Ils reins

Leo Tuor, der romanisch schreibende Autor aus der Surselva, hat die ganzen historischen Rheinstellen gelesen, Caesar, Seneca, Spescha, Hölderlin natürlich, nur den seltenen Dielhelm vielleicht nicht. Als Bergler versteht er in seinem Essay „Ils reins“ die gewachsene und weiter wachsende Berg-, Tal-, Bach- und Flußnomenklatur des Vorder- und Hinterrheins zu entwirren, sich gleichzeitig tief ins System der Täler zu begeben, wo bei Wetterumschwüngen jeder automatisch in die Irre gerät und, um sie zu bannen, um zu überleben, ein paar passende Worte zur Hand haben muß; denn die Natur wechselt unaufhaltsam ihre Positionen, Täler und Flüsse verschieben sich oder verschwinden, Regionen dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, Wälder wandern und dünnen aus, erweitert um Prozesse aus Beton, also Wall- und Schanzarbeiten, und erstmals lese ich ernsthaft bestätigt, deutlich ernsthafter als bei Spescha, was ich droben bei den Quellen empfand: sie festlegen zu wollen sei grober Unfug, Wasser sei nun mal nicht festzulegen, Tuor redet beim Rhein von hunderten Flüssen, und davon, daß niemand wisse, wer der Rhein sei, weil er ein Zauberer sei, ein Meister der Verwandlung. Ich empfand die Quellszenerie als touristisch unbeachtetes Weltwunder und die prächtigen Fortbewegungsarten des entspringenden Wassers als Stilmittel der größten Erzählung überhaupt, die Zeit und Raum überbrückend im selbsterzeugten Rauschen aufgeht. Tuor gesteht dem Rhein 12000 Verlaufskilometer zu und meint vielleicht eine Addition seiner Seitentäler plus seiner historischen, wie Krampfadern aus der Landschaft gezogenen Windungen, vielleicht auch der Flüße unter dem Fluß. Tuor bezeichnet die Bergwässer als Drachen, dessen Zungen bis unter die Gletscher und weiter hinein in die Dunkelheit reichen und zitiert zur Sicherung den Engadiner Durich Chiampell mit einem Notat aus dem 16. Jahrhundert: „Obwohl unser hochgebirge mit ewigem schnee bedeckt ist, hatt dasselbe dennoch viele sonnige Felspartien, höhlen, gegen mittag geöffnet, wo der lintwurm sich gerne aufhält und nach art der schlangen und eidechsen an der sonne liegt.“ Auch berichtet Tuor von einem frühmorgendlichen Gang durchs dunkle neblige Gebirge, als er plötzlich im Schein seiner Lampe zwei gelbe Augen antraf, die (meine sofortige Vermutung: „der böse Anogl“ weder bestätigend noch verwerfend) womöglich nur einem Fantasma gehörten, das ihn immerhin an Don Cirongilio de Thracias Kampf mit der Wasserschlange erinnerte; es gibt im Dunkeln, unter Wasser und hinterm Fels diese anderen Tiere, frühe Schriften bezeugen das, und wer lange genug dem Rheinrauschen lauscht, differenziert darin auch die Botschaften solcher kryptischen Spezies. Steinige und plätschernde Elemente der romanischen Sprache bringt Tuor in seinem abschließenden Statement besonders zum Klingen: „Sco ei ha entschiet, aschia cala ei: Ina aua en pliras auas, dapertut e negliu. Inagada alvas e blauas. Sereinas ni neras els lags. Aur tgietschen ellas palius. Sgurghigliem verd e bugliadetsch. Spema, ramur, mar.“

Der Essay „Ils reins“ findet sich im Bildband: Der Rhein – quellnah. Fotografien von Catja Rauschenbach – ein Jahreslauf, u.a. mit Essays von Wolfgang Mörth, Hansjörg Quaderer, Leo Tuor, herausgegeben vom Bündner Naturmuseum Chur, Küefer Martis Huus Ruggell und Museum Rhein-Schauen Lustenau im Alpenland Verlag

