Binger Mäuseturm

bingen_mäuseturm_merianMeüsthurn. Der Binger Mäuseturm auf einem Stich von Matthäus Merian 1646. Im rechten Bildmittelgrund die Nahemündung.

bingen_mäuseturm_lautersLithografie von Paulus Lauters vor der Turmrestaurierung 1854.

Der Mäuseturm als aufhellendes Wandgemälde einer düsteren Rheinsteig-Unterführung in St. Goarshausen. Die Geschichte um den ob seines Geizes und seiner Hartherzigkeit bei lebendigem Leibe von Mäusen (im seither sogenannten Mäuseturm) aufgefressenen Bischof Hatto gehört zu den brutalsten des deutschen Sagenschatzes.

Von Baugerüsten umgebener Mäuseturm und Burg Ehrenfels im Oktober 2014.

Ds’ Lob vun Binge

Binge_kl

Die scheenschte Gegend am ganze Rhein
Das is die Gegend vun Binge!
Es wächst do der allerbeschte Wein
Der Scharlacher wächst bei Binge!

Die geschickschte Schiffleut, die mer find’t
Das sein die Schiffer vun Binge!
Un sieht mer in Meenz e hübsches Kind
Wo is es her? – Vun Binge’!

Keen Loch is uff der ganze Welt
So berühmt wie das vun Binge
Keen Thorm so keck in’s Wasser gestellt
Wie der im Rhein bei Binge!

Die Mäus vum Bischof Hatto, sich!
Sein geschwumme bis noch Binge,
Keen Geschischt war je so ferchterlich
Wie selichmol bei Binge!

Die heilig Hildegard, die war
Halt aach dehääm bei Binge!
Un war Aebtissin dort sogar
Uff Ruppertsberg bei Binge!

Es is e’ wahre Herrlichkeit
Das liebe, kleene Binge,
Mei Vatter, Mutter un all mein Leut
Ja mer sein all’ vun Binge!

the best river, next the Danube, in Europe

“(…) I left Francfort the 10th of October, 1657, intending to pass down the river Rhine, into Holland, and so again into France. Some German gentlemen and myself took a boat at Francfort, which carried us six miles that afternoon, to Mentz, the usual residence of the elector of that name, were he hath a great castle adjoining to the church, esteemed to have the largest and best painted windows of any in Germany.
Here the river Maine runs into the Rhine, the best river, next the Danube, in Europe, of whose head or fountain I have formerly made mention, having passed near unto it, as I entered into Rhaetia. The stream of this river is so violent, that it is only navigable downwards, which made our journey expeditious and pleasant.
The 11th, we refreshed ourselves at a place called Baccaract (quasi Bacchi Ara) from an altar anciently erected to Bacchus, (whose ruins are yet apparent) which makes it of a long standing, and anciently famous for the best wine, growing upon the banks of that river, which reputation it still preserves; this is within the palatinate.
Some few leagues further, we passed by an ancient tower, built almost in the middle of the river, called Ratts` Tower, near unto Bingen, which the people tell you is so called, upon this occasion: – in the pear 968, Hatto, second duke of Franconia, afterwards chosen Archbishop of Mentz, in a time of great famine and scarcity, summoned together a great number of poor people, with promise of relief, but instead thereof, put them all into a barn, and set it on fire, saying, they were the rats which devoured the food of the land; whereupon the vengeance of Heaven pursued him with so great an army of those animals, that they fell upon him in the closest rooms, finding passage through the chimneys and the least crannies, till at last, flying to this tower, which he caused to be made for his security, they followed him one night through the water in great droves, and devoured him.
That night we lodged at St. Verre, and the next day, being the 13th of October, we dined at Coblentz, a large town, situated where the river Mose falls into the Rhine. Here the Mose is very large, having over it a stately bridge of fourteen large arches; at one end of this bridge stands the town, at the other a fort belonging to the Elector of Treves, called Hermersten, with a freestone palace after the modern mode, adjoining thereto.
Thereabout, the country was in their vintage, to the prejudice of a gentleman of our company, who surfeited with eating those delicious grapes growing upon the banks of this river. That night we lodged at an obscur village called Hamestean.
The next morning we passed by a great town called Bon, belonging to the Elector of Cologne, where he then was, and that night we reached Cologne. (…)”

(aus: The Memoirs and Travels of Sir John Reresby)

Coryat`s Crudities

Thomas Coryat, Verfasser von Coryat`s Crudities, einem extensiven Bericht über seine europäische Reise zu Beginn des 17. Jahrhunderts, gilt manchen Quellen als „der erste Tourist“. Das halten wir für unwahrscheinlich, großsprecherisch und witzlos. Dennoch haben wir Coryats Beschreibung einer glimpflich verlaufenen Begegnung mit Pfälzer Weinbauern vor rund 400 Jahren hier gerne präsentiert und sind auf der Suche nach weiteren seiner rheinischen Reiseerlebnisse. Sekundarquellen sprechen von Coryats Vorliebe für Hüpffroschmetafern und Hüpffroschvorkommensabgleiche, insbesondere Deutschland muß zu Coryats Besuchszeiten übervoll mit Hüpffröschen gewesen sein. Coryat soll als erster Bischof Hattos Geschichte nach England gebracht haben, wo sie dann auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte als willkommene horror story zur Kindererziehung gedient haben soll. Von der astronomischen Münsteruhr zu Straßburg soll Coryat so überwältigt gewesen sein, daß er in einem Überwindungsakt äußerster britishness den Einbau eines ähnlichen Fabrikats in die St. Paul`s Cathedral empfahl. In Hillman`s Hyperlinked and Searchable Chamber`s Book of Days steht wie „der exzentrische Coryat“ auf das Heidelberger Faß klettert, um es, Perkeo gleich, mit einem Glas Wein in der Hand als ein den sieben Weltwundern der Antike ebenbürtiges Menschenwerk zu beschreiben: „„When tie cellarer,“ says Coryat, „draweth wine out of the vessel, he ascendeth two several degrees of wooden stairs made in the form of a ladder, and so goeth up to the top; about the middle whereof there is a hung-hole or venting orifice, into the which he conveyeth a pretty instrument of some foot and a half long, made in the form of a spout, wherewith he draweth up the wine and so potmeth it after a pretty manner into a glass.““ Von diesen Gläsern soll Coryat einige genossen haben. Das Heidelberger Faß taucht unterdessen ab und erst wieder bei Jules Verne in der Literatur auf. Wir suchen unterdessen in Coryats umfangreichen, nicht immer flüssig zu lesenden Berichten nach den Stellen mit den Hüpffröschen – und falls wir solche oder andere bezeichnende rheinische crudities finden sollten, stellen wir sie später hier ein.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)