Hausach (2)

Goldenes Kalb

hausach_waldrandAm Waldrand

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (2)

Weiter durchs Zweidichterdorf Hausach, das eigentlich fast ein Dreidichterdorf zu nennen wäre, weil es sich jedes Jahr über Monate hinweg zu den beiden ortsansässigen noch einen zusätzlichen Gastdichter leistet. Am Kinzigufer weiden Bungalows aus mallorquinischen Feriensiedlungen. Kein Mensch weiß wie sie dort hingelangt sind. Jetzt glotzen sie aus quadrischen Fensteraugen auf das reine saftig grüne Tal. Oh, wohnten wir doch gelegentlich dorten! (Wir glotzten ebenfalls aufs Tal und über die Hügel und in den Himmel sowieso und erhöhten die Hausacher Dichterdichte.) Es geht auf halb zwei Uhr nachmittags zu und schon senkt sich der Tag zur Neige, der folgende stundenlange neblicht-zwielichternde Abenddämmer gilt weithin als Spezialität und Alleinstellungsmerkmal des Schwarzwalds; unter einigem Zinnober („Sehr geehrte Fahrgäschte!“) wird der Zustieg der langersehnten Minibar samt fescher Oberkellnerin verkündet, der Zug schlängt sich in einem Anfall von Selbstmärklinisierung mitten durchs Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, in/ab Hornberg (wo das berühmte Schießen stattfand und eine der größten begehbaren Toilettenschüsseln der Welt steht) beginnen die 17.000 Tunnel, deren jeder seinen eigenen Namen trägt, die wir an einem unerfüllten Tag vielleicht einmal in den Fußnoten nachreichen werden. Hornbergs beheiztes Freibad wirkt tief im November so veralgt wie vergessen, die Kinzig umschäumts mit silbrig aufgeworfenen Parolen aus ihren wildwassernden Jugendtagen. Aus fernen und nahen Schwarzwaldritzen nebelts, dampfts und rauchts in vorbildhafter Urigkeit, schön ebenmäßig grau asfaltiert folgt die Landstraße ihrem Dao, das sie zwingt, bisweilen mit der Kinzig die Klingen zu kreuzen. Rasende Wechsel aus Tunneln und Tannengerippen machen die Reise zur Geisterbahnfahrt, umgeben von brütenden Nebelküchen, aus deren senkrecht entweichenden Schwaden wir nicht zu lesen vermögen, was wohl dort auf dem Herde steht. Triberg taucht auf, ein amerikanischer Vergnügungspark mit einigen der größten begehbaren Kuckucksuhren der Welt und zugefrorenen Wasserfällen (den höchsten Deutschlands). Im Triberg-Ambiente wird plötzlich klar, was die kräftig in ihrer Nebelbrühe rührenden Schwarzwaldtannen da auskochen: Schnee! Zum Beflocken ihrer selbst! Um wiederum ein Vorbild abzugeben für Schneekugelinventare. Eigenwillig und rätselhaft ist und bleibt die Natur. Doch schon dringt die Bahn in was ebeneres, beginnt die Baar, mit fast schon städtisch anmutendem Bebau, auch riechts nach früher Donau: St. Georgen. Ein Bächlein klein und fein und kühl mäandert die Brigach um Industriehallen, vorbei an Forellenhöfen mit holzrauchenden Schornsteinen, torft vor sich hin, wildert, salamandert, wächst und hält die Abgeschiedenheit, ihr gleichzeitig entfliehend, aus. Auf Villingen zu, wo der Neckar bei- und entspringt, um dem Rhein ein paar Brocken Schwäbisch beizubringen.

