Rheinkiesel (15)

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Die Weltesche Yggdrasil verkörpert die germanische Kosmosvorstellung. Sie wurzelt im unterirdischen Schattenreich und durchwächst die Menschenwelt bis hinauf zum Sitz der Götter. Daß der Rhein, als zentraler Fluß der germanischen Welt, diese Sagen und Mythen in seinen Kieseln abspeichert, ist kaum verwunderlich, beachtenswert der fein auslaufende, an Korallen erinnernde Strich dieser Yggdrasil-Darstellung. (Foto: Heidi Starck)

Der Untergang von Trisona

triesen gumpt_2Das Dorf Triesen war einst eine schöne Stadt und hiess Trisona. Die Bewohner aber lebten gottlos, so dass grosse Strafe über sie hereinbrach.
Es flog ein Engel mit einem feurigen Schwert in der Hand über die Stadt und rief: “Wer dem Untergang entgehen will, fliehe gegen Sant’ Amerta!” Aber nur ein einziges Weib folgte dem Ruf. Seine zwei Kinder liess es daheim und gab ihnen gedörrte Obstschnitze zum Naschen und Spielen. Das Weib kniete im Kirchlein nieder und betete, als ein furchtbares Getöse sie aufschreckte. Sie trat unter die Türe und sah zu ihrem Entsetzen das ganze Trisona durch eine Rüfe überschüttet. Jammernd schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und wusste nichts anderes zu tun, als wieder in die Kapelle zu fliehen und zu beten. Als sie abermals heraustrat, war ganz Trisona untergegangen, nur ihr Haus stand noch, und als sie dahinkam, sassen die zwei Kinder in der Stube hinter dem Tisch bei den Schnitzen.
Dieses Haus zeigt man noch heute. Es sticht durch Grösse und Altertümlichkeit von allen anderen Häusern ab und ist auch in der ganzen Gasse das einzige, das eine “Bsetzi” hat. st-mamerta_4Auf der Anhöhe über dem Dorfe steht unversehrt die St-Amerta-Kapelle.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

Rheinkiesel (14)

Digital StillCameraIn Teil 6 dieser Serie haben wir einen Kiesel vorgestellt, dem der Verlauf des Alpenrheins vor seiner Begradigung eingeschrieben ist. Unser aktueller Fund stilisiert die flußarchitektonischen Begradigungspläne. Genau wie auf dem/vom Kiesel dargestellt sieht die eingedeichte Rheinpassage zwischen der Schweiz und Liechtenstein heute aus. Bild: Heidi Starck.

Vaduz (5)

störche-aufm-parkdeck_2(Foto: Heidi Starck)

Rheinkiesel (13)

Digital StillCameraIn der Schwebe zwischen figürlich und abstrakt erscheinen die Zeichnungen dieses Rheinkiesels, wie sie das Flußwasser in Jahrhunderten des Über den Kiesel-Hinwegschwappens freigelegt hat. Wer möchte, mag zentral eine Liegestütze betreibende Person erkennen, im Hintergrund einen Säumer mit langbeinigem Tier. Auch pollocksche Striemen ließen sich beschreiben, wäre das Werk nicht deutlich vor Jackson Pollocks Auftreten zu datieren. “Auszug aus Eden” nennt Heidi Starck das Fotomotiv und fügt den Beschreibungsmöglichkeiten ihre eigene Variante hinzu.

Rheinkiesel (12)

Digital StillCameraDigital StillCameraDer korrekte Ausdruck für Kiesbank lautet Wikipedia zufolge Schotterbank. Der Artikel klärt über die Entstehungsweise dieser wandernden, stets sich umstrukturierenden Flächen auf und beschäftigt sich auch mit ihren Bewohnern. Dem Wikipedia-Artikel Kies entnehmen wir, daß Kiesel gleichfalls ein umgangssprachlicher Ausdruck sei. Wenig poetisch wird Kies darin als “natürlich abgelagerter oder künstlich geschütteter Körper aus in Fließgewässern rundgeschliffenen, kleinen Steinen” im geologischen und als “Lockergesteinsboden, der entsprechend der DIN 18196 und DIN EN ISO 14668-1 ausschließlich über die Korngröße definiert ist” im geotechnischen Sinne bezeichnet. Mit Entstehung und Zusammensetzung der Kiesel beschäftigen sich beide Artikel (aktueller Stand) nur grob, die in unserer Serie nachgewiesenen Informationen, welche die Steine enthalten, werden mit keinem Wort erwähnt. Etwas präziser wird der Artikel über das kleine Bündner Dorf Andeer am Hinterrhein, an dessen Rand der Verde Andeer abgebaut wird, ein grüner Gneis, der seine Farbe von den Mineralien Phengit (hellgrün) und Chlorit (dunkelgrün) erhält. Grüne Andeer-Kiesel finden sich häufig auf den Kiesbänken des Alpenrheins. (Bilder: Heidi Starck)

Hagebutten am Rhein

Digital StillCameraHeidi Starck fotografiert den Alpenrhein zu allen Jahreszeiten. Auf diesem Bild spiegeln sich spätherbstliche Hagebutten im vorbeieilenden Strom und erwecken den Eindruck, als ob vom Rheingrund eine Grimmsche Kröte nach ihrem Abbild in den lippglossroten Früchten spinxe.

