Balzers

An weitläufigen Straßen präsentiert sich das neue liechtensteinische Wohnen: in Burgen eingemauert wird dagobertducksch der Wohlstand poliert. Daß Balzers mal ein Bauerndorf war, riecht man noch ein wenig, die Süßkirschen an den Rainen aber werden nicht mehr abgeerntet. Unterhalb Schloß Gutenberg, das auf einem der üblichen vorantiken Kultstätten-Hügel liegt, begleitet mich ein schweigsames Männli ein Stück Weges durchs steile Waldstück, bis es unweit des Schloßtors, woraus Renovierungslärm dringt, in einen alten Schopf schlupft und in kalter Flamme aufgeht. Der böse, neidische Schrättleg könnte das gewesen sein, oder einer der schönen Irren, die in diesem Landstrich wohlgedeihn. Ich schreite weiter übern Lesepfad, dessen Name sich sowohl auf den Schloßberg-Wingert, als auch auf die zahlreichen Balzner Geistergeschichten bezieht. Zu Bremsen transformierte Übellinge attackieren im Tiefflug. Zwei drei klatsch ich weg, da beginnt der Rest zu kneifen. Die halb St. Nikolaus und halb St. Martin benamte Jubiläumskirche scheint geisterfrei und “soli deo honor” zu existieren. Das Dorf, endlose Asfaltbänder zwischen den Wohnpalästen mit ihren bauschigen Blumenkohlhortensien, wirkt ein wenig wie Kleinst-Hollywood ohne Filmindustrie – immerhin: Die Schweizpremiere von “Harry Potter und der Halbblutprinz” findet, deutsch gesprochen (!), im Balzner Schloßhofkino statt. Das lautlose Verschwinden der alten Holzhäuser in zunehmend einseitiger Mischarchitektur. Doch selbst in der schönsten Ruhe findet sich immer einer, der sie mit schwerstem Gerät fuhrwerkend zerreißt. Die lindensüße Luft enthält Spuren von Jauche und Mülltransport. Warzwurz und tropische Büsche schunkeln gelangweilt, vorgartenummauert im Föhn. Via Altneugut zu den Rheinschnellen, steht da noch ein Hof mit Bio-Freiland-Güggel, desweiteren im Blickfeld: noli-me-tangere-bestandner Waldrand, Baukräne vor Postkartenbergen und, besonders streng fixiert, die knallende Sonne: ab sofort wird zurückgeschossen! Unterm Ellhorn die teilbegehbaren Schnellen, gletschergrau plätschert das Wasser und schäumt und rauscht und eilt an dürr bestrauchter Kiesbank längs. Jeder der handteller- bis kinderkopfgroßen Kiesel enthält, bei näherem Betrachten oder Aufschlagen (an ihren Bändern lassen sie sich brechen wie rohe Straußeneier, offenbaren dann kristalline Innereien) über Jahrtausende eingravierte Geschichten und zusammen funktionieren sie als ständig sich umwälzendes überbordendes Epos aus alpinem Alfabet.