Val Strem (2)

Die versprochenen Gemsen, Steinböcke, Murmel des Val Strem hielten sich am Tage unserer Erkundung bedauerlicherweise zu kurzfristig anberaumten Artenschutz-Konferenzen in den Nachbartälern auf. Stattdessen erwartete uns ein gestreckt-geschwätziges platschual von Bilderbuch-Nebenrhein, das mit einigen Kaskaden in seine höheren Höhen lockte. Neben uns vor allem Strahler, leicht erkennbar an ihren Pickeln, dem forschen Schritt und der kargen allwettergestählten Art. Das Wetter war bestens expeditionsgeeignet, das Dorf schnell in unserem Rücken. Die liftbestandene Matte oberhalb Sedruns glich einem englischen Rasen (wir vermuteten robotorisiertes Heuen), an der Ostwand erblickten wir ein gleichsam exotisch organisiertes Baum-Stein-Ensemble erklecklichen Ausmaßes, das nicht recht an Ort und Stelle zu passen schien, sondern vielmehr, womöglich als Reminiszenz an die Himmelsrichtung, aber auch weil es recht exakt umgattert war, an die menschliche Komposition eines Japanischen Gartens erinnerte.

Bevor das Val Strem oberhalb der Skilifte stärker ansteigt und sich längs des Flußlaufs verengt, fielen uns nächst einer Rheinbändigungsvorrichtung von massiven Metalldeckeln gesicherte rundliche Bodenluken auf, die, nachdem wir sie eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, von flugs herbeigeeilten, finster dreinschauenden, romanisch sprechenden Vollbartträgern überprüft und als bestens verrammelt abgehakt wurden, dieweil wir die mißtrauischen Blicke der Prüfmänner ernteten. Mißtrauische Blicke aber beflügeln, ob von den Blickewerfern beabsichtigt oder nicht, umgehend unsere Fantasie. Einstiege wohin stellten diese an Schiffsluken erinnernden Pforten vor? Harrte unter uns in unterirdischen Hallen das Schweizer Militär? Handelte es sich um eine Schnittstelle zwischen der Menschen- und der Bergzwergenwelt? Wir stellten uns allerlei abartiges, gefährliches, monströses oder aber auch allzunützliches hinter diesen Luken vor, auf daß sie besser im Halbstundentakt auf ihre Verschlußsicherheit zu prüfen wären und der Gemeinde einige Arbeitsplätze sicherten/abrängen, die, weil die Arbeit äußerste Aufmerksamkeit erforderte, nur von den zuverlässigsten Kräften erledigt werden könnte, wozu in den eher entlegenen Alpenrheintälern traditionsgemäß die bärtigsten Männer zählen, niemals aber die Frauen, die sich jederzeit als striga entpuppen könnten – Arnold Büchli wußte ein paar tausend Seiten Material zu solchen und ähnlich gearteten Fänomenen zu sammeln, welches in der Kantonsbibliothek zu Chur zugänglich ist.

Bald führt der Weg ins Rheinrausch-, Männertreu- und Blaubeer-Idyll, gelegentlich bevölkert von besagten Strahlern und alleinwandernden Heidis in ihren Endvierzigern. Und wenn die Steinböcke die Konferenz im Nachbartal nur vorgetäuscht haben? Wenn sie uns beobachten, perfekt im Fels getarnt, oder mit pflanzenstengelartigen Periskopen aus den ominösen Bodenluken? Mit ihren Hörnern könnten sie vermutlich leicht den Grund durchbrechen und plötzlich vor uns aufwallen und teuflisches, wie rückwärts abgespieltes und hernach perfide gedehntes, ächzendes, rachitisches Zeugs brabbelnd uns einen sagenhaften Wegzoll abverlangen. (Aus ihren Augen Blitze zu schleudern vermögen sie natürlich auch.) Was ist das für ein schon beinahe pervers (also sowas von dermaßen) weiß ausgewaschner Schädel dort unterm Uferwuchs auf einer Felsplatte, wie ein professionell-unabsichtlich plaziertes, umso triftiger Bedeutung aussendendes Accessoir im Rein da Strem? Ein menschlicher? Ein tierischer? Wie lang liegt er schon dort? Waren es die Bartleute, die ihn dort plazierten? Oder warum haben Ihro Zuverlässigkeiten ihn nicht längst entsorgt? Die Sonne knallt, sie hat an diesem Tag sonst nichts zu sagen. Über den Fels sickern Quellwässer mit sehr unterschiedlichen Mineraliennoten. Ein Falter faltet sich, bis er, des Faltens überdrüssig, flattert. Die wenigen Singvögel in dieser Höhe äußern, wenn überhaupt etwas, nur Schimpf und Hohn. Einmal, meinten wir, zog der dünne Schatten des Murdlers, der selber unsichtbar blieb, über uns hinweg. Schließlich erreichten wir die Wasserfälle, ils cascads.

