Aufm Fürstenberg

Mehr Spaziergang als Aufstieg bietet der geologische Lehrpfad der Landfrauen auf der Baar am Fuße des Fürstenbergs. Erst in der Gipfelregion sacke ich wadentief in unberührten Neuschnee und hinterlasse, als Versuch einer freundlichen Assimilation an die heimische Fauna, Spurenformationen, die nachfolgende Wanderer zum Grübeln bringen mögen. Denn weitere rätselhafte Fährten lassen sich alle zehn Meter finden, seltene endemische Tierarten wie Hackel, Hachs, Darch und Fuse hinterlassen vertrauensvoll-offensiv ihre winterherben Zeichen auf der gleißenden, mit sandkorngroßen Amethysten und Ultramarinen bestickten Schneedecke, bis die Spuren unvermittelt abbrechen; jedoch die Luft strahlt klar und rein – kein Geflügel punktiert die Aussicht. Ob die häufig doppelköpfigen Viecher aus Unlust oder sonstigen Gründen einfach in Schnee aufzugehen vermögen? Aus dem Tal dringt schwer verortbar das asthmatische, aber durchdringende Gebell eines Schrottweilers, begleitet vom Kreißen und Kreischen hundertjähriger Sägemühlen und den Motoren zweier Fahrzeuge, die sich ungelenk wie in Stopmotion aufeinander zu bewegen: noch sind sie kilometerweit voneinander entfernt, doch ihr Zusammenprall scheint Schicksal. Eine geschlagene halbe Stunde verfolge ich das Spektakel, die Wagen, ein roter Hummer und ein mattblauer Lkw mit offener Ladefläche (nicht genau auszumachen, aber er scheint tatsächlich Schneemänner zu transportieren) irren umständlich durch das weiße Labyrinth der Baar wie durch ein frühes Telespiel, um sich schließlich an der Kreuzung bei Neudingen um wenige Sekunden zu verfehlen. Ich stehe am Starthang der fürstenbergischen Drachenflieger, genieße die Aussicht und übe mich in innerem Adel und Erhabenheit. Mit Händen und Armen imitiere ich nützliche Dinge wie Schirmkappe, Rauchglas und wächserne Flügel. Es ist sinnlos. Die vom Schnee reflektierte Sonne blendet alles Leben in der Umgebung. Das Gleißen der Welt nimmt religiöse Ausmaße an. Pegasus gleich mache ich mich auf den Rückweg ins Dorf Fürstenberg, das einst auf dem Gipfel verbrannte und nun am Fuß des gleichnamigen Zeugenbergs den Wettern beim Vorüberziehen zuschaut. Erneut fallen mir die Grabkreuze am Wegrand auf und insbesondere, daß sie stets jeweils zwei bis drei, meist verschiedene, jedoch ausschließlich männliche Namen ausweisen. Raum für Spekulationen über Todesursachen und die Organisation familiärer Verflechtungen im Einflußgebiet des Hauses Fürstenberg, auf dessen petrifizierte und sonstwie (z.B. auf Bieretiketten) verbreitete Insignien ich in dieser Gegend beinahe ebenso häufig stoße wie auf seltsame Stapfen im Schnee.

Donauquelle

Die hübsch gefaßte Donauqualle, eine schöne Lau, für deutsche Verhältnisse beinahe antik, sagenhafte Schöpferin des unbeschreiblichen Blautopfblau, Kopf voll arschlanger Nesselfäden, fersenlanger Tentakeln, leicht besingbar, Suse und Meduse, mit den Jahren glycerin davongeschwemmt untern Wasserspiegeln. Schade, schade. Traditionsvereine pflegen ihr Andenken mittels heidnisch inspirierter Rituale besonders im Sommer am Rande abgelegener Baggerseen und vergleichbarer Lachen im südsüdwestdeutschen Raum.
„Verunreinigungen u. Beschädigungen der Anlage sowie das Fischen in der Quelle nach Gegenständen jeder Art, wird polizeilich verfolgt.“ (Fürstlich Fürstenbergische Liegenschaftsverwaltung)
Die Donauquelle, die offizielle wesenshelle Karstaufstoßquelle mit ihren blibbernden blabbernden Blubberblasen, säumen markige Sprüche, feist in Stein gemeißelt. Was dort hochsteigt aus dem Grund derer zu Fürstenberg, in einer Art sublimierten Volkskochtopfs, zwar nicht zuletzt weil die katholische Stadtkirche St. Johann sich in ihm spiegelnd Reines verheißt inmitten sektiererisch veranlagten Berg- und Waldchristentums: diese klare Suppe ergibt zunächst den unterirdisch abfließenden Donaubach, der sich am Rande des Schloßparks in einem heidnisch inspirierten Tempel der Brigach vereint, deren Zusammenfluß mit der Breg den eigentlichen Donauursprung markiert, nach anderer offizieller Rechnung (von denen es einige weitere gibt).
An der Quelle stehen und in ihren münzengefüllten Topf glotzen schafft Gefühlswallungen. Aus diesem ungetrübten Diamantwässerchen wächst dieselbe braune Donau, wie sie in Wien zu sehen ist oder in Budapest, die zickige weichherzige Rheinschwester, Tochter der Mutter Baar, Vater unbekannt, mit ihrem nibelungischen Ostverlauf eine ziemlich kräftige Mythenmaschine: doch hier in Donaueschingen werden in homöopathischen Dosen bereits die Wellen erzeugt, in denen im Flußverlauf Heutiges, Einstiges, Künftiges unwiderruflich vergeht, während es sich in religiöser Ekstase und natürlicher Logik einander auf Deibelkummnaus vermengt. Das ist groß, größer als die Touristenhorden, das hat bereits Sebastianus Munsterus begriffen, in präpauschaltouristischer Zeit und somit festgelegt in seiner Cosmographia, Beschreibung aller Lender, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt. Damit der geneigte weniger welt- und wandererfahrene Leser sich auch zuhaus in einer ruhigen Stunde in etwa eine Vorstellung von Gottes Wundern machen kann.