Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (5)

Die Session war zu Ende. Meine Doppelfrage, weshalb Mr. Prason vermittels seiner Reise davon überzeugt werden konnte, daß er mit seinen Thesen richtig lag, weswegen ich jedoch nichts Ungewöhnliches zu sehen bekommen hatte, beantwortete Mme Sénèth dergestalt, daß ich ja schließlich nicht danach gefragt bzw. dafür bezahlt hätte. Was ich gesehen hatte war lediglich der Standardablauf. Während ihrer Unterredung mit Mr. Prason hatte sie ein Zeichen, das er ihr gezeigt hatte, so interpretiert, daß es sich um einen Zirkel handeln und auf das gleichnamige Sternbild (Circinus) verweisen müsse, welches nah bei einem alten Sternbild namens Schiff Argo stünde, womit feststand, daß Victor Hugo mit seiner Rhein-Reise in Wirklichkeit auf der Suche nach dem Goldenen Vlies gewesen war, was nicht weiter verwunderlich sei, denn laut Isaac Newton (24) ist eine große Zahl der Konstellationen eben von der Argonautensage abgeleitet.

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Le Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387]

Mr. Prason widersprach dieser Interpretation natürlich vehement: Le Rhin beschreibe die Reise Hugos im Totenreich, und zwar vor dem Tod bzw. vor seinem Tode. Denn gestorben war Hugo zweimal (25), und seine Reise als Mensch und als Dichter folgte einem Motto: Vom Gestern zum Morgen: “On n’a qu’à ouvrir sa fenêtre sur le Rhin, on voit le passé; pour voir l’avenir, il faut [...] ouvrir une fenêtre en soi.” (26)

Mme Sénèth machte Mr. Prason darauf aufmerksam, daß das ägyptische Totenbuch 190 Kapitel zählte, Le Rhin jedoch nur 39 Briefe und den Schlußteil beinhaltete. Wo war der Rest geblieben?
“Auf dem Tisch liegt es, wie immer. Es liegt auf dem Tisch und spricht mit ihm” (27), war die Antwort Mr. Prasons.
- Aber die Fotos, die ich im Buch gesehen habe?
- Der technische Fortschritt wird zum Teil vom Irrationalen erzeugt. Es ist nur logisch, das Irrationale mit Hilfe von technischen Mitteln faßbar zu machen…
- Wieso aber tauchten die ägyptischen Intuitionen Mr. Prasons nicht auf den Fotos auf?

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu überzeugen, daß die Geisterwelt in Hugos Wohnung wertvoller war als die pharaonischen, fluchenden Mumien. Jede (von uns suggerierte) Wunschäußerung läßt sich problemlos auf Papier ausdrucken. Unsere Software ist einfach, aber effektiv, die Kunden stets zufrieden. Schauen Sie:

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Das in ein Grafito verwandelte Reiterstandbild

- Das erinnert mich an den Fall Buguet (28): der Gutgläubige porträtierte samt gespenstischer Erscheinungen seine geliebten Toten, wobei er zunächst eine vorgefertigte Puppe mit kurzer Belichtungszeit fotografierte. Von Polizeibeamten auf frischer Tat ertappt, wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ob nun als Artikel 405 im alten oder als Artikel 313-1 im neuen Gesetzbuch: Betrug bleibt Betrug.
- Was, erwiderte Mme Sénèth, auf meine Dienstleistung nicht zutrifft. Ich verspreche weder dies noch das gegen Geld, sondern komme den Wünschen meiner Kunden entgegen.
Ich überließ Mme Sénèth ihren Spielchen und ging.

Meiner Natur mehr als nur fern sind übertriebene Jubelarien; die nüchtern betrachtet jedoch ausnahmslos positiven Bemerkungen (ich vermied es geschickt, vom Hugoschen Rhein-Syndrom (29) zu sprechen), die ich Mr. und Mme Prason über mein Erlebnis bei Mme Sénèth berichtete, wurden belohnt: ich dürfte das Buch abfotografieren (30). Sie werden es durchblättern und vielleicht darin finden, was sich finden läßt oder eben nicht. Das überlasse ich Ihnen.

