Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (4)

Manchmal bin ich überrascht, sehr verschneite Gedanken zu formulieren. Die Meteorologie des Geistes ist das Wetter wert.

Andere Male höre ich Texte, ohne den Inhalt zu erfassen, weil sie in einem anderen Raum zum Ausdruck kommen. Manchmal sind es Steine, die einer nach dem anderen fallen, manchmal ein ganzes Stück Mauer, das abstürzt. Es ist dann möglich, den Zustand des Verfalls zu messen, an dem die Beziehung zwischen zwei Wesen angekommen ist.

Es gibt nichts. Die Wellen versuchen, durch unendliches Gähnen für Abwechslung zu sorgen, mit etwas schmutzig-gelbem Schaum auf den Lippen, der für eine Weile auf dem Sand haften bleibt.

Der leere Horizont, die flüssige Ausdehnung zwischen mir und ihm, die hektische Oberfläche, sogar aufgewühlt, aber leer, ein verlassener, aber nicht öder Raum, leer, aber weder so groß, wie wir ihn sehen, noch so voll, wie wir es gern gehabt hätten, vorausgesetzt wir hätten ihn füllen wollen. Zu viel des Nichtgenug, des Nichtgenügens zu viel, nicht viel, aber genug um wegzugehen. Zu gehen heißt, woanders hinzugehen, weit ins Leere, das man eigentlich in der Reichweite seiner Hand hat. Zu gehen bedeutet sich zwingend vorzustellen, dass die Leere dort erträglicher sein wird als die Leere hier. Das Aberwitzige der Exotik, das ist es.

Nun, abgesehen vom Meer gibt es am Meer nicht viel zu sehen.

Das Meer ist also wüstenartig, bis zum Horizont, dieses “dort”, das die Menschen anzieht, sie dazu bringt, es sich anzusehen, oder zum Jenseits dieser Linie zu streben, die sie zu ihren Füßen haben, vor ihren Augen: die Leere. Manche gingen, oder gaben vor, ohnehin zu gehen, ich weiß nicht wohin, blieben aber zu Hause. Sie dachten wohl, in dem sie nicht gingen, wohin sie vorgaben zu wollen, sie würden die Unsterblichkeit erlangen. Man stirbt auch wenn man nirgends hin geht, das ist ein Vorteil, vielleicht (24).

Von diesem Meer, aus dem wir kommen, in das wir gehen. Wer weiß, ob nicht doch irgendwas dabei herauskommt, wenn wir es imitieren? Auch wenn es im Grunde bleibt, wo es ist. Sich bewegt? Das ist das Kunststück des Meeres: Sich zu bewegen, ohne abzuhauen. Deshalb ahmen wir es nach. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig, weil wir doch ständig die Segel setzen.
Man fragt sich, warum diejenigen, die am Meer leben, über den Horizont hinaus fahren, um die Leere zu entdecken, die an ihren Fingerspitzen klebt. Sie gehen nicht, sie navigieren. Und wenn sie nicht navigieren, navigieren sie auf eine andere Weise. Sie gehen zum Beispiel. Beine, schließlich sind sie auch dafür gut. Das sollte man nicht vergessen. Wir vergessen viele Dinge, seien wir ehrlich, und wir erinnern uns nicht sehr an das, woran wir uns erinnern.

Wir können genauso wenig das sein, was wir waren, wie das sein, was wir sein werden. Es ist notwendig, die Zeit oder die Zeiten zu respektieren. Niemand benutzt den Indikativ für das Imperfekt, noch dieses für die einfache Zukunft. Es gibt Regeln, die Konkordanz zwischen den Zeiten: In der Schule war es leichter etwas zu sagen als zu schreiben, aber mit etwas Fleiß ging es. Vielleicht gehen wir deshalb so bereitwillig. Denn wenn wir gehen, haben wir den Eindruck, dass wir mit der Zeit übereinstimmen. Und wir sehen das Land, zusätzlich zu dem oder jenem, den wir im Kopf haben, und das sind auch oft diejenigen, die wir mehr als bei allem anderen beim Gehen sehen, was das Gehen umso erfreulicher macht und die Freude am Gehen steigert. Wenn wir in Länder gingen, die wir nicht im Sinn haben, würden wir uns dort nicht zurecht finden, wir würden uns verirren. Sehen, Beobachten, was wir nicht kennen, durch das, was wir kennen, ist eine ausgezeichnete Art sich zu orientieren.

