Neujahrsgrüße aus der Vergangenheit

Paris, 31. December 1842

Ich schreibe diese Zeilen in den letzten Stunden des scheidenden bösen Jahres. Das neue steht vor der Thüre. Möge es minder grausam seyn als sein Vorgänger! Ich sende meinen wehmüthigsten Glückwunsch zum Neujahr über den Rhein. Ich wünsche den Dummen ein bischen Verstand und den Verständigen ein bischen Poesie. Den Frauen wünsche ich die schönsten Kleider und den Männern sehr viel Geduld. Den Reichen wünsche ich ein Herz und den Armen ein Stückchen Brod. Vor allem aber wünsche ich, daß wir in diesem neuen Jahr einander so wenig als möglich verläumden mögen.

(aus: Heinrich Heine – Lutezia, in: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, in Verbindung mit dem Heinrich-Heine-Institut herausgegeben von Manfred Windfuhr)

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lacht laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorüberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,
Der närrische Brummbaß brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muß nach Hause gehen -”
Die Herzogin lacht: “Ich laß dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -”
Die Herzogin lacht: “Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehör ich -”
Die Herzogin lacht: “Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.”

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

“Das ist der Scharfrichter von Bergen!” so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam – die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
“Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.”

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein,
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

(aus: Heinrich Heine – Reisebilder. Späte Lyrik, Goldmann, München 1957)

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

***

Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.

Rheinischer Rebell

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln hatte uns vor geraumer Zeit eingeladen zur Kabinettsausstellung „Ein rheinischer Rebell. Wolfgang Müller aus Königswinter“ in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Der Einladung konnten wir erst heute, am letzten Tag der Ausstellung folgen. Zur Anreise entschieden wir uns ganz gegen alle Gewohnheit für die Stadtbahn: eine gute Entscheidung, denn nebst dem beinahe schon literarischen Anblick eines aus der Zwerghundhochburg Weidenpesch zugestiegenen Yorkshireterriers, der mit seiner unverhältnismäßig langen Zunge unablässig die dünne Wagenluft aufleckte, kamen wir in kurzer Fahrtzeit auch in den Genuß diverser Privatgespräche („hisch`schwööre wennhischdensehe kritterjleisch nehohrfeije“), proklamativ memorierter Telefonnummern und den heftigen Ausfall eines mittäglich Schwerbetrunkenen, welcher sich zunächst wilde Kampfszenen mit einer Automatiktür der Bahn lieferte, bevor er den zahlreichen staunenden Anwesenden zurief, sie mögen ihn doch alle am Arsch lecken. Wie sehr der private und der öffentliche Raum sich heuer durchdringen zeigten insbesondere die Displays einiger Smartfones, welche sich den Fingerübungen ihrer Besitzer entzogen und eigenständig Informationen verbreiteten, welche den ein oder anderen empfindlicheren Passagier erröten ließen. Ferner beobachteten wir etliche Gestalten, die für zwei Stationen ihre Fahrräder in die Bahn schleppten, ein Massenfänomen mit schwer durchschaubarer Motivation. Wir hätten gerne noch mehr modernen Alltag gesehen, doch die Ausstellung rief, sie war nurmehr wenige Stunden verfügbar.

Die Ausstellung entpuppte sich, wie das in Bibliotheken so üblich ist, als Vitrinenausstellung. Ein vitrinierter Rebell also, dieser Wolfgang Müller. Anbetrachts der auf den ersten Blick gefühlten fünf (auf den zweiten Blick/in Wirklichkeit aber mindestens doppelt bis dreifach sovielen) Exponate war Müllers Rebellentum zunächst kaum faßbar: handelte es sich doch um Bücher mit anheimelnden Titeln wie Bruderschaftslieder eines rheinischen Poeten, Rheinfahrt, Mein Herz ist am Rheine, Erzählungen eines rheinischen Chronisten oder auch Lahnfahrt. Etwas rebellischer schon der Titel: Höllenfahrt von Heinrich Heine, schwer einschätzbar Müllers Ehrenmitgliedschaft im Bonner Maikäferbund, mäßig rebellisch einige Gedichtdrucke Herbstfeier (mit viel Rhein/Wein-Gereime), Der Mönch von Heisterbach und ein Text über den sagenhaft volksfreundlichen Kölner Bürgermeister Hermann Gryn, der einen ausgehungerten Löwen (und mit diesem den Klerus) in die Schranken wies, doch schließlich vollends Müllers Rebellentum hervorkehrend ein Zitat von Friedrich Engels: „Es wurden auch einige kommunistische Gedichte des Herrn Dr. Müller aus Düsseldorf vorgelesen“, zu finden angeblich in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 2, Berlin 1990, auf Seite 517. Die Ausstellung hat vor wenigen Minuten geschlossen, wir bemühen uns jedoch darum,  den ein oder andern Müllertext hier einzustellen.

