Siegfried-Gin aus dem Rheinland

cofEin Neujahrsgruß von litblogs.net-Herausgeber Hartmut Abendschein. litblogs.net versammelt ausgewählte deutschsprachige Literaturblogs. rheinsein empfiehlt uneingeschränkt alle dort vertretenen Blogs. Switchen Sie mal rüber!

BuchBasel

Aus dem etwas rheinentrückten, nichtsdestotrotz sehr wunderbaren, von schwelenden Abraumhalden markierten Lande Ch`ti, das zur Nacht, verbringt man sie denn auf einer solchen Halde, ein Lichterpanorama ganz ähnlich wie Los Angeles bietet, reist rheinsein am heutigen Freitag nach Basel, wo es uns am Samstag, dem 10. November, im Rahmen der BuchBasel bei zwei Auftritten zu sehen geben wird:

Um 15.30 Uhr in der  Galerie Beyeler
Gespräch und Lesung gemeinsam mit Hartmut Abendschein

Um 18.30 Uhr im Museum der Kulturen
Gespräch und Lesung gemeinsam mit Roger Monnerat, moderiert von Peter Burri

Wir freuen uns auf Besucher!

rheinsein unterwegs im September

rheinsein war im September als Gast bei drei Abendveranstaltungen auf der Bühne, zwei davon in Museen im liechtensteinischen Vaduz.

Im sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein fand zu Monatsbeginn unser erster Gemeinschaftsauftritt mit Helena Becker statt, die für Das Lachen der Hühner die Dorfansichten (hier ein Beispiel) geschnitten hatte. Mithilfe projizierter Screenshots der Website stellten wir rheinsein als multiple Projektform vor, moderierten unsere kleine, randseitige, von den Postkartenständern der Vaduzer Innenstadt jedenfalls deutlich abweichende liechtensteinische Fotokollektion – und brachten Texte zum Vortrag, welche die nicht allzufernen Quellregionen und das Fürstentum selbst betrafen, darunter natürlich auch Gedichte aus Das Lachen der Hühner, zu denen Helena eine neue Papierschnittserie angefertigt hatte, welche nun Motive aus den Sonetten auf- und sich an den Museumswänden prächtig ausnahm.
Das Lachen der Hühner, vor anderthalb Jahren bei der parasitenpresse herausgekommen, befindet sich mittlerweile in der dritten Auflage; derzeit laufen Verhandlungen über eine limitierte Sonderedition mit Helenas im Kunstmuseum erstmals präsentierten neuen Schnitten an. Der Auftritt fand anderntags Niederschlag in der Printausgabe des Liechtensteiner Vaterlands.

Schräg gegenüber des Kunstmuseums Liechtenstein befindet sich das ebenfalls sehenswerte Liechtensteinische Landesmuseum. Während der Termin im Kunstmuseum ein gutes halbes Jahr im voraus feststand, ergab sich der Termin im Landesmuseum vorort ganz kurzfristig zwischen zwei Gläsern Wein. Über die Vernissage zur Bleuler-Ausstellung hatten wir seinerzeit kurz berichtet, nun kamen wir im Gespräch mit Rainer Vollkommer, dem neuen Direktor des Landesmuseums überein, rheinsein mit dem Bleuler-Konvolut des Museums zu kombinieren: nicht mit den Originalen, denn die sind derzeit in Baden-Baden zu sehen, sondern mit Diaprojektionen, die Bleulersche Spätromantik in einer textlichen Zeitreise zu spiegeln, von präromantischen Ausschnitten über damals zeitgenössische bis hin zu aktuellen, über Städte wie Leverkusen etwa, die es zu Bleulers Zeit noch garnicht gab. Vlado Franjević kreierte aus unserem Auftritt drei kurze Videos für das Museum: ein Interview vor der Veranstaltung, sowie Mitschnitte eines seefiebrigen Textes über Konstanz und eines Rhein-Gedichts aus Das Lachen der Hühner, die nun auf Youtube zu finden sind. Sehenswert für alle Liechtensteininteressierten ist sicherlich Vlados Interviewserie mit Besuchern aus aller Welt, zu finden in der Verwandtschaftsspalte.