Im Louvre, grafische Abteilung: Courbet, Frau liest in einem Boot (Rhein) – während des Aufenthaltes in F.?

Auf die Bilder von Eimern zeigend, sagte er, sie würden ihn an Türme erinnern. Kurz, ich baute nichts weniger als eine Stadt. Er hatte Architektur studiert, also musste er Ahnung haben. Und dann fügte er hinzu, dass mehr an als Türme, die Eimer ihn an Pyramiden denken ließen, aber umgekehrte. Menschen haben Fantasie. Hätte er sie mit Kathedralen, mit der Atlantikmauer oder mit dem Bahnhof von Luçay-le-Mâle verglichen, hätte mich das nicht weiter gestört.

Die Zeit war nie vor der Theorie verlegen, sie ging sofort zur Praxis über.

Eimer spielen nicht. Ich spiele nicht Eimer, wenn ich sie fotografiere. Ich bin die Eimer.

Das Kommen und Gehen der Welt, ihr Läuten, ihr Atem und ihre Asche finden sich vielleicht einen Augenblick in den Eimern wieder, bis zum Moment, in dem auf die Kamera-Auslöser gedrückt wird. Sie enthalten dann nichts. Sie sind so leer wie der endlich erreichte maritime Horizont, oder sie enthalten nur Zeit, innerhalb derer das Kommen und Gehen der Welt köchelt. Die Zeit der Eimer, die Zeit der Türme. Die Zeit bin ich, wenn ich sie fotografiere. Vielleicht könnte sie eines Tages zu einer Stadt werden, wie mein Freund sagte. Eine Stadt aus leeren Türmen.

Das Land, das wir im Kopf haben beim Gehen und dasjenige, das wir tatsächlich durchqueren.

Die französische Sprache ist so magisch wie schwierig. Sie spricht das Wort “Eimer” (seau) aus, das genauso “Sprung” (saut) oder “Siegel” (sceau) oder “dumm” (sot) sein kann, wobei letzteres derjenige ist, der nicht zu unterscheiden vermag, was was war. Einen Sprung in den Eimer machen zu wollen, ist das Siegel des Narren (25), wiederholte die Lehrerin, ein Axiom, das uns sehr verwirrt erschien und uns von der gepriesenen Klarheit unserer Sprache entfernte. Um diese für sie ziemlich relative Dunkelheit auszugleichen, nutzte die Lehrerin ein Lineal aus Buchsbaumholz, dessen Kontakt mit der Epidermis unserer Finger einen kurzen, aber intensiven Schmerz verursachte, der in den meisten Fällen von beispielhafter Effizienz war. Die Klarheit der Sprache zeigte sich dann: Die Strenge der Schreibweise war weit weniger schmerzhaft als die von Holz.

Eines Tages traf ich einen Mann, der einmal mit einem Wassereimer gefoltert worden war. Nachdem sie ihn im Schneidersitz an den Stamm eines Sapotillbaums gebunden hatten, fixierten seine Wachen über seinem bereits rasierten Kopf einen mit Wasser gefüllten Eimer, dessen Boden sie durchbohrt hatten. Dann … ich erzähle es später, anderswo …

Auf dem Tisch liegen Objekte. Gegenstände in ununterbrochener oder flüchtiger Gegenwart. Runde und Rollen, offensichtlich eher ein Basar als bewiesene Unordnung. Dessen Schwankungen erinnern, wage ich zu behaupten, an die der Welt, oder sogar des Universums: alles aus Erscheinungen, Aufenthalt, Verschwinden.

