Mitten im Hinterland

Bei Au am Rhein raus ausn Auen, hoch aufn Deich. Vom Überlandniesel weichgezeichnet die wohlgewachsnen Schwarzwaldrücken. Im frühlingsgrünen Tal: Fischervereine, Obstwiesen, Imkereien. In großzügiger Manier drüber weggetupft: Gottes jahreszeitlicher Apfelblütenpointilismus. Dann doch nochmal kurz rein in die Auen, hier verläuft der Goldkanal, aus dem Göring die letzten Gramm Rheingold fördern und sich daraus einen Nibelungenring schmieden ließ. Gegenüber im Elsaß liegen Mothern und Munchhausen. (Eine Liste der elsässischen Ortsnamen fertigen!) Auf Illingen zu weist ein Schild ins Nichts: „Badische und deutsche Küche“. Da gibt es Unterschiede. Im Doppeldorf Elchesheim-Illingen beherbergt die Kirche das „Museum der Arbeit“ – stilvoll hat es nur jeden zweiten Sonntag für kurze Zeit geöffnet. Die Bushaltestelle am Museum der Arbeit ist mit „Heimatmuseum“ ausgewiesen. Heimat ist Arbeit. Und Arbeit ist Heimat. Es ist früher Nachmittag unter der Woche: da haben alle zwonhalb Läden im Ortskern geschlossen. Doch außerhalb des Ortskerns spielt sich ein Weniges an Leben ab. Wie überall im badischen Hinterland markiert der E aktiv markt das gesellschaftliche Zentrum, in diesem Fall ein luftiger, heller, von einer Mittelsäule gestützter Holzkuppelbau, dessen penibel nach antiken Mosaikregeln sortierte Regale so gut wie alles vorstellbar Käufliche bieten, in kunterbunte Hüllen fein säuberlich verpackt und mit einer Ordentlichkeit aufgereiht, daß nirgends ein Millimeter vorsteht und man sich vorab schämt, etwas in diesem perfekten Kosmos zu verrücken. Angesichts der Regalfülle ist der Supermarkt (ein solcher ist es tatsächlich im Wortsinn) sehr dünn besucht; hinter der kombinierten Wurst-, Fisch- und Käsetheke bewegen sich wegen örtlicher Interferenzen kaum wahrnehmbare Bedienungen in einem eigens für sie erfundenen Tempo, sorgen wohl frühmorgens für das sinnliche Thekendekor aus Plastikkrebsen, geschreddertem Eis, sowie Austern- und Jakobsmuschelschalen, lassen den Tag fortan einen lieben Bruder sein, und wenn sie gen Kaffee- und Kuchenzeit dem Fremden einen Olivenring mit Lyoner belegen, so kommt er nicht umhin zu konstatieren: „Hier werden die Dinge noch mit Liebe gemacht.“ Vor dem E aktiv markt liegt ein regennasser Parkplatz, auf dem sich Autos wie bei einem in Zeitlupe praktizierten Gesellschaftsspiel verschieben. Verschwommen grüßen freundliche Menschen hinter Brillengläsern und verwandeln sich in kleine schillernde Fischchen oder Benzinpfützen. Die Kirchglocke schlägt. Es ist sehr schön hier, doch treibt mich das Wissen um die dortige Volksschauspiel-Freilichtbühne nach Ötigheim oder Etche bzw. Etje wie die Einheimischen sagen. Dieselbe liegt auf einer leichten Anhöhe, erreichbar über einen Kreuzweg mit 14 Stationen inkl. Wiederauferstehung. Die Tore zum Gelände sind verschlossen und kaum zu überklettern. Mitten in meine Enttäuschung ertönt aus unbekannter Himmelsrichtung plötzlich vehementes Geschimpfe aus Frauenhals, es scheint ernsten Streit zu geben, eine Männerstimme mischt sich ein, Mord und Totschlag liegen in der Luft als die Frauenstimme zum zweiten und dritten Mal „zum Donnergrummel!“ verlauten läßt wird allmählich klar: es kommt aus Richtung Bühne, es laufen Proben im Regen. Rückkehr über Elchesheim-Illingen, Bernies Bistro hat nun geöffnet, die Gemeinde vom Vorabend (und den andern Abenden vor dem Vorabend) findet sich allmählich ein, Berni erzählt von sommerlichen Dorffesten, die wegen des Doppeldorfcharakters eben auch alle doppelt stattfänden. Als ich in die Runde frage, ob Elchesheim-Illingen denn für irgendetwas Besonderes stünde, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Nein, so etwas gibt es hier nicht.“