Im Rhein, im schönen Strome,

Im Rhein, im schönen Strome,
Da spiegelt sich in den Welln,
Mit seinem großen Dome,
Das große, heilge Köln.

Im Dom da steht ein Bildnis,
Auf goldenem Leder gemalt;
In meines Lebens Wildnis
Hats freundlich hineingestrahlt.

Es schweben Blumen und Englein
Um unsre liebe Frau;
Die Augen, die Lippen, die Wänglein,
Die gleichen der Liebsten genau.

(aus Heinrich Heine: Buch der Lieder)

Die Wallfahrt nach Kevlaar

I.
Am Fenster stand die Mutter,
Im Bette lag der Sohn.
„Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,
Zu schau’n die Prozession?“ –

„Ich bin so krank, o Mutter,
Daß ich nicht hör’ und seh’;
Ich denk’ an das todte Gretchen,
Da thut das Herz mir weh.“ –

„Steh’ auf, wir wollen nach Kevlaar,
Nimm Buch und Rosenkranz;
Die Mutter Gottes heilt dir
Dein krankes Herze ganz.“

Es flattern die Kirchenfahnen,
Es singt im Kirchenton;
Das ist zu Cölln am Rheine,
Da geht die Prozession.

Die Mutter folgt der Menge,
Den Sohn, den führet sie,
Sie singen beide im Chore:
„Gelobt sey’st du Marie!“

II.
Die Mutter Gottes zu Kevlaar
Trägt heut’ ihr bestes Kleid;
Heut’ hat sie viel zu schaffen,
Es kommen viel’ kranke Leut’.

Die kranken Leute bringen
Ihr dar, als Opferspend’,
Aus Wachs gebildete Glieder,
Viel wächserne Füß’ und Händ’.

Und wer eine Wachshand opfert,
Dem heilt an der Hand die Wund’;
Und wer einen Wachsfuß opfert,
Dem wird der Fuß gesund.

Nach Kevlaar ging Mancher auf Krücken,
Der jetzo tanzt auf dem Seil’,
Gar Mancher spielt jetzt die Bratsche,
Dem dort kein Finger war heil.

Die Mutter nahm ein Wachslicht,
Und bildete d’raus ein Herz.
„Bring das der Mutter Gottes,
Dann heilt sie deinen Schmerz.“

Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz
Ging seufzend zum Heiligenbild;
Die Thräne quillt aus dem Auge,
Das Wort aus dem Herzen quillt:

„Du Hochgebenedeite,
Du reine Gottesmagd,
Du Königin des Himmels,
Dir sey mein Leid geklagt!

„Ich wohnte mit meiner Mutter
Zu Cöllen in der Stadt,
Der Stadt, die viele hundert
Kapellen und Kirchen hat.

„Und neben uns wohnte Gretchen,
Doch die ist todt jetzund –
Marie, dir bring’ ich ein Wachsherz,
Heil’ du meine Herzenswund’.

„Heil’ Du mein krankes Herze,
Ich will auch spät und früh’
Inbrünstiglich beten und singen:
Gelobt seyst du, Marie!“

III.
Der kranke Sohn und die Mutter,
Die schliefen im Kämmerlein;
Da kam die Mutter Gottes
Ganz leise geschritten herein.

Sie beugte sich über den Kranken,
Und legte ihre Hand
Ganz leise auf sein Herze,
Und lächelte mild und schwand.

Die Mutter schaut Alles im Traume,
Und hat noch mehr geschaut;
Sie erwachte aus dem Schlummer,
Die Hunde bellten zu laut.

Da lag dahingestrecket
Ihr Sohn, und der war todt;
Es spielt auf den bleichen Wangen
Das lichte Morgenroth.

