Eine ungewollte Schilderung des Rheinfalls

Den Rheinfall darf ich nicht unberürt lassen, wenn ich gleich nicht versucht bin, ihn schildern zu wollen. Die entschidene Unmöglichkeit, dieses erste Schaustük der Vorderalpen durch Farben oder Griffel in ein Gemälde überzutragen, entfernt auch alle Hofnung, seinen Eindruk auf empfängliche Beobachter in einer Beschreibung mizutheilen. Die Würdigung der Ansehnlichkeit der Scene hängt überdas so sehr von der Stimmung des Zuschauers ab, daß ich dieser wol eben so vielen Einflus auf die Verschidenheit der Urtheile von der Höhe des Rheinfalls zuschreibe, als der veränderlichen Höhe des Stroms zu verschidenen Jahrszeiten, und der allmälichen Ernidrigung seines Betts, die doch unter dem Fall ohne Zweifel stärker fortschreiten mus, als über ihm. Solche äusere und innere Schwierigkeiten sind wol allen, die diese unerreichbare Erscheinung zu erwänen hatten, allzufülbar geworden, als daß wir eine Darstellung davon hätten erhalten können. Aus gleichen Gründen schränke ich mich auf eine kunstlose Erzälung meiner Umschreitung des Schauplazes ein, und folge der Reihe seiner einzelnen Auftritte, wie sie zu einer Zeit, da der Strom gros war, mir in die Augen fielen.

Jenseits des Rheins, kaum eine Stunde von Schafhausen, ligt das Dorf Lauffen im Züricher Gebiete. Der Weg dahin geht über die Rheinbrüke, und schlingt sich dann an Weinhügeln in die Höhe. Aus einem an der glüklichsten Stelle angebrachten Gartenhaus des Landvogts überschaut man die reizende Gegend: Schafhausen zeigt sich auf seiner vortheilhaftesten Seite am Fus einer Reihe fruchtbarer Berge, zwischen welchen und den gegenüberstehenden ein längliches Thal gefast ist; Dieses durchwandelt der gröste der Ströme Helvetiens, eine ansehnliche Streke lang, stät und ruhig, in stiller Grösse. So fliest er der Stadt zu und bringt schon zimlich beträchtliche Schiffe bis zur Gegend der Brüke. Dort fängt sein Bett an, ungleich zu werden, und mehr und mehr anwachsende Klippen machen ihn reisend und unsicher. Bald darauf wendet er sich zur linken, und immer klippenreicher wälzt er sich nun mit krausen Wellen herbei, deren reines Weis mit dem heiteren Wassergrün seiner ebneren Flächen aufs lieblichste absticht. Einige kleine Wasserfälle, die über nidrige, stufenweise übereinander ligende Felsstüke herbagleiten, machen gleichsam das Vorspiel der erhabnen Scene, die der Fall des ganzen Stroms hervorbringt, der nun, durch Verengung seines Betts geschwellt, und von einem steilen Absturz plözlich abgeschnitten, seine ungeheure Wassermasse zwischen einigen im Weg stehenden Felsspizen wütend hinabreist.

Diesen grosen Auftrit, so viel möglich, nahe zu kommen, steigt man über den Felsen, auf welchem das Schlos steht, zu einem hölzenen Gerüste hinab, das die Fische; genennt wird; Man hat da den Rand des Abschusses, der das Bett des Stroms abschneidet, über sich, unter sich den Abgrund, dem er entgegenstürzt, und blos das von seinem Fall erschütterte Gerüste zur Scheidewand; Der Standort könnte nicht gelegener gewält werden, den vollen Nachdruk der so ganz unmittelbar in ihrer anschauernden Grösse auf den Beobachter eindringenden Erscheinung zu empfangen. Der erste Blik dahin hat etwas mächtig ergreifendes: Das Bild eines einstürzenden, von grundlos scheinenden Tiefen verschlungenen, und, immer nachzustürzen, unerschöpflich erneuerten Wasserbergs, der Kampf des von unten auflochenden Abgrunds mit der abwärts treibenden Wasserlast, die sich erst in sich selbst zu rollen strebt, und dann, mit dem Getöse eines Sturms niederschleudert, in Schaum und Dunst zermalmt, wiederum aufsteigt, und feine Nebelstreifen bildet, die in weiten Bogen vom Wind entfürt werden, alles dieses überrascht mit einem unwillkürlichen Erstaunen, so nahe vor sich die drohendste, gewaltsamste Auftritte zu haben, ohne zugleich mit den unwiderstehlichen Wirbeln dieser allgemeinen Zerstörung dahin gerissen zu werden.

