Computerrhein

Letzte Nacht. Rheinkitschrecherchen im Internet. Da gibt es alles. Sogar Nazi-Kitsch. Ich nicke weg und mitten im Erwachen strömt plötzlich der Fluß über den Bildschirm, mehrdimensionale Wellen in verwirrenden Konstellationen füllen die gesamte Fläche, die sich ausstülpt, tief und schnell, entfalten einen im Magen ansetzenden Sog, alles fließt und sucht sich eine Richtung, mindestens, dort unten auf dem Grund, überkommt mich eine Ahnung, müssen jede Menge interessanter Daten liegen, umspült und hin- und hergeweht von mal dichten, mal klaren, zutiefst motivierten Wasserschüben, es ist der Rhein, kein Zweifel, der sich meines Computers bemächtigt hat, da sind zum einen die geisterhaft-klatschenden Geräusche kalten Überschwappens, zum andern das Taldröhnen, verkratzte Melodien à la Es zogen drei Burschen, Ein rheinisches Mädchen beim rheinischen Wein, Im Rolandsbogen, Es liegt eine Krone im grünen Rhein, Die Lindenwirtin oder Der Rhein Enthusiast, letztlich klare Hinweise, gedämpft vom lila Umhang der Nacht, die Fließrichtung ist unklar, das Wasser zieht eiliger und eiliger, bis hin zur Selbstauflösung, über den Screen, scheint an allen Ecken und Enden auszubrechen, ich fühle meinen Blick flackern, der Schreibtisch ist noch trocken, aber ich komme nicht mehr an meine Programme ran, kein Esc, kein Strg + Alt + Entf, nicht mal der Notschalter an der Stromversorgung wirken, der Fluß hat sich meines Fensters zur Welt bemächtigt, er saugt an mir, ich gleite kopfvoran in das Strömen, ein leises Britzeln ritzt meinen Hals, drei deutsche Eicheln schweben im wässrigen Nichts, das sich wie stark verdichtete Luft anfühlt, oder wie Glas aus Gelee, das Weiterleben in dieser Umgebung ist aus irgendeinem Grund unproblematisch, die Eichenfrüchte sind geschält und stundenlang gekocht, sie schmecken mehlig-fad und geben das Gefühl von Verwurzelung und Kraft, ich drücke einige Wassermassen beiseite, neue graublaue Räume schließen und öffnen sich, das Rheininnere wirkt fortan wie eine Installation aus mehreren Kilometern durcheinandergewirkter Klarsichtfolie, von sanften Gebläsen bewegt, fischschwänzige Mädchen in allen Größen und gedeckten Farben kichern hinter schlingenden Wasserpflanzen, Schall mischt sich mit Schall, hebt sich auf und schwillt an, es echot von oben und unten, hinten und vorn, wo bin ich, ich bin in den Fluß gestiegen und doch nicht in den Fluß, ich bin es und ich bin es nicht, ich hebe den Laptop vom Schreibtisch, mein Kopf steckt nach wie vor im Bildschirmgeschehen, ich schließe die Augen, spüre die Fische und wie mir das Wasser aus den Ohren rinnt. Dann bin ich wieder zuhaus. Der Screen schweigt in totaler Schwärze. Rechts oben auf dem Rahmen hockt eine kleine Plastik-Loreley, Made in China, blinzelt mir zu. Mein Gott, ist sie schön! Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen, flüstert sie weise. Ich werd mir das merken. Und mich verstärkt auf Outdoor-Recherchen verlegen, demnächst.