Beim Verlassen des Wohnwagens blickte ich mich ein letztes Mal um. Das Aquarium war leer. Was war mit der Kaulquappe geschehen? Mr. Prason zwinkerte verschwörisch und murmelte : “Nguyệt Tâm (31) ist nun sein Name; mit schwarzem Bart ist er in Saigon, in Tây Ninh mit weißem; sein Geist formuliert die Gebete: Taufgebet, Gebet im letzten Augenblick des irdischen Lebens, Gebet nach dem Tod, Gebet des Eingesargten (32)…, die vom Gläubigen in Weiß, in Rot, in Blau und Gelb gewandet beim passenden Anlass psalmodiert werden. Verstehen Sie? Der Rhein war der Eingang des Tunnels, welcher via Jersey in Vietnam wiederauftauchte…”

Die Gebetstitel erinnerten (wenngleich noch radikaler) an das oben erwähnte Ladenschild. Alles verwandelte sich, blieb dennoch irgendwie gleich. Außer das Buch-Antiquariat. Als ich dorthin zurückkehrte, sah ich den “Ägypter” ruhig vor einem Schutthaufen stehen. Wegen Einsturzgefahr hatte die Stadtverwaltung das Haus prophylaktisch abgerissen. Für den Buchhändler war der Grund für die marode gewordene Mauer einfach zu erklären: der Fäulnisprozeß der MILP hatte die Bausubstanz attackiert, unwiderruflich zersetzt. Er nahm es gelassen und vermied es, Zukunftspläne zu fantasieren, lieber beabsichtigte er, sich der Eudiobiotik zu widmen, was immer das auch sein mochte.

Das war auch alles. Und das genügt.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(24) s. I. Newton : The Chronology of Ancient Kingdoms Amended (1728).
(25) s. E. Launet, Hugo es-tu là? (Libération, 11 décembre 2008).
(26) “Öffnet man nur sein Fenster auf den Rhein, sieht man die Vergangenheit; um die Zukunft zu erblicken […] muß man ein Fenster in sich öffnen“. ibid., Einführung.
(27) in V. Hugo, Le livre des tables (Paris, 2014), sind 161 Sitzungen (datiert und nicht datiert) protokolliert.
(28) s. G. de la Tourette, L’hypnotisme et les états analogues au point de vue médical (Paris, 1889).
(29) Welches man an das Jerusalem- oder Stendhal-Syndrom problemlos angliedern könnte.
(30) s. Le Rhin d‘Hugo
(31) “Cœur de Lune” [Mondherz]. Der vollständige Name lautet : Nguyet Tâm Chon Nhon. Im Caodai-Pantheon hat V. Hugo die Stellung eines Heiligen. Er ist auch der Dao-Gouverneur der caodaistischen Auslandsmission in Phnom Penh (s.: Anthologie des saintes paroles caodaïstes, T. II (Quach-Hiep Long, Alfortville, 2011).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (4)

“Und?” Die Spinne war auf beiden Bildern zu sehen und diente dem Fischfang, nahm ich an. Auf dem Manuskript bedeckte tatsächlich eine weiße Form den Baum. “Erkennen Sie was?” drängte Mr. Prason. Tat ich nicht. “Ein L ist das, nichts anderes.” So betrachtet konnte es ebenso gut ein V sein; ein L gab es, auch wenn darüber spekuliert wurde (18), soweit ich wußte, im hieroglyphischen Alphabet nicht. “Ja, ein L”, fuhr Mr. Prason fort, “und für was steht es?” – “Der zwölfte Buchstabe des Alphabets, und der neunte Konsonant.” – “Nicht nur; als römische Zahl steht L für 50.” Ich ahnte, daß es ein passendes Kapitel hierzu geben mußte, und die entsprechende Erklärung, von der ich mir sicher war, daß ich sie umgehend erhalten würde, kam schneller, als mein Gedanke ausgesprochen werden konnte. “Der Titel des Kapitels L des ägyptischen Totenbuchs lautet: Um der Strafe zu entgehen. (19) Das Kapitel beginnt mit: Meines Halses Wirbel / Hab ich im Himmel sowie auf Erden zusammengefügt (20) und endet mit: Wo bin ich jetzt? Vor den Götterordnungen steh ich. Verstehen Sie jetzt?” – “Nicht wirklich.” Mr. Prason blickte mitleidig auf mich herab, während er einen Zettel bekritzelte.