Die Straßen und Bürgersteige als Tische betrachten, auf denen die abgelegten Gegenstände nicht an Ort und Stelle bleiben, um so weniger, da man selbst in Bewegung ist. Eine gesunde Aktivität ist es, zu gehen, die zudem den Vorteil hat, die Ausübung einer Aufzählung noch schwieriger, wenn nicht unmöglich zu gestalten. Wie lange können wir tatsächlich, ehrlich, die Daten aufsammeln, die wir brauchen, um eine Liste der Dinge zu erstellen, die links und rechts zu sehen sind, ohne dass letztere die ersten löschen? Wie wird man die mnemonische Bewahrung von einigen garantieren können, wenn man andere notiert? Zu sagen, dass es genügen würde, alles in einem Heft zu notieren, wäre optimistisch. Wie schaut man sich, während man schreibt, um? Wie schreibt man über das, was man sieht, wenn man sorgfältig darüber schreibt, und dabei nichts sehen kann? Der Schock des Zusammenpralls mit einem Laternenpfahl oder einem anderen Element der Stadtmöblierung würde eine klare Antwort ohne Anklage geben: man schafft es nicht. Ein Handy zu benutzen, um die Daten in Form von SMS zu erhalten, würde mich wahrscheinlich nicht viel weiter bringen.

Wir können sagen, nachdem man ihn [Heinrich Heine] gelesen hat: Es gibt keinen Rhein mehr (26)…

Und wenn der Blick ein paar Fenster streift, läßt sich der Geist von ihren Inhalten nicht aufhalten, noch besorgt das der Anblick dieses megalodon-ähnlichen Mannes, der wie gefangen in einem wahren Flechtwerk von Gegenwinden aufkreuzte, der mehr auf der Stelle trat als zu gehen, mehr brüllte als nachsang, was in seinen stereofonischen Kopfhörern gespielt wurde: eine Sonic-Farce, die ihn dazu brachte, mit desorganisierten Gebärden die Luft durcheinander zu bringen und in voller Ekstase die bombadierte Festungsmauer seiner Zähne zur Schau zu stellen, einem zum Amokläufer mutierten batteriebetriebenen Kaninchen gleich, das eine Trommel zu Tode schlägt…, dachte ich und kam am Bahnhof an.

Wir gingen an einem Wald entlang auf eine Reihe von Bäumen zu (Reste eines größeren Waldes?), die den Horizont unterzeichneten, welcher langsam vom Nebel wegradiert wurde. Wir hielten an. Wir gingen zurück zu der Baumreihe, hinter der der Fluss fließen sollte, den wir nicht erreichten, so dick der Nebel nun war, und dichter und dichter wurde, löschte er jegliche Idee eines Ziels. Was wir vor uns hatten, könnte ebenso leicht hinter uns liegen, dachten wir. So dicht war der Nebel.

***

(24) Es könnte sein, dass diesen Gedanken das Gedicht “Rondel de l‘adieu” von Edmond Haraucourt zu Grunde lag.
(25) Vouloir effectuer un saut dans le seau est le sceau du sot.
(26) Paul Foucher, Les coulisses du passé (Paris, 1873)

Die alten bösen Lieder

Die alten bösen Lieder
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen großen Sarg.

Hinein leg ich gar Manches,
Doch sag ich noch nicht was;
Der Sarg muß sein noch größer
Wies Heidelberger Faß.

Und holt eine Totenbahre,
Von Brettern fest und dick:
Auch muß sie sein noch länger
Als wie zu Mainz die Brück.

Und holt mir auch zwölf Riesen,
Die müssen noch stärker sein
Als wie der heilige Christoph
Im Dom zu Köln am Rhein.

Die sollen den Sarg forttragen
Und senken ins Meer hinab,
Denn solchem großen Sarge
Gebührt ein großes Grab.

Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
und meinen Schmerz hinein.