Gefährte und Gefahr

Blind gegriffen drei Texte aus Hansjörg Quaderers wunderbar klar verdichtetem Buchkunst-Band „Stromschwärzen der Landschaft. Ein Libretto“ über den liechtensteinischen Rhein, anläßlich eines dort geplanten, nicht zustandegekommenen Kraftwerkbaus, mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Eine Hommage an die Kiesbanknomaden
Die Kiesbänke schaffen Lebensraum für scheue Kreaturen, Kieselalgen und Organismen. Auf einer Sand- und Kiesbank finden Pantomimen ein sensibles Feld, eine gegebene Fläche für eine Inszenierung: Idee einer Sequenz sehr langsamer Bewegungen bestimmter Reiher…, die tauchenden Bewegungen dem Ursprung zu: Gleichsam eine Hommage an alle Minderheiten, Zugvögel und Zaungäste, die ohne Kiesbänke auf der Strecke bleiben.

Wem gehört der Rhein?
Der adäquaten Idee.

Plädoyer für den Rhein
Der Rhein ist als Aorta des Tales von jeher Wahrzeichen dieser Landschaft und darf als solche nicht unterbunden werden. Der Rhein und sein Stiefbruder Föhn prägen das Tal. Der Rhein war früher ein Fluch, das Tal war ihm unterworfen. Die Heimsuchung durch ihn brachte Not und Schrecken: Man fesselte ihn aus existentieller Notwendigkeit in ein festes Dammbett, um das Land sicher und verlässlich zu bestellen. Das Gesicht des Rheins wandelte sich. Aus dem ungestümen Landvogt Rhein wurde ein der Landschaft gewährter Schlichter. Der Rhein, in seiner gelenkten Fassung, der verhaltene, nur bisweilen sich noch aufbäumende Fluss, bleibt eine unberechenbare, die unbekannte Grösse im Tal. Er begleitet uns als Gefährte und Gefahr, anziehend und abweisend zugleich. Die Ambivalenz der grossen Dinge durchzieht den Fluss: Fluch ist er nicht mehr, Segen lässt man ihn nicht sein. Was ist seine Bestimmung? Fest steht, dass der Rhein Grundwasser bildet. Die Stimme des freigebornen Rheins aber lehrt manche, schlicht und rein zu werden. Die Rheinkraftwerke siedeln im arglosen, banal-verschütteten Bewusstsein. Die geplanten Kraftwerke bedrohen das Rheintal, ungeachtet der ungelösten Grundwasserfrage, in seiner Identität. Der Fluss, seine Mäander, Sedimente und Strömung weisen in eine verborgene Topographie. Der Rhein berührt uns in unverfügbaren Schichten. Der innere Rhein verpflichtet, ist verbindlich aufzufassen: Seien wir einfach und loyal, lassen wir den Rhein Lebensfluss sein! Der zentralen Flussfigur unserer Landschaft gebührt ein unveräusserliches, konstitutionelles Flussrecht. Die den Rhein verraten, den Verbau des Rheins ins Kraftwerk zulassen, den Rhein stauen, stillegen und vivisezieren wollen, geben damit preis, was sie mit ihrem Ursprung verbindet. Lässt der Liechtensteiner die Kraftwerke zu, verachtet und verleugnet er seine Zugehörigkeit zum Rheintal: Er wird unrettbar sein Gesicht verlieren.

Quaderer zitiert dazu fußnötig Martin Heidegger aus Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1962: „Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdrucklieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks. Achten wir doch, um das Ungeheuere, das hier waltet, auch nur entfernt zu ermessen, für einen Augenblick auf den Gegensatz, der sich in den beiden Titeln ausspricht: Der Rhein, verbaut in das Kraftwerk, und „Der Rhein“, gesagt aus dem Kunstwerk der gleichnamigen Hymne Hölderlins.“

Weitere Texte des Autors zum Rhein und Bestellmöglichkeiten auf der Website der edition eupalinos