Presserückschau (Juli 2017)

1
Die Göttin wartet
“In sich ruhend und ganz auf die eigene Person konzentriert sind die Skulpturen von Magorzata Chodakowska. Insofern passen die Werke der polnischstämmigen Künstlerin (…) sehr gut in das Konzept der Stille, dem sich die Hitdorfer Galerie Flowfineart verschrieben hat. (…) Inspiriert vom modernen Ausdruckstanz treibt sie ein Urbedürfnis nach Schönheit und Ästhetik an. Die starke Körperspannung vermittelt das Selbstbewusstsein einer Göttin. Zwei der weiblichen Akte von Magorzata Chodakowska sind diesen Sommer in Hitdorf zu Gast, eine Stehende im Erdgeschoss und eine Sitzende, mit einer Art Handtuchturban auf dem Kopf, liegt im oberen leeren Raum, als warte sie hier auf ihr Bad im Rhein, der in Sichtweite vor dem Fenster vorbei fließt. Die Figuren sind in Holz gearbeitet und anschließend in Bronze abgegossen.” (Rheinische Post)

2
Rosaroter Rhein
“Die Wasserschutzpolizei Mainz konnte (…) schnell Entwarnung geben: Es sind keine Chemikalien, die für die rosafarbenen Schimmer des Rheins gesorgt haben. Die Polizisten sind sich stattdessen sicher, dass die Verfärbung vom Roten Hang in Nierstein kommt. Dort besteht der Boden aus rotem Sandstein, Geologen nennen das „Rotliegend“. (…) Die Wasserschutzpolizei spricht von einem etwa fünf Meter breiten und 50 Meter langen Teppich. Der trieb dann Richtung Mainz, wo er nur noch teilweise gesehen wurde und sich dann auflöste. Die Wasserschutzpolizei sagt, das käme immer wieder mal vor, gerade wenn es lange trocken war und dann kräftig regnen würde.” (SWR)

3
Selfie
“Dieses Selfie wird sie wohl nie mehr vergessen: Eine (…) Touristin ist (…) in Chur während des Abdrückens mit der Handykamera in den Rhein gestürzt. (…) Das Missgeschick geschah unterhalb der Rheinbrücke beim Rheinsand (…). Beim Selfie-Machen verlor die 26-Jährige das Gleichgewicht und fiel in den Fluss. Rund einen Kilometer wurde sie von der Strömung mitgerissen. Bei einer Sandbank konnte sie sich auf einen Felsbrocken in Sicherheit bringen. Ein Rega-Helikopter befreite schliesslich die durchnässte Frau aus ihrer misslichen Lage. (…) Die Touristin wurde nach der ärztlichen Untersuchung an ihr Aufenthaltsdomizil zurückgeführt.” (Thurgauer Zeitung)

4
Synthetischer Strand
“Am Rheinufer in Sürth wurden (…) jede Menge winziger Plastikkügelchen angeschwemmt, höchstens fünf Millimeter groß sind sie im Durchmesser und überwiegend weiß. In einer Bucht nördlich des Godorfer Hafens (…) ist der Granulatstreifen besonders dicht gestreut. Aber auch noch rund fünf Kilometer weiter nördlich in Rodenkirchen liegen die Plastikpellets vereinzelt im Sand; sie sind von kleinen Kieselsteinen kaum zu unterscheiden. (…) Das nahe gelegene Chemieunternehmen Lyondell Basell stellt im Industriegebiet in Wesseling/Godorf solches Kunststoffgranulat her. (…) LB hat nach eigenen Angaben am Rheinufer in der vergangenen Woche eine Granulatprobe genommen und analysiert. (…) Es sei möglich, dass aufgrund der starken Regenfälle auch Plastikpartikel aus den Rückhalteeinrichtungen des Werkes herausgespült worden seien.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Herzlich willkommen zurück
“Ein letztes Mal kehrte er zurück an seinen Sehnsuchtsort: Helmut Kohl, aufgebahrt im Dom zu Speyer. Ein Ort, der Kohl als Privat- und als Staatsmann immer wichtig war. In der Totenmesse (…) im Dom erinnerte auch der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann an Kohls persönliche Beziehung zu dem Gotteshaus. Sie hatte damit begonnen, dass Kohl hier mit seiner Mutter im Zweiten Weltkrieg Zuflucht vor Fliegerbomben fand. Als Kanzler führte Kohl Staatsgäste aus aller Welt nach Speyer. (…) Zur (…) Totenmesse nach Speyer kam der Sarg (…) mit dem Schiff. Der Leichnam des Altkanzlers wurde mit der “MS Mainz” von Reffenthal über den Rhein gebracht. Eskortiert von mehreren Polizeibooten legte das Schiff (…) am Rheinufer in unmittelbarer Nähe des Speyerer Doms an. Am Zielort warteten schon mehrere Hundert Bürger. “Danke Helmut. Herzlich willkommen zurück in Speyer”, hatte ein 48-jähriger Speyerer mit roter Farbe auf ein weißes Leintuch geschrieben, das er an einer Brücke am Rhein aufgehängt hat.” (SWR)

