Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.

Haldenstein (2)

Der Bergnebel kriecht nahezu bis in meine obere Schloßetage herab, sinistres Knistern dringt aus seinen Schleiern. Niesel. Vermutlich wird auch der Schnee tiefer herab gekommen sein, um eine Schicht schwerer auf den Tannen lasten – allein, der Nebel verhindert den Blick auf die Höhen. Da jagt der gute Bauer keine Kuh ins Freie. Vom Westfenster lassen sich immerhin die neuen Sonderangebote im unterhalb des Nebels gelegenen Dorflada erspähen. Eine brutal harte Arbeitswoche beginnt, versicherten sie mir bereits gestern vorausschauend in der Gaststube. Ganz anders das Wochenend: Bunte Hydrantenmännli mit Playmobilschöpfen säumen die sonnig-windigen Dorfstraßen. An der Felshalde längs: die unterschiedlichen Flugstile der Greife und Helikopter. Hausinschriften: „Gott schütze dieses Haus / und die da gehen ein und aus“, „Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft“ (außer sprachschönen Sinnsprüchen, widerspricht stante pede die hypersensible Dichterseele), aber: „Nicht Kunst noch Fleiß noch Arbeit nützt / wenn Gott der Herr, den Bau nicht schützt“ künden von Generationen Bauerfahrung. Peter Zumthor soll hier leben, in einem selbstentworfenen Haus, weswegen zahlreiche Touristen (Japaner, Amerikaner) durch die Dorfstraßen pilgerten. (Vielleicht in einer Art Wilden Jagd auf die Gipfel der Architektur, mit (infra)rötlich leuchtenden Objketivaugen, schwarznachts, wie in der Mythologischen Landeskunde beschrieben – ich jedenfalls konnt die Touriprozession, obgleich sie zwingend am Schloß vorbeiführen müßte, bisher nicht erblicken). Die Kirche mit ihrem Zwiebelturm, der auf Walser weist, im Dorf lassend (den Schlüssel hat mir die Calandawirtin, welche ihn hütet, versprochen) geht’s weiter durch die malmkalkige, angenehm um Noten von Milch- und Fleischvieh bereicherte Calandaluft, ein rheinischer (?), calandrischer Wind verteilt die tierischen Aromen althergebrachter Welten, in fast ganz Haldenstein stehen oder schweben sie noch ein wenig herum, im vermeintlichen Einklang mit sich selbst. Auf Chur zu. Das hinter der Rheinbrücke beginnt. Direkt oberhalb der Rheinbrücke führt u-förmig eine unbefestigte Straße in den Strom, als sollte hier ein Hafen für Spielzeugschiffe entstehen. Richtung Süden verläuft direkt am huschenden Rhein, großzügig von Straßenlärm begleitet, der Wohlfühl-Parcours (eine Trimmstrecke) der Churer Clubs Panathlon und Rotary.

Haldenstein

Rheinseins Ankunft in Haldenstein vollzieht sich in der Gaststube Calanda bei netten Einweisungen der charmanten Vorstipendiatin, Kalbsbratwurst und einem ersten Kübel Calanda, wie überhaupt unterm Calanda alles Calanda scheint und der bündnergrüne Rhein eine nachgeordnete, bestenfalls als Calandarhein einzunehmende Rolle zu spielen. Später am Abend schmeißt der Chäschpi im Hinterzimmer eine Runde Zwetschgenpunsch und erzählt vom Höhepunkt seiner Touren als Reisebusfahrer, dem Apenheul in Apeldoorn, desweiteren vom Museum Rhein-Schauen in Lustenau, einem verstorbenen Pater-Unikum in Disentis und einer dramatischen Rettungsaktion im Rhein bei Ilanz, seiner Heimatstadt, der ersten am Rhein; während Haldenstein immerhin die erste Oper am Rhein besitzt – im August wurde im Schloßhof Carmen aufgeführt. Am Morgen steht die Besichtigung der Ruine Haldenstein an, der markantesten von gleich drei Burgruinen auf der kleinen Gemarkung ob des Rheins bzw nid des Calanda, „des Herablassenden“. Der Anmarsch steht mit 25 Minuten ausgeschildert, die zügig einen derart steilen Aufstieg darstellen, daß ich nach fünf Minuten denke: „wenn das so weitergeht, kommst du bestenfalls als toter Mann oben an“. Es geht so weiter, doch nur fünf Minuten, nun auf schmalem Pfad längs eines trockenen Sturzbachs, schon ist die Ruine erreicht. Schafsglocken lockern den aufdringlichen Verkehrslärm des mehrfach trassendurchfurchten Tals, Esel eseln daneben, vom gezackten Himmel schenkt eine schwer überhitzte Sonne ihre Novemberreserven her. Die Ruine balanciert ihre Imposanz auf unzugänglichem Felsspitz, hinter den Mauern dreschen zwei ewige Raubritter aufeinander ein, fügen sich schwere Scharten zu, prosten sich sportlich mit Calanda-Bräu zu in den Kampfpausen; unten eilt derweil der Rhein, als wolle er sich selbst überholen und wisse keineswegs, wohin. Wanderschilder weisen auf poetisch klingende Ziele wie Bärenhag, Batänja (ein Maiensäß), Ruine Grottenstein (deren Name von Kröten, nicht von Grotten rühren soll), Ruine Lichtenstein, Arella, Funtanolja, Altsäss.

Rheinstipendien

Die Kulturförderung des Kantons Graubünden unterstützt Rheinsein nach einer sommerlichen Recherchespritze nunmehr mit einem Aufenthaltsstipendium in der Kulturwerkstatt Schloss Haldenstein, dem Spielplatz der “ersten Oper am Rhein”. Ob die Atelierwohnung Rheinblick bietet, ist noch nicht geklärt, jedenfalls wird Rheinsein ab morgen mit Dielhelm, Spescha und Konsorten vom Basiscamp Haldenstein aus den Lauf oder die Läufe des Vorderrheins, sowie die tieferen Tiefen, höheren Höhen und flächigen Fluchten Liechtensteins examinieren, denn auch die Kulturstiftung des alpinen Fürstentums unterstützt Rheinseins Forschungen für deren Kombination mit einem lokalen Projektextrakt. Rheinsein bedankt sich herzlich für das Vertrauen und die freundliche Förderung!