Hausach

Die Lieblichkeit des Oberrheintals, abermals auf Schienen abgefahren. Paradierendes Tal: während der Kammmolch durch die regengefüllten Bombenkrater der Waldwelt wuselt, lauern im Wiesengrund bösartige Zecken auf Hunde-, Wild- und Menschenblut. So berichtet es die Zeitung, so wars bereits zu meiner Kindheit. Die Strecke Karlsruhe-Freiburg bietet im Frühjahr ein Prachtpanorama provinzieller Paradiesvorstellungen, sie tut dies auch zu allen anderen Jahreszeiten. Aprilsaftig büschelt das Grün, die Bäume pulvern mit Blütenkonfetti. Der Klee wächst zu mächtigen Gebilden, nirgendwo sonst prangt der Löwenzahn so orangegoldnen Kopfes. Unter der Erde grummelt der Spargel seine rhizomatischen Mantren und grenzt auf diese Weise seine Reviere von jenen des Engerlings ab. Greife kreisen, auf klare Areale abgepackte Industrie, dann wieder Grün mit aristokratischem Goldfasan. Mäßig bevölkerte Stilleben, die da und dort gemächlich in Bewegung kippen. Die Ansagen des Personals kommen hinterrücks, laut und in tiefstem Badisch, Herr K., der reimende Zugbegleiter, moderiert die Fahrt auf den Gängen, vertreibt den Dorfklatsch, mischt die Schwarzwaldgipfel neu: „Wann Sie naus zum Fenschder schauue / lings die Buggel, rechts die Aue / Des isch unser Badnerland / dodehinner isch net viel bekannt“. Offenburg fungiert als Verladestation, alle zwanzig Minuten wälzen sich Menschenmassen von Bahnsteig zu Bahnsteig, ansonsten ist es in Offenburg sehr ruhig, vielleicht handelt es sich bei Offenburg, mit Superlativen sollte paradoxerweise stets mäßig umgegangen werden, um eine der langweiligsten Großstädte der Welt. Der Zug biegt ins Kinzigtal, er will jetzt in den Schwarzwald hoch. Hausach ist bereits von Hügeln umgeben, Mehrstockbungalows mit Kinzigblick erinnern architektonisch an Touristenburgen, aber soviele Touristen hat Hausach nicht. Dabei könnte Hausach als literarischstes Dorf weit und breit vermarktet werden mit seinen zwei lokalen Dichtern, dem jüngst erstmals ausgeschriebenen Dorfschreiberposten und seinem „Leselenz“ genannten Lyrikfestival, doch die Oberen bevorzugen offenbar den neoliberal oder einfach nur seniorengerecht angehauchten Slogan „Kaufkraft City“. Kaufkraft mag in Hausach durchaus vorhanden sein; zu kaufen gibt es im Dorf allerdings nichts außergewöhnliches. Das merken auch die Ausflüglermassen im Fahrrad- oder Wanderstau am Kinzigufer. Die Sonne scheint lehrbuchgerecht, es ist Flößerfest, dh, ein traditionelles Holzfloß wird die Kinzig hinabgeschwemmt- und gelenkt, um mit Musik, Bier und Wurst in Hausach haltzumachen (die Hausacher Kaufkraft zu wecken) und an die guten alten Zeiten mit noch viel höherer Kaufkraft zu erinnern. Nach ein paar Stündchen legt das imposante Gebilde, vermittels eines zuvor angestauten Wasserschwalls, wieder ab, eventtechnisch paßgenau zu abgehackter Moderation und den blechernen Tönen des Badnerlieds, intoniert von der lokalen Blaskapelle. Rund um Hausach schwingen sich die Hügel zu sanften, den Abend beschattenden Bögen, vom Burgturm bewacht schwindet ein weiterer Tag, schleift seinen Schwanz durch Ein- und Ausgänge des malerischen Tals und läßt ein Pfund Tradition in der Luft stehen, das man mal auf seine Handycam bannen kann. Einer der beiden lokalen Lyriker zeigt mir – für alle, die immer schon wissen wollten, worüber Dichter sich bei ihren klandestinen Treffen so unterhalten – seine Fußballautogrammsammlung und ein Foto, das ihn Arm in Arm mit dem jungen Beckenbauer zeigt, schnell noch ein Glas Wein, dann geht’s der glitzernden Kinzig nach, die ihre Geheimnisse geschickt in klarstem Wasser löst und wohl etwas länger befragt werden muß, bevor sie Tieferes preisgibt.

