Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Presserückschau (Dezember 2012)

Zum Jahreswechsel passend erscheint auf unserem Screen die Frage, ob nicht eigentlich immer wieder dasselbe in der Zeitung stehe? Für die Presserückschau dürfte eine Bejahung dieser Frage bedeuten, daß sie fortzuführen ab einem gewissen Grad an Themenabdeckung überflüssig würde. In der Vergangenheit haben wir tatsächlich den ein oder anderen Zeitungsartikel nur unwesentlich verändert oder ganz identisch zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Stellen vorgefunden. Würden zigtausende Rheinmeldungen aus hundert Jahren überblendet/auf Schnittmengen untersucht, was wären die zentralen/häufigsten Begriffe/Themen? Folgt eine Nachricht der Aktualität nicht nur, sondern nimmt sie die Aktualität auch vorweg, sodaß sie beinahe blind, ihrem konkreten Anlaß weitgehend entkoppelt lanciert werden könnte?

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“Warum gibt es im Rhein keine Aale mehr?“ fragt die Badische Zeitung und schildert ihre Vorort-Recherchen: „Für Sekunden zuckt der Aal im grünen Netz. Dann schlägt der Schwanz geschmeidig nach hinten aus, der glitschige Fisch landet im aufgewühlten Wasser des Grand Canal d’Alsace bei Kembs. Er trägt einen Sender unter der weißen Bauchhaut. Er ist einer von 50 Akteuren. Französische Forscher wollen herausfinden, warum die Aalbestände in Europa und besonders am Rhein dramatisch zurückgegangen sind. Über die Ursachen wird spekuliert: Wasserkraftanlagen und Stauwehre, Umweltverschmutzung, Pilzkrankheiten oder Überfischung in manchen Flussmündungen? (…) “Gesichert ist, dass es innerhalb weniger Jahre in den 80er-Jahren zu einer Zäsur gekommen ist”, erklärt Sébastien Manné vom Amt für Wasser und Wasserlebensraum, er überwacht das Forschungsprogramm. Die Zahl der Aale ging danach um 95 Prozent zurück.“ Am Niederrhein wiederum wird der Aal fleißig gefangen, jedoch vor seinem Verzehr gewarnt, weil der Fisch zuviele Schadstoffe aus chemischen Altlasten am Rheingrund enthalte.

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Über ein dreijähriges deutsch-niederländisches Projekt, an dem auch die Hochschule Rhein-Waal beteiligt war und das nun 81 Buchseiten abwirft, schreibt die Rheinische Post. In der Publikation „Genießen im Grünen – Groen genieten in der Region Rhein-Waal“ seien die Vorzüge der wenig bekannten „grünen Insel“ zwischen den Ballungsräumen Rhein-Ruhr und Randstad Holland dargestellt: „Wunderschön wird der Niederrhein in all seinen typischen Facetten dem Leser vor Augen geführt. So sieht man große Heuballen vor der Silhouette der Schwanenburg: „Selbst in Städten wie Kleve ist es am Niederrhein nie allzu weit bis zum nächsten Acker.“ Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der Produktion: „Das Ackern liegt dem Niederrheiner im Blut“. Auch Grünkohl, Eier von frei laufenden Hühnern, Weizenanbau, Äpfel mit roten Backen oder Käseerzeugnisse sind Wirtschaftszweige der Zukunft.“

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„Die Leverkusener Rheinbrücke ist für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen gesperrt worden. Enorme Schäden hätten diese Maßnahme notwendig gemacht, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Ob die Mängel überhaupt zu reparieren sind, ist unklar.“ (Kölner Stadt-Anzeiger)

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„Cette semaine, le projet commun des neuf ports du Rhin Supérieur a été lancé – le «corridor européen multimodal du Rhin Supérieur» devient ainsi une réalité, constituant un maillon central du transport fluvial sur l’axe Rotterdam – Gênes. L’Europe des transports est en train de se constituer et le Rhin Supérieur fait partie des éléments centraux donnant en même temps un exemple d’une coopération tri-nationale réussie“, teilt das euroJournal mit. Dem „multimodalen Korridor“ gehören die Häfen von Straßburg, Colmar, Kehl, Karlsruhe, Ludwigshafen, Mannheim, Basel, Mülhausen und Weil am Rhein an.

