Miss Tschingels Bekannter

W. A. B. Coolidge, eine Neffe der Alpinismus-Pionierin Margret Claudia Brevoort und in jungen Jahren guter Bekannter ihres Beagles Miss Tschingel, welcher beide auf zahlreichen Bergtouren begleitete und dafür die Ehrenmitgliedschaft im britischen Alpine Club zuerkannt bekam, was seinem Frauchen (o tempora, o mores) zeitlebens verwehrt blieb, dieser Coolidge verfaßte, herangereift und aus der Erfahrung seiner tantenbehüteten Gratwanderungen gespeist „The Alps in Nature and History“, darin beschrieben u.a. das sprachlich wie religiös hoch Verwirrende an den Lagen der Dörfer in den Rheinursprungstälern, und, so trocken als irgend möglich, auch die Via Mala, nämlich garnicht sie selbst, sondern die Geschichte ihrer Umgehung: „The San Bernardino (6769 ft.) route, like that of the Splügen, follows the course of the main or Hinter Rhine nearly to its sources, and then turns S. to cross the Alps. Throughout the entire Middle Ages it bore the name of „mons avium,“ „Vogelberg,“ or „Monte Uccello“ (i.e. „the pass of the birds,“ in three languages), and to this day there rises some way to its W. a peak called the Vogelberg, while on the E. the pass is overhung by another point, named the Pizzo Uccello. But some time in the second half of the fifteenth century, this name gave way to the present one, given in honour of San Bernardino of Siena, who had wandered through the N. parts of Lombardy as a missionary preacher and was canonised in 1450 – six years after his death. A chapel on the S. slope of the pass was dedicated to him. It is possible that the left wing of the Frankish army crossed this pass in 590 on its way to attack the Lombards. More certain is that in the winter 941 Willa (wife of Berengar, Marquess of Ivrea), though far advanced in pregnancy, fled across it, to escape from Hugh, king of Italy. Much later, in the winter of 1799, Lecourbe, with a French army, traversed the pass. But no doubt, it, like the Splügen, was kept for long in the background through the difficulties of getting through or round the Via Mala gorge, above Thusis. Probably it served only the traffic between the german-speaking colony at the sources of the Rhine with the Italian bailiwicks held by the Swiss, especially after, in 1496, the Val Mesocco (on its S. slope), came into the hands of the Raetians, who thus had direct access to the St. Gotthard route. In 1818-23 the present fine carriage road was built over the pass, and, like that of the St. Gotthard, lies for its whole length within Swiss territory. Most of the expenses were borne by the king of Sardinia, who wished to secure for himself a road across the Alps, which should not be in the hands of the Habsburgers.“

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein (2)

Am 06. Juni ist es soweit: das ORF-Kunstradio strahlt auf Ö1 ab 23.03 Uhr das erste auf Rheinsein basierende Hörspiel aus, gemeinsam mit einer Produktion der Wiener Zeichnerin elffriede. Interessierte, die den ORF nicht per Antenne empfangen können oder wollen, klicken auf den: Livestream.

Was zu erwarten steht: sicherlich der charismatische Pfiff des Alpenmurmels; recht eklektische Beschreibungen spezifischer Bergnahrung, paradiesischer Urlandschaften und ihrer modernen Bewohner, mit nützlichen lexikalischen Links unterfüttert, in teils äußerst seltenen Sprachen, von denen es mindestens eine nicht einmal mehr gibt; (bearbeitete) lokale Anekdoten aus Büchlis mythologischer Volkskunde; den Schrei des Murdlers und Maschinenjodeln. Auf diese Weise wird der wilde alte Hinterrhein in diesem Stück „Literatur als Radiokunst“, für das, außer dem Murmelpfiff, sämtliche Stimmen und Geräusche aus meinem körpereignenen Repertoire stammen, zum mehrschichtigen Interrhein zwischen Tälern, Flußläufen, Dörfern, Zeiten. Bereist nicht zuletzt von Superhiroshi natürlich, dem berühmten japanischen Avantgardetouristen, hier zu hören im freudigen Gespräch mit einer Alexanderklugepuppe.

Mein Dank für die Ermöglichung  dieses Hörspiels geht an die Kulturförderung Graubünden und Kuratorin Christiane Zintzen, für die Umsetzung an Tonmeister Martin Leitner.