Jenins

Den Eindruck eines urig-halbzerfallenden-halb-aus-sich-selbst-erneuernden Dorfs macht Jenins in der Bündner Herrschaft. Dominiert vom Weinbau mit

jenins_architektur

gaststättenbewerbenden Reimen wie „Traube/Laube“ und „Wein/kehr ein“ wirkt auf den ersten Blick vieles „noch echt“, ein zwei Spuren echter als im benachbarten Maienfeld jedenfalls, das trotz allen Heidi-Tourismus` ja auch noch einen halbwegs echten Anschein macht. Es ist nicht sonderlich viel los in Jenins an diesem Vorfrühlingssonntag. Es hängen Plakate an Holzwänden, die von vergangenen Adventsaktivitäten künden, es hängen aber auch Plakate, die auf die kommende Turner-Unterhaltung weisen, das Dorf kann also seit Weihnachten noch nicht vollends ausgestorben sein. Vom Dorfrand aufsteigender

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Bratwurstdunst lockt uns an denselben – und unterm Bratwurstdunst finden wir tatsächlich Sonntagsaktivität. Es werden in einer Straßenecke nämlich landwirtschaftliche Kleingeräte ausgestellt (und im Ernstfall wohl auch verkauft): Holzspalter, raupengetriebene Schubkarren, weitere Maschinen, deren Sinn sich dem Städter nicht auf den ersten Blick erschließt: bizarre Formen, grelle Farben, elegante Designs wie aus einem noch zu drehenden Weltraumfilm, die jedoch gleichzeitig eine Vorahnung von Lautstärke bergen, die jenseits der Hutschnur anzuschlagen versteht. Wir geben uns als wenig kaufinteressiert, aber stark bratwurstlustig zu erkennen – und erfahren genaueres über die Maschinen, über Maiensässnutzung und den Luchs, der oberhalb Jenins` in den Bergen sein Wesen (wie die einen sagen) bzw sein Unwesen (wie die andern sagen) treibt. Den Jeninser Wein lassen wir für diesmal unversucht. Stattdessen geht es noch ins Naturschutzgebiet Siechastuda, berühmt für seine Gelbbauchunken, deren eine auszumachen uns quasi stehenden Fußes gelingt. Es bleibt dann allerdings auch bei der einen. Statt auf weitere Unken treffen wir auf Wasserläufer und einen Frosch, der wie von bösen Jungen aufgeblasen sich mühsam und luftgefüllt über

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die Wasseroberfläche dem Ende seines Froschkarmas entgegenbewegt – und Laichbatzen, welche angesichts des grausamen Einzelfroschschicksals für tausend neue Lurchleben garantieren.

Rheingedichte im Blumenfresser

Sechs lektorierte Rheingedichte (Am Hinterrhein; Die Ballade von Heidi als erwachsener Frau; Rheinseitenaufnahme; Rheinstring; Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen; Rheinprobe (bei Köln)), deren Rohversionen teils auf Rheinsein zu finden sind, enthält das äußerst ansprechend gestaltete Literaturmagazin Blumenfresser aus Nürnberg, das mit einem überzeugenden Geleitwort zu Wahnsinn und Nutzen von eben Literaturzeitschriften beginnt, welches somit allen möglichen (von uns aus gern auch den unmöglichen) Lesern wärmstens ans Herz gelegt sein soll. Natürlich enthält der Blumenfresser auf seinen 112 Seiten weit mehr als nur die angesprochenen Rheingedichte, unser Link führt direkt zu Autorenliste und Bestellmöglichkeit. Noch hatten wir keine Gelegenheit, das heute eingetroffene Konvolut zur Gänze zu lesen, doch stach uns sofort die Voodoo-Serie von Frank Ruf ins Auge, dessen Hexer mit Rheinseins Gorrh in Verwandtschaft oder Kumpanei zu stehen scheint: während Gorrh die Rheinschiene beackert, kümmert der Hexer sich, offenbar in respektvoller Revieraufteilung, lieber um Berlin. (Wir werden Gorrh selber danach befragen, sobald er/sie/es Audienz zu gewähren geruht.)

