Jägerlatein im Heimathirsch (2)

Zurück von der höchst rheinisch motivierten Heimatkunde-Show Jägerlatein im Nippeser Heimathirsch. Kaum zuhause angekommen, schickte Stefan Reusch von Die Ableser, unseren Premiere-Stargästen, seinen kurz zuvor unter rauschendem Applaus vorgetragenen Kabarett-Text zum Abendthema Liechtenstein:

“Liechtenstein. Tief im alpinen Gehölze liegt die Gold- und Sickergrube Europas, ein echt scheichreiches Fürstentum: Liechtenstein.
Liechtenstein ist halb Kaufladen, halb Kuhfladen, tagtäglich kommen viele rastlose Menschen auf der Suche nach Sicherheit hierher, ihr einziger Wunsch: nix wie weg von zuhaus – stiften gehen! Sie treffen sich im Schatten des hoch aufragenden Massivs des Großen Knausers. Es sind Steuerflüchtlinge, boat people, na ja: yacht people, auf der Suche nach einer Oase, zum Anlegen. Und das kann man hier vorzüglich. Anlegemöglichkeiten so weit der Reiche äugt, das Auge reicht.
Und so kommen sie von weither aus ihrem Elend rein, ihren Ländereien, nach Liechtenstein. Hier genießt man sein Leben offen, in vollen Zügen. Motto des offenen Vollzugs: „Wer den Taler nicht ehrt, hat wohl genug davon.“
Und dann heißt es plötzlich: verdeckte Ermittler konnten verdeckte Konten ermitteln. Ja, wo ist denn da die Gerechtigkeit? Die Reichen sollen ihr ganzes Tafelsilber verscherbeln, während andere bloß den Löffel abgeben? Und damit der Staat was bauen kann, sollen die Reichen Steuern zahlen, wozu? Denn: sie brauchen doch gar keinen Staat, sie haben doch alles, Steuern zahlen, das ist ja schlimmer als zur Strafe ohne Abendbrot in die Champagnerbar, uijuijui…
In Liechtenstein, das wollen wir nie vergessen, treffen sich Leute, die von Hause aus nie eine Chance hatten, in Deutschland Wohngeld zu erhalten.
Immer stand ihnen irgendein Aufsichtsratsposten im Weg.
Und Liechtenstein hilft. Ein Zwergstaat mit wahrhaft astrognomischen Ausmaßen. Klein, aber oho! Und wenn wir leise sind, leise wie ein toter Briefkasten, also stille Post, gell, ja, dann können wir hören, wie die schwarzen Schafe gierig durchs Dunkel der Berge tappen, und hoffnungsfroh mähen: wenn du meinst es geht nichts mehr rein, kommt von irgendwo ein Liechtenstein. Mäh!”

Jägerlatein im Heimathirsch

Um Ostern begegneten wir auf unserem üblichen Nippeser Rundgang William Blask, der im Veedel in den letzten Jahren etwa 300 Gastrobetriebe initiierte. Schnell kam die Rede auf seinen neuen Club, den Heimathirsch. Der Pate bot eine Führung durch die Räumlichkeiten, die als Kulturkeller dienen sollen, an. Der Club verbirgt sich hinter einer leicht zu übersehenden Flügeltür der Mauenheimer Str. 4. Durch eine Gipshöhle geht es abwärts. Wir entern einen fensterlosen Raum mit bräunlicher 60er Jahre-Ausstattung. Das Unterteil eines angejahrten Buffetschranks dient als Tresen. Entlang der Wände karge, aber bequeme Sitzgelegenheiten. Ansonsten viel Platz zum Stehen, Tänzeln, Einherrobben etc. Der Eingangsbereich geht vermittels einer offenen Wand in den Bühnenraum über. Auf der 6-Quadratmeter-Bühne dominiert das Ledersofa, vor dem ein beiges Kuhfell ausgebreitet liegt. Über dem Sofa hängen Hirschgeweih und Wildschweinfell. Eine elektrisch ausfahrbare Leinwand für Projektionen aller Art soll noch angebracht werden. Der Pate fragt, ob wir uns in diesem Ambiente eine Literaturveranstaltung vorstellen könnten. Das allemal. Eher scheint die entscheidende Frage, ob die Nippeser das auch können.

Nun sind wir also unvermittelt (wenn auch nach all den Jahren des Aktivismus und hunderten Live-Auftritten nicht ganz wie die Jungfrau zum Kinde) im Laufe eines Spaziergangs zu einer eigenen Literaturschau “um die Ecke” gekommen. Wie langlebig sie sein wird, hängt vor allem vom Publikumszuspruch ab. Getauft wurde die Chose - passend zur Spielstätte – jedenfalls auf den vertrauenserweckenden Namen Jägerlatein. Als Botschafter vornehmlich heimatlich-rheinischer Themen in altem und neuem Lichte werden wir eigene und fremde Texte, sowie Kuriositäten zu wechselnden Themen-Schwerpunkten darbieten und jeweils ein bis zwei Gäste dazu laden.

Den Auftakt (die Premiere!) gibt es am Mittwoch, den 01. Juni mit dem Themen-Schwerpunkt Liechtenstein. Erwartet werden dürfen ua: ein Sauerkrautessen mit Alexandre Dumas, Neues über den Prometheus von Hinterschellenberg, Tipps für Schwarzgeld-Multimillionäre (falls anwesend), hymnische Verse auf die Weiblichkeit und den Straßenlärm, kniffliges Betonfrisurenraten, sowie das Unterlaufen jeglicher Erwartungen durch den Mann auf der Bühne.
Als Premieren-Gäste kommen Die Ableser, Stefan Reusch und Ismael Fischmord, mit literarischem Kabarett und wohl auch einem Liechtenstein-Text.