Der rheinische Biber (2)

Nach unserer überraschenden Bibersichtung wurde uns zunehmend feierlich zumute und so nahmen wir – trotz aller dem Kampf mit dem Unterholz und den gedehnten Pirschzeiten geschuldeten Erschöpfung – noch am selben Abend den mühsamen Weg aus den schier endlos sich streckenden Außenbezirken ins Vaduzer Zentrum in Kauf, um in einer der zahleichen Bohèmebeizen des Städtles, dem berühmten Bermudadreieck des metropolen Alpenmolochs, bei lokalem Bräu die Bedeutungsebenen unserer Entdeckung einer experimentellen Primäranalyse („bierinduzierte Hellsicht nach Achternbusch“) zu unterziehen.

Im Städtle war denn auch, im schummrigen Ausgehmilieu leicht an ihren dynamischen Brillengestellen auszumachen, die akademische Elite Liechtensteins beim wochentäglichen Absacker versammelt. Um geschmeidiger mit der (aus internationalem Blickwinkel) als leicht verstockt geltenden ansässigen Intellektuellenriege ins Gespräch zu geraten, hatten wir zur wohlfeilen Assimilation vorab derartige Brillengestelle besorgen lassen. Tatsächlich gelangen bald zaghafte Tresengespräche über aktuell vorherrschende Geistesthemen wie die mehr oder minder komplexen Gefühlswelten, welche ständige, nicht selten hohe Fußballniederlagen an diversen Rheingestaden hervorzurufen vermögen.

Als wir in der Folge, d.h. im Überschwang des perplex-erfolgreichen Forschers, auch beflügelt vom Bräu, vorschnell unsere Beobachtungen entdeckten, prallten wir – als hätten wirs uns nicht denken können! – auf eine übertresenhohe Mauer aus Skepsis: Biber in den Vaduzer Außenbezirken? Man hielte das für Ammenmärchen, urban legends mit anderen Worten, wenngleich bei den Außenbezirken der weitläufigen Kapitale von Urbanität zurecht die Rede nicht eigentlich mehr sein könne. Wir sollten, kams trockenen Ratschlags aus einer bräudräuend-bräuleuchtenden Ecke, bei allem Respekt, die Kirche im Dorfe lassen und den gewöhnlichen Bisam, den man freilich auch als zivilisierter Hauptstädter bestens von diversen Exkursionen in die Wildnis, auf die man als natürliches Reservoir hochgradig stolz sei, kenne, nicht zum Biber blähen.

Kurzum, die erhoffte Anerkennung für die durchaus mögliche Entdeckung des liechtensteinischen Landesbibers, welche jedoch, was wir unter besagtem Bräueinfluß nurmehr verzerrt wahrzunehmen imstande waren, erst verschriftlicht und schließlich als Schrift von Fachkräften für glaubwürdig erachtet als tatsächliche Entdeckung durchginge,  blieb uns in den Etablissements der unübersichtlichen Schluchten der Vaduzer Fußgängerzone versagt. Enttäuscht und an uns selber zweifelnd machten wir uns von dannen und erreichten nach über zweistündiger Fahrt auf schlaglöchrigen Pfaden das Basiscamp nächst den Bibergründen im schläfrig durch den Buschmais sich tastenden Morgenlichte. An Schlaf war am Ende dieser bewegten Nacht für uns jedoch nicht mehr zu denken.

Gegen 10 Uhr trafen verschiedene Einheimischen-Delegationen ein, brachten vorzügliches Griebenschmalz und baten, denn ihre Wachtposten hätten uns in bedenklichem Zustand aus Vaduz zurückkehren sehen, zum Palaver. Ob der gesehene den einzigen, gleichsam den Nationalbiber Liechtensteins vorstellen könne? Kaum, im Unterland seien angeblich bereits ein oder zwei weitere Tiere gesichtet worden, wovon man in Vaduz freilich nichts wisse. (Auch kursierten Hörensagen-Geschichten von Appenzeller Bibern (“Biberli”), die es über die Berge ins Fürstentum geschafft hätten, alsbald aber der Verzehrlust der Einheimischen zum Opfer gefallen seien. Beweise: auch hier Fehlanzeige.) Der unsrige folglich wenigstens der südlichste Biber Liechtensteins? Das sei durchaus möglich. Ob wir mit einer gehörigen Portion Licht, gleichsam aus dem Nichts gezündet und auf die Position des Tiers hin massiv gebündelt, einen Effekt, ähnlich jenem, dem Hirsche bekanntermaßen im Autoscheinwerfer erlägen, erzielen könnten, sprich den Biber soweit zu bannen, daß uns klare Beweisaufnahmen seiner Existenz gelingen könnten, die Anschuldigungen, es handle sich bei unserer Beobachtung in Wahrheit garnicht um einen Biber, sondern um einen Hund, Nutria, Waschbären oder gar Bisam zu entkräften? Im Grunde womöglich ja, doch sei es nicht ratsam, nach Einbruch der Dämmerung noch im Unterholz… Auch ginge das Gerücht (mehr nicht als ein Gerücht!) von einer gewissen Aggressivität des Bibers… &sw.

In toto lasen wir die Informationen der Buschleute wie folgt: „Wir haben Angst und wissen nichts genaues, aber immer noch mehr als die Anzugträger in Vaduz.“ Damit war nun schwer zu arbeiten und so beschlossen wir, erneut des Nachts auf uns allein gestellt die Bibergründe zu erkunden, um das für Forscher, die es ehrlich meinen, so unabdingbare Beweismaterial zu gewährleisten.