Als ich mir die Zusammensezung des grosen Schauspiels zu zergliedern anfing, unterschid ich zuerst, zwischen dem Schlosberg und dem gegenüberstehenden Hügel unter dem Dorfe Neuhausen, zwei an der Kante der Stufe aus dem schon überspringenden Wasser hervorragende Felsen. Diese geben dem Rheinfall, indem sie ihn in mehrere Güsse zerstüken, das Ansehen einer getheilten Cascade, welche von hier aus dreifach, wenn man ihn aber ganz im Gesichte hat, vier, bis fünffach erscheint.

Der stärkste Arm der Cascade ist zwischen dem Schlosberg und dem ihm zunächst stehenden Felsen; Auch ist hier die Höhe des Falls am grösten. Der Berg, auf welchem Lauffen steht, sezt dem Strom die meiste Gewalt entgegen; Desto heftiger arbeitet dieser wider ihn, und er ist wirklich, so weit ihn je die Flut des Rheins erreichen konnte, von ihr benagt und abgeschliffen. Sein überlegener Widerstand hemmt die Ausdehnung des Flusses in die Breite, und treibt ihn desto mehr in die Höhe. Ein hochaufschäumender Guß dringt unmittelbar an diesem Berg mit ausgezeichneter Heftigkeit hervor, dann folgt ein neben ihm eben scheinender nidrigerer Guß; Neben diesem wölbt sich widerum eine schaumige Welle, wahrscheinlich über dem Rest eines der Felsen, die ehmals in gröserer Anzal den Abschus besezten. Weiterhin zeigt sich widerum ein ebneter Stral, über welchem eine andere Welle an dem ersten der zuvorerwänten Felsen aufkocht. Die sonderbare Gestalt dieses Felsen, und das an ihm aufsprudelnde, und in krausen geschlängelten Wellen hoch an ihm aufklimmende, selbst durch ihn überspringende Wasser des Stroms vermehren das malerische dieser Ansicht. Der Fels ist meist kahl, hin und wider mit nidrigem Gesträuche besezt, und stellt, von dieser Seite her betrachtet, eine länglichte, ungleich gekrümmte, nach oben breitere, unterwärts abnehmende, und in einer länglichtrunden, gekrümmten Oefnung durchgrabene Tafel vor.

Der Abstand zwischen diesem und dem zweiten Felsen, der mehr kegelförmig ist mit einer gekrümmten Spize, beträgt kaum den dritten Theil des Raums zwischen dem Schlosberg und dem ersten Felsen; Auch kommt zwischen beiden Felsen nur ein einiger Guß hervor. Dieser zweite Fels begränzt die Aussicht über den Rheinfall von Lauffen aus, und entzieht dem Gesicht einen Theil seiner Breite; Das jenseits herabstürzende Wasser kommt hier nur am Fus des Absturzes einigermasen zum Vorschein. So weit der Weg des Stroms von seinem oberen Bette in das untere sich verfolgen läst, scheint er, so bald die Schwelle des ersteren überschritten ist, sich mit einer radänlichen Bewegung einwärts zu krümmen, sogleich aber, ehe diese noch vollendet ist, wirft er sich mit ganzer Macht in bogigen Güssen hinab. Ein schrökliches Getöse begleitet seinen Sturz, und Berge von Schaum steigen ihm aus dieser Tiefe entgegen.  Das untere und obere Wasser kocht so heftig untereinander, daß die Gränzen von beiden nicht wol bestimmt werden können, und daher auch die Höhe des Falls sich nicht mit Genauigkeit schäzen läst. Ein feiner Duft befeuchtet den Zuschauer auf der am Schlosberg angehefteten Büne, und sichtbare Dünste fliehen in bogigen Nebelstreifen nach fridlicheren Stellen des weiterhin sich besänftigenden Stroms. Den zitternden Dunst des meist in blendend weissen Schaum aufgelösten Wassers schmükt die Sonne mit lebhaften Regenbogen. Nach dem Fall gibt das erweiterte Beken des Stroms ihm Raum, sich auszudehnen; Allmälich verliert sich nun sein Ungestüm; Seine Schaumberge ernidrigen sich zu Wellen, welche endlich in eine leicht gekräuselte Fläche übergehen.

