Neustätten

Übernacht dann plötzlich (es dunkelte nicht einmal wie es sonst so schwärzt, vielmehr bestand die Nacht aus grobgekörntem Gries, der sandpapierartig das Vorhandene wegschmirgelte): Neustätten statt Altstätten, dh zunächst einmal garnichts: also etwas (ja nicht einmal etwas!), das geradezu unvorstellbar war ob seiner absoluten Nichtvorhandenheit. Doch sofort begann die Fantasie (und woher die Fantasie eigentlich rührt, das würden wir ja auch gern einmal wissen – oder lieber doch nicht?) das Vakuum anzureichern mit Bekanntem. Es war ja ein Altstätten gewesen an dieser Stelle, das sich gedanklich wieder aufbauen ließe, sollte man meinen, zB mit einigen Verbesserungen versehen, die durchaus möglich waren. Dort wo ein Schwarzes Loch wirkt, das bekanntlich mittels Gravitation/Zerdrängung vorgeht, kommt eine Geschichte (bei ihrem Verschwinden) nicht ohne schwerste Brüche aus. Das mittels Abschmirgeln an der Oberfläche angerauhte Nichts Altstättens jedoch bot eine ideale Fläche, Neues einfach darüberzuschichten, dareinzuschütten, daraufzustapeln. Als erstes gab die Schöfung dem Rhein einen neuen Verlauf, denn der Fluß ist es, der die Stadt zuläßt, und ein neuer Fluß läßt eine gänzlich neue Stadt entstehen. Nur aus Nostalgie (und weil er so eine Art Prototyp des Flußwesens darstellt und vielleicht auch, weil er außerhalb der Neustätter Gemarkung sowohl im Süden als auch im Norden an den herkömmlichen Rhein anschloß) hieß auch dieser wieder: Rhein. In den üppig wuchernden Straßen und Bauten Neustättens fand sich bald das Ehepaar Öppert, die Urbewohner und Stammeltern der Neustätter Moderne. Sie gaben uns eine kleine Stadtführung, während derer, länger als eine Stunde mag sie nicht gedauert haben, eine komplette Bürgerschaft entstand, die auf altbekannte Manier ihre Umgebung besiedelte und in Besitz nahm. Ein Schul- und Handelswesen war innert Minuten ausgebildet, als sei dies pure Selbstverständlichkeit. Kaum länger brauchte das Etablieren einer scharfen, aber tolerant gehandhabten Gesetzgebung. Der Jugendrat verfügte dunkle Ecken in den ansonsten lichtdurchfluteten Alleen, einige der riesigen kastenartigen Wohn- und Arbeitsstätten wurden sofort nach dem Richtfest in Schutt und Asche gelegt, um als Mahnmale der Vergänglichkeit zu dienen: in spiritueller Hinsicht ein erstaunlich vernünftiger Schritt in einer erst stundenalten Stadt. Ein paar trashig geschmückte Brunnen schossen aus dem Boden, die Fassaden bildeten Fachwerk aus und sowieso schien sich vieles, das hier entstand, auch wenn das eigentlich nicht unbedingt sein mußte, am Geiste Altstättens zu orientieren. Bereits am Nachmittag hatte Neustätten sich völlig ausgebildet und war von anderen, herkömmlichen, älteren Städten kaum noch zu unterscheiden. Julia Öppert, mit 14 die jüngste der Öppertfamilie, sagte uns zum Abschied das Neustätter Stadtmotto her, das sich so schön mäandrierend als der alte (kanalisierte) Rhein (von dem in Neustätten zwar niemand weiß, den viele Neustätter aber bei Wetterumschwüngen spüren) in die weiße Fläche des städtischen Quaderwappens schmiegt: „Armut erhebt moralisch nicht über Reichtum. Für jeden besteht gleiches Recht an gesellschaftlicher Teilhabe. Das Prinzip Ausbeutung ist zu überwinden! Revolution!“