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“Die Wohnung Hugos, Place des Vosges, wo er Le Rhin niederschrieb und seinen ersten Tod fand.” – “Seinen ersten Tod?” – “Fällt ihnen nun was ein?” Die Grundrißform war leicht zu erkennen. “Wieder L, Anfangsbuchstabe des Vornamens seiner in der Seine verstorbenen Tochter. Le Rhin erschien 1842, sie starb 1843, 1845 kam schon die zweite Auflage, obwohl die Reaktionen auf die erste trotz geschickter Werbung recht negativ ausgefallen waren (21). Warum dieses zweite Auflage?” Für Mr. Prason bestand kein Zweifel: was zusammen gehörte, passte auch zusammen, jedes Element seiner Überlegungen fügte sich perfekt in eine Art Mosaik, dessen Einzelteile wie Glimmer in der Sonne reflektierten und mich erblinden ließen; ganz zu schweigen von den Kanten, die meinen Verstand in dünne durchsichtige Scheiben schnitten. Was davon übrig blieb, rieselte wie Schneeflocken gemächlich zu Boden. Mme Prason legte schließlich eine Visitenkarte auf den Tisch: “Haben wir beim “Ägypter” gefunden. Alles wurde von dieser Dame bestätigt: die Reise, die Zeichnungen. Schauen sie sich die Fotos an.” Letztere hatte ich noch nicht erwähnt. Am Ende des Buchs waren sie eingeklebt. Verwackelte, unscharfe Aufnahmen, die alles bedeuten und beweisen konnten – ebenso gut wie das Gegenteil. So kam ich auf Mme Sénèth.

Es ist schon viel geschrieben worden, liebes rheinsein, doch wissen wir beide, daß ein vollkommenes Bild nur zu schaffen ist, indem alle Faktoren methodisch, ohne Vorurteil betrachtet und sachlich zusammengefaßt werden. Ich klopfte also auch bei dieser Mme Sénèth – und staunte nicht wenig. Statt einer geheimnisvollen Person (ich hatte an Maria Casarès in ihrer Rolle als Mary Tudor gedacht), hieß mich eine hellhaarige Frau im Chanel-Ensemble willkommen. Wo war die Zigeunerin mit Kopftuch und schwerem Schmuck abgeblieben? Wo die Kristallkugel, die Tarotkarten? Wo Kaffeesatz, ausgestopfter Uhu, blanke Schädel? Wo die Brokatgardinen? Der Raum ähnelte einem Verwaltungsbüro mit Leere erzeugender Innenarchitektur. An der Wand hinter ihrem Rücken hing zwar ein Horoskop, das jedoch wie ein Excel-Tabelle aussah. Eine Kristallkugel entdeckte ich ebenfalls. Sie diente als Briefbeschwerer und die einzige Zukunft, die darin abzulesen war, gehörte der Fratze eines grinsenden Alfred Hitchcock. Ich erklärte wer ich war, wer mich schickte und worüber ich sprechen wollte. Mr. Prason hatte in der Tat bei ihr eine spirituelle Rhein-Reise unternommen, bzw. an der Place Royale (22), wo Victor Hugo sein Werk niedergeschrieben hatte. Diese Reise könnte ich auch machen, und sehen. “Jedermann kann das heute”, sagte sie und setzte mir eine Art Nachtsichtgerät auf den Kopf. “Kommen Sie, gehen Sie…”, flüsterte Madame Sénèth. Schon schritt ich über einen Platz, stieß leicht gegen das Gitter, welches ein Reiterstandbild umrundete, ging unter Arkaden bis an ein großes Tor, das ich aufschob. Rechts im Hauseingang befand sich ein kleiner Flur, möbliert mit einer Theke, auf der Broschüren, Prospekte, Bücher, usw. lagen. Am Ende des Flurs eine zweite Theke, eine leere Garderobe zwischen beiden Theken, Postkarten. Wünschte man zwei davon, kostete es zwei Euro, kaufte man zwei, durfte man zehn Stück mitnehmen – reine Magie. Ich kehrte zum Hauseingang zurück, ging an mit Glasmalerei versehenen Fenstern vorüber braungelblich beleuchtete Treppen hinauf, ein Relief, aus welchem Pegasus entflog, besaß stark dreidimensionale Wirkung. Im zweiten Stock angekommen trat ich in eine Wohnung ein und sah nichts als unstabile Konturen von Möbeln, sfumatöse Gemälde, flüchtige Objekte, Skulpturen, erkannte mit orientalischen Motiven bemalte Holzwanddekorationen, Tellersammlungen, einen Tisch mit vier Tintenbehältern. So ging es weiter, bis ich in einen Raum eintrat und eine Stimme hörte : “Hier wurde es geschrieben.” – “Was?” – “Der Fluß.” – “Ist es möglich einen Fluß zu schreiben?” – “Und wie…”. Ob ich nun im nächsten Zimmer oder noch im gleichen mich befand, kann ich heute nicht mehr sagen. Die Dunkelheit hellte ein wenig auf, ich nahm eine Silhouette wahr, welche über einen hochgebauten Tisch gebeugt war und zu schreiben schien. “Wer sind Sie?” fragte ich vorsichtig. – “Der Größte.”

