Jägerlatein im Heimathirsch

Um Ostern begegneten wir auf unserem üblichen Nippeser Rundgang William Blask, der im Veedel in den letzten Jahren etwa 300 Gastrobetriebe initiierte. Schnell kam die Rede auf seinen neuen Club, den Heimathirsch. Der Pate bot eine Führung durch die Räumlichkeiten, die als Kulturkeller dienen sollen, an. Der Club verbirgt sich hinter einer leicht zu übersehenden Flügeltür der Mauenheimer Str. 4. Durch eine Gipshöhle geht es abwärts. Wir entern einen fensterlosen Raum mit bräunlicher 60er Jahre-Ausstattung. Das Unterteil eines angejahrten Buffetschranks dient als Tresen. Entlang der Wände karge, aber bequeme Sitzgelegenheiten. Ansonsten viel Platz zum Stehen, Tänzeln, Einherrobben etc. Der Eingangsbereich geht vermittels einer offenen Wand in den Bühnenraum über. Auf der 6-Quadratmeter-Bühne dominiert das Ledersofa, vor dem ein beiges Kuhfell ausgebreitet liegt. Über dem Sofa hängen Hirschgeweih und Wildschweinfell. Eine elektrisch ausfahrbare Leinwand für Projektionen aller Art soll noch angebracht werden. Der Pate fragt, ob wir uns in diesem Ambiente eine Literaturveranstaltung vorstellen könnten. Das allemal. Eher scheint die entscheidende Frage, ob die Nippeser das auch können.

Nun sind wir also unvermittelt (wenn auch nach all den Jahren des Aktivismus und hunderten Live-Auftritten nicht ganz wie die Jungfrau zum Kinde) im Laufe eines Spaziergangs zu einer eigenen Literaturschau “um die Ecke” gekommen. Wie langlebig sie sein wird, hängt vor allem vom Publikumszuspruch ab. Getauft wurde die Chose - passend zur Spielstätte – jedenfalls auf den vertrauenserweckenden Namen Jägerlatein. Als Botschafter vornehmlich heimatlich-rheinischer Themen in altem und neuem Lichte werden wir eigene und fremde Texte, sowie Kuriositäten zu wechselnden Themen-Schwerpunkten darbieten und jeweils ein bis zwei Gäste dazu laden.

Den Auftakt (die Premiere!) gibt es am Mittwoch, den 01. Juni mit dem Themen-Schwerpunkt Liechtenstein. Erwartet werden dürfen ua: ein Sauerkrautessen mit Alexandre Dumas, Neues über den Prometheus von Hinterschellenberg, Tipps für Schwarzgeld-Multimillionäre (falls anwesend), hymnische Verse auf die Weiblichkeit und den Straßenlärm, kniffliges Betonfrisurenraten, sowie das Unterlaufen jeglicher Erwartungen durch den Mann auf der Bühne.
Als Premieren-Gäste kommen Die Ableser, Stefan Reusch und Ismael Fischmord, mit literarischem Kabarett und wohl auch einem Liechtenstein-Text.

Neues aus Hinterschellenberg (5)

In Gedanken versucht, die berühmte viertafelige Hinterschellenberger Prometheus-Passion zu imaginieren – und siehe da, es gelang ein linksbündiges Detail: Contrametheus Beschwörung der Krähen, dem Adler Ersatzleber (vom Güggeli) anzubieten. (Krähen wie Contrametheus schielen jedoch bereits auf die im Vordergrund lockenden Motive von Zuckerpalme und spitzkastenförmigem Sprechapparat.) (Im rechts freien Raum verbleibt die Möglichkeit zur Imagination von Rheinstrom.)

hinterschellenberg

Neues aus Hinterschellenberg (4) / Gorrh (6)

Von Beklemmung zu Euforie, Gorrhs Zustände wechseln wie das Tageslicht, während er, zur Außenhaut der Hinterschellenberger Häuser verwandelt, deren Atmung er kontrolliert, auf seine eigentliche Aufgabe wartet, das nächtliche Streunen. Und runter hechelt er durchs Riet und wieder hinauf, säuft einen gewaltigen Schluck Rheinwasser zwischen diesen Läufen, die er auf allen Vieren bewältigt, wie ein jagender Hase, der kaum den Boden berührt, kaum einen Halm knickt, mit zugekniffenen Augen voran, damit kein Blitzen und kein noch so fahler Leuchtschimmer seiner Blutrubin- und Infrarotaugen ihn verrät. Gorrh rupft die Rüben aus den Gärten und zieht denjenigen Maulwürfen, die nicht spuren, das Fell über die Ohren. Er lockert die Beete und nimmt sich sein Zehntel. Wölfisch wird er erst im Wald. Die Käuzchenrufe: ebenfalls Gorrh. Er verwächst mit den Bäumen, zerkratzt sich die Rinden, schwankt und nadelt, saugt den Winter ein und den Föhn, Gorrh nimmt es wie`s kommt und es kommt wie es kommen muß. Wenn der Mond wieder mal so verbeult aussieht, dann hat Gorrh in einem Wutanfall auf ihn eingedroschen. Er jagt auch die kleinen Moosfeen und stellt schlimme Dinge mit ihnen an. In Gorrhs Bart wachsen Eicheln. Er ballt die Hand zur Faust und entkrampft sie wieder – das sind die leichteren Erdbeben, solche, die nach Fichtennadeln riechen, Erschütterungen, als stünde man in einem Ameisenhaufen: ein langsames Abtragen der Welt, ihr steter Neuaufbau, mit Maß, Kondition, Geduld und der nötigen Portion Wahnsinn. Unter Gorrhs Zunge rollt schon die Sonne nach vorn, entwickelt einiges Glühen, doch er will sie noch nicht ausspeien, umschlingt sie, versucht, sie runterzuschlucken. All das bemerken die Hinterschellenberger höchstens am Rande ihrer Träume. Plötzlich ist da ein gleißender Tag voller Geländewagen, und, sobald diese verschwunden sind, Ruhe zwischen den Wipfeln der Lebensbäume, kaum ein Hauch mehr zu spüren, nur ein befremdliches Kalenderblatt in der Küche, seit einem Jahr nicht abgerupft, aus schwer verständlichen Gründen.

