Durch den Breisgau (2)

Freistehender Akzent als Besonderheit des jambisch orientierten Rödelreims

Landstraßen und Agrarwege des Breisgaus stehen im Juni im Zeichen der Erdbeere, der Kirsche und des badischen Golds, des Spargels. So wehen zerschlissene und frisch gestylte Erdbeerflaggen von Höfen und in Vorgärten, skulpturale Spargelbündel aus Hartschaum ragen fallisch als Pfeiler von Orts- und Toreinfahrten in den Himmel, und die Kirsche symbolisiert das vergessene Auge, das sehnsüchtig in der Dunkelheit pulsiert, bevor es platzt. Hartheim, einst direkt am Rhein gelegen, woran die vollständige Ortsbezeichnung Hartheim am Rhein erinnert, ist im Talgrund von Altrhein und Rheinseitenkanal auf Kilometer an seinem mythenumrankten Leuchtturm, dem “Harten Gustav” auszumachen. Im Ort selber verschwindet der Turm bis zur völligen Unsichtbarkeit hinterhartheim_fischerzunftErinnerungen an die Zeiten des Salmenfangs. Der Salm, die regionale Bezeichnung für den Lachs, der den Rhein bis zur Industrialisierung übervölkerte, wird heuer bei der Iffezheimer Fischtreppe videodokumentiert und gezählt, um die 100 Exemplare konnten dort nachgewiesen werden, erste Erfolge der Neubesetzung – denn zwischenzeitlich war der Lachs aus dem Oberrhein verschwunden. Die Gaststätten des Breisgaus benennen sich weiterhin gerne nach dem einstmals regionaltypischen Fisch. In Schaukästen neben der Eingangstür präsentieren sie, so sie auf sich halten, Flaschen mit ihren Hausbränden und Weinen aus den Lagen nebenan. In Feldkirch, nicht zu verwechseln mit dem vorarlbergischen Städtchen gleichen Namens, trifft sich die Landwelt im Bohrerhof, einem für die Ortsgröße bombastischen Landmarkt, dessen Restaurant an ein umfunktioniertes Treibhaus erinnert. Am Ortseingang schrillte uns die rote Johannisbeere entgegen, am Ortsausgang schrillte sie uns hinterher. Wir erreichten Schlatt und ergaben unsschlatt_kaninchenschauschließlich bedingungslos der am Straßenrand sich aufbauenden Niedlichkeit.

Leuchttürme des Rheins: der „Harte Gustav“ zu Hartheim

Hartheim, ein kleines Fischerdorf am weitläufigen Delta des jungerwachsenen Stroms. Endlos die Verzweigungen, Verschachtelungen, Irr- und Abwege des Gewässers. Tümpel, kleine Seen, Wasserlöcher, manche Sackgassen, manche gefährliche Fallen für Fahrensmann und Binnenschiffer…

Wie wichtig, dem schmucken Schiff den Weg zu weisen, die Fahrrinne im Hauptstrom, dem schiffbaren, zu weisen –

Diesen so essentiellen Dienst leistet der „Harte Gustav“ zu Hartheim am Rhein.

Mächtig steht dessen gewaltiger Turm am Eingang der Hartheimer Gemarkung.

Wichtiger noch als heute, in diesen unseren aufgeklärten, ja fast entzauberten Tagen, war es in unvordenklicher Vergangenheit – als allerlei Tückebolde, Zwerge, Kobolde, Ghoule, Untote und halblebiges Diebesgesindel, auf Beutezug nach Gold, Gut und Fleisch vom lebenden Menschen versuchten, den unbedarften Schiffer ins Verderben zu locken –

Manch Skelett gab durch dunkle Künste die blondgelockte nackerte Loreley und lief dem Käpt’n am Steuerruder vor sein Fernglas – auf dass er geraden Kurs aufgab und mit Mann und Schiff ins Verderben lief…

Mag sein, dass das Miasma aus Fäulnis, Sumpf und uralten Gräbern am Rand des Stroms die Machenschaften des Halb- und Ganztotenreiches die Handreichungen wider geordnetes Schifffahrtswesen bestärkten –

Allein, der mächtige Markgraf Sulzhardt sah dem unheiligen Treiben lange Zeit von seiner Sulzburg aus zu, sprach dann ein entschlossenes „Samen Aleikum!“, was in der Markgräfler Mundart so viel bedeutet wie „Nu isch aba gudd!“, erhöhte zweckgebunden Steuer, Zins und Abgaben und ließ am Eingang der Gemarkung den gewaltigen „Harten Gustav“ errichten, „Gustav“ für seinen Urgroßvater, dem zu Ehren, „Hart“ wegen des Flurnamens und der Entschlossenheit, alles an Schindluderei und unheiliger Halblebigkeit auszutilgen.

So kam es und heuer leuchtet es…

(Ein Gastbeitrag und elfter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)