- Muhammad Ali?
- …
- De Gaulle? Sesostris? Goethe? Bonaparte?
- …
- Der Mount Everest?
- Berge sind Götter, nicht bloße Geister!
- Manitu?
- Warum nicht der letzte Mohikaner? Ich helfe dir: die Kaulquappe eines Erzengels bin ich…
- Sag nichts – Voltaire?
- Dieser teuflische Affe? (23) Sie armer Kretin… Ich bin der, der nachkommt und aufgeht, wenn die anderen in namenlose Konstellationen verschwinden. Ich bin der Gesprächspartner der Weißen Dame und die Rutschbahn der Schwarzen Dame. Ich bin das Eins in Vier, ich bin das Wort und die Tat, der Sonnenstrahl und seine Schatten.
- Hunahpú?
- Ich bin der Fluß und seine vier Ufer.
- Vier Ufer? Wie geht das?
- Zwei habe ich, wenn ich dem Ursprung entgegen blicke, zwei Richtung Mündung.
- Hätte ich mir denken können. Aber wer sind Sie tatsächlich?
- Der, der durch die Luft fließt und schäumt, durchs Wasser weht…
Ich spare Ihnen den Rest des Spielchens und komme direkt auf das Ende. Zermürbt von den Wortfällen fragte ich:
- Wer sind Sie wirklich?
- Das große Krokodil.
- Na also. Kennen Sie Mr. Prason?
- Uirjgrj…

Ich drehte mich um und befand mich erneut bei dem Reiterstandbild, welches sich prompt in ein ausdrucksstarkes Grafito verwandelte. (Fortsetzung folgt)

***

(18) V. Loret, La lettre L dans l’alphabet hiéroglyphique. In : Compte rendus des séances de l’Académie des inscriptions et Belles-Lettres (n°2, 1945)
(19) Auf frz.: “Pour ne pas subir le châtiment.” 1853 publizierte Hugo den Gedichtzyklus “Les Châtiments”, welcher mit der Interpretation Mr. Prasons kaum etwas zu tun hat, worauf mich der “Ägypter” später hinwies.
(20) Davon konnte der kopflose Ritter von Reichenstein nur träumen.
(21) L. Veuillot. Etudes sur Victor Hugo, Le Rhin (février 1842).
(22) Die heutige Place des Vosges.
(23) s. V. Hugo, Regard jeté dans une mansarde (Les rayons et les ombres, 1840).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (3)

