. Der Himmel wirkt nun auf einmal, auf gut holländisch gesagt: verkeerd.

flying-fish_4 (Bild: Matthias Kühn)

Während unserer Reisevorbereitungen hatten wir von Ortsansässigen in Erfahrung bringen können, daß der Strand von Hoek van Holland “nie, niemals und zu keiner Zeit” menschenleer sei, was wir als leise Andeutung verstanden, daß wir dort auf Touristenmassen stoßen würden, wie sie El Arenal zur Hochsaison aufweist. Noch hatten die Schulferien in den Niederlanden nicht begonnen, wohl aber walteten der Sahara angemessene Sandwehen, weswegen die Touristenmassen ausfielen. Der Strand streckt sich indessen weiterhin in ansehnlicher Breite Kilometer für Kilometer nach Norden. Die Rheinmündung bzw. die Hafenanlagen sind auch noch von Monster bzw Ter Heijde zu sehen, wo die Niederlande ein EU-finanziertes Küstenbefestigungsprojekt mit Namen Zandmotor betreiben, bei dem der “seit fünf Jahren stets vorhandene” Wind, die Meeresströmungen und nicht zuletzt massive Sandaufschüttungen die Natur mit Hilfe ihrer selbst überlisten sollen.

Hoek van Holland

Die meisten Dokumentarfilme über den Rhein enden mit seiner Nordsee-Einmündung bei Hoek van Holland, einem Dörfchen hinter den Dünen. Interessanterweise sehen die Niederländer dort garnicht den Rhein einmünden, sondern die (Nieuwe) Maas, die am sogenannten Maasmond allerdings nicht mehr (Nieuwe) Maas, sondern Nieuwe Waterweg heißt. Tatsächlich fließen durch den Nieuwe Waterweg, einen tief ausgehobenen Schifffahrtskanal des gigantischen Rotterdamer Hafengefüges, Rhein- und Maaswasser gemeinsam in die Nordsee (bzw. fließt bei Flut die Nordsee in Rhein/Maas). Von wo bis wo der Nieuwe Waterweg heißt wie er als artifizieller Rheinfortsatz nunmal heißt: auch darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Über die komplizierten Strukturen der Wasserläufe des Deltas und ihre verwirrenden Bezeichnungen gibt dieser Wikipedia-Artikel einigen Aufschluß.

rheinsein jedenfalls hält sich zugute, am 10. Juli 2013 bei Hoek van Holland erstmals und tatsächlich den Rhein mit eigenen Augen in der Nordsee aufgehen gesehen zu haben. Südlich des Kanals eiferten gottesanbetende Roboterkräne der Petroleumhäfen, nördlich davon begann ein breiter, von Dünen begrenzter, kaum bevölkerter, dafür mit zahlreichen gastronomischen Angeboten gesäumter Sandstrand. Eine unstete Meeresbrise fabrizierte Sandwehen, bald rieselten wir selber und fühlten uns den Dünen nah verwandt.

nieuwe-waterwegBlick auf den Nieuwe Waterweg und Rotterdamer Hafen von Norden. Auf dieser Seite befindet sich ein Pier, der weit ins Meer hinausreicht.

golfslagEin Schild warnt vor Wellenschlägen, die von Ozeanriesen ausgelöst werden können.

maasmond_2Bewacht von Windspargeln ergießt sich, mäßig spektakulär, der Rhein ins Meer.

Maeslantkering: de grootste robot ter wereld

Maeslantkering ist die niederländische Bezeichnung für eines der großen Sturmflutwehre im Rhein-Maas-Delta. Get Hoekt!, die informative Website Hoek van Hollands, nennt das Maeslantkering “de grootste robot ter wereld” (den weltgrößten Roboter). Am Rheinkilometer 1019 befindet sich, am Fuße eines der seltenen holländischen Berge, von dessen Gipfel die Anlage überschaut werden kann, das Keringhuis, ein Besucherzentrum, das mit Filmen (niederländisch/englisch), Ausstellungen, Führungen (auch in deutscher Sprache) und Broschüren über die große Flutkatastrofe von 1953 und die seither entstandenen Wasserschutzmaßnahmen im Delta informiert. Über die Funktionsweise des bei Flutwarnung selbstauslösenden und von oben an eine Möwe erinnernden Wehrs kann u.a. bei Wikipedia nachgelesen werden.

dutch-mountain

Künstlicher Berg mit zweistelliger Höhe bei Rheinkilometer 1019 am Nieuwe Waterweg.

maeslantkering_filmstill

Das Maeslantkering beim Blick in das Besucherzentrum hinein (Filmstill)

maeslantkering_fensterblick

und aus dem Besucherzentrum, in dem es als Miniatur nachgebaut ist, hinaus.

Quietscheentchen Nadia (2)

Der Zuschauerfrage, wie viele Tage Reisezeit das Rheinwasser von der Quelle zur Mündung benötige, nahm sich die ARD-Sendung Kopfball (die heute ausgestrahlt wurde und bereits als Podcast zur Verfügung steht) an – wir berichteten. Das Kopfball-Team setzte Nadia, eine doppelte Quietscheente, auf dem Rheinstrom aus, ließ sie von Wasserwachtlern begleiten, stoppte und addierte Nadias Schwimmzeiten, um sie mit differenzierteren wissenschaftlichen Meßmethoden abzugleichen. Schweizer und deutsche Hydrologen erklären vor der Kamera die unterschiedlichen Fließgeschwindkeiten des Rheins. Der Bodensee wird von den Enten-Messungen ausgenommen, weil der Rhein in den See abtaucht, was eine Oberflächenmessung verunmöglicht. Daß das Rheinwasser sich (ganz im Gegensatz zu Ammianus` Einschätzung) weit in den See verteile, erfahren wir von einem heutigen Fachmann, und daß es von der Eintrittsstelle in den Bodensee bis zur Austrittsstelle, je nach Jahreszeit, mindestens drei Wochen benötige. Die übrige Wasserreisezeit vom Tomasee bis Hoek van Holland (wo die Ente nur bei Ebbe das offene Meer zu entern vermag) maß das Kopfball-Team mit rund zehn Tagen, was insgesamt (also die Bodensee-Querung hinzugerechnet) eine Mindestreisezeit von einem Monat ergäbe. Die Live- und Vorberichterstattung des medial beachteten Experiments auf den Internetseiten des WDR hatten wir seinerzeit lediglich überflogen; die für die halbstündige, kurzweilige Sendung zusammengeschnittenen Ergebnisse schienen uns jedenfalls von den ersten Auswertungen abzuweichen, was alles in allem eine schöne Unsicherheit bzgl der vorgestellten Resultate beläßt. Ob ein Quellwasser immer diegleiche Reisegeschwindigkeit aufnimmt oder ob es, je nach Geburtsdatum und -charakter eher als Trödelwasser, Eilwasser, Streb-, Verweil- oder Wechselwasser (in kausalarmen Tempointervallen) und in wievielen Tagen der Nordsee zustrebt: diese Frage wäre erst noch zu stellen und ließe sich in weiteren Experimenten eingrenzen bzw ausweiten.