Emmerich (2)

emmerich_eimerichEmmerichs Name soll auf eine Villa Embrici zurückgehen. Das Stadtwappen ziert ein Eimer. Emmerichs Historiker rätseln bis heute über seine Bedeutung. Fünf Erklärungsansätze gebe es, hörten wir, doch keiner davon sei wissenschaftlich haltbar. Am ehesten wahrscheinlich sei die Erklärung, daß der Eimer es als Hochwasser-Schöpfgerät ins Stadtwappen gebracht habe, im Grunde liege die Verbindung zwischen Eimer und Stadt jedoch im Unklaren. Auf die Frage, wie die lokale Aussprache für Eimer laute, bekamen wir zur Antwort: “Emmer”.

emmerich_schlemmerichDementsprechend, lautet unser gänzlich unwissenschaftlicher Blitzgedanke, könnte Emmerich von Eimer abgeleitet sein, mithin eigentlich Eimerich bedeuten, das Ich und den Eimer als Wortbestandteile verknüpfend, die den existentiellen Kampf des Individuums mit seinem wasserfassenden Werkzeug gegen den übermächtigen Gottvater Rhein repräsentieren oder die Selbsterkenntnis, die auf dem Grund eines mit Wasser gefüllten Eimers liegen mag, der die weiten niederrheinischen Himmel und darin das Gesicht des Betrachters spiegelt. Solche Gedanken werden in Emmerich jedoch nicht gepflegt – vielleicht nicht zuletzt, weil gängige Claims der vom Tourismus profitierenden Branchen bei stärkerer Eimergewichtung in unerwünschte Richtungen kippen könnten.

emmerich_glück_hüschMit dem Wesen des Niederrheiners (“weiß nix, kann aber alles erklären”) hat sich wie kaum ein anderer der im Jahre 2005 verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch befaßt. In Emmerich klebt sein Foto in mehreren Schaufenstern. Falls wir die Bildmotive richtig interpretieren, dürften sie bedeuten: “Hier kaufte Hüsch etwas ein” oder “Hier hat Hüsch sich die Auslage angeschaut”. Hüschs Gedicht “Glück ist ein Geschenk”, in dem Gottes Feriendomizil in der Gegend erwähnt wird, ist hingegen unmißverständlich in die Uferpromenade eingelassen.

RoN Schmidt aus Goch

Einst fuhr ich mit dem Fahrrad von Düsseldorf los, zielte mit dem Lenker auf Orte wie Kevelaer, Kleve, Weeze, letztlich Goch. Am Rande Gochs wohnt der Intensivverdichter und Spiritualclown RoN Schmidt und pflegt sein eigen Reich – dort harrten meiner Herberge, Wein und Wurst. Wir sprachen über das Grün der Wiesen, das Alter der Erde, Leben und Tod, sowie über Bedburg-Hau mit seiner berühmten Klapse und Pfalzdorf, eine Siedlung, in der angeblich mitten am Niederrhein pfälzisch gesprochen wird und die ich mir ob dieser Kuriosität anderntags erradeln und zu Gehör führen wollte. Es sollte an dieser Stelle erwähnt sein, daß das Grün der niederrheinischen Wiesen und Weiden sommers selbst den besten Mann kirre zu machen imstande ist, es streckt sich in jede Richtung und darüber kuppelt ein nuklearblauer Himmel, die punktschweißende Sonne zielt auf den Niederrheiner, insbesondere seinen Kopf, sie macht das auch mit Besuchern des Landstrichs, doch wer den niederrheinischen Sommer mit seinen Abermilliarden im seichten Wind wogenden Halmen komplett durchstehen muß, braucht eine Taktik, z.B. des Verdampfens, um in diesem Inferno göttlichen Sinns nicht den Verstand zu opfern. Auf dem Weg nach Goch hatte ich bereits dutzende Kilometer dieser grünen Hölle durchquert, mit Abstechern in leblose Ortschaften, Dörfer jenseits der Bundesstraße mit zur Mittagszeit verbarrikadierten Häusern und Läden, die Dorfbrunnen immerhin gaben kleine Trinkwasser-Rinnsale, ansonsten menschenabholde Stille, das Flirren über den Feldern nicht eingerechnet. Leblose Höfe, niemand zugegen im großen weiten Nichts. Doch überall schien sich etwas zu Mulm und Doom zusammenzutun. Hin und wieder brach ein Schauer herunter, irgendwann brach der Radweg ab: ich befand mich im Innersten einer unerforschten Region, die gemeinsam mit dem ebenso entlegenen, aber viel hügeligeren thüringischen Vogtland die prallen Arschbacken Deutschlands markiert. Am Spätnachmittag kippte der Tag vollends in sich zusammen und brodelte nurmehr müde, in der Ferne verzog sich in Jaucheschwaden das grausige Quieken großbetrieblich aufgezogener Schlachtschweine – in solcher Umgebung lebt seit Jahrzehnten der Geburtspreuße RoN Schmidt und läßt seine Gedanken schweifen, keine Berge hindern seinen Blick und nun schickte er mir den Hinweis auf vier seiner alten Videos, die just bei Youtube einzusehen sind, Meisterwerke niederrheinischer Lakonie in ihrem Bewußtsein des Wesentlichen, wie es nur auf dem Land noch in archaischer Reinheit zu beobachten ist, wenn überhaupt. Kürzlich wurde mir zugetragen, von Hanns Dieter Hüsch stamme sinngemäß der Spruch: „Wenn sich bei uns am Niederrhein zwei begegnen, geschieht das statt sonst weithin bekannter Grußfloskeln mit dem Satz „haste schon gehört, der und der ist gestorben““. Läßt sich nachvollziehen: Niederrheiner zwischen 14 und 40 sind am Niederrhein schwer anzutreffen. RoN Schmidt belebt diese Vitalitätslücke mit seiner schelmischen Kunst, in der er sich notfalls als der Landschaft angeglichene Frühkartoffel im Morgengrauen denkt und nebenbei deutsches Yoga lehrt: „SETZ DICH / NACKT / AUF EINEN / SPIEGEL / DENKE / ICH / BIN / ZWEI / ARSCHLÖCHER“

Hier gehts zu einem heute frisch eingestellten Poetry Video von RoN Schmidt auf Youtube: Hefeklöße.