HEL über Köln

Fixpoetry bringt diese Woche unter dem Titel Apocalypso Ausschnitte aus einem Briefwechsel zwischen HEL (Herbert Laschet-Toussaint) und Ulrich Bergmann. Beide unterhalten sich darin achtzehn Jahre lang über Deutschland und Europa, dh, den Unter- und Wiederaufgang des Abendlands inkl. Kapitalismus, Sozialismus, Faschismus, Katholizismus, 68ern, Türken, Literatur (Thomas Mann, Günter Grass, Bertolt Brecht, Social Beat) und natürlich Beuys. Das alles sind rheinische Themen, Bergmann lebt in Bonn und HEL schleicht als genuin belgischer Rheinländer nur deswegen allnächtlich über Berliner Endmoränen, weil dort seit den späten 80ern das offizielle deutsche Dichterreservat eingerichtet ist. Dabei denkt HEL auch an seine früheren Wirkungsstätten und kommt zu erstaunlichen Schlüssen über eine verkannte Stadt: “(…) Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel. (…)” Der Briefwechsel über sieben Web-Etappen ist hier nachzulesen.

HEL und Joost van den Vondel

Jüngst telefonierte ich mit HEL alias Herbert Laschet-Toussaint, Ostbelgiens und Deutschlands großem Dichter, und natürlich kam die Rede alsbald auf den Rhein. “Du kennst das von dem Holländer?”, meinte HEL und ich antwortete: “Vondel, dem der Park in Amsterdam gehört?” “Genau. Das mußt du aber im alten Original lesen und bringen, das läßt sich ganz gut verstehen”, meinte HEL, der selbst aus dem passenden Sprachraum stammt und gerade erfolgreich eine Suche nach einer im Internet verborgenen Liste mit Vokabeln einer jüngst katalogisierten altthrakischen Nebensprache in Auftrag gegeben hatte, deren Verständnis dem Deutschen an sich ungleich schwieriger erscheinen mag als barockes Niederländisch. Ich kannte Vondels furioses Rheinpoem bis zu diesem Zeitpunkt einzig auf Deutsch und hielt aufgrund der Kölner Herkunft des Dichters irrigerweise sogar für möglich, daß es im Original auf Deutsch abgefaßt worden sein könnte. HEL wußte es besser, er weiß eigentlich sowieso fast alles über Lyrik. An dieser Stelle nun kommt Google ins Spiel, dessen ausufernde Scan-Bibliothek die Recherchen zu Rheinsein seit Frühjahr 2009 enorm erleichtert und bereichert hat. Die Entwicklung von Google Books habe ich seitdem mit großer Euforie verfolgt, dort bin ich umstandslos an seltene oder vergessene historische literarische Zeugnisse gelangt (nicht alle, aber zunehmend mehr von denen, die ich suchte), die ich mir sonst nie hätte leisten können oder nur unter sehr hohem Aufwand für kurze Zeit hätte einsehen können. Solche Schriften sind nun also gebührenfrei und Vollzeit auf Selbstzugriff verfügbar. Ich empfinde das als revolutionär, mit der Sprache der Unterdrückten, und als Segen, mit der Sprache der Unterdrücker. Bei aller Euforie bleibt gegenüber Google Books eine gesunde Skepsis: positive Entwicklungen können sich in negative kehren, häufig genug passieren solche Kehren allzu schnell. Daher ließe sich jedem Interessierten empfehlen, sich mit elektronischen Downloads historischer Ausgaben zu versorgen, solange sie derart umfangreich und frei verfügbar sind. Seit gestern ist das Gesamtwerk Joost van den Vondels hier eingecachet. Die Originalversion, fiel mir auf, ist mit ihren 18 zehnzeiligen Strofen deutlich umfangreicher als die deutschen Versionen, die mir bisher bekannt waren – und die sich vornehmlich auf die “deutschen” Elemente des Poems beschränkten. Außerdem ist Vondels Rynstroom, den ich unten in bildschirmgerechten Häppchen gepostet habe, ein äußerst seltenes (dazu gleich ein so mächtiges!) unter den mir bekannten Zeugnissen für die Beschäftigung niederländischer Lyriker mit dem Rhein, was ich für umso erstaunlicher halte, als er schließlich ihr Land von Osten her ganz wesentlich aufschwemmt.