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Von einer halbwegs höllischen Passagierkonzentration auf der Bellriva berichtet die Frankfurter Rundschau: „Auf einem Rhein-Kreuzfahrtschiff vor Wiesbaden sind in der Nacht zum Samstag mindestens 54 Reisende an schwerem Brechdurchfall erkrankt. Weil die Ursache dafür zunächst völlig unklar war, wurde das Hotelschiff unter Quarantäne gestellt – niemand durfte von Bord.“ Als Verursacher wird der Norovirus vermutet, die Feuerwehr sei ihm bereits auf der Spur. Die größte Gefahr beim Norovirus bestünde in Dehydration. (Wahnsinnsidee: Ein Süßwasserschiff voller Dehydrierender, die sich in üblen Schwällen die Seele aus dem Leib treiben. Hieronymus Boschs Visionen als Wirklichkeit vor Wiesbaden.) Ein Fluch scheint auf der Bellriva zu liegen: „Das Schiff war erst im Frühjahr dieses Jahres in die Schlagzeilen geraten, nachdem es bei Karlsruhe von einem Lotsen auf Grund gesetzt und dabei fast versenkt worden war.“

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Ein Zusammenschluß namens „Trinationale Metropolregion Oberrhein“ betreibt „das touristische Leuchtturmprojekt “Upper Rhine Valley”“, meldet baizer.ch, das Portal des Wirteverbands Basel-Stadt: „Neue Vorhaben, die auch in der Region wirken und dort die Wahrnehmung stärken, sind die Entwicklung und Installation von Schildern, die den Eintritt ins “Upper Rhine Valley” an allen Autobahnen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kennzeichnen, die Entwicklung und Kennzeichnung grenzüberschreitender Ein- und Mehrtagesradtouren sowie die Verbindung der Weinstrassen links und rechts des Rheines zu einer gemeinsamen “Oberrheinweinstrasse”.“

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Hat das die Loreley getan? Eine Meldung aus der Frankfurter Rundschau: „Ein mit Stahl beladenes Güterschiff ist (…) auf dem Rhein bei Sankt Goar nahe der Loreley auf Grund gelaufen. (…) Ursache der Havarie sei ein Fehler des Schiffsführers gewesen.”

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„Am 26. März 2013 organisiert das grenzüberschreitende Forschungskonsortium Neuro-Rhine im Plenarsaal des Conseil Régional d’Alsace in Straßburg einen internationalen Kongress für Experten und Praktiker der Neurogenese und der Neuroprotektion“, verkündet rmtmo.eu, das Portal der offenbar anglofilen „Trinationalen Metropolregion Oberrhein“ (siehe 6) bereits jetzt: „Neuro-Rhine ist ein Konsortium von 10 Partnern aus der Trinationalen Metropolregion Oberrhein und Umgebung: Universitätsklinikum Freiburg, SATT CONNECTUS Alsace, Centre National de Recherche Scientifique (CNRS), Région Alsace, Association Neurex Alsace, Universität Basel, Universität des Saarlandes, Land Baden-Württemberg, Land Rheinland-Pfalz.“

Ansonsten jede Menge Berichte zu den Hochwasserständen (“der Rhein ist für die Schifffahrt gesperrt”; “der Rhein darf wieder von Schiffen befahren werden” etc etc), die in ihrer schubartigen Häufung zeitgeraffte Plastiken in unserer Imagination hervorrufen: eine Art holografischer Tischrhein zum Selberbedienen, dessen Vorbild eine Kreuzung aus Modelleisenbahn und Strömungsbecken mit lyrischen Unterständen sein könnte.

Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.