Mairhein

Saisonal paßgenau schickt Ron Winkler einige umrheinte Zeilen aus Herman Gorters Langgedicht Mei, Mai zu deutsch, in windschwankender Übersetzung von Max Koblinsky – eine Publikation von 1909:

(…) Das Gras wogte wie Frauenhaar, den Wind
Begann der Wald zu wiegen, wie ein Kind,
Das klagend schlafen ging, und aufgewacht,
Geschlossen noch die Augen, weiter klagt:
Säuseln und Blätterwinken machte ihn
Bald wieder froh. Und Wolken von Karmin
Trieben wie Seegras hin und her, es waren
Bewegliche Halbinseln an dem klaren
Besonnten Horizont. Die Erde lag
Und dunstete: gleich einem Glutenbach,
Aus dessen offnem Munde kam geflossen
Wollust, gelblicher Dampf, doch reichlich gossen
Kühlung die Stromvasen: Donau und Rhein,
Vergiessen Wasser so und kühlen Wein.
Und Wind kam, an der Erde Antlitz wehend.
Die Wälder bebten, auf den Bergen stehend;
Der müde Staub von Porphyr und Granit
Verflog, des Bergbachs goldner Schaum flog mit,
Doch fühlten ihn in jedem grünen Tal
Weder die Blume, noch des Baches Fall.

So ward die Luft von Windrumoren voll,
Und Stimmgekos` aus Vogelkehlen scholl
Wie Bachflut mit, aus ihren Höhlengründen
Sprangen wie Tiere Flüsse; aus den Schlünden
Und Lungen brummend. Doch der Sonnenschein
Füllt` Mai den Blick, der macht die Ohren klein.
Ihr Auge wurde grösser, eine Glut
Entflammte Wang` und Hals, das rote Blut
Rauschte, sie hört` es kaum. Es kam der Wind
Auf sie gleich einem Liebesboten, lind
Wehend, mit Salben und Riechwasserduft.
Sie atmete den Weihrauch der Luft
Und liess ihn doch vorbei. Es fingen dann
Gedanken um ihr Haupt zu schwärmen an
Wie Bienen, einer dicht dem andren nach,
So dass sie nicht verstand, was einer sprach.
Die Ohren summten ihr, es kam ihr vor,
Als ständen leis sprechend vor ihrem Ohr
Viel Lippen, und als steigert`, süss und schwer,
Jedes der Worte ihr Erröten mehr.
Und`s war, als ob die süssen Worte in
Sie führen und in Reih` doch ohne Sinn
Wie Schiffchen umtrieben auf ihrem Blut,
Den ganzen Körper durch, in Ueberflut
Von Herzwärme. Sie fühlt nicht, ob sie her
Von aussen kamen wie ein Bach ans Meer
Strömt, oder ob sie einen Bronn aussprühte
Aus sich selbst in die Sonne. Doch es glühte
Alles vor ihren Augen, und in Grelle
Funkelte es springend, wie eine Schelle (…)