Schikos Rhein (3)

Via-MalaNoch ein schluchtiger Hinterrhein: bekannt wurde die Via Mala meiner Generation hauptsächlich über den im deutschen Fernsehen ausgestrahlten gleichnamigen, eindrucksvollen Dreiteiler von 1985 mit Mario Adorf und Maruschka Detmers nach dem Roman von John Knittel. Aus einer älteren Verfilmung (von 1961, mit Gert Fröbe und Christine Kaufmann) sind schluchtenvernebelte Anfangsminuten auf Youtube zu finden – der zu hinterquerende Wasserfall der Sequenz scheint jedoch jener aus der Rofla.

Gorrh (7)

Postkarnevalistischer Vorfrühling scharwenzelt über Hof und Balkon, noch gefiederloses Amselgethrashe, erwachende („wrrrr-wwrrrr!“) Motoren in Nachbars Garagen, Kinder bewerfen einander mit Dreck, die Winterschlieren am Fenster geraten in suizidale Tendenzen, mein Schreibtisch fließt über von (Auftrags)Oden an und noch (und womöglich bis in alle Ewigkeit) rumpelnden kleinen Sonetten über das pumpelnde kleine Fürstentum Liechtenstein, dazwischen geraten hinterkopf-hinterrheinische Geräuschfolgen aus den Letztjahresspeichern, entlarvt, ihre staubigen Lungenflügel spreizend, fratzen in die Gegend, während übern Schreibtisch breit und frei ein kölscher Rhein hinwegfließt (ab Pegelstand 6 Meter demnächst auch in die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, dann wird geflutet, du klitten Hera, weißte schon!) und der Screen in psychedelischer Konzentrik vor sich hin-, aus sich heraus-, in sich hinein-, doch nie über sich hinausprojiziert: die scheinbare Gegenläufigkeit strömender Zyklik, ihr mit Normspin, Nuspeln und Waspeln bedachtes Wummern, Schummern, Kreisen, Strahlen, eine winzigkleine echsenlederne Gorrhfigur zieht blank am jenseitigen Ufer (welches immer auch das diesseitige reflektiert), und an einem einst so statisch wirkenden, mittlerweile von einem unsichtbaren  ortsansässigen Künstler atomisierten handlichen Individuum von Stein vorbei zieht fenakistiskopisch die Panta Rhei mit verschlepptem zweiten N wie eine brustschwimmende Göttin des Kohle-Stahl-Zeitalters, geht pixelweich auf im Rahmenschwarz eines meiner rotierenden Weltausschnitte und während ich mich anstelle, das Video per Zeitregler zu scratchen, umfängt mich ein an- und abbrechendes Rauschen (mit Untertönen von Plätschern, Blütschern, Glucksen, Placksen und Plockern), the sound of rhinesense, bleibt nur noch: den Text zu schlürfen und den bösen blauen Bleiglasfenstern gegenüber mir nichts anmerken zu lassen, die sehen nämlich schwer bezahnt aus, vermitteln bürokratische Aggressivität, Gorrh scheint tatsächlich zurück mit seinen Froschaugen und Giftstacheln, zurück aus unsern zensierten Träumen, in denen er den Rhein noch packte, zwirbelte und in die Lüfte schleuderte wie so ein Band bei der rhythmischen Sportgymnastik, doch davon wissen wir nichts, davon wissen wir nix, wissen wir nix, nix, nix, garnix (und das ist wohl auch besser so).

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Ruinaulta (2)