(Heinrich Heine: Buch der Lieder, Hamburg 1827)

Die Germania und die Billigbombe

Dimanche 26 juin. Rüdesheim. J’attrape de justesse le bateau, sur l’embarcadère de la Compagnie Köln-Düsseldorf. Je suis le dernier sur la passerelle. Il est 10 heures quand le Deutschland s’éloigne du quai.
Au-dessus de Rüdesheim s’aperçoit, dressée sur les hauteurs couvertes de vignobles, la statue de la Germa­nia du monument du Niederwald. Lothar Baier me racontait que des anarchistes francfortois avaient voulu profiter de son inauguration par Guillaume II, en 1893, pour assassiner l’empereur. Mais « en bons protestants allemands », dixit Lothar, ils avaient acheté pour leur bombe la mèche la moins chère qu’ils aient pu trouver. Or il plut ce jour-là et la mèche ne fonctionna pas. Ils furent arrêtés, condamnés à mort et exécutés. Lothar voyait là une nouvelle preuve par l’absurde de l’incapa­cité des Allemands à réussir une révolution.
La présence de ce monument en ces lieux, parmi les vignobles, loin de Berlin la capitale, est exemplaire de l’extraordinaire dissémination des monuments symboli­ques de l’unité nationale dans ce pays. Le Walhalla de 1842, construit sous Louis Ier de Bavière pour servir « au renforcement et à l’accroissement du sens allemand », se trouve au sud de Regensburg. A Cologne est la cathédrale dont l’achèvement, à partir de 1840, devait annoncer « une grande et puissante Allemagne ». A Mayence, l’érection, en 1837, d’un monument à Gutem-berg symbolisait « la conscience que nous avons une patrie commune, une langue commune, les mêmes lois, les mêmes espoirs et le même but ». A Leipzig se dresse, gigantesque, le monument témoin de la renaissance nationale, celui de la « Bataille des Peuples » contre Napoléon. Le monument symbole de la puissance germanique, celui qui commémore la victoire de Her­mann sur les Romains, se trouve près de Bielefeld, dans la Teutoburger Wald. Dans l’île de Norderney est la pyramide faite des pierres de toutes les villes alleman­des. Et à Berlin, bien sûr, sont quelques monuments « d’intérêt national », mais finalement guère plus qu’ail­leurs.
La Germania est un peu la cousine allemande de Marianne. Mais celle-ci est chrétienne lorsque, dans la mémoire nationale, elle se confond avec Jeanne d’Arc, porteuse de révolte et de liberté quand elle grimpe avec Gavroche sur les barricades. La Germania n’est pas cela, mais une réminiscence de légendes germaniques, une resucée de Walkyrie. Elle est grave et massive, grise et guerrière. Elle sert le prince et non la liberté, et le prince s’en sert pour tuer la liberté. A Rüdesheim, elle est tournée vers l’ouest et provoque la France. Elle monte la garde sur le Rhin.
Il n’y a qu’une société d’Allemands du troisième âge sur le bateau, ils restent vissés à leurs table, étroitement assis, et il m’est impossible de trouver leur compagnie. Les autres touristes sont des Japonais et des Français, deux groupes de chaque, et quelques Américains.
Passé Rüdesheim, le Rhin circule dans les méandres encaissés du massif schisteux rhénan. Son lit parfois est si étroit qu’il a dû être élargi pour les bateaux modernes, comme, après-guerre, à Bingen. A l’approche du rocher de la Lorelei, le bateau s’emplit, via les haut-parleurs, d’un mâle chœur chantant le poème de Heine mis en musique par Sucher. Les touristes se ruent à bâbord et photographient un morceau de la falaise qui les sur­plombe. A son sommet, à 132 mètres, flotte le drapeau allemand : ce bout de rocher est lui aussi monument national.
La légende de la Lorelei n’est que l’une des nombreu­ses légendes que ce fleuve charrie depuis toujours. On trouve de tout sur ces rives et ces îlots, « dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne », comme l’écrit Hugo dans Le Rhin. Sous tous ces burgs dont les silhouettes déchiquetées accompagnent le voyage, se jouent des histoires odysséennes, comme celle, juste­ment, de la Lorelei, cette Circé germanique dont les longs cheveux d’or appellent les marins à fracasser leurs barques à ses pieds ; apparaissent des empereurs de légende, comme Frédéric Barberousse qui, à Pfalz, fait triompher l’amour, deus ex machina, au terme d’une histoire compliquée d’amoureux empêchés ; se mêlent christianisme et paganisme, comme dans la légende du Drachenfels, près de Bonn, où une jeune vierge livrée à un dragon se sauve par sa foi. Les mythes sont souvent effroyables et nocturnes : la parure d’or de la Lorelei ne se voit qu’à la nuit ; dans sa « tour aux souris » de Bingen, le méchant archevêque est bouffé tout vivant par les rats. On songe à ce que, dans De l’Allemagne, Heine dit des « légendes de l’Allemagne, ces tristes enfantements pétris de sang et de nuages, dont les formes sont si grises et si blafardes, et l’aspect si cruel ! ». Pourtant ici, sur ce fleuve, les monstres sont vaincus par la justice et par l’amour, le seul monstre triomphant, finalement, est la belle Lorelei qui tue insolemment.
La force et l’importance du Rhin sont d’abord en lui-même avant que d’être dans les rêveries des hommes. Ce fleuve, plus qu’aucun autre, est fluidité, mobilité, communication, trait d’union. Il fait définitivement échapper le pays qui le borde à cette Bodenständigkeit, cette « fixation au sol » tellement forte ailleurs et dérangeante. Son lit semble boire, autant qu’à l’eau venue des chutes de Schaffhausen, à celle, dorée, qui court en vert déferlement sur ses pentes somptueuses et qui, gavée de soleil et de sucre, rendra, muée en vin, tout le pays aimable. La douceur est vertu du Rhin malgré les sombres légendes et les orgueilleux monu­ments de la puissance de Guillaume, de Ruedesheim et de Coblence, qui paraissent ici ridicules et obscènes. C’est cette douceur aussi qui fait que, de la plus terrible et de la plus froide des légendes, Heine ne retient dans son chant qu’indicible tristesse : « Ich weiss nicht,/ Was soll es bedeuten,/ Dass ich so traurig bin. »