Dulzinea

Diesen Monat erschienen ist die Fuldaer Literaturzeitschrift Dulzinea (14. Ausgabe). Sie enthält unsere preisgekrönte Werkserie „Schlafwandeln durch den Rhein“, ein lyrisches Rheinsein-Derivat: zehn mittellange Somnambulgedichte (Einführung in die Grundlagentransparenz, Am Hinterrhein, Die Ballade von Heidi als erwachsener Frau, Der sensationelle Rheinfall, Rheinseitenaufnahme, Rheinstring, Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen, Schlafwandeln durch den Rhein, Rheinische Kloppe, Rheinprobe). Diese Werkserie ist komplett nur in Dulzinea zu finden. Dulzinea, bisher eine eher schmale Erscheinung, hat ihren Umfang mit der aktuellen Ausgabe auf 160 Seiten und Buchformat getuned, ihre seit jeher eigenartige Schönheit ist dabei weiter gereift. Der Ausgaben-Schwerpunkt liegt auf moderner Liebeslyrik, besondere Erwähnung verdienen die Zeichnungen von Frédérique Loutz. Der Preis der Heftausgabe beträgt sehr günstige 4.30 Euro plus Versandkosten. Weitere Informationen zu Inhalt, Autoren und Bezug: klickediklick.

Fläsch

Maienfeld fungiert bekanntlich als Heididorf, also als das Heididorf schlechthin, das benachbarte Fläsch wäre nicht minder heidiwürdig, würde dort nicht vornehmlich Wein angebaut, hochpreisiger, guter, schlichter. In der Fläscher Kirchturmkuppel nisten Fledermäuse, deren Aktivitäten per Kamera live auf einen vorsintflutlichen, neben der Kirchentür eingelassenen SONY-Münzbildschirm übertragen werden, schwarzweiß oder infrarot, von Mai den Sommer durch, solang die Viecher eben fledern. Der Bildschirm ist hinter spiegelndem Glas vitriniert, selbst ohne Fledermausliveübertragung liefert er, je nach Sonnenstand wechselnde, meist surrealistische Bilder. Sonntag: Stallkühe beherrschen die Dorfakustik, drahtige Dorfjugend zieht mistbeladne Karren durch einsame Straßen, übt Gesichtsausdrücke, während ihre Haltung zu den Dingen bereits gegeben scheint, da und dort rotieren selbstvergessen Abfüllmaschinen, klimpern die Bouteillen, es riecht nach Regen und barriquem Roten. Kaum eine Familie in Fläsch, macht es den Anschein, die nicht weinbauerte. Von Fläsch weiter über den St. Luzisteig durch St. Luzisteig auf Balzers, um einen weiteren liechtensteinischen Einfallwinkel zu erforschen. Der Grenzübertritt weckt Erinnerungen an jenen von Vietnam nach Kambodscha noch unter Fiebereinfluß, architektonisch ähnlich wahnsinnige Grenzanlagen (samt Gastronomie) tun sich dort auf und lösen sich im Niesel, wo sich seinerzeit der Khmerbeton unter der Tropenhitze höllenwärts zu käsefadenartigen Dschungeln auswuchs. In der berühmten Balzner Metzgerei Brunhart dann wieder mittels Rauchwürsten, Käswürsten, Hirschwürsten geerdet. Zusammenhänge von militärischen Notwendigkeiten bzw Vorgängen und Fleisch. Der Irrsinn von Grenzen, insbesondere schnurgerader. Der Mensch baut Wälle gegen Menschen, weil er sich vor der eigenen Spezies fürchtet. Das Grauen steckt aber genauso in ihm selbst wie in seinem potentiellen Feind. Das heißt, der Feind hinterm Wall, der den Wall von Feindesseite aus ebenfalls aufschüttet, weil er diegleiche Denke anführt, das Bollwerk somit verdoppelt, untergräbt den Wall gleichzeitig wie der diesseitige Wallaufschütter, in seinem Bestreben nach Liebe (der eine wie der andere). Sie schaffen den Durchbruch, fraternisieren, hauen sich im Suff gegenseitig die Fresse ein. Weil es im Suff geschieht, zählt es nicht offiziell. Man verträgt sich wieder am andern Morgen. Besichtigt gemeinsam die Wallanlagen, gratuliert sich zu den jeweiligen Schanzleistungen. Zieht Kinder heran, die den gewonnenen Frieden infragestellen, indem sie das eigene, ohne es zu erkennen, im anderen entdecken, erschrecken, intrigieren, schanzen, schießen. Undsoweiter.