Zum Galgen entrückt

holzbrücke vaduz_5Eine halbe Stunde von Grabs liegen in der Talebene einige Güter, und dorthin wollte sich bei Anbruch der Nacht ein Grabser begeben, sein Vieh zu besorgen.
Lange lief er schon und hatte sein Ziel immer noch nicht erreicht. Er lief, bis er sich todmüde niederlegen musste, und verlor sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer fremden Gegend. Neben ihm standen gemauerte Säulen und über sich erblickte er einen Querbalken. Er hatte unter dem Galgen bei Vaduz gelegen.
Er war überzeugt, verhext gewesen zu sein, denn über den Rhein führten damals noch gar keine Brücken.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966; Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (11)

Digital StillCameraDigital StillCamera Digital StillCamera Digital StillCameraVom Schweizer oder Liechtensteiner Damm betrachtet wirken die Kiesbänke des rektifizierten Alpenrheins grau, je nach Sonnenstand auch weißgrau durchmischt. Tatsächlich finden sich in den mehrheitlich grauen Aufschüttungen Kiesel in allen möglichen Farben, häufig z.B. der beliebte Naturstein Verde Andeer in verschiedentlichem Grün. Unsere Bilder (von Heidi Starck) zeigen vier kulinarische Farbbeispiele: Cochenille (die klassische “Campari”-Farbe aus zerstoßenen Läusen) auf Blauschimmel, Pistazie mit Eigelb und Lachsstreifen, Café Crème sowie Flönz mit Speck.

Rheinkiesel (10)

Dieser Rheinkiesel birgt eine Naturzeichnung der South Park-Figur Kenneth McCormick, Rufname: Kenny. Mit Kenny verbinden sich die Mysterien der Wiedergeburt und des Wiedergängertums, denn Kenny stirbt in zahlreichen Folgen der Serie, um danach wieder lebendig aufzutauchen. Sein unverständliches Nuscheln verstärkt den zombieesken Eindruck. Mit den Geistergeschichten der alpinen Mythologie läßt sich Kennys Schicksal kaum in Verbindung bringen, auch wenn die Serienmacher Trey Parker und Matt Stone Kennys häufigen Tod mit dem Argument begründet haben sollen: “Weil er arm ist” – eine weltweit gültige Formel für verfrühten Exitus, deren Tragik in alten und nicht ganz so alten Zeiten auch in Höhen und Tälern des jungen Rheins Bekanntheit erlangte. Parker liefert allerdings noch eine zweite Variante für Kennys ständiges Ableben: Stone und ihm sei beim Genuß irischen Biers die Idee für einen Running Gag gekommen: aus der Stadtmarke Kilkenny sei die Parole “Kill Kenny!” entstanden. (Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (9)

Digital StillCameraAuf zahlreichen Kieseln des Alpenrheins sind Portraits bedeutender Persönlichkeiten abgebildet. Wie sie in die Steine hineinkamen und warum ausgerechnet diese Persönlichkeiten, ist völlig unbekannt. Der mangelnden wissenschaftlichen Beschäftigung mag es daher zuzuschreiben sein, daß über manche der Portraits Unklarheit herrscht. Dieser Kiesel enthält fraglos einen bedeutenden Franzosen, aber welchen? Zur Debatte stehen: Molière, Robespierre und Louis XIV. Wüßten Sie eine klare Aussage zu treffen? (Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (8)

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Irische und britische Missionare, weiß die Geschichtsschreibung, hatten wesentlichen Anteil an der Kultivierung und Alfabetisierung der alpenrheinischen Bevölkerung. Wenig beachtet wurden in diesem Zusammenhang bis heute die Rheinkiesel, die schon viel länger als die menschliche Schriftkultur existieren und ganze Alfabete (griechisch, lateinisch, Runen), gleichsam vor deren “Erfindung”, aus Bergeshöhen an den Gestaden ablieferten. Wie weit die Kieselbuchstaben von rheinischen Frühbesiedlern genutzt wurden, ist praktisch unerforscht. Wir zeigen an dieser Stelle vier exemplarische Fundstücke: A und N sowie Λ (Lambda) und Φ (Phi). Die weitaus häufigsten heute aufzufindenden Buchstaben, die sonder Zahl die Kiesbänke des Alpenrheins bilden, sind die lateinischen A, O und X, eine rätselhafte Kombination, wie auch die Buchstabenbildung der Kiesel ein rätselhaftes Fänomen bleibt, mindestens ebenso rätselhaft wie die Portraits durchaus rheinferner Persönlichkeiten, die auf einzelnen Kieseln auszumachen sind und denen wir uns in kommenden Folgen dieser Serie zuwenden werden. (Bilder: Heidi Starck)

Rheinkiesel (7)

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(Bilder: Heidi Starck)

Das Luser-Wible

triesen-je-t-aime_klEin Triesner hatte eine böse Frau, und der Mann liebte die Reinlichkeit nicht besonders. Das Weib nannte ihn mit Vorliebe “Luser”, dem Mann war es aber auf Dauer zu bunt, und im Zorn warf er seine Ehehälfte kurzerhand in den Rhein.
Solange es dem Weiblein möglich war, rief es aus den Wellen heraus noch immer “Luser, Luser”, und als ihm das Wasser schon in den Mund floss und es nicht mehr reden konnte, hob es die Daumen und Zeigefinger beider Hände in die Höhe und deutete die Bewegungen des Läusefangens an; so standhaft war sie.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Die Irrwurzel

triesen_wunderland Ein Mann ging in einer Winternacht von Vaduz nach Triesen, doch er kam nicht ins Dorf. Vier Stunden lang lief er im Schnee, ohne das Licht eines Hauses zu sehen. Um zwei Uhr nachts war es ihm, als ob er aus einem Traum erwache, und er erkannte, dass er beim Galgen von der Straße abgewichen und nun beim Rhein draussen war, von wo er bald nach Hause kam.
Am nächsten Morgen ging er zum Galgen hinunter, um zu sehen, wo er gelaufen war. Die Spuren im Schnee zeigten ihm, dass er herumgeirrt war, vier volle Stunden lang. Er glaubte fest daran, dass er auf eine Irrwurzel getreten sei.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)