Die Gröse der Scene in ihrer ganzen Macht aufzufassen, bleibt der bisherige Standpunkt vor jedem andren vorzüglich, obgleich der Anblik von der Seite einige Stellen dem Auge entrükt. Um das ganze Schauspiel gerade im Gesicht zu haben, kan man sich dogleich von lauffen aus über den Flus sezen lassen; Indem man auf dieser Fart zwar in der Entfernung, die die Sicherheit erfordert, doch nach der ganzen Breite des Flusses, vorüberkommt, und sich gleichsam mit dem Element vermischt, welches hier eine solche Prachtscene feiert, erhält der Eindruk des am Schlosberg genommenen Anbliks seine Vollendung, und selbst eine neue Verstärkung.

(Gottlieb K. Storr: Alpenreise vom Jahre 1781, Leipzig 1784)

Der Rheinfall

von einem jungen Mahler.

Wo dich mein Aug zuerst empfand,
Helvetien – wo aus der Felsenwiege
ein stolzer Strom zum Woogenkriege
sich stürzt von hoher Felsen Rand,
wo nie gefühltes Wonnefeuer
die Brust durchdrang, die Seele freyer
zu neuen Welten sich entschwang,
wo jeder Ton auf ihren Saiten
harmonischer zum andern klang,
dahin soll mich des Liedes Flug begleiten,
auf Laufens jähen Felsenhang.

Hinweg von dieser Zauberstelle
ihr Loutherburge, Hackerte,
ihr Schütze und ihr Rheinhardte
ihr mahlt die Scene nicht. Ihr Könige
hervor aus eurer Marmorzelle,
zu schaun die Woogenpracht des Königes der Fälle!
Wie sich in silberlichtes Helle,
vom Glanz des Wassergotts umstrahlt,
(versuchts, wer dieses Bild euch mahlt!)
von ihrer hohen Felsenschwelle
herabstürzt diese Wasserhölle!

Umsonst! des Künstlers Hand erbebt,
dem kühnern Dichter sinkt die Leyer.
Er sieht ein Heer von Kräften hier belebt,
sieht Leben und Verderben eng verwebt,
er sieht aus grauem Nebelschleyer,
wie wallend Fluth aus Fluth sich hebt,
wie, tausendmal im Augenblicke,
sich bauet eine Wasserbrücke,
und in den Abgrund sich begräbt.
Er sieht ein schäumend Ungeheuer,
das sich zersprengt und wieder schlürft,
und aus dem Schlund im Sternenfeuer
ein Heer von Strahlenlichtern wirft,
wie wenn am Fels sich Blitze splittern.
Er sieht, wie Masse Masse schnellt,
sieht einen Silberberg von Furien erschüttern,
daß aufgelöst in eine Tropfenwelt
er aufspringt und zusammenfällt.

Welch ein Getös! Welch weit verworrnes Sausen!
gleich Eichen, die der Sturmwind trillt,
gleich der Orkane wildem Brausen,
das fern den Wanderer mit Grausen,
und nah ihn mit Entsetzen füllt.
Lauteilendes Verderben brüllt
aus seinem weiten Woogenrachen
des Bernhards eisgebohrner Sohn,
bang flüchten sich erschrockne Nachen,
vor seines Zornes wildem Drohn.
Die Ufer dröhnen rings davon,
zerrißne Felsenreste zittern
vor des Zermalmers Donnerton,
wie wenn auf seinem Wolkenthron,
geführt von rollenden Gewittern
der Weltgebiether furchtbar naht,
wie wenn des Zeitenstromes Rad,
vom Sturz der Jahre umgeschwungen,
hier wälzte und mit tausend Zungen
des Lebens Eile predigte. (…)

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792. Die zweite Gedichthälfte folgt!)