6
Störfaktor
“Im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags von Baden-Württemberg haben am Montag zwei Polizisten den Austausch der Sicherheitsbehörden über Ländergrenzen hinweg als unzureichend kritisiert. “Der Rhein ist ein störender Faktor”, sagte ein 55-jähriger Staatsschützer aus dem rheinland-pfälzischen Ludwigshafen über die Zusammenarbeit mit baden-württembergischen Kollegen. “Was unsere Leute in Baden-Württemberg wissen, wüsste ich auch gerne.”" (Badische Zeitung)

7
Kampf der Giganten
“Seit acht Millionen Jahren kämpfen zwei Giganten im Schwarzwald. Sie ringen langsam, aber stetig und erbarmungslos. Zunächst ging es um das größere Gebiet, mittlerweile geht es um die Existenz. Die Rede ist von Rhein und Donau, (…) die im Schwarzwald den Kampf um die europäische Wasserscheide austragen. Experten räumen der Donau schlechte Chancen ein, denn der Rhein gräbt ihr beständig die Zuflüsse und Quellgebiete ab. Wer beim Wandern die Augen offen hält, kann mancherorts Schauplätze dieses Kampfes erkennen. (…)” (Badische Zeitung)

8
Seilbahn-Drama
“Nach der Rettung von 65 Menschen aus der Kölner Seilbahn sollen (…) die Untersuchungen zu dem Notfall beginnen. (…) Eine Gondel der Seilbahn hatte sich (…) verkeilt. Die Kölner Feuerwehr startete eine spektakuläre Rettungsaktion. Da ein Großteil der Kabinen über dem Rhein festhing, mussten zahlreiche Fahrgäste aus großer Höhe auf ein Feuerwehrschiff abgeseilt werden. Andere Passagiere wurden über Drehleitern vom Ufer oder der Zoobrücke aus der beängstigenden Lage gerettet.” (Spiegel)

9
Rheintote
“Der nach dem Schwimmen im Rhein vermisste 18-Jährige ist tot. Er sei in Höhe des Mainzer Rathauses am Donnerstag aus dem Fluss geborgen worden, teilte die Polizei (…) mit. Der 18-Jährige hatte (…) mit anderen Jugendlichen und Betreuern einer Hilfeeinrichtung für unbegleitete Flüchtlinge einen Ausflug an den Rhein unternommen. Als ein Binnenschiff vorbei fuhr, ging er im Wasser unter. Eine Obduktion soll nun die genaue Todesursache klären.” (Hessenschau)

“(Speyer) Schrecklicher Fund (…) im Rhein: Beim Angeln wird im Hafenbecken eine männliche Leiche (41) im Wasser entdeckt! (…) Nur ein paar hundert Meter weiter befindet sich auch das Großaquarium „Sea Life“. Nach der Bergung durch die Feuerwehr kann der hinzugezogene Notarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt (…) mitteilt, handelt es sich bei dem Toten um einen 41-jährigen Mann aus Bellheim. Er konnte eindeutig anhand seines Personalausweises identifiziert werden. Aufgrund des Zustands der Leiche, ist von einer kurzen Verweildauer im Wasser auszugehen (…). Während die Kriminalpolizei die Ermittlungen vor Ort aufgenommen hat, wurde die Leiche sichergestellt und in ein Bestattungsinstitut gebracht. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal hat die Obduktion der Leiche angeordnet.” (Mannheim24)