Stets nach der Kaulquappe schielend, welche sorglos durchs Wasser zu fliegen schien, merkte der Mann nicht wie ich ab und an diskret meine Augen schloss. Und so hörte ich im Halbschlaf wie er das Geheimnis des hugoschen Rheins entschlüsselt hatte. “… kurz nach der Reise.” – “Die Reise? Welche Reise?” Er und Henriette (seine Frau) waren die Strecke der Schriftsteller nachgefahren. Sie am Steuer, er hinten im Wohnwagen. Sie erinnern sich wie es um die Augen der Gemahlin bestellt war und werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß diese Reise das reinste Kamikaze-Unternehmen gewesen sein muß. Doch hatten sie es überlebt. Während sie mit dem Verkehr kämpfte, saß er bei heruntergelassenen Gardinen im Wohnbereich. So konnte er sich ungestört über Kopfhörer Hugos Prosa als mp3-Aufnahme ins Gehör träufeln lassen, sich vom Text (von Henriette gelesen) mitreißen lassen, sich in hugoeske Emphase steigern, sehen was der berühmte Reisende damals sah, schilderte, beschrieb, träumte, witzelte. Was hätte er auch sonst anfangen können? Fotografieren? War denn noch etwas zu fotografieren übrig? Vorbei die Zeiten, in denen August Sander leere Rheinlandschaften festhalten konnte (8). Wie wahr die Bemerkung: “Fest steht, daß, als sie den Rhein schuf, die Natur eine Wüste geplant hatte; daraus machte der Mensch eine Straße.” (9) Wer nicht auf einem Kreuzfahrtschiff tanzte, tüftelte auf einem Tanker, joggte den Fluß entlang, raste zwei- oder vierrädrig über die Straße, leckte auf Wasserskiern an der Gefahr, prahlte mit Bikini und Motorboot, kämpfte sich im Kanu voran… Er aber wollte anderes, erhabeneres. Nur von der Stimme seiner Frau inspiriert hatte er das Buch gefühlt; diese Stimme und die geistige Energie Hugos waren die Kräfte gewesen, die seine Hände übers Papier geführt hatten. Um diese etwas diffuse Darstellung in die reale Welt zurück zu verfrachten, fragte ich, ob während der Fahrt nicht vielleicht etwas besonderes geschehen wäre. Beide blickten mich verständnislos an. “Nichts war geschehen.” Dann die Frau: “Außer vielleicht dieser Mann in Reichenstein?” Abends hatten sie auf dem Campingplatz gesessen und Mr. Prason darüber gegrübelt, ob die drei Mädchen aus Brief XX die Rheintöchter (10) symbolisieren könnten. Trotz widriger linguistischer Umstände hatten sie den Besitzer des Campings darüber befragt. Der hatte von Richard Wagner nichts weiter gehört, doch wußte er einen Mann, der Rheintöchter bastelte. Es wäre für ihn kein Umstand, sie zu ihm zu führen. Auf einem Regal standen sie in Reih und Glied gestellt: Flugabwehrraketenmodelle…, aus Kunststoff, Holz, Metall, aus Pappkarton sogar. Alle schön bunt bemalt, nicht wirklich vorschriftsmäßig, eher psychedelisch, sodaß sie wie Totems aussahen. “Rheinboote habe ich auch!” kündete der Mann fröhlich-höhnisch, mit eindrucksvollen Gebärden und Mundgeräuschen, die wohl auf die Testabschüsse und deren bescheidene, wenn nicht lächerliche Ergebnisse hinweisen sollten. (11) Mein vorsichtiger Versuch, die drei Mädchen vielleicht als eine Reminiszenz an Macbeths weird sisters zu interpretieren, wurde kommentarlos ignoriert und man gelangte zum Hauptgericht, welches zuvor dem Antiquar in großer Aufregung, wie Sie wissen, offenbart worden war. Von Konkordanzen war die Rede, von Schmetterlingen, Skarabäen, Spinnen, verschlüsselten Buchstaben, Analogien, verschleierten Inhalten, Visionen, Zahlenkombinationen; verborgene Botschaften lauerten zwischen den Zeilen, die ungeduldig darauf warteten ans Licht zu sprühen. Kurz: Mr. Prason hatte ein Gestell zusammengeschraubt und das passende Gebäude dazu kam schnell zum Vorschein. Als Eckstein diente das Zitat “Quo versu dicere non est / Signis