Die Mutter faltet die Hände,
Ihr war, sie wußte nicht wie;
Andächtig sang sie leise:
„Gelobt sey’st du, Marie!“

(aus: Heinrich Heine – Buch der Lieder, Hamburg 1827)

Lorely

Gérard de Nervals “Lorely; souvenirs d`Allemagne” von 1852 ist eines der weniger bekannten Werke des flirrenden Dichters, der nach wechselhafter Karriere auf den Straßen von Paris, über die er zuvor seinen Hummer Thibault spazieren zu führen pflegte, landete und sich schließlich an einem Fensterkreuz erhängte: selbstverständlich ein Bilderbuchschicksal für einen Dichter: stets mittendrin (z.B. wegen Schulden im Knast oder aufgrund von Zerrleuchtungen im Wahnsinn), innovativ, einsam, unterwegs und falsch verstanden. (Dafür dann halt in den Geschichtsbüchern notiert.) Da trifft es umso besser, daß die Lorely, auf www.archive.org in verschiedenen Formaten zugänglich, heuer auf Klick von einer synthetischen Text to Speech-Damenstimme vorgetragen wird, die das französische Original prosodisch streng geradeaus mit robotisch-angelsächsischem Akzent interpretiert und somit eine neue Gibberish-Variante schafft, deren Strom sich dem des Rheines und der Zeiten bewußtseinserweiternd überlagert. Und so beginnt Nervals Lorely, die Anrede gilt Jules Janin:

“(…) Vous la connaissez comme moi, mon ami, cette Lorely ou Lorelei, la fée du Rhin, dont les pieds rosés s’appuient sans glisser sur les rochers humides de Baccarach, près de Coblentz. Vous l’avez aperçue sans doute avec sa tête au col flexible qui se dresse sur son corps penché. Sa coiffe de velours grenat, à retroussis de drap d’or, brille au loin comme la crête sanglante du vieux dragon de l’Éden.
Sa longue chevelure blonde tombe à sa droite sur ses blanches épaules, comme un fleuve d’or qui s’épancherait dans les eaux verdâtre du fleuve. Son genou plié relève l’envers chamarré de sa robe de brocard, et ne laisse paraître que certains plis obscurs de l’étoffe verte qui se colle à ses flancs.
Son bras gauche entoure négligemment la mandore des vieux Minnesaengers de Thuringe, et entre ses beaux seins, aimantés de rose, étincelle le ruban pailleté qui retient faiblement les plis de lin de sa tunique. Son sourire est doué d’une grâce invincible et sa bouche entr’ouverte laisse échapper les chants de l’antique syrène.
Je l’avais aperçue déjà dans la nuit, sur cette rive où la vigne verdoie et jaunit tour à tour, relevée au loin par la sombre couleur des sapins et par la pierre rouge de ces châteaux et de ces forts, dont les balistes des Romains, les engins de guerre de Frédéric Barberousse et les canons de Louis XIV ont édenté les vieilles murailles.
Hé bien, mon ami, cette fée radieuse des brouillards, cette ondine fatale comme toutes les nixes du Nord qu’a chantées Henri Heine, elle me fait signe toujours: elle m’attire encore une fois!
Je devrais me méfier pourtant de sa grâce trompeuse, car son nom même signifie en même temps charme et mensonge; et une fois déjà je me suis trouvé jeté sur la rive, brisé dans mes espoirs et dans mes amours, et bien tristement réveillé d’un songe heureux qui promettait d’être éternel.
On m’avait cru mort de ce naufrage, et l’amitié, d’abord inquiète, m’a conféré d’avance des honneurs que je ne me rappelle qu’en rougissant, mais dont plus tard peut-être je me croirai plus digne. (…)”

Loreley reaktiviert?

Das hat die Loreley getan, durchzuckte es, wenn wir die Anzahl der Rückmeldungen, die wir gestern zum Schiffsunglück bei St. Goarshausen erhielten, hochrechnen, nebst der unseren noch erkleckliche Quenten weiterer rheinischer Hirnmasse. Das haben uns Brentano, Heine und Konsorten tief eingespeichert. Zwei Schiffer sind vermißt, zwei wurden lebend aus dem winterlichen Rhein gezogen. Eine Tragödie. Und der gekenterte schwefelsäurehaltige Tanker, „ein sehr gutes Zwei-Hüllen-Schiff“ wie es in der Presse heißt, muß noch über Tage und Wochen gesichert und geborgen werden. Die Loreley allerdings galt über viele Jahre als inaktiv, ein Interview in einer japanischen Zeitung von 2008, das uns aus leicht obskurer Quelle zugespielt wurde, konnten wir leider aus Budgetgründen bis heute weder verifizieren, noch übersetzen lassen. Die hiesigen Zeitungen vermeiden bisher allzu mystische Spekulationen zu den Ursachen des Unglücks. Doch läßt sich Martin Mauermann, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Bingen, von der Presse bereits wie folgt zitieren: “Der Fall ist abstrus. Das Radarbild hat keinen Zusammenstoß oder ein Auflaufen auf das Ufer gezeigt. Plötzlich war das Schiff einfach vom Radarschirm verschwunden. Das kann bedeuten, daß das Schiff sich einmal komplett unter Wasser gedreht haben muß.“ Und was sollte das wiederum bedeuten? (Falls Aufklärung folgt, geben wir sie an dieser Stelle bekannt.)