Obélix am Rheinfall

obelix

Jean-Claude Vithe ordnet die Megastars der bandes dessinées neuen/fremden Kontexten zu. Nachdem er bereits Spiderman Schaffhauser Gischt schnuppern ließ, meldet sich Vithe mit einer neuen Heldenverpflanzung: „Obélix, (R(h)ein gefallen?)” Schlafwandlerische Sicherheit aufgrund selbstgenügsamer Mißachtung selbst extremster landschaftlicher Reize geleitet den berühmten Gallier seit jeher von Panel zu Panel. Vithe deutet nun an, daß der Fels inmitten des Rheinfalls seine allhin bekannte Zwiegespaltenheit der Hinkelsteinfabrikation eines durchreisenden, leicht gedankenverlorenen Aremorikaners auf Edelweißsuche verdanken könnte.  (Daß Obélix einst Helvetien besuchte, ist zwar historisch nachgewiesen, über seine tatsächliche Bekanntschaft mit dem Schweizerrhein allerdings kann bis heute nur spekuliert werden.)

Der Rhein des Herrn Predigers Bodenburg (2)

(…) Viel der Najaden bewohnen des Gotthards wolkige Scheitel.
Dort auch sind die verborgenen Hallen des Siebengeschwisters,
Weitgepriesen und herrlich vor allen Najaden des Alplands.
Jede gebahr einen mächtigen Strom; es wallet der eine
Unter Hesperiens Myrthen dahin; nach Gallien wandte
Rhodan den Lauf, und Rhenus, der stärk`re, zum Land der Germanen.
Nymphe des Rheines, du liebtest das Land des kühneren Mannes;
Zu ihm leitest du nieder dein lauteres Felsengewässer,
Dass er stähle den nervigten Arm im Bad deiner Wellen.
O, dess` preise dich teutscher Gesang! — Erhabne, vernimm mich
Von der entlegenen Flur, und tönet auch schwach nur die Harfe,
Wie der Bach meines Thals in der Stille des feiernden Haines.

Auf meine heimische Flur sank einst der Abend hernieder,
Und die Stille bezog des Haines umdämmerte Lauben;
Friedlich tönte des Baches Gemurmel, (die still`re Najade
Windet ihn sanft durch die Moose und Blumen und zitternde Schilfe.)
Hocherglühtes Gewölk entschwebte allmälig dem Meere;
Hinter dem goldenen Schleier entschlüpfte die Göttin des Tages,
Und dann thürmte das Wolkengebirge mit flammendem Saume
Kühn seine Nebelgebilde empor zu dem schimmernden Aether,

O, da fühlt` ich den Busen umfangen von glühender Sehnsucht,
Und gezogen zum Lande, wo Tellus zum Himmel hinaufstrebt,
Und ihr strahlenbekränztes Haupt tief badet im Lichtmeer.
Zwiefach fühlt ich ihn da, den Schmerz der gebundenen Psyche.
Plözlich vernahm ich des Genius Wink — und Schlummer umfing mich,
Und er gab mir die Schwingen des Traumes; — da sah ich des Alplands
Purpurglühende Höhen und dich, gewaltiger Gotthard.
Aber ich forschte vor allem nach dir, o verborgene Nymphe,
Dir Erhabnen, ein Opfer zu bringen, nicht ohne Begeist`rung —
Und es ward mir gewähret, des Rhenus Najade zu schauen,
Wie sie gelehnt an den schattenden Felsen, mit sinnendem Antliz,
Doch voll göttlicher Milde, bükt auf der Wellen Gesprudel.
Perlen bethauen den Kranz an der Stirn und die zarten Gewände.
In der kristallenen Grotte entwallt der gefülleten Urne
Lieblich tönend die silberne Fluth, des himmlischen Thaues
Zarte geläuterte Tropfen. Es streuet dann goldene Perlen
In das Gewässer die Hand der Najade und bindet des Aethers
Flüchtige Stoffe, dem Strome verleihend belebende Kräfte.