Bis weit außer Sichtweite schneidet sich die Rabiusa mit ihrem wilden Namen ins Tal, schnitzt dabei eine mächtige unzugängliche Schlucht Gott zu Gefallen – entsprungen bei den hinteren und eingefangen von den vorderen Rheinen. Irgendwo dort liegt das Walserdorf Safien, Welten von seinem Bahnhof Versam-Safien entfernt. Die Straße nach Versam ist nur unter vehementer und mehrfach akzentuierter Blickwurfgefahr passierbar, eine kleine Aussichtspyramide überhängt die Rheinschlucht und bietet, bescheiden am Straßenrand plaziert, einen der grandioseren Ausschnitte unserer guten Welt. Unten fließt der Rhein wohl noch auf den Schutttrümmern des Flimser Bergsturzes und er tut dies mit bezauberndem Wildbachcharme, d.h. mit dieser visuell so reizvollen schaumbekrönten Klarheit und in den Farben Klarlack, Amethyst, Turmalin und Türkis. Auch zwischen Versam, einem nett an den Hang gedrückten Dörflein und dem Bahnhof direkt in der Schlucht liegt noch eine gefühlte Sommertagesreise Fußweg und die Differenz einiger hundert Höhenmeter. Damit der Reisende sein Gepäck nicht den berg hinauf- und hinabschleppen muß, verkehrt ein per Verkehrsschild als gefährlich angekündigtes Postauto auf den Serpentinen. Auf halber Strecke läßt sich das verlassene Geistergefährt beim Verschnauferli am Wegrand beobachten. Neben dem Bahnhof steht an der Schlucht ein Zentrum für Kanu- und Energiereisende, es gibt zwei Wanderwege, einer führt schluchtauf, der andere schluchtab. Der Fels wirkt gespalten, bisweilen balanciert er nach Absturz riechende Brocken am Rande der Frischluft. Durchs dunkle Unterholz der schmalen Auwäldchen splitzert der Glitz des Vorderrheins. Der sich spaltet, eint und eilt und Schlaufen vollführt, mal rauscht und mal plätschert, meisenhaft zwitschert und die tief in den Kieseln verborgenen Gesichter freischleift. Zwierheinische Mündungen erfunden wirkender Wasserfälle, insgesamt herrscht eine Ästhetik der vorvorletzten Jahrhundertwende, gelegentlich gekreuzt von Räthischer Bahn und Helikoptern. Unmotiviert hinter feistere Kiesel geduckt läßt sich eine Groppe beim Schwanz aus dem Flußlauf ziehen. Sie windet sich, doch ihre Depressionen scheinen kaum mehr heilbar. Anstiege und Kiesbänke, raschlige Wasauchimmer geschäftigen durchs Gebüsch, übern Rheinkies schrabben grüßende Kanutengruppen. Und droben auf den Alpen werden die Ziegen von vorbeifliegenden Vögeln gemolken.

Vorderrheincruising (2)

Ganz und gar durchzogen von flachen, dünnen, geteilten, in ihren zerwühlten Betten zeitlos-unverständliches grummelnden Rheinen, blauschattigen Wiesen, versteckten Industrien und urigen Holzdörfern, behütet vom Skitourismus: die Surselvaner wachsen noch direkt aus den Böden ihrer Magerwiesen. Was die Maulwürfe hier oben wohl suchen? In Einmachgläsern sterilisierte Voressen zwischen deftigen schwärzlichen Würsten, in Mangoldblätter und Spätzleteig gewickeltes Trockenfleisch und Sedruner Käse unterfüttern das Dasein mit Nährsubstanz. „Wenns hagelt, dann Salsiz!“ Oder Dachlawinen. Das eine ins andre gewandelt per Photo Play. Zwischensaison schafft Zwischenwelten mit Zwischenwesen. Von Sedrun ein Spaziergang von Sommer zu Winter und retour. Leicht eisbedeckt die stark abfallende Straße ins hier inmitten heftigster Natur nie vermutete Kies- und Industriegebiet: Räumfahrzeuge und Laster, Schienen und energieentzogener Restrhein. Lärm, Eis, Schatten, Staub, Rauschen, Kälte. Röhren und Maschinen. Dazwischen überleben auf unbekannte Art leicht deplaziert anmutende Arbeiter in Signalwesten. Gauklerblume und Moorlurch leben hier sommers, direkt am Werkzaun weist ein Schild die Szenerie als Naturschutzgebiet aus. Es ist der 19. November 2009 um 12.36 Uhr, an der genauen Grenze zwischen Sommer und Winter, als es mir erstmals gelingt, mit einem einzigen Satz (und trotz der schweren Stiefel trockenen Fußes) über den Rhein hinwegzuspringen. Die Sonne brennt dieweil, weils besser aussieht, den Reif von Büschen und Matten, unterm verziehenden Reifdampf wandelt sich der verbliebene Tau in glitzernde Juwelen, als hätten die Maulwürfe die Wiese mit Perlensaat bestreut bzw. als seien diverse Sternschnuppensplitter über Nacht zu funkelnder Kitschbeleuchtung in Pipilottiristfarben gereift. Vergleichstest: schmeckte der Hinterrhein mineralisch, schmeckt der angeeiste Vorderrhein vor allen Dingen weich. Jenseits des Rheinflüßleins ragt der düstere Kaltwald, und diesseits auf Rueras, Sedrun, an dessen Holzhäusern Vic Hendrys romanische Heimatgedichte zu lesen stehen, blöken die Schafe vor fototapetentauglicher Bergkulisse ihr ewiges warum? warum? warum?

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”