perfacile est” (12), aus dem erwähnten Brief XX. Zeichen gab es schließlich zur Genüge, man mußte sie nur aufspüren und adäquat befragen. Der mit ägyptischen Hieroglyphen verglichene geflügelte Drache (13); die Suche des Autors im Wallraf-Richartz-Museum nach einer “ägyptischen Mumie”; die Erwähnung der Isis; das humoreske Auftauchen von Ptah, Osiris, Memnon, Merenptah, Ramses II. und die Beschreibung – mit Skizzen – des Grabes Ramses V.; weiterhin das Antlitz des Sarkophags im Mainzer Dom, das einen mumienartigen Blick aufwies, usw., usw. Meinen Zustand nach diesem karussellartigen Diskurs als Schwindelanfall zu bezeichnen wäre weit untertrieben, ich taumelte buchstäblich zwischen Faszination und Übelkeit, schaute auf Mr. Prason, der von seinen Entdeckungen und deren Deutungen ins Schwitzen geraten war. Ich fragte ihn, ob Le Rhin nicht als politisches Buch konzipiert und angekündigt worden war. “Die Politik Hugos habe ich in zwei Pinselstrichen erfaßt: preußisches und Pariser Blau mischen sich im Rhein, das ist alles. Le Rhin, Monsieur, hat genauso viel mit Politik zu tun wie ich mit der Vermessung von Böschungswinkeln. Hugo ist ein Bote, ein Visionär gewesen, kein Politiker.” – “Und sein Engagement gegen die Todesstrafe?” – “Wo kein Kopf ist, kann das so wichtige Mundöffnungsritual nicht vollgezogen werden, darum geht es.” Mr. Prason witterte meine Skepsis; den Gnadenschuß erhielt ich, bevor ich seiner Behauptung zustimmen oder sie widerlegen konnte. Aufgestanden war er, und setzte seinen Monolog weiter fort: “Und die Schmetterlinge auf dem Friedhof?! (14) Wenn die moderne Forschung weiterhin über die Symbolik der auf Särge gemalten Lepidopteren rätselt, so wußte Kant eines: “Das Sinnbild der alten Ägypter für die Seele war ein Papillon, und die griechische Benennung bedeutete eben dasselbe. Man sieht leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tod nur eine Verwandlung macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe.” (15) Bei Hugo sind Elsaß bzw. Schwarzwald Flügelhauben eines “großen schwarzen Schmetterlings” (16), eindeutige Vorboten.” Über den Inhalt der Botschaft erkundigte ich mich lieber nicht, bekam aber dennoch eine Antwort: “Sie gibt uns erneut Bescheid über die visionäre Gabe Hugos. Und so geht es das gesamte Buch über, die ganze Zeit, vom Gestern zum Morgen.” – “Hugo reiste aber flußaufwärts, also eigentlich umgekehrt.” – “Was wissen Sie schon?” Wenig, fürchtete ich, und ließ Mr. Prason sein “großes Finale” weiter erzählen. Er beschrieb die Ekstase Hugos am Rheinfall, wie das gewaltige Getöse sein Hirn zu füllen schien, wie er aus der Zeit trat, wie die Stunden durch seinen Geist, dem Wasser im Abgrund gleich, ohne Spuren oder Erinnerungen hinterlassend vorüberzogen. Da war der Dichter, meinte Mr. Prason, ins Licht hineingetreten und hatte alles verstanden, einfach alles. Denn wie sagte Paracelsus: “La vraie philosophie est aussi facile à distinguer que le bruit du Rhin ou que celui des tempêtes. Car enfin ce que les yeux voient, ce que nos mains touchent, notre tête le perçoit et le comprend.” (17) Er aber, Mr. Prason, hatte weitergeforscht und auf einer Abbildung des Rhein-Manuskripts den endgültigen, alles erklärenden Schlüssel des Ganzen entdeckt. Eine Passage des Briefs XVII war von einer Zeichnung begleitet. Zwei lange, flexible, sich kreuzende Stangen erinnerten an eine riesige Spinne, deren Beine in den Rhein tauchten. Die im Buch gedruckte Zeichnung unterscheidet sich vom Original. Wo in ersterem ein Baum zu erkennen ist, zeigte sich auf dem Manuskript eine in weißer Farbe aufgetragene Korrektur. Mr. Prason zog einen Briefumschlag aus seinem Buch, und zeigte mir beide Illustrationen.

