Freiburger Notizen (4)

Der Rhein ist in Freiburg keine führende Marke, das Selbstverständnis der Stadt stützt sich trotz Rheintallage vornehmlich auf andere Begriffe als konkret rheinische. Vage Erinnerung: ein begeisterter Kirchturmtreppenstürmer und Rheinmensch vermißte einst seinen sonst überall entlang des Stroms geliebten Kirchenrheinblick vom Turm des Freiburger Münsters aus. Der sei leider vom Kaiserstuhl blockiert, notierte er.  Die Freiburger Innenstadt bietet neben vielen anderen Sehenswürdigkeiten derzeit noch einen Karstadt (inklusive Migros, dessen fein säuberlich angeordnete Lebensmittel-Verpackungen das raumgreifendste und  beeindruckendste 3d-Mosaik darstellen, das ich bis dato zu Gesicht bekommen habe), den ich kurz aus nostalgischen Gründen und nicht etwa mit Kaufabsichten betrete.  Vor dem Gebäude engagieren sich Mitarbeiter für die Konzernrettung. Wenige Meter entfernt, im Eingangsbereich des Regierungspräsidiums, findet die Ausstellung „Flusslandschaften in Südbaden“ des Malers Hans-Joachim Paul statt. Sie besteht aus rund zwanzig auf den ersten Blick eher mäßig beeindruckenden Portraits einzelner Flüßchen, die, wie etwa die hübsche Alb meiner Kindheit und Jugend, nicht zwangsläufig durch Südbaden verlaufen. Die Bilder sind, ganz zurecht, auf randseitigen Stellwänden angebracht, damit der Betrieb im Foyer des Regierungspräsidiums keine Rücksicht auf die Ausstellung nehmen muß. Der freundliche Portier stöbert mich in einer der Stellwandnischen auf, und erklärt mir sua sponte, daß es durchaus auch Sinn und Zweck der Ausstellung sei, die Bilder an mögliche Interessenten zu verkaufen. Ein weiterer (der weitere), ca 70jähriger Besucher mutmaßt daraufhin, daß sich die kaufmännische Wertsteigerung solcher Bilder über einen Zeiraum von mindestens 50 Jahren erstrecken dürfte, eine Spanne, innert der er seinen eigenen Tod für wahrscheinlich erachte – eine Überlegung, die ihn letztlich vom Kauf abhielte. Ein bodenständiges, zahlengewohntes und -gewandtes Völkchen, diese Badener. Ich schau mir alle Bilder an, einige Stellen sind mir bekannt, und erblicke einen Teil von Rheinsein, mit anderen Augen gesehen, von anderer Hand manifestiert. Dem Künstler geht es offenbar um Idyllenrettung fürs heimatliche Wohnzimmer, vielleicht auch um ein wenig Meditation. Ehrenwerte Absichten. Auf dem Rückweg in der Straßenbahn, ummantelt von einem Platzkonzert monotoner Polizeisirenen, das gelegentliche, an- und abflauende Röhren eines unsichtbaren Hirschen.