Presserückschau (Juli 2016)

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“Der Rhein ist nichts für Anfänger, meint Mike Pernox. “Da findet man vor allem Wasser-Pokémon – wenn man sie denn haben will. (…) Dem Rhein würde ich als Standort drei von fünf Sternen geben. Die Wasser-Pokémon, die man dort findet, sind gut, es gibt Enton, Karpador und Goldini”, sagt er. Vor allem aus Karpador könne man später viel machen – das Pokémon entwickelt sich nämlich mit genügend Pflege weiter zu einem Pokémon namens Garados, und das ist zum Beispiel im Kampf mit anderen Spielern und ihren Monstern kaum zu schlagen.”" (Rheinische Post)

2
“Am (…) 10.07.2016 wurden zum ersten Mal elf Kinder aus Köln im Rhein getauft. Pfarrerin Dr. Anna Quaas und Pfarrer Mathias Bonhoeffer der evangelischen Kartäusergemeinde feierten den Taufgottesdienst mit über 100 Gästen. (…) Carl, Milla, Lion, Zoe, Marlene, Leonie, Ben, Timm, Trixi, Frida und Jake gehören jetzt zur Gemeinde. (…) Damit der Gottesdienst im Rhein tatsächlich stattfinden konnte, mussten zunächst Genehmigungen eingeholt werden. Sowohl das Grünflächen- als auch das Schifffahrtsamt mussten zustimmen. Auch wenn die Strömung an der Taufstelle nicht besonders stark ist, sorgte die DLRG von einem Boot im Wasser aus für Sicherheit.” (WDR)

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Rheintote
“Ein vermisster Matrose ist bei Ludwigshafen im Rhein gefunden worden. Die Leiche war laut Polizei am Werksgelände des Chemiekonzerns BASF an einer Wasserentnahmestelle entdeckt worden. Der Mann hatte