Neues aus Hinterschellenberg (3)

Ein putzig-plustriges Wintergoldhähnchen gesichtet, es zirpte. Bißchen fad in den Endschnörkeln. Schniiiepzipzip-schniiepzipplipp, so in etwa, oder auch frrrrr-frrrrfr. Schwätzte halt so daher. Der Tag verging ganz von selbst. Im Fernsehen brachten sie was über Schellenberg, über das neue Gemeindelogo, das aussah wie der Mittelrhein an manchen Stellen. Es war dem Eschnerberg nachempfunden, der ja auch in der Nähe ist.

Neues aus Hinterschellenberg (2)

Um Schellenberg herum die Jungfraun vom heiligen Blute, blutend. Aus dem Boden schießen, Stopfen und Pfropfen gleich, prallwangig-rosige Kirschwasserbischöfe. (Das Ergebnis nur einer ereignisreichen Nacht.) Contrametheus stiehlt sich umher, löscht die nachspritzenden Funken. Contrametheus von der Berufsfeuerwehr. Pißstrahl im Dunkeln. Auf dem Grenzstrich, beherrscht von Halunken, werden die Berge abgezählt, nachgekartet und -gezackt. (Sitzen zwei Berge in der Dorfbeiz, trinken reichlich Enzian. Sagt der eine: Haste mal n Kamm? Nee, der ging anders. Sitzen erstmal zwei Berge in der Dorfbeiz, dann kommt noch ein dritter: Na holla, das ist ja wohl der Gipfel. Oder nee. Sitzen einmal alle Berge in der Dorfbeiz, kommt der Rüfenprüfer. Ach was.) Der Eschnerberg macht einen Buckel fürs neue Gemeindelogo. Der ferne Rhein als gelöste Schlinge oder versteiftes Seil peitscht die Würmer unter seinem Bett. Tonlos brüllende Wälder.

Neues aus Hinterschellenberg

Tarzan vor Hinterschellenberg. Prometheus vor Hinterschellenberg. Gorrh über Hinterschellenberg. Seichter Rheinblick von Hinterschellenberg. Der Schellenursli hinter Hinterschellenberg. Nichts Neues aus Hinterschellenberg.

Begebenheit bei Hinterschellenberg

Kühe im Halbdämmer, im Pulk, mit Regenfäden vernäht. In ihren Innern: Rohrsysteme, von Flüssigkeiten und Gasen durchzogen, mit verkuttelten Hähnen geregelt: ein Käuen und Käuen und Käuen, der große Pansen, mählich treibende Vorgänge, an deren Rande es grummelt und spratzt, am Wegrand hüpft ein Spatz, das ist der Sound der Landschaft. Glitschige Hänge, ächzende Föhren. Bleiches Gras sträubt sich teils angeekelt, teils routiniert ins Wetter, einige Wiesen lassen sich gar vom Niesel frisieren, massieren, haben den ewigen Kampf aufgegeben und fügen sich einfach ins Dasein. Da nähert sich ein wilder schwarzbärtiger Mann mit einem riesigen grünen zu einem gewaltigen Zipfel spitz nach oben auslaufenden Filzhut halb im Bergler-, halb im Seemannsgang, geschickt und wendig jedenfalls, nähert sich aus den nachmittäglichen Schwaden Vorarlbergs, weit drunt im Dunkel fließet der Rhein, nähert sich der Grenze, in der Rechten ne elektrische Fackel: Prometheus. Hält jäh inne, stutzt, liest (ein Schild!):

Grenzübergang für Wanderer
Überschreitungen mit gültigem Grenzübergangspapier gestattet. Ausgenommen sind visumpflichtige Ausländer. Kein Warenverkehr! Übertrittszeit: Sonnenaufgang – bis Sonnenuntergang (Sicherheitsdirektion für das Land Vorarlberg / Regierung Fürstentum Liechtenstein)

heult kurz auf und setzt seinen Weg, einen mutmaßlich ziellosen, die Sonne ist längst in der Schweiz verschwunden, fort und gelangt auf diese Weise nach Hinterschellenberg, wo`s plötzlich in den Steckdosen zischt bis die Energiesparlampen verrückt spielen. Nicht mehr als ein Bild, eine Begebenheit wie sie sich täglich abspielt, irgendwo auf der Welt, mit einiger Symbolkraft, deutungsfähig jedenfalls. (Leberzerfressener, unverstandener Heilsbringer als visumpflichtiger Ausländer mit unzureichenden Deutschkenntnissen.)

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.