Rheingold

Google liefert bald anderthalb Millionen Treffer zum Suchbegriff „Rheingold“, in Kürze wohl sogar noch einen mehr. Zeit, die Quellenlage zu wechseln. Paul Hübner schreibt in seinem Buch Der Rhein – Von den Quellen bis zu den Mündungen: „Im Jahre 1943 stellte ein im Reichsauftrag der „Gesellschaft für Lagerstättenforschung“ eigens für die Goldwäscherei konstruierter Schwimmbagger mit dem bezeichnenden Namen „Rheingold“, der 120 Kubikmeter in der Stunde schaufeln konnte, bei Illingen zwischen Rastatt und Karlsruhe seine Arbeit zur Suche nach Gold aus dem Rhein ein. Die nach Berlin geschickten Schürfberichte gingen im Krieg verloren. Der Erfolg lohnte den Aufwand nicht.“ Ganze 300 Gramm Gold soll Göring auf diese Weise aus dem Fluss erbeutet haben, berichtet an anderer Stelle das Nachrichtenmagazin Focus. So werden Traditionen beschlossen. Das Rheingold hat schließlich in mythische Zeitalter reichende Wurzeln, sowohl jenes, das von früheren Oberrheinern aus dem Strom herausgewaschen, als auch jenes, das von einäugigen Rächern in ihn hineingekippt wurde. So kamen in der sagenhaften Pfalz früher Bergmännlein gern zum Rhein, weil es dort Gold und Silber gab. Wahrscheinlich nachts, denn: „Morgenrot ist Zwergentod“. Das wußten schon (oder: noch?) die Verfasser der Edda. Laut Hübner „beschrieb der Mönch Rogkerus ums Jahr 1100 bereits die Technik des Goldwaschens genauso, wie sie von den letzten Goldwäschern bei Rastatt bis ins 20. Jahrhundert geübt wurde. Der letzte oberrheinische Goldwäscher starb 1944. (Nun, vielleicht auch nur der vorerst letzte, Anm. des Lesers.) Rogkerus schildert, wie der goldhaltige Sand auf Holztafeln übergossen wird, damit der Sand weggeschwemmt, und das schwere Gold, das von Quecksilber aufgesogen wird, übrigbleibt. Selbst die Darstellung des Schmelzens des so gewonnenen Rheingolds entspricht in den Einzelheiten dem bei den badischen Goldwäschern angewandten Verfahren.“ Ob der Fluß auch den Nibelungenhort feingerieben und der Sonne zugewaschen hat? Oder wo steckt der? Eine Quelle geht davon aus: im Loreleyfels, der, bevor er durch einen Bergsturz sein elbisches Echo verlor, hohl und von Felselben bewohnt war. Müßte wohl gesprengt werden, der Fels, um das rauszufinden. Oder liegt der Schatz weitab des heutigen Stromverlaufs unter rheinhessischer bzw. rheinpfälzischer Erde? Da wäre viel Platz zum Probebohren. Vielleicht hocken da unten auch noch ein paar antike Fabelwesen, grimmige, schatzbeschützende, mit reißenden Fängen? Die man mal zutage fördern könnte. Oder ist der Nibelungenhort längst ins Prägegold eingegangen, als hintergründig waberndes Gegengewicht zu all dem Papier, mit dem wir heute vordergründig bezahlen?