Rheinische Frühheidi

urheidiAuf der Suche nach den unsagbar wertvollen, da glückbringenden Lochsteinen, die oft jahrzehntelang vergeblich verläuft, gelang oder passierte Rheinsein, auf einer der üblichen efemeren Kiesbänke unweit des Elandorfs Schaan, der Fund einer neolithischen Rheinzeichnung, i.e. einer vom Rhein aus Stein geschürften Hydrografie. Motiv: die freischwingende Anwohnerin (der Einfachheit halber vom Finder “Heidi” genannt) grüßt im Tanzritual ihre Bergkuppen, während sie bereits bis zum Oberschenkelhals im Wasser (als untere Bildmitte durchlaufende Rheinwelle angedeutet) steht – äußerst frühes, den gängigen Jagdszenen abgewandtes Bildzeugnis für die präapokalyptischen Errungenschaften der Sorglosigkeit, des Trotzes, der Freude und des Widerstands (gar alle vier in Einem)! Der frohlückend-frühlockenhafte Strich am oberen Bildrand zeigt in typischer Spiraltechnik Heidis von metafysischem Dauerbrand gewirrten Sonnenschädel, der sich in aufkommendem Föhnwind löst. Die so einfach gehaltene wie hochkomplexe Komposition weist nach heutigen Deutungsmaßstäben auf Magie und Ekstase, zwei nach wie vor rätselbehaftete Um- und Zustände menschlichen Wesens wie Empfindens.

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Heidirhein (2)

Im TV wieder Alpenpanoramen, Heidi-Blaupausen, Hohlköpfe belebend, im Hintergrund zischt, angedeutet als silberner Strich, seine Heiligkeit, der Rhein, bis oben voll mit Drogen, präziser: LSD, nebst Heroin eine seiner ureigenen Erfindungen, vor Nietzscheflimmern: „Meine Hände sind Füße / so bin ich vertauscht / der Himmel zu blau / das Wasser verrauscht“ summt, singt, surrt die aktuelle Heididarstellerin (ein Kind der Globalisierung mit wunderbar echter Ausstrahlung und einer Stimme, die Raum und Zeit aufhebt), als müsse sie sich selbst übertölpeln, verstummt umgehend, nur ein Trick, nur für den Anschein, es folgt die Sprechpassage: „Das Dorf ist die Schweiz, meine Schweiz, wo sie alle Abfahrtsprofis werden wollen und viele als eigenwillige Künstler enden, oder?“ Unverschämt strahlender Berghimmel. Heidi trägt Kopftuch, hat viele Fans in der Türkei, stellt nochmal klar: „Ich werde mein ganzes Leben aus der Schweiz kommen.“ Nachdenklichkeit suggerierende Kunstpause: „Man wird in dieser Umgebung genau so, wie das hier aussieht, ich weiß nicht, ob die Berge mir entsprechen oder ich ihnen, was zuerst da war.“ Erneute Kunstpause, zwischengeschobenes Statement für die bürgerliche Kritik und das japanische Publikum: „Man muß unbedingt unbewußt sein und naiv.“ Erneute Kunstpause, dann die Essenz: „Ich versteh nur die Hälfte, von dem was gefragt ist, und sag dann irgendwas, n`importe quoi, Fernsehen ist ja egal, Fake, unecht, fast schon Kunst, daß es das überhaupt noch gibt, faszinierend, die Moderatoren, wir Schauspieler, so spricht doch keiner, ich kenne zumindest niemand, deswegen ists auch egal wenn man nichts versteht und irgendwas sagt, konsequent, wenn man das macht, passend.“ So nichtet sie ins Alles und Nichts, geht konsequent mit sich selbst auf den Strich, abgeklärte Naivmaid im Medienzeitalter. Kurze Gesangseinlage: „Die Schweiz, meine Schweiz / ist nur ein Dorf / mit Ställen und Schnee / schön schön und schön schroff“ Kunstpause: „Es gibt nicht einen Moment an dem das alles angefangen hat, das meiste ist einfach passiert.“ Kunstpause, Weichzeichner, finales Statement: „Das ist ja meine Sprache, damit kann ich machen was ich will.“ (Im wegfadenden Hintergrund jetzt Rekruten der Schweizer Armee beim Manöver, Durchladen beim Marsch durch geheimnisvolles Territorium, Murmelpfiffe, felsiges Gelächter, wohlstandsgeschuldete Desorientheit, Fokus auf einen Ausreißer aus der Gruppe, der auf eine Tanne zu klettern versucht, um die Vögel mit Tobleronekrumen zu füttern. Ende.)