Ach, es fielen auch Thränen der Nymphe hinab in die Wellen;
Denn sie gedachte des nahmlosen Jammers und wilder Verwüstung
Unter der furchtbaren Hand der Erinnen in friedlichen Thälern.
Weithin sah sie Verheerung am Strome, die schönen Gestade
All` ihres Schmuckes beraubt und bedekt mit unendlicher Trümmer.
Aräs durchflog die Gefilde mit wildem Gespanne, die Lanze
Tief getaucht in das Blut der Erschlagnen; es stampfen die Rosse
Sprühende Lohe zum Himmel empor auf schreklicher Brandstätt.
Durch Helvetia`s Thäler schleichet der siechende Hunger,
Und es stöhnet des Jammers Gewinsel herauf aus den Thälern.
Trauer erfüllte die Brust der milden Najade, die sorgsam
Fluren zu segnen sich mühet, indess` die verheerende Zwietracht
Weithin schleudert die Fackel des Krieges, und Menschen bethöret,
Dass sie verblendet die Werke wohlthätiger Götter zerstören.
Zürnend verhüllte die Nymphe das Haupt, sich wendend zur Grotte.
Und ich erwachte vom Schlummer, geschreckt von verhassten Gestalten.
Friedlich rollte der Bach seine Wellen im Schimmer des Spätroths,
Doch bald werden auch ihn Orkane empören, es rollen
Schwere Wetter dumpftobend herauf, und stürmender Hagel
Wird seine Fläche zerschlagen, den Spiegel der stillen Seläne.

Ja hienieden ist ewiger Kampf! Es binden und lösen
Sich im ewigen Wechsel die ringenden Stoffe, es gehen
Neue Gestalten hervor; dem Tode entkeimet das Leben,
Rastlos wirkt die Natur, doch ewig nach weisem Gesezze;
Formend zerrüttet sie immer — sie regelt und ordnet auch wieder,
Zieret ihr Wundergebäude mit unvergänglicher Schöne,
Und der Ernährerin Hand ist immer geöfnet zum Geben.
Tausend bei tausend Begehrenden reicht sie aus ewiger Fülle.

Dem sie so vieles gewähret, — nur ihn ersättigt sie nimmer,
Ihn, dem wilde Begierden verderblich den Busen entzünden.
Wo sie bauet und ordnet, und segnet mit gütigen Händen,
Da zerstöret der Wilde, getrieben vom Fluch der Erinnen,
Und entblättert ihn selber den lieblichsten Kranz seiner Freuden;
Denn er trägt sie nicht lange, des Friedens beglückende Ruhe.

Rhenus, es zeuge dein Ufer! — Ich stimme die Harfe zur Wehmut,
Wende den traurenden Blick hinweg vom entstellten Gestade!
Fluch der verwegenen Hand, die so deines Schmucks dich beraubte!
Zehnmal trat nun der Frühling, der Blumenumkränzte, vergebens
Hin zu deinem Gestade; den Teppich der Flora zerstampfen
Donnernde Hufe der stöhnenden Rosse im Schlachten-Gewühle.
Ceres, Autumnus, Pomona, und Fülleverleihende Götter —
Zehnmal traten sie nun vergebens mit reichen Geschenken
Auf die rheinische Flur, — sie scheuchte des Krieges Getümmel
Und die vertilgenden Donner der Schlachten hinweg von dem Blutfeld.

Eilest du zürnend hinab, o Rhenus, zum heiligen Weltmeer,
Fliehend die Greuel des Krieges, dich dort in der Tiefe zu bergen?
Dort auch wirst du ihn finden den streitbegehrenden Menschen;
Auch des Ozeanus weite Behausung hat Aräs beflecket.
Stolze Geschwader belasten die wallende Fläche und schleudern
Kühnbeflügelt die Flammen des Krieges von Ufer zu Ufer.

Nenne Gesang die Heroen, auf welche die Völker nun hoffen.
Unter dem Schirm der Aegide durchwandelt der Eine das Schlachtfeld,
Und es grünt in der Rechten dem Andern ein friedlicher Oelzweig.

Furchtbar wüthete Aräs, im Männervertilgenden Kampfe,
Da entführten ihn eilends die Götter dem blutigen Schlachtfeld,
Dass er die Welt nicht veröde, der unersättliche Krieger;
Und sie gaben des Gottes Gespann einem menschlichen Helden.
Bonaparte, du führest seitdem die Lanze des Aräs,
Zügelst sein wildes Gespann, doch unter dem Erz der Aegide
Schlägt dir ein menschliches Herz. — O, könnte mein Lied dich erreichen!
Du aus der Vorwelt Wundertagen erstandener Heros,
Bist du des Hannibal Geist? — Des Grösten von allen Achäern?
Franke, dir weichen sie alle! — Du unbezwungener Krieger
Bist an dem Busen der Kühnheit gesäugt, dir gaben die Götter
Weisheit, und sicher wägenden Blick zu schneller Entscheidung,
Und den besonnenen Geist, den ruhigen unter Gefahren,
Roma`s Genius selbst und des heldenberühmten Achaja
Haben dich heimlich erzogen und selber gerüstet zu Thaten.
Glorreich hast du vollendet; — der Sieger entsaget dem Kampfe!