Venus von Appenweier

Die computergestützte Regionalbahn taucht, von Karlsruhe kommend, in den Morgennebel der zugeschneiten Ortenau, Obstbaumkonturen, reifbewachsen, das Tal Weiß in Weiß, mit Premiere nachbearbeitet scheuert der Standbild-Himmel im Zweiminutentakt an schneebedeckten Feldern. Unschärfen, farblose Pixel, Deckweiß und Kälte, das Zugabteil in Maßen gefüllt mit badisch sprechenden Avataren. Die Venus von Appenweier, die bisweilen im Dreizehnuhrzug aufscheint und verfällt, ihre kräftigen Hüften, ihre rätselhafte Stimme, das fahle Haar und eine Erfahrung, die bis auf die Steinzeit zurückreicht: insgesamt eine Schönheit, die so schön ist, daß sie sich mit nichts vergleichen läßt, es gibt sie tatsächlich, ich habe sie nun gesehen und ihre Erscheinung wird mich nimmermehr loslassen. Dann die Damen aus Baden-Baden mit ihren gerenderten Visagen: professionell aufgeweichte slawische Wangen, polarfuchsbesetzte Schultern, schrille Hautfarben, Zweithaar, entsteigen sie den Zeitschriften auf ihren Schößen, leicht knittrige Geburten ihrer selbst. Ein paar Selfmade-Webmaster im regionaltypisch bodenständigen Gespräch über elektronische Mülltrennung. „Bruchener Meerretti? Bruchener Meerretti?“ tappt ein Gnom die Bankreihen entlang, Meerrettichrieb in den Handtellern, so ein süddeutscher Alberich von der Obst- und Gemüsefront, weiße Wurzelschärfe zieht übern Gang, draußen die eisigen Apfel- und Zwetschgenbäume lösen sich vom Grund, stellen sich schief, wie Sehnen gespannte Äste lassen die dürren kahlen Stämme schnallen und knallen und schneestäubend im Nebelschleier kreisen. Eine Landschaft und ihre Bewohner in Einklang. Der kanalisierte Rhein friert, läuft streckenweise rückwärts, sehr zäh, Eisgang eben, der Zug knirscht und quietscht auf den Gleisen, kräftiges Harschen gekörnten Schnees, irgendeine Murg, die Fische tieffriert in stufenlosem Verfahren, hier in der Region erfunden und in Stuttgart patentiert. Der Schwarzwald und die oberrheinische Tiefebene spielen einmal mehr Inversionswetterlage. Das ist Heimat, das ist mein wunderbares Badnerland. Weiter oben in Haslach, Hausach und solchen Orten bricht die Nebelwand ab, wird das Schwarz der Krähen wieder sichtbar. In Hornberg steht eine der größten begehbaren Kloschüsseln der Welt. Schüsse erklingen. Nebst Kuckucksuhren. Rauschende Wasserfälle. Premium Schinkenspeck. Diese Gegend gibt es nur noch in Computerspielen, wer sie betritt, bekommt einen Chip implantiert, der alte Zeiten wachruft, dunkle Tannen, heideggersches Sein in idyllischen, bis auf den letzten Nanometer erfassten Schluchten voller Schrate und Holzbewohner, der Talblick bildet ein spitzwinkliges Dreieck, gesäumt von Regalen mit Echtnatur in Konservendosen, 425 ml zu 0,99 Euro und dem dazu passenden Schnaps, Wässerle genannt, das im Winter die Gedanken frei hält, frei, frei, frei, niemand kann sie erraten, sie fliehen und eilen vorbei, huschhusch, wie menschliche Schatten.