“Ein Mann (54) ist (…) im Rhein ertrunken. Er war zusammen mit sieben weiteren Männern auf einem Motorboot auf dem Fluss unterwegs, als dieses (…) in der Nähe von Schaffhausen kenterte. Alle acht Passagiere fielen ins Wasser. Sieben Männer konnten sich selbstständig ans Ufer retten und blieben unverletzt (…). Der 54-Jährige blieb jedoch im Rhein zurück und konnte erst nach umfangreicher Suche mit Polizeitauchern nur noch tot aus dem Rhein geborgen werden. Gefunden wurde die Leiche (…) rund 1,5 Kilometer flussabwärts bei der Feuerthalen-Brücke (…). Der Unfall geschah offenbar bei einem Anlegemanöver, wie die Polizei in einer Mitteilung schreibt. Beim Bootsführer wurde eine Blut- und Urinprobe angeordnet.” (Blick)

“In Höhe des Fähranlegers bei Rheinberg-Orsoy ist (…) eine im Rhein treibende Wasserleiche entdeckt und geborgen worden. Die Identität der Person ist noch unklar. (…) Neben der Wasserschutzpolizei, dem Rettungsdienst und der Rheinberger Feuerwehr (Löschgruppe Orsoy) war auch der Rettungshubschrauber Christoph 9 am Einsatzort. Die Feuerwehr konnte die Leiche von einem Boot aus bergen. Ob es sich um eine männliche oder um eine weibliche Leiche handelt, war noch nicht zu erfahren.” (Rheinische Post)

“Traurige Gewissheit zum Schicksal des Mannes, der (…) von der Mülheimer Brücke in den Rhein gesprungen war: Im Duisburger Stadtteil Alt-Walsum haben Passanten seinen toten Körper im Rhein treibend entdeckt. Die Wasserleiche ist (…) bereits obduziert und auch identifiziert worden. Es handelt sich um einen 38-Jährigen aus Köln.” (Express)

Karlheinz

billy hutter_karlheinz
Als „eine Art Roman“ bezeichnet Autor Billy Hutter sein Buch, auf das mich Dieter M. Gräf aufmerksam gemacht hatte. Das Cover mit seinen in Kodacolor gefaßten Kontrasten gefiel ebenso auf den ersten Blick wie der Neugier schürende Untertitel „Ein Stück von Karlheinz steckt auch in Euch“. Daß Karlheinz, den Billy Hutter im Buch und darüberhinaus als Paradebeispiel eines deutschen Durchschnittslebens „projektiert“ hat, tot im „Schicksalsstrom“ Rhein gefunden wurde, brachte zudem unverzüglich meine rheinsein-Ader in Wallung.

Karlheinz, wahlweise mit Bindestrich, hießen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Komponisten, Schauspieler und Fußballer („der Treter mit dem Engelsgesicht“). Noch häufiger war der Name bei Bauarbeitern, Laboranten und obskuren Onkeln anzutreffen – kleinen Männern, für die selten literarische Worte bemüht werden (1). Laborant und obskurer Onkel zugleich war Karlheinz Naksch (1929–1989) gewesen, dessen Nachlaß Billy Hutter, der im Brotberuf als Entrümpler (2) arbeitet, einem Schatzsucher-Impuls folgend hortete, erforschte („Sauerkrautbüchsen, dreißig oder vierzig Stück, die einzigen Lebensmittel, die er auf Vorrat gekauft hat – Verdauungsprobleme? Skorbut?“), sortierte, deutete, im Rahmen von Kunstaktionen zugänglich machte und über die Jahre zum Buche Karlheinz faßte: die große leidenschaftslose Geschichte vom Versinken unter den Möglichkeiten, das Hohelied vom antriebsarmen Versacken in den unaussprechlichen Fallen des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg.

“Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack. (…)
In einer vom Pfälzischen Fremdenverkehrsverband e. V. (…) Ende der 1930er Jahre herausgegebenen Broschüre – „Deutschland – Die Pfalz am Rhein“ – (von Karlheinz mehrfach unbeherrscht mit „1939“ bestempelt) werden im Abschnitt Ludwigshafen unter dem Punkt Sehenswürdigkeiten im Wesentlichen der großartige Schiffsverkehr auf dem Rhein, die Werke der I.G. Farbenindustrie und der Blick auf Mannheim genannt.”

Neben Karlheinz gebührt die zweite Hauptrolle des Buchs der Stadt Ludwigshafen, ihrer parallel zu Karlheinzens Leben verlaufenden Geschichte, sowie der näheren Umgebung. Daß die Pfalz exemplarisch für deutschen Durchschnitt steht, mag sich an ihrer Kartoffel- und Weinlastigkeit ermessen lassen (in der Pfalz wird Wein als Dubbeschoppe in Halblitergläsern serviert), an der bräsigen, vom Aussitzen dominierten Kanzlerschaft Helmut Kohls (Karlheinz und der große, anderthalb Jahre ältere Nachbarsjunge müssen sich wenigstens vom Sehen gekannt haben, rechnet Hutter nach Straßenzügen und Schulzeiten aus), oder auch daran, daß seit Jahrzehnten die Einwohner einer Ludwigshafen nahen Gemeinde mit dem sprechenden Namen Haßloch der Konsumlobby als Testkaninchen dienen, deren Verhalten entscheidet, welche neuen Produkte Einzug in den gesamtdeutschen Alltag halten dürfen.

“Das Werk ist trotz seiner anderthalb Jahrhunderte langen Geschichte arm an Anekdoten – die Anilinratten sollen groß wie Katzen sein (…). Vielleicht ist seine Macht zu drückend, um kleine Geschichten zu spinnen. Eine, die dennoch in allen möglichen Varianten an den Stammtischen erzählt wird, geht so: In einer Abteilung fällt auf, daß immer wieder größere Mengen Quecksilber verschwinden. Der Werkschutz wird verständigt. Am Tor werden Kontrollen durchgeführt. Ein Arbeiter schiebt sein Fahrrad, er hat die Tasche auf den Gepäckträger geschnallt, dem Ausgang entgegen. Die Tasche wird durchsucht – ohne Ergebnis. Dieser Vorgang wiederholt sich in den folgenden (…) Wochen ein ums andere Mal. Der Mann hat den Verdacht auf sich gezogen. Eines Tages kippt ihm, er hat die Kontrolle schon passiert, das Fahrrad um. Die Werkschützer beobachten entgeistert, wie er sich bemüht, das Gefährt wieder hoch zu wuchten; es geht nicht, das Rad ist einfach zu schwer. Der Dieb hat den ganzen Rahmen mit Quecksilber gefüllt.”

Natürlich spielt „das Werk“ auch in Karlheinzens Leben eine entscheidende Rolle: der Vater arbeitete dort als Doktor der Chemie. Die ans Werksgelände grenzenden Straßen der Arbeiterkinder galt es für den Jungen aus besserem Hause zu meiden. Die väterliche Erwartung, der Sohn möge in seine Fußstapfen treten, wird Karlheinz zwar angehen, jedoch nicht erfüllen. Für die allgegenwärtige, ihm von Geburt an zugedachte BASF zu arbeiten vermeidet er: Enthaltsamkeit als aufmüpfiger Akt? Statt Karriere zu machen, führt Karlheinz ein etwas undurchschaubares, von eintönigen Zeugnissen markiertes Leben: Ereignislosigkeit, die er von klein auf akribisch in Kalendern notiert: eine Akribie, auf die auch der Autor beim Erschließen der karlheinzschen Notizen verfällt, bis er unmerklich und nie ohne Widerwillen beginnt, das Leben des zur Kunstfigur erkorenen Verstorbenen in zaghaften Ausschnitten nachzuleben. Um derartige Vorgänge erträglich zu gestalten, muß Distanz zum Sujet gehalten werden (Zeugenbefragungen werden vermieden, sie könnten die Karlheinz-Ikone demolieren); dann wieder macht Hutter seine Leser zu Komplizen, indem er sie in bester Arbeitermanier euchzt und ihrzt; der nachgelassene Krempel, der seine Wohnung verstopft, wird zu Performance-Material umgedeutet:

“Als ich zu sprechen beginne, zerstöre ich das demokratische Element. Meine Haltung ist bereits festgelegt. Ich beobachte längst meine Gäste. Ich beäuge argwöhnisch die Männer, die allein unterwegs sind. Hinter einer konventionellen Maske verbergen sie nicht unbedingt sympathische Schrullen. Der ist wegen Nichtigkeiten in bittere Grabenkämpfe mit seinen Nachbarn verstrickt. Der fliegt alleine nach Südostasien. Karlheinzige Typen. „Du bist Karlheinz!“
(…) Ich überbetone die endlosen Wiederholungen in seinen Aufzeichnungen und erzähle die Geschichte von den Gurken aus Oggersheim. Schildere, wie es der Familie im vorletzten Kriegsjahr gelingt, eine Ladung Gurken zu organisieren. Wie die Gurken im Wäschekorb über Bahnsteige geschleppt und zur Nahrungsergänzung mit in den Urlaub geschafft werden. Wie Karlheinz über drei lange Wochen täglich notiert: „abends Gurken.“”

Trotz aller Ereignisloskeit, die Leserschaft weiß das von Beginn an, steuert Karlheinz auf die Katastrofe zu. Die Frage, worin sie bestehen mag, erzeugt Spannung über den zur Schau gestellten Banalitäten („bedaure, daß ich euch gelangweilt habe“). Die Lektüre erinnert mich an Jugendgefährten, die verrückt geworden sind, verschollen, an Drogen, Unfällen oder Unlust gestorben. Wieviele von uns brechen vor der Zeit weg? Was macht ein Leben aus? Wenn Rolf Dieter Brinkmann in Rom, Blicke seine Einkaufszettel publiziert, strahlt das Wut aus. Wenn Billy Hutter Karlheinzens in etwa zur gleichen Zeit angesammelten Café-Rechnungen publiziert, spricht das von Bodenständigkeit. Zwei Seiten des Spießertums, das in Karlheinzens Person nicht nur erwartbare Facetten entfaltet: die extreme Bindung ans Elternhaus, zugleich der Haß auf die verheiratete Schwester, die Unfähigkeit zur Partnerschaft, versteckte Sexualität, unbeholfene Betrugsversuche und resultierende Gerichtsverfahren, ein „sensationeller Verschleiß an Regenmänteln“, der späte Karlheinz womöglich gar – wie praktisch jede Deutung im Buch trotz Kubikmetern gewissenhaft ausgewerteten Nachlaßmaterials unbewiesene Spekulation – eine Existenz als Ludwigshafener Original: der Mann (mehr ein Schemen) mit der braunen Einkaufstüte, der sich bei den Eingängen der Kaufhäuser und den Bekanntmachungen der Banken aufhält. Jeder Anflug von Skurrilität enthält bei Karlheinz zugleich Hilflosigkeit, Manie und die fiese Befremdnis bürgerlichen Mainstreams. Beim Lesen klingt mir ständig der schleppende Ludwigshafener Dialekt im Ohr, dieweil Hutter in Karlheinz die Existenz in ihrer äußersten Schlichtheit sich Bahn brechen läßt, eine überaus flache, jederzeit absturzgefährdete Kurve beschreibend: das vieltausendfach ungekannt gelebte Leben des Helden, von dem sein Nachempf- wie -erfinder schreibt, daß er ihm persönlich lieber nicht habe begegnen wollen – und tatsächlich löst es Schauder aus, wenn Hutter über ein Ludwigshafener Hallenbad räsoniert: Karlheinz und der Autor hätten womöglich im selben Wasser geschwommen. So traurig und erfunden alles an Karlheinz wirkt, ist es das wahrste und beeindruckendste Buch, das ich dieses Jahr bisher gelesen habe.