hugo_08 spinnenLe Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387] – Le Rhin (Paris, 1906)

(Fortsetzung folgt)

***

(8) s. August Sander, Rheinlandschaften 1929-1946 (München, 1975).
(9) “Il est évident qu’en faisant le Rhin la nature avait prémédité un désert ; l’homme en a fait une rue.” V. Hugo, Le Rhin, lettre XXV (Paris, 1842).
(10) Die Rheingold-Premiere fand erst 1869 statt!
(11) s. W. Dornberger, Peenemünde (Esslingen/München, 1984).
(12) Horaz, Satiren.
(13) ibid. Lettres VII, XII, XIV, XX, XXIII.
(14) ibid. Lettre XVIII.
(15) Vorkritische Schriften, B. I.: Träume eines Geistersehers, erläutert duch Träume der Metaphysik.
(16) ibid. Lettre XXXI.
(17) in: J.-A. Bordes-Pagès, Paracelse : vie, travaux et doctrines (Foix, 1878).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (2)

Grinsend erzählte der Buchhändler von einem Mann, auf dessen Hirn meine Spekulationen zutreffen würden, und der, im Gegensatz zu mir, bestens mit Hugo vertraut sei. Seine Frau war eines Tages in den Laden gekommen. Sie hatte nach einer Schallplatte für ihren Mann gesucht. “So was verkaufe ich leider nicht”, hatte der “Ägypter” klargestellt. “La chanson de Maglia (5), Sie wissen schon, der Text ist von Hugo.” – “Mag sein, dennoch führe ich sowas nicht; ich bin Buchhändler und kein Plattenverkäufer. Wenn Ihr Mann ein Bewunderer Hugos ist, kann ich mit Einzelstücken bis hin zum Gesamtwerk in 45 Bänden dienlich sein, je nach Geschmack. Die Edition Nationale (6) war der Dame leider zu extravagant (sic!), sie entschied sich für eine Sonderedition von Le Rhin in einem Band. Einige Wochen später tauchte der Mann auf und teilte mir gestikulierend mit, Le Rhin könnte nur als Reise seines Verfassers durch das Totenreich interpretiert werden, wäre damit so eine Art Totenbuch gewesen… Wie auch immer… So lang er nicht die Zurückerstattung des Geldes verlangte, hätte er behaupten können, es sei eine Reise auf den Mond gewesen.”

Konnte ich, liebes rheinsein, anders, als diesem Mann meinen Besuch abzustatten?

Ich gönnte mir einen Spaziergang. Nach 20 Minuten stand ich vor seiner Tür, staunte nicht wenig, und verstand einiges. Gegenüber dem “Pavillon des Paares” kündigte ein Ladenschild an: “Blumen-Komposition. Geburt – Hochzeit – Beerdigung”. Ich klopfte. Nach langen, stillen, ereignislosen Minuten öffnete eine Frau die Tür, so als ob sie sie sofort wieder schließen wollte. Sie trug eine Brille mit derartig dicken Gläsern, daß sie geeignet schienen, den Kugeln der Realität perfekten Widerstand zu bieten. Von Nahem betrachtet fiel mir ihr Blick auf, geprägt von einem außergewöhnlichen Strabismus, der sich nicht wirklich entscheiden konnte, ob er convergens oder divergens wirken sollte. Ich erklärte, wer ich sei, wer mich schickte und was ich wünschte. Sie bat mich ihr zu folgen, wir liefen über einen Flur und traten in einen Garten, dicht an der Hauswand parkte ein Wohnwagen.