Maienfeld

Am Heidiweg in Maienfeld, der zum Heidihaus führt, lehnt sich Heidigasthof an Heidihotel. Über Maienfeld: dunkle Tannen, grüne Wiesen im Sonnenschein. Japaner möcht man bei solchem Anblick sein. Schaufensterln in Maienfeld, gelecktes Dörfli mit hübschem Kern: Beerliwein, Maienfelder Bratwurst und Salsiz, Chäs-Wurst, Birnbrot, Nusstorten, Heidi-Grüessli, Alp-Oehi-Brot, ab sofort von der Alp Stürfis: Joghurt, Butter, Rahm. Erstaunlich wenige Heidi-Souvenirshops. Und schon ist das Dorf, seit 831 erwähnt, durchschritten. Zweite Runde. Am Klostertorkel unter Schloß Brandis wehen tibetanische Gebetsfahnen. „Der Jugend zur Lehr`, Gott zur Ehr`“, klirrt ein Wappenmotto. „Nütze die Zeit“ mahnts praktischerweise direkt unter der Rathausuhr, die unschweizerisch stillsteht. Auf der Frontwand desselben Gebäudes ein statisch-dramatisches Großgemälde von Ernst Thommen: „Übergabe der Rechtsgewalt an den letzten Landvogt Jak. Ulr. Sprecher von Bernegg 1797“ Kindheitserinnerungen: Fraulein Rottenmeier Spends an Uncomfortable Day. Tränende Mangaaugen. Unter der Dorflinde: Schatten und Altglascontainer, geranienbekrönte Quellwasserbrunnen speien ihre erquickenden Strahlen ins überhelle Sommergefüge. „Über die Entstehung Maienfelds ist nichts bekannt“, wahrscheinlich ists einfach aus dem Boden gesprossen, „damals hieß es Lupinis oder Statio Maiensis oder Statio Magia“, soso. Der Rhein kommt in Johanna Spyris Buch ebensowenig vor wie der Marché Rastplatz an der Autobahn. In der Bahnhofsgaststätte sitzen sie beim nachmittäglichen Bier, gedrungene rotgesichtige Einheimische. Über ihren Schädeln rotiert ein Ventilator. Die Bedienung taxiert den Fremden, als wolle sie ihm in die Waden beißen. Wie alle Heidis im Dorf ist sie blondiert, bestöckelt und großzügig ausgeschnitten. Der Fremde läßt ein indifferentes Jodeln verlauten und macht sich stracks vom Acker.

Heidirhein

Sargans, so gansbenamst, so schnell wieder verlassen: da ragt schwach im Rücken wahrnehmbar das instandgesetzte Hügelschloß ausm Durfahrtsörtli, die umgebenden Berge ragen da schon deutlich strenger und sind doch nur erschreckende Versprechen auf die Bündner Täler und Höhen weiter im Süden. Über die Passerelle ins industriegebietne Nichts entstehender Straßen: die riesigen Malbuner Kochschinkenberge auf der Ospelt-Fabrik, vom Mittagsglast gedörrte Wegschnecken, plötzlich blockt eine Herde berggängiger Rinder meine staubige Bahn, der Viehtreiber aufm Fahrrad hinterher, den Rhein hat in Sargans noch selten jemand erblickt, so versteckt liegt er hinter Feldern und Auen und stärker als seine Fluten rauscht im Tal die Autobahn, wieder einmal – womöglich ist die Autobahn längst der eigentliche Rhein und nur Nostalgie hält uns davon ab, das auch zu glauben. Nach einigem, linksbündig orientierten Fußmarsch ist der Damm erreicht. Zarteste Bläulinge umflattern den Hauhechel, im Gebüsch zwitschern, flipschern und itschern sonstwie, die Landschaft kommentierend, Fitis und Ammer, unter Wallungen eilt er dahin, kalkig-milchig, aller protzigen Umgebung EEG, stur, strikt, stet: der Rhein. Auf halber Strecke nach Bad Ragaz eine ansehnliche Kiesbank, auf der sich der Fluß, gleich einem natürlich zerstreuselten Japanischen Garten, sozusagen begehen läßt. Wundersame Welt der Kiesel: grünliche oder edelmetalln schimmernde; ein paar sammle ich ein und mit ihnen die darin eingefaßten flitschigen Zwerg-, Kleinst- und Nanogeister, alpine Amulette für den Fahrensmann. Granitne Höhen, die stilsicher mit Wolkenfetzen jonglieren. Silbriger Kiesbankbewuchs; eine Schirmkappe kühlen Kalkwassers übern Schädel geschöpft. Zurück aufm Damm tummeln sich Natternkopf und Schlingnatter, Hundehalter und Rennradler, Schwarzkehlchen und Hermelin ohne größere Zusammenstöße im Uferbereich. Die Fläscher Brücke führt ins Herz des Heidirheingebiets: ganz nah an die Autobahn.