Neben dir ragt er hervor, der glücklichen Brennen Beherrscher.
Grösse mit Waffen errungen, wie leicht entnimmt sie das Schicksal!
Friedrich Wilhelm die deine ward nicht mit dem Blut der Gefallnen,
Nicht mit Thränen erkauft, sie kündet kein Donner der Feldschlacht;
Dir ist das glückliche Land der weite Tempel des Ruhmes.
Du mit dem zügelnden Ernst, du Ordner nach weisem Gesezze,
Wandelst so prunklos und einfach, mir hold der lauteren Warheit,
Festen Schrittes voll Spartischem Geist, und schaffest mit Weisheit;
Und es reifen viel Früchte des emsigen Fleisses dem Lande
In Saturnischen Tagen. — Ihm Heil, dem Herrscher der Brennen!
Ihm erblühe der Kranz seines Ruhmes auf glücklichen Fluren!

Tretet ihr Göttergeliebte voran, zwei Boten des Friedens,
Dass Irene dem Himmel entschwebe, und senke den Oelzweig
In des Schlachtfelds graunvolle Oede, damit sie der Nachwelt
Alle die Trümmer verdecke, aus Tagen entarteter Menschen,
Wo wildtobende Völker das Recht und die Warheit verschmähten,
Und die Freien sich dünkten durch jeglicher Tugend Entsagung.

Heimathlos durchirren nun viele die Wüste des Lebens,
Und ein unendlicher Schmerz hat tief das Leben verwundet!-
Viel sind der Edlen gefallen — auch viel der verworfenen Menschen!
Tobende Völker, wie habt ihr gewüthet — Du himmlischer Friede
Wecke nun mildres Gefühl in dem Busen und heile vom Wahne.

Bald so nahet die lezte der Horen des stolzen Jahrhundert! —
O, wie wähnte der Mensch, er habe den Gipfel erstiegen,
Wo er entbunden und frey, und kühn die Wahrheit umfasse!
Aber den Stolzen verliess die zürnende Göttin der Weisheit;
Von Phantomen getäuscht, entsank er der schwindelnden Höhe,
Und nun steht er voll Wunden und blutet, der sterbliche Halbgott.

Du, der Menschheit Genius, bist du zürnend entwichen?
Neige dich hin zu dem armen Geschlecht, und heb` den Gefallnen.
Gieb ihn nicht ewig der Thorheit zum Sklaven, entbind` ihn vom Irthum,
Reife doch endlich den Geist, und stärke des Schwankenden Tritte,
Dass er regle die irrenden Wünsche, im Kampf der Begierde.
Und Eunomia herrsche hinfort und Themis und Dike,
Dass ein glüklich Geschlecht bewohne den heiligen Erdkreis.

Nymphe des Rheines, ermüde du nimmer die Fluren zu segnen,
Lass sie der Urne entströmen, die lebenernährenden Wasser.
Zürne du Göttliche nicht, wenn Undank lohnt deine Milde.
Leichter entartet der Mensch, je reicher die Fülle ihm zuströmt!
Harre der besseren Tage, wo einst in friedlicher Ruhe
Menschen voll Warheit und Treue dein liebliches Ufer umwohnen.

(aus: Der Rhein, Fragment aus einem Gedicht: Die Ströme, vom Herrn Prediger Bodenburg. Womit zu dem mit den abgehenden Primanern des Johanneums, Heinr. Schmeichel, Ernst Carl Dav. Behm und Eduard Loder, am 22sten März von 9 bis 1 Uhr anzustellenden Maturitäts-Examen ehrerbietigst einladet J. Gurlitt, Professor am Gymnasium, Director und erster Professor des Johanneums. Hamburg 1804)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)