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Im überhitzem Raum saß ein übergewichtiger Mann. Er trug ein T-Shirt mit goldenem, zerblätterten Logo, eine Bermuda aus verwaschenem Drill und schneeweiße Handschuhe aus Baumwolle. Sein Blick war auf ein zum Aquarium umgewandeltes Fernsehgehäuse gerichtet. Im trübe-uringelben Wasser (Rheinwasser, wie ich später erfuhr) schwamm eine Kaulquappe. Mich über Larven zu unterhalten fiel mir schwer, also schwieg ich. Ein Fehler. Jules Bois hatte recht: „L’âme humaine est plus profonde que ne l’imaginent les incrédules et les croyants”. (7) Es verging eine halbe Stunde, der Mann starrte weiter auf die Kaulquappe. Warum?
Die Frau brach schließlich den Bann, indem sie von meinem Anliegen erzählte. Auf das Stichwort “Buch” hin lächelte er, wandte sich uns zu, stand langsam auf, drehte sich. Aus einen kleinen Wandschrank über seinem Kopf holte er ein Buch, um es behutsam auf dem Tisch zu legen, und lud mich zugleich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er klappte den grauen Deckel langsam auf, drehte vorsichtig eine, zwei, drei Seiten. Ich fürchtete schon, den Inhalt falsch herum bewundern zu müssen, als er es endlich umdrehte. Ein Unterschied war kaum wahrnehmbar: so oder so ließen Farbflecken, epileptisches Gekritzel, abenteuerliche Linien und nach dem Zufallsprinzip verteilte Striche kaum etwas erkennen. Doch bei konzentrierter Betrachtung wurde einiges präziser, Landschaften nahmen Konturen an, Figuren erschienen, einzelne Wörter, ganze Sätze wurden ablesbar. Das also war Hugos Rhein, bzw. was Mr. Prason darin gelesen und gesehen hatte. Hatte er aber nicht. Denn, wie er mir ausführlich erklärte, nachdem ich meine ersten Eindrücke bescheiden geäußert hatte: als er das Geschenk seiner Frau in die Hände genommen hatte, hatte er außergewöhnliches gespürt, so als ob die Haut seiner Finger und das Leder der Buchdeckel eines gewesen wären, oder ähnliches. Er fragte mich, ob ich von Psychometrie gehört hätte. Ich verneinte. Er schilderte, wovon Psychometrie handelte, was wiederum Zeit in Anspruch nahm, auch wegen eines leichten Stotterns, welches die Silben wie Steinchen auf seiner Zunge chaotisch hüpfen und die Sätze unruhig aus seinem Mund heraussprudeln ließ. Als er zur Hellseherei mit angezündeten Kerzen, Nadel- oder Wasser-Orakeln überging, sank meine Aufmerksamkeit, und tiefer noch, als er beschrieb wie er das Fluidum, welches aus dem Buch eindeutig hervorging, zu fotografieren versuchte. Es folgte ein endloses Referat, von Skizzen begleitet, über die zahlreichen und erstaunlichen Experimente, welche er nach Dr. Baraduc vollbracht hatte.

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hugo_07 emanationFluidische Emanationen, erzeugt von Victor Hugos Le Rhin, nachdem das Buch 15 Minuten lang in Dunkelheit vor eine voreingestellte Kamera plaziert wurde.

(Fortsetzung folgt)

***

(5) In: L’étonnant Serge Gainsbourg, 1961.
(6) V. Hugo, Oeuvres, Ed. Nat., Émile Testard éditeur (Paris, 1885-1895)
(7) “Die menschliche Seele ist tiefgründiger als die Ungläubigen und Gläubigen es sich vorstellen.” J. Bois, Le miracle moderne (Paris, 1907)