(aus: Patrick Démerin, Voyage en Allemagne (Paris 1989))

Mary Kochs Loreley

“Dämm’rung naht auf leisem Fuße,
Schatten ziehen still heran,
Doch in lichten Purpurflammen
Glüht der Wolkenocean.

Graue Nebelschleier hüllen
Schon die fernen Berge ein,
Nur der Schlösser stolze Zinnen
Glänzen noch im Abendschein.

Süße Feierstunde kündet
Aus dem Thal der Glocke Klang,
Zu den Hügeln noch ein Fischer
Sendet seinen Nachtgesang:

“Neigt der Tag sich seinem Ende,
Ist der Hände Werk vollbracht,
Klingt es tröstend allen Müden:
Gute Nacht! Gute Nacht!

Mutter, die mit treuer Sorge
Meinen Lebensweg bewacht,
Schließ’ die lieben müden Augen:
Gute Nacht! Gute Nacht!

Schlafe wohl auch du, Geliebte,
Daß dein Blick mir heller lacht,
Wenn ich morgen froh dich grüße.
Gute Nacht! Gute Nacht!

Bald auch mich umfängt der Schlummer,
Doch der Vater droben wacht. -
Herr der Welt, dir gilt mein letztes
Gute Nacht! Gute Nacht!”

Und der Schiffer treibt den Nachen
langsam zu dem stillen Strand,
Kettet dann ihn an den Pfosten,
Eingerammt im Ufersand.”

