Hick (2)

Es war noch heller Tag, als er in Cöln ankam. Er verkaufte seine Kuhhaut, aber er erhielt nur weniges dafür, nicht mehr als er in Liebershausen auch würde bekommen haben, wenn dort Geld gewesen wäre. Seinen Vogel wollte ihm Niemand abkaufen. Ziemlich mißmüthig kehrte Hick in einem Wirthshause am Heumarkte ein, um sich durch ein Glas Bier zur Rückreise zu stärken, – Man hat ein altes Sprichwort: Wo der liebe Gott eine Kirche hat, da hat der Teufel eine Kapelle nebenan! Ist dieses Sprichwort ein Wahrwort, so muß der Teufel in Cöln viele Kapellen haben. Dem Hick schien das Wirthshaus in dem er eingekehrt war, wirklich eine solche Teufelskapelle zu seyn; denn, während der Mann nicht zu Hause war, sah er die hübsche junge Wirthin in einem Kammerchen neben der Wirtsstube einen glatten, vollgenährten Mönch mit Wein und Schinken und Wursten tracktiren und dabey die Beyden allerley Kurzweil treiben, die sie vor dem Manne wohl schwerlich hätten mögen sehen lassen. Hick stellte sich jedoch, als bemerke er nichts, und trank ruhig sein Glas Bier, indem er seinen Raben streichelte.

Auf einmal sah die Wirthin über den Heumarkt her ihren Mann ankommen. Darüber gerieth sie in große Angst, denn er war schon zu nahe, als daß sie den Mönch unbemerkt hätte aus dem Kämmerchen schaffen können, und eine Hinterthür hatte dieses nicht. Sie versteckte daher, so gut es angehen wollte, den Mönch unter der Treppe, und warf den Schinken unter eine Kiste, und die Weinflasche in das Bette. Dann trat sie, wie die Weiber wohl zu thun pflegen, gar freundlich und zärtlich ihrem hereinkommenden Manne entgegen. Doch als dieser ihr glühendes Gesicht bemerkte, und sie darüber etwas verwundert ansah, ging sie verwirrt hinaus.

Der Wirth sah ihr eine Weile sinnend nach; dann aber fiel ihm der Fremde mit dem Raben auf, und nachdem er Beyde eine Zeitlang gemustert, fragte er den Hick: Uemchen wat haad he do för en Dier?

Da bekam der listige Hick einen sonderbaren Gedanken. Einen Wahrsager! antwortete er. Einen Wahrsager: wiederholte der Wirth, stutzte, warf einen zweifelhaften Blick auf die Thüre, aus der seine Frau gegangen war, rieb die Stirne, und bat den Hick, den Vogel etwas wahrsagen zu lassen.

Recht gerne! meinte Hick, aber nur nicht umsonst!

Der Wirth zog Geld hervor, ein ganzes Quärtchen, und gab es dem Hick. Und dieser kniff seinen Raben in den Schwanz, und der Rabe schrie mit lauter Stimme: Quak! quak!

Wat haad he gesagt? fragte eifrig der neugierige Wirth.

Er hat gesagt, antwortete Hick, in dem Kammerlein dort liege eine Flasche Wein im Bette!

Schnell eilte der Wirth in das Kämmerchen, suchte im Bette und fand die Flasche Wein, die nur noch zum dritten Theile voll war. Er wurde glühend roth im Gesichte, und rieb sich heftig vor der Stirne. Dann aber ging er zum Hick zurück, und verlangte, der Vogel solle noch mehr wahrsagen.

Recht gerne! meinte Hick wieder; aber ich muß auch mehr Geld haben!

Der Wirth zog noch ein Quärtchen hervor, und dann noch eins, und ein drittes und viertes, weil Hick immer den Kopf schüttelte. Als aber nun der Kronthaler voll war, kniff Hick seinen Raben wieder in den Schwanz, und dieser schrie wieder: Quak! quak! – Und der Wirth fragte wieder eifrig, was er gesagt habe?

Er hat gesagt, antwortete Hick ruhig, unter der Kiste dort stehe ein Schinken.

Auch den Schinken fand der Wirth, und glühete stärker und rieb seine zuckende Stirne immer heftiger, und verlangte doch noch eifriger von Hick, der Vogel solle ihm noch mehr wahrsagen. Allein Hick war klug. Heute nicht! antwortete er; es schmerzt den Vogel zu sehr, wie auch sein Schreyen Euch kund gibt. Wartet bis morgen!

Aber der Wirth konnte keinen Augenblick mehr warten. Nein, gleich! rief er, auf der Stelle muß er wahrsagen! und er warf all sein Geld auf den Tisch, das er bey sich trug; drey, vier, fünf Kronthaler. Dem Hick lachte sein Herz im Leibe über den Anblick des schönen Geldes, aber er hielt sich doch standhaft; da wurde der Wirth fast wüthend, und schloß einen Schrank auf und nahm ein blankes Goldstück daraus und legte das zu den Kronthalern. Da konnte denn auch Hick nicht länger mehr an sich halten, er kniff das Thier zum drittenmale in den Schwanz, dieses schrie wieder laut sein: Quak, quak, und der listige Lieberhäuser offenbarte nun: Unter der Treppe stecke ein Mönch!

Bebend vor Zorn stürzte der Wirth in das Kammerchen, zu der Treppe, zog mit gewaltiger Faust das bleiche Mönchlein hervor, und – die Szene, in der jetzt Eins der zehn Gebote mit kraftigem Arme ausgelegt wurde, bedarf wohl keiner Beschreibung.