Moderne trifft Moderne

Und zwar am Sonntag, den 28. November um 11 Uhr im Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen eines Festakts. Gefeiert werden 20 Jahre Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland e.V. und 10 Jahre An-Institut “Moderne im Rheinland” an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dafür wird, leider wohl nur für dieses eine Mal, die Idee der legendären Morgenfeiern des führenden Dichters der rheinischen Moderne Herbert Eulenberg wiederbelebt: Arbeitskreis und Institut zur Erforschung der ehemaligen Moderne präsentieren bei der Jubiläumsmatinée auch künstlerische Kostproben der aktuellen Moderne vom Rhein, das Programm beinhaltet: Gedichte von Else Lasker-Schüler, für den Festakt neu komponiert von Manfred Trojahn, vorgetragen von Julie Kaufmann, ein Papiertheater von Barbara Räderscheidt, eine Lesung von Rheinsein-Gastautor Enno Stahl, Filmszenen von Pina Bausch, Rhein-Fotografien von Schiko (die teils bereits auf Rheinsein zu finden sind), Texte von Gustav Landauer, vorgetragen vom Ensemble des Schauspielhauses, die Kunsthochschule für Medien Köln wird etwas noch nicht näher benanntes beitragen, von dem anzunehmen ist, daß bis in die letzte Sekunde an der Technik gebastelt werden muß und schließlich werden wir Rheinsein dort vorstellen. Abgerundet wird die Veranstaltung von der “Regionalia”, einer Instant-Messe zur Kultur der Region.
Für die Matinée sind keine Karten mehr erhältlich.

Der Rheinsteig im Radio

SWR 2 sendet dieser Tage das Wanderweg-Feature „Der Rheinsteig – von Wiesbaden bis ans Deutsche Eck” von Helmut Frei, worauf Rheinseins Hüfingen/Baar-Korrespondent Dr. Lutz Mittler uns dankenswerterweise hinwies. Den ersten Teil gibts bereits als knapp halbstündigen MP3-Download: Niederwalddenkmal, Wacht am Rhein, Drosselgass, Heine, Goethe (in seiner Eigenschaft als Ausflugsdampfer), Bacharach: so weit, so bekannt seit 2000 Jahren. Dann tritt die Reblaus auf den Plan und ihr schärfster Gegner: der pfälzische Winzer, der Sylt beliefert. Auf die Reblaus folgt die Klimaverschiebung – der Riesling verträgt nicht zu viel Hitze – und die gefährdete Brückenlosigkeit des romantisch grundierten Weltkulturerbes: ein Fährmann weist auf die wirklichste aller Rheinwirklichkeiten: den Verkehrslärm. Im Biotop der Dörscheider Heide oberhalb Kaub leben Spanische Fliege, Gottesanbeterin, Gottesanbieterin, Diptam, Abwurz und brennende Büsche. Daß der Fluß früher schmutziger war, belegt eine schöne O-Ton-Stelle: “Hauptberuflich arbeitete Stefan Lauer viele Jahre als Schieferdecker. Grauschwarz waren Hände und Gesicht, wenn er abends nach Hause kam: „Wir konnten also früher ohne weiteres mit dem Kahn hin und her nach Sankt Goar. Das kann man heute einfach nit mehr so, das is teilweise sogar verboten, na, also dieses Fahrwasser zu kreuzen. Ich war immer in nem Beruf, wo ich also sehr schwarz wurde. Dann is mer abends heim gekommen und hat mer en Handtuch und Seife genommen und dann is mer an den Fluss und hat sich gewaschen, is da herumgeschwommen und dann war das gut. Dann nachher, bedingt durch die Industrie, durch die Abwässer und alles so. Der Rhein, der kippte ja fast in den Sechziger Jahre, da wars dann umgekehrt. Wenn mer dann im Rhein schwimmen war, dann musste man sich zuhause duschen. Ich weiß, ich hatte noch mal Fische gehabt und beim Putzen, beim Schrubben und beim Ausnehmen, da kam der Gestank hoch; da hab ich alles zusammen gepackt, hab das wieder dem Rhein übergeben, also das wars dann halt.“” Des Berichts erster Teil schwingt aus mit der im allgemeinen Rheinlärm erzitternden Kesterter Kirsche oder Kesterter Kirche, die einstens in Berlin gesichtet worden sein soll. Teil 2 ist für den morgigen Dienstagvormittag, halb neun angesetzt.