Der gewählte Ausschnitt zu Beginn des elften Gesangs mag die Langatmigkeit der Loreley von Mary Koch exemplarisch verdeutlichen, der Untertitel “Episch-Lyrische Dichtung in elf Gesängen” darf aus heutiger Sicht als Warnung vor naheliegenden Reimen in erstaunlicher Schlagzahl verstanden werden: auf gut 200 Seiten entfaltet sich eine ausufernd-überflüssige Bearbeitung des Loreley-Stoffes, niedergelegt 1884 (Verlag von Carl Barth, Stuttgart), als die literarische Epoche der Rheinromantik bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte und die Schwelle zu neuen Betrachtungsweisen längst betreten war. Koch bekrittelt im Vorwort “mangelnde historische und lokale Hintergründe” der vorangegangenen essentiellen Loreley-Bearbeitungen (Brentano, Heine, Geibel) und meint damit, daß die Loreley zu erwähnen, ohne bei den Römern zu beginnen, die den Wein an den Rhein brachten und ihm in Bacharach einen Altar bauten, unbedingt zu kurz gegriffen sein müsse. So dient das mittelalterliche Bacharach als Kulisse und wird Lore bei Koch zu Meister Hartwin Vois’, des Feuerweinkochers Tochter, einer bescheidenen und an Schönheit längs des Stroms unangefochtenen Weinkönigin, “ein historischer und lokaler Hintergrund”, der auf ähnlichem Erfindungsgeist beruhen dürfte wie die Version Brentanos, der als erster den Mythos verschriftlichte, ihn womöglich zur Gänze erfand. Der schwäbische Pfalzgraf Otto bricht der jungen Lore bei Mary Koch nach wenig mehr als hundert Strofen das Herz, die enttäuschte Jungfer schwört Rache, welche ihr die Rheinnixen, die ihren Kummer vernehmen, gegen einen Deal genehmigen: für die Vernichtung des Heuchlers muß Lore dem Rhein sich vermählen, um seine Königin zu werden. Dem Koch’schen Epos möchten wir an dieser Stelle (nicht nur wegen des gewählten Ausschnitts) durchschlagende Kraft als Einschlafhilfe attestieren und der Handlung nicht weiter vorgreifen, wohl aber anmerken, daß außer der Autorin womöglich noch niemand das Epos von Anfang bis Ende gelesen haben mag, worin wiederum eine Herausforderung bestünde, die wir gerne an unsere Leserschaft weitergeben.

Köln in Köln (9)

köln in köln_7_15_richterfensterStromverteilerkasten in Nippes mit kolossalem, verteufelt schwarzen Gesellen Dom (Altstadt), telekomatisiertem Colonius und Herkules-Hochhaus (beide Ehrenfeld). Die Kölner Wahrzeichen liegen unter Wasser, was auf einen hohen Pegelstand bzw den alten Rheinarm, auf dem Nippes erbaut ist, deutet. Deutlich zu erkennen sind die umstrittenen Richter-Fenster der Kathedrale, aus deren einem die Schlange der Versuchung bzw der Weltaal lugt.

Die Loreley (feat. Helene Fischer)

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Neulich durchstöberten wir das Netz auf der Suche nach Loreley-Interpretationen und stießen auf diesen albernen Flash-Film von Arthur Würz und Leonard Liebler. Darin erzählt die Hippie-Großmutter den Drillingen eine Gutenachtgeschichte von der Loreley, die sie aus den 70ern in Erinnerung hat: Unter Reggaeklängen kommt ein Schiff durch die enge Schlucht des Mittelrheintals gesegelt. Kapitän ist ein Rastaman, der sich sogleich einen gewaltigen Joint anzündet, der den Heckbereich der Schaluppe einnebelt. Dabei zitiert er Heines Loreley, dichtet die erste Strofe jedoch auf seinen bekifften Zustand um. Im folgenden werden einzelne Zeilen im Original aus dem Off weitergesprochen, bis “die schönste Jungfrau” sich als Schlagerstar entpuppt, dessen “wundersame gewaltige Melodei” der Gassenhauer “Atemlos durch die Nacht” von Helene Fischer ist. Der Kapitän, breit wie eine Haubitze, entbrennt für die blonde Sängerin und läuft liebesblind auf einen Felsen in der Strommitte, sein Schiff detoniert. Ob dieser entsetzlichen Wendung wimmern die Drillinge im Bette und scheißen sich ein vor Angst. Nun beginnt der Abspann, der beinahe die Hälfte des Achtminüters ausmacht und zu Afromans Kifferhymne “Because I Got High” vor den Gefahren des Drogenkonsums warnt.

Rhein-Meditation (5)


“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.