Wispertal und Loreley

“Adelheid war die liebenswürdigste Wirtin, die Gäste in der besten Laune, und so fragt sich’s, ob die Kammermühle im Wisperthal je wieder eine fröhlichere, poetischere Gesellschaft unter ihrem Dache beherbergt hat. Aber der Abend sollte allem erst noch die Krone aufsetzen. Von Lorch aus fuhr die Gesellschaft, der sich auch Adelheid angeschlossen, im Nachen stromunter. Es war einer der heißesten Tage dieses heißen Sommers gewesen, und nun sank die Sonne in einem Glutmeer von unbeschreiblicher Pracht. Himmel, Berg und Strom, der Nachen und die Menschen drin, die Tropfen, die von den Hudern fielen, alles war eitel Purpur; dahin glitt der Kahn durch die goldne Herrlichkeit, und in andachtsvoller Stille schauten alle hinein. Dann aber machte sich die Begeisterung in lautem Jubel und Gesang Luft. Die Dichter wurden aufgefordert, zu Ehren des unvergleichlichen Abends etwas zu improvisieren und diesem Wunsche wurde auch bereitwillig entsprochen, und Longfellow begann, worauf F. fortfuhr: Die Gläser klangen, und „hoch, hoch!” tönte es von der Lurlei nieder, deren riesige schwarze Masse jetzt über dem kleinen Boote ragte, und da die goldige Beleuchtung längst erloschen war und der mächtige Fels einen unheimlichen Schatten auf den Strom warf, so ergriff es manch zaghaftes Herz im Boote, wenn auch nicht mit „wildem Weh,” so doch mit stillen Grauen. Fest hielt Frau Ida die Hand ihres Gatten, denn für ihn fürchtete sie die Tücke der Lurlei. Aber unbeschädigt stiegen sie alle in St. Goar ans Land, und unvergeßlich blieb ihnen der Tag.“

(Ida Freiligrath über einen Dichterausflug Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann Ferdinand und dem amerikanischen Gast Longfellow im Nachen rheinab. Diegleiche Passage bereisten wir im Oktober vergangenen Jahres, weniger dichterisch umgeben und abenteuerlich, doch bietet die berühmte Strecke bis heute prägnante, bleibende Eindrücke.)