Zurück in Köln präparierten wir uns sogleich für einen alpinen Abend mit Hartmut Abendschein und Egon Zähringer im überaus netten kleinen kunstraum dellbrück weit draußen auf der Bergisch-Gladbacher-Straße (also fast schon in Polen), welche alles in allem eine der sehenswertesten Straßen Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt vorstellt. Der Abend stand unter dem Motto „es ist fast gar keine Stimmung vorhanden“ – eine Zeile aus unserem Nendeln-Gedicht. Die Markgräfler Weinbatterien des Kunstraums jedoch schufen zunehmend Stimmung, Hartmut zeigte seine Flooksbooks, las aus seiner Neuerscheinung Dranmor über Dranmor, einen Berner Randgänger, Egon Zähringer jodelte und sang deutsch-schweizer Wirtschaftsnachrichten zum Örgeli, das für den Abend geborgte Murmeltier unseres Sohnes sorgte für Ordnung im Stall und alles in allem ging wieder einmal eine knappe halbe Auflage über den Tresen. Ein paar Bilder der Veranstaltung gibt es bei Hartmut Abendschein.

rheinsein im Grünen Salon

Am gestrigen Abend gabs zur Walpurgisnacht mal wieder den Grünen Salon in einem heimeligen Kölner Eigelstein-Hinterhof. rheinseins Mitwirken dabei ist zu einer kleinen Tradition herangewachsen, der ein oder andere Künstler reist zu den gelegentlichen Salons nicht nur aus entlegenen Kölner Veedeln, sondern sogar aus dem Ausland an, um gestärkt mit Grillwürstchen und badischem Bier (wahlweise: Rohkost und Schaumweinen) selten zu Sehendes auf die Bühne zu bringen bzw als Publikum zu bestaunen. Diesmal sang ein Klavierstimmer, dessen Namen wir nicht mitbekamen, unter stichwortartigen Erläuterungen zum Akkordeon ein vorgebliches österreichisches Sprichwort, das in etwa lautete, daß wer dem Hund etwas Gutes tun will, ihn zu schlagen aufhört. Zur Unterstützung dieser These verfiel der Sänger in original-austriakisches Jodeln, eine rechte Seltenheit am Eigelstein. Zuvor sahen wir den litblogs-Kollegen Hartmut Abendschein, von einem Haufen modernster Technik umgeben, das pappmaché- und systemtheoretisch unterfütterte Theaterstück Die Verfolgung und Ermordung Julian Paul Assanges, dargestellt durch die Puppentruppe des Hospizes zu Gutenberg aufführen, während draußen vor der Tür seine oulipotischen Kameraaufnahmen diverser Straßenpflaster das Hofpflaster anflirteten. In diesem Kontext paßten unsere Liechtenstein-Gedichte wie die Faust aufs Auge. Das Publikum wußte wenig (“liegt das zwischen Österreich und der Schweiz?”, “da gibt es ein Schloß”) bis garnichts von Liechtenstein, ein läßliches Manko, das mit unserem Vortrag aus Das Lachen der Hühner womöglich dennoch ein wenig abgelindert werden konnte. Den Abschluß lieferte, es ging bald gegen Mitternacht, ein musikalischer Beitrag von Gastgeberin Christina Messner, den wir, wegen Überfüllung der Ränge vor der Tür verblieben, nur in auslaufenden Schallwellen mitbekamen.
Festzustellen bleibt, daß das Thema Liechtenstein in Köln (zumindest außerhalb der Kreise von Schwarzgeld-Multimillionären) noch klaffende, poetisch-aufklärerisch zu füllende Lücken bietet, die wir bei unseren unmittelbar nächsten Auftritten in weiteren Kölner Veedeln tatkräftig angehen werden.

Die Süddeutsche über Literaturblogs

Florian Kessler schreibt in der Süddeutschen Zeitung von heute in einem recht launigen Artikel über Autorenwebsites und Literaturblogs. Besondere Erwähnung findet darin litblogs.net, ein loser Verbund diverser deutschsprachiger literarischer Blogs, dem auch rheinsein assoziiert und verbunden ist. Wir geben den Artikel hier in Ausschnitten wieder:

“(…) Die karge Landschaft deutscher Autorenhomepages bietet so ein geradezu spektakulär trostloses Panorama unversuchter Möglichkeiten. Obwohl sich vermutlich die meisten ihrer Besitzer als Schreibtischtäter viele Stunden täglich durch ihren Literaturbetrieb hindurch klicken, hat in den vergangenen Jahren geradewegs eine Regression hin zum schnöden reinen Arbeits-Portfolio stattgefunden. Begraben worden ist so nicht bloß die Hoffnung, im und durch das Netz anders schreiben zu können, sondern ebenso jeder Anflug, Autorschaft in einem alles prägenden, aufmerksamkeitszentrierten Massenmedium anders und neu zu denken.
Wo bleibt denn etwa das deutschsprachige Literaturprojekt, bei dem falsche Foren-Freunde, Phantom-Webseiten und echte Romane erfundener Autoren den Leser so in den Irrealis führen, wie das im vergangenen Jahr der “My Darklyng”-Vampirroman des amerikanischen Slate-Magazins versuchte, der sich live auf Facebook vollzog? (…)
Es muss Gründe dafür geben, warum die deutschsprachigen Autoren ihre Autorenseiten vor allem anderen dazu benutzen, möglichst stumpfe und eindeutige Images ihrer selbst zu entwerfen, verkörpert in den lediglich graduellen Abweichungen der Gestaltungen und der Wahl der Bildmotive. (…)
Ein Autor, der seine Webseite danach ausrichtet, ein möglichst nachvollziehbares Image von sich zu entwerfen, bibliographische Information zu gewährleisten und außerdem auf die nächste Lesung in der Stadtbibliothek hinzuweisen, vertritt diesen Betrieb in seiner derzeitigen Spätphase. Literaturarchiv Marbach, übernehmen Sie! Die Trostlosigkeit dieser Webseitenwüste bietet ein Sittenbild zwischen alter Bundesrepublik und digitaler Zukunft, das unbedingt abgespeichert gehört.
Womit wir bei den Ausnahmen wären (…). Die gut zwei Dutzend avantgardistischen, sperrigen, oft einfach grandios verstiegenen literarischen Blogs nämlich, die Christiane Zintzen und Hartmut Abendschein unter litblogs.net kuratieren, werden schon lange komplett vom Literaturarchiv Marbach gesammelt. Sie werden aber gerade umgekehrt archiviert, weil sie die allgemeine Aufmerksamkeit vollkommen unterschneiden, mit keinem Bein im herkömmlichen Print- und Förderlager stehen. (…)”

Auf rheinsein, auch auf andere bei litblogs.net versammelte Blogs, trifft der letzte Satz im Übrigen genau (bis teilweise auch ungenau) nicht zu. Es gibt (unseres Wissens) keine klare Sammelansage Marbachs und es gibt bei den meisten Kollegen sicherlich keine Abneigung gegenüber dem Print, sondern vielmehr durchaus Print- und sonstige herkömmliche Erzeugnisse derselben. Selbst Fördergelder bezieht der ein oder die andere gelegentlich. Daß sich die “allgemeine Aufmerksamkeit” seltenst auf literarische Werke richtet, ist wohl kaum mehr als ein Gemeinplatz, der sich natürlich mit Leichtigkeit unterschneiden läßt. Und in unserem Falle zieht die Webpräsenz, ob das nun erstrebenswert ist oder nicht, sicherlich (noch) deutlich mehr Leser an als unsere Printprodukte. Den gesamten Artikel gibts heute bei der SZ Online in der Rubrik Kultur.

Prinzenreklamation

Ein Rest Rotweiß umschlingt noch die Laternen,
zerzaust und nass. Der Dunst aus den Tavernen.
Ein Wind treibt schlappe Jecken um die Ecken.
Der Dom kratzt sich, als hätte er die Zecken.

Die Stadt, klamm und verkatert, macht sich klein.
Und am Museum hebt ein junger Hund sein Bein.
Den Rest Konfetti picken fette Tauben.
Die öffentliche Hand geht ans Entstauben.

Dem Rhein, auf Durchreise, ists einerlei.
In seinem Alter weiß er: Alles geht vorbei.
„Auch meine Zeit ist um. Isch ließ eusch lachen.
Für den Verein, da tat isch alles machen.

Mehr ging nisch, war nisch drin. Ein letzter Gruß.
Gern blieb isch. Doch die Bandscheibe, der Fuß:
Kaputt. Isch hab am Bein escht einfach voll die-
se Seuche. Tschüss! Prinz Karne… äh… Prinz Poldi

(Zum Aschermittwoch ein Gast-Gedicht von Georg Raabe, mit bestem Dank vorab und hinterher und auch an den frisch Isla Volante-Literaturpreis gekrönten Hartmut Abendschein, der den Text als letzten Teil einer Raabeschen Karnevalstrilogie fürs Netz isoliert und darin zum Vorschein gebracht hat! Der finale Endreim “voll die(se)/Poldi”, konkurriert, nebenbei gesagt, fürderhin inoffiziell mit dem meinen “coesfeld/erdrosselt” (aus dem Mittelfeld meines berühmten Kampfhundgedichts “frau krauses tat”) um den schlechtesten Endreim der gesamtdeutschen, wenn nicht gar der gesamteuropäischen Lyrikgeschichte.)