Hick, im Besitze seiner Reichthümer, sah unterdeß sehr ruhig und zufrieden zu, ließ sich noch ein Glas Bier geben, und wollte sich dann zur Rückreise anschicken. Doch der eifersüchtige Wirth wollte ihn mit dem Vogel nicht ziehen lassen. Den Wahrsager, rief er, lasse ich nicht wieder aus dem Hause; Ihr müßt ihn mir verkaufen!

Hick aber schüttelte listiger Weise gewaltig den Kopf. Das Thier ist mir nicht feil! erwiederte er, aber desto wohlgefälliger lächelte er, als der Wirth wieder den Geldschrank aufschloß, und den Beutel hervorzog, in dem die Goldstücke waren.

Drey zählte er davon auf, blank und glänzend, und verlangte den Vogel dafür; noch drey legte er dazu, als Hick noch nicht ja sagen wollte. Da strich dieser das Geld ein, gab den Vogel ab, und lief, was er laufen konnte, aus Cölns Mauern heraus.

Arm war Hick aus Lieberhausen gegangen, der ärmste des Dorfes; als ein reicher Mann kam er zurück. Nicht blos er, kein Mensch in ganz Lieberhausen hatte je so viel Geld beysammen gesehen. Mit Gewalt wollten die Lieberhausen daher wissen, wie Hick dazu gekommen sey. Tag und Nacht bestürmten sie die Hütte als Beneidenswerthen, der jetzt jeden Abend seine Kinder satt futtern konnte, und fragten ihn, woher er die Reichthümer bekomme habe?

Ich will es Euch sagen, antwortete Hick zuletzt, für meine Kuhhaut; das Zeug ist dort entsetzlich theuer!

Da frohlockten die Lieberhäuser, und schlachteten auf der Stelle all ihr Vieh, daß am andern Morgen keine lebendige Kuh mehr in Lieberhausen war. Die Häute luden sie auf und wanderten damit nach Cöln und sangen und jubelten vor Freude. Aber wie fanden sie sich betrogen, als in Cöln die Kuhhäute nicht theuerer waren, als in Lieberhausen auch! Der Verdruß und der Aerger des gefoppten Volkes war unglaublich; aufs höchste erbittert gegen Hick kehrten sie heim, und beschlossen einmuthig, ihn, als die alleinige Ursache ihrer Schmach und ihres Unglücks, zu tödten. Lange gingen sie zu Rathe, auf welche Art sie dieß ins Werk stellen sollten, zuletzt schlug Einer vor, man solle eine große Tonne kaufen, in dieser den Hick einsperren, und ihn so zum Rheine wälzen, um ihn dafür seine hinterlistige Lüge büßen zu lassen, wohin dieser sie gefoppt habe. Mit Freuden wurde dieser Vorschlag angenommen. Man kaufte in der Stille eine große, starke Tonne, überfiel dann eines Morgens den Hick, als dieser eben mit seinen Kindern bey dem wohlschmeckenden Frühstücke saß, warf ihn in die Tonne, schlug den Boden derselben hinter ihm zu, und rollte ihn dann unter wildem Gejauchze zum Rheine. Das ganze Dorf ging mit.

Gorrh (7)

Postkarnevalistischer Vorfrühling scharwenzelt über Hof und Balkon, noch gefiederloses Amselgethrashe, erwachende („wrrrr-wwrrrr!“) Motoren in Nachbars Garagen, Kinder bewerfen einander mit Dreck, die Winterschlieren am Fenster geraten in suizidale Tendenzen, mein Schreibtisch fließt über von (Auftrags)Oden an und noch (und womöglich bis in alle Ewigkeit) rumpelnden kleinen Sonetten über das pumpelnde kleine Fürstentum Liechtenstein, dazwischen geraten hinterkopf-hinterrheinische Geräuschfolgen aus den Letztjahresspeichern, entlarvt, ihre staubigen Lungenflügel spreizend, fratzen in die Gegend, während übern Schreibtisch breit und frei ein kölscher Rhein hinwegfließt (ab Pegelstand 6 Meter demnächst auch in die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, dann wird geflutet, du klitten Hera, weißte schon!) und der Screen in psychedelischer Konzentrik vor sich hin-, aus sich heraus-, in sich hinein-, doch nie über sich hinausprojiziert: die scheinbare Gegenläufigkeit strömender Zyklik, ihr mit Normspin, Nuspeln und Waspeln bedachtes Wummern, Schummern, Kreisen, Strahlen, eine winzigkleine echsenlederne Gorrhfigur zieht blank am jenseitigen Ufer (welches immer auch das diesseitige reflektiert), und an einem einst so statisch wirkenden, mittlerweile von einem unsichtbaren  ortsansässigen Künstler atomisierten handlichen Individuum von Stein vorbei zieht fenakistiskopisch die Panta Rhei mit verschlepptem zweiten N wie eine brustschwimmende Göttin des Kohle-Stahl-Zeitalters, geht pixelweich auf im Rahmenschwarz eines meiner rotierenden Weltausschnitte und während ich mich anstelle, das Video per Zeitregler zu scratchen, umfängt mich ein an- und abbrechendes Rauschen (mit Untertönen von Plätschern, Blütschern, Glucksen, Placksen und Plockern), the sound of rhinesense, bleibt nur noch: den Text zu schlürfen und den bösen blauen Bleiglasfenstern gegenüber mir nichts anmerken zu lassen, die sehen nämlich schwer bezahnt aus, vermitteln bürokratische Aggressivität, Gorrh scheint tatsächlich zurück mit seinen Froschaugen und Giftstacheln, zurück aus unsern zensierten Träumen, in denen er den Rhein noch packte, zwirbelte und in die Lüfte schleuderte wie so ein Band bei der rhythmischen Sportgymnastik, doch davon wissen wir nichts, davon wissen wir nix, wissen wir nix, nix, nix, garnix (und das ist wohl auch besser so).