Aachen

Aachen ist eine der am weitesten vom Rhein entfernten rheinischen Städte. Am Bahnhof grüßen Ochsenaugen aus den Bäckereivitrinen, Printen pflastern meinen Weg in die Innenstadt, deren Halbwelt der Dichter HEL in den Achtzigern in ebenso grandiosen wie unbekannt gebliebenen Langgedichten besungen hat. In der Elisengalerie, moderne Shopping Mall, ragt eine wunderbar chaotische Skulptur mittels Hindernisstangen gebarrter Springpferde unter die Decke. Überall in der Stadt weisen weitere, durchaus originelle Pferdeskulpturen aufs CHIO. Erdbeerfrappée im Elisenbrunnen Café, hinter dem frühe Feuerstein-Siedlungsspuren und Römerzeitliches freigelegt und ans Tages- bzw ins Museumslicht gezogen werden. Aachen kommt von altdeutsch aha=Wasser, zahlreiche Brunnen und auch ein Tümpel zieren das Stadtbild, heiße Quellen und Wasserläufe blubbern und rinnen unterirdisch, bisweilen auch eingefaßt dahin, allein was fehlt: ist ein frischer mächtiger greifbarer Fluß, auf den keine Stadt von Rang verzichten sollte. (Was Aachen umfließt, nomina sunt omina, heißt Wurm und Rur.) Der berühmte Kaiserdom wurde mithilfe des Teufels erbaut. Als den Aachenern das Geld für den Dombau ausging bot ihnen Luziferus Abhilfe unter der kleinen Bedingung, ihm solle die erste Seele gehören, welche das fertige Domportal durchschreite. Die Aachener dachten nach und schickten schließlich einen Straßenköter vor. Derart gelinkt geriet der Teufel beim Seelenabholen in Rage und schlug die Domtür zum rauschenden Abgang so heftig zu, daß er dabei einen Daumen verlor, der bis heute im Eingangsbereich des Domes schwefligböse dünstet, weil er irgendwie unglücklich ins Türschloß geraten ist. Das Aachener Domkapitel lobt ein goldenes Kleid aus für denjenigen, dem es gelingt den Daumen hervorzuholen. Wie sehr allerdings Aachener Versprechen in Teufelsdingen zu trauen ist, erzählt die Geschichte selbst. Die noch weiter geht. Der Teufel wollte die Aachener Schmach nämlich nicht auf sich sitzen lassen. So stürmte er auf die Gestade der Nordsee zu, wo er zwei prall gefüllte Säcke Strandsands requirierte, um Aachen ein für allemal damit zuzuschütten. Unter ebenfalls praller Hochsommersonne wurde ihm die Schlepperei jedoch schwer. Knapp vor den Toren der Stadt, die er aus einer Senke aber nicht erkennen konnte, begegnete er einer ärmlichen Marktfrau mit zerschlissenem Schuhwerk und fragte sie, wie weit es noch bis Aachen sei. Die Frau hatte den finsteren Gesellen sofort an Pferdefuß- und Schwanzmerkmalen identifiziert und sagte schlau: „Mein Gott, bis Aachen ist es ja noch ewig, so lang lauf ich schon von dort bis hierher, daß meine Schuhe beginnen, von den Füßen zu fallen.“ Da verlor der Teufel die Lust an seiner Rache und schüttete die Sandsäcke an Ort und Stelle aus, wodurch der heute städtische Lousberg entstand, der eine prima Sicht auf Stadt und Umland und bisweilen sogar Literaturveranstaltungen im Freien bietet. Lous aber bedeutet im Oecher Idiom schlau und bezieht sich auf die gerissene Marktfrau oder auch die gesamte katholische Stadtbevölkerung, die sich als zu clever für den Antichristen erwies.