“Ich schlage vor, ihm ein Denkmal zu setzen. Das ist ein durch und durch seriöser und ernstgemeinter, ein nicht-literarischer Vorschlag. (…) Die offizielle kulturelle Praxis unserer Stadt setzt auf das Konstruktive und das Kybernetische. Im Gegensatz dazu wird das Karlheinz-Monument, das wir unten am Rheinufer errichten, eine Mischung aus den Objekten Duane Hansons und Claes Oldenburgs werden und in farbigem Polyester oder einem vergleichbaren künstlichen Material gehalten sein; kolossal jedenfalls, da darf nicht gekleckert werden. (…) Ein Monument der Mittelmäßigkeit und der Einsamkeit wird es werden, aber ebenso ein großartiges, ein größenwahnsinniges Ding, ein Wal, ein Heidelberger Faß, das zu Abbremsungen auf den Brücken führen wird. Am Fuß des Denkmals treffen sich Verliebte. Hier werden Hochzeitsfotos gemacht. Hierhin führt das Vorstandsmitglied die chinesische Delegation. Ein touristischer Magnet wird das Denkmal sein. Nach Ludwigshafen, um Karlheinz zu sehen!”

Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro

***

(1) Zur weiterbildenden Lektüre empfehle ich das Gedicht Kleineleutechronik von HEL
(2) Anfang der 90er arbeitete ich einige Zeit wie Billy Hutter als Entrümpler und Möbelpacker in einem sozialistisch organisierten Kollektiv, ein Sammelbecken für Linksintellektuelle: nicht selten bugsierte ich damals Hand in Hand mit einem Doktor der Philosophie, der über Hegel promoviert hatte, Schränke und Waschmaschinen durch Düsseldorfer Treppenhäuser und fragte mich, wieviele Bücher dereinst einmal von Mitgliedern dieses handfesten Kollektivs verfaßt worden sein würden.

Presserückschau (März 2013)

Der März war arm an rheinspezifischen Meldungen. Die aufregendste Nachricht, nämlich daß Google Maps den Rhein gegen die Ruhr vertauschte, haben wir an anderer Stelle bereits dokumentiert. Schließlich tauschte Google den neuen Ruhrverlauf so zügig wieder zurück gegen den des alten Rheins, daß vielen Zeitungen, die darüber berichteten, nicht einmal mehr der  Screenshot-Beweis gelang. Hier die restliche Auswahl unserer Pressedurchsicht:

1
Von rheinischen Hauptbaumarten und Ahorn-Sechsern im Waldlotto kündet der Bonner General-Anzeiger: „(…) Das Holz aus den Wäldern zwischen Siebengebirge und Kottenforst hat bundesweit einen sehr guten Ruf. Die sogenannte Wertholzversteigerung Rheinland war in diesem Jahr geprägt durch eine gute Nachfrage und stabile Preise. 23 Bieter gaben Angebote für 508 Stämme von 19 verschiedenen Baumarten (insgesamt 713 Festmeter Holz) ab. (…) Die Eiche war die Hauptbaumart, die zur Versteigerung kam. (…) Dieses Mal gab es allerdings keinen Stamm, der sich preislich von der Masse absetzen konnte. Im Vorjahr hatte ein Ahorn bei der Versteigerung 7650 Euro erzielt.“

2
Über die Wittelsbacher-Ausstellung in Speyer befindet der Deutschlandfunk: „Die berühmtesten Pfälzer der näheren Zeitgeschichte sind Fritz Walter und Helmut Kohl. Sie finden sich, allerdings nur als Pappmaschee, in einer Art Walhalla großer Söhne (und einiger Töchter) der Pfalz am Ende der Ausstellung. Dort sieht man auch Max Slevogt und Ernst Bloch, den BASF-Gründer Friedrich Engelhorn und Henry John Heinz, der als Kind pfälzischer Einwanderer in den USA die segensreiche Ketchupsoße erfand. Diese doch eher virtuelle Versammlung pfälzischer Persönlichkeiten macht auch schon das Grundproblem der Ausstellung deutlich: Es war unheimlich schwer, Exponate zu finden. Eigentlich soll die Zeit der Wittelsbacher bebildert werden, also jenes Jahrhundert zwischen 1816 und 1918, in dem die linksrheinische Pfalz von Bayern aus regiert wurde.“

3
Warum der Rhein auf dem Landeswappen von Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten in die falsche Richtung fließt erklärt die Rheinische Post: „Die Landesflagge von Nordrhein-Westfalen hat (…) grün-weiß-rote Querstreifen. Das wurde (…) so in einem Gesetz festgelegt. Es ist vor 60 Jahren, am 10. März 1953, in Kraft getreten. Die FDP wollte damals Schwarz-Rot-Gold auch für NRW, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Das Grün, so wurde im Landtag erläutert, stehe für das Rheinland und das Rot für die rote Erde Westfalens. Das Gesetz von 1953 bestätigt zugleich die Gestaltung des Landeswappens: Es zeigt im linken Feld einen “linksschrägen” silbernen Wellenbalken, der den Rhein symbolisiert. Dass der Flusslauf in die falsche Richtung weist, nämlich von Südwest nach Nordost, ist keine Schludrigkeit des Wappengestalters, sondern den Regeln der Heraldik geschuldet. Im rechten Feld ist das traditionelle westfälische Ross zu sehen und unten im Wappenschild die lippische Rose.“

4
„Der Kies im Rhein soll wieder rollen“ titelt die Badische Zeitung in Anlehnung an einen berühmten Bob Dylan-Song. Der „Masterplan Geschiebe“ soll dafür sorgen, das Geschiebe am Hochrhein wieder in Gang zu bringen und damit die Lebensgrundlagen für Fische und Kleintiere im Rhein zu erhalten: „Mit dem Bau der insgesamt elf Kraftwerke am Hochrhein habe der Rhein einen großen Teil seiner Selbstreinigungskraft verloren, nur noch bei den kleineren Kraftwerken funktioniere sie einigermaßen. Vor dem Stau sei durch die natürliche Strömung das sogenannte Geschiebe – Kies – ständig über den Flussboden gerollt und habe dabei die Sedimente aufgewirbelt. Nach dem Stau sei es damit insbesondere bei den großen Kraftwerken vorbei gewesen, Kies und Sedimente verbacken, den Fischen fehlen Laichmöglichkeiten. Das Kraftwerk Ryburg-Schwörstadt etwa sei eine regelrechte Geschiebefalle. Dort liege eine regelrechte Schlammwand. Es könne nur helfen, wenn jetzt an geeigneten Stellen Kies ans Ufer geschüttet und bei Hochwasser immer wieder etwas davon mitgeschwemmt werde.“

5
Tierische Sensation am Hochrhein: „Die Welt der Romane hat Moby Dick, den weißen Wal; Freunden des Katastrophenfilms bleibt der weiße Hai auf ewig unvergessen. Weil am Rhein hat nun sein weißes Reh.“ Der sportliche Leiter, Platzwart und Jugendtrainer des FV Haltingen hat es auf einem Bolzplaz entdeckt und gefilmt, schreibt die Badische Zeitung und erklärt: „Nach Ansicht der Fachzeitschrift “pm”, die sich dem Thema “Albinos” ausführlich gewidmet hat, ist es wahrscheinlicher vom Blitz getroffen zu werden, als ein solches Tier zu Gesicht zu bekommen.“

Daß Papst Franziskus einst als Jorge Mario Bergoglio in Boppard die deutsche Sprache erlernte und daß auf der Rheinfähre Kaiseraugst-Herten nun Käsefondue angeboten wird, beschließt die Meldungen für diesen Monat.

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Rheinische Persönlichkeiten (4)

helmut

Horst Wurst: Helmut Kohl
(Scherenschnitt/Collage; 30 x 40 cm; Farb- und Geschenkpapier auf Karton; 2000)

Preis: 50 Euro (Mindestgebot), bei Nichtabholern zuzüglich Versandkosten

rheinsein präsentiert eine kleine Reihe “rheinischer Persönlichkeiten” aus der Werkstatt von Horst Wurst. Die Scherenschnitt-Collagen entstanden im Jahr 2000 und wurden damals in der Kölner Calcographie gezeigt.

Der Künstler hat uns ermächtigt, seine Werke zum Verkauf anzubieten. Wir bitten um verbindliche Gebote via E-Mail oder Kommentarfunktion bis zum 31. Juli 2011.

Tod auf dem Rhein

Ludwigshafen entvölkert sich stückerweise, somit drastisch, nach und nach, zumindest in der Schiffsbauer- und Motorrennstallszene, und Kommissarin Odenthal joggt über/durch Pfälzer und badisch Beton`n`Unkraut aus Achtzigerjahreschablonen (Licht: Deutschlands schönstes Aschermittwochsgrau, von unentschiedenen Pastellwerten aufgelockert), aus denen auch die Haarschnitte des Personals rühren, unterfüttert das Ganze von schlaffördernden Kameraeinstellungen, Schnitten, Dialogen, produziert im laufenden Jahr 2010. Der Rhein: dargestellt als pissige Feindseligkeit oder vergrützte Hafenbrühe, befahren von einfältiger, pointenloser Wasserpolizei. Dann jene gesichtszerpickte Leiche („Möwen!“ – obgleich der Kopf nach unten im Schlamm lag: Schlammmöwen womöglich) aus dem Grundkurs Schminken und wieder schwappt da etwas von der Kamera degradiertes im Hintergrund, das in all seiner orkischen Reduziertheit dennoch unmöglich als Deutschlands Schicksalsstrom durchgehen darf. Viel zu pieselig. Würdelos. Klein. Kurz vorm Umschalten ein Umschalten in tiefere (tiefergelegte?) Gedanken, als simple Fragen formuliert: ist das alles etwa Absicht? Gemeint als Reminiszenz an den schlechten Geschmack und seine stilbildenden Ausgeburten unserer Jugendjahre? Gab es ein unausgesprochenes Regieexperiment? Wurde versucht, mit Helmut Kohls ästhetischen Maßstäben zu agieren? Mit David Hasselhoffs? Mit beider? Der Rhein floß schon durch einige Tatortfolgen (Duisburg, Düsseldorf, Köln), ein so abgebracktes Antlitz wie in diesem Ludwigshafen-Hockenheimer zeigte er dabei selten. Ähnlich wie damals die Achtzigerjahre löst sich dieser Tatort schließlich mehr oder weniger von selbst. Und bleibt trotzdem unangenehm hängen.

Wer den Rhein gebaut hat

Gestern im Internet. Unversehens läuft so ein Mathias Richling-Mitschnitt. Auf einem jener Portale, welche potente Nutzungsrechteinhaber gern als vor- bis vollverantwortlich für den Untergang des Abendlandes geißeln. Der quäkende hektische Mann erklärt offenbar gerade deutsche Geschichte, ich muß zweimal hinhören, also wiederholt Richling: „Die CDU hat den Rhein gebaut.“ Er hält inne. Wiederholt den Satz erneut. Fährt dann fort: „Und die Autobahnen noch dazu.“ Richling wirkt konfus, von den eigenen Worten überrascht. Doch schnell korrigiert er: „Ich muß mich entschuldigen, es war nicht die CDU, die die Autobahnen gebaut hat, nein, das waren Leute, die später bei der CDU untergekommen sind.“ Aha, hier spricht offenbar einer, der Fehler nicht nur zugeben, sondern sogar ausräumen kann. Rare Spezies. Das mit dem Rhein aber läßt Richling stehen. Ich kann mich nicht erinnern, wer den Rhein in Wirklichkeit gebaut hat, das fällt ins Dunkel meiner Kindheit, völlig aus der Luft gegriffen aber ist Richlings These sicher nicht. Den Rhein gibt’s schließlich bereits seit den 60er, 70er Jahren, logischerweise muß hier von der alten CDU die Rede sein. Mit der ich persönlich nur gute Erfahrungen gemacht habe, nämlich eine einzige: im Jahr 1987 schickte ich eine Vierwort-Postkarte an die CDU-Zentrale: „brauche dringend kohl-poster“. Zwei Tage später war das Poster da. Die CDU hatte fähige Leute damals, wohl nicht nur beim Posterversand. Schnelle Reaktion, keine unnötigen Rückfragen. Und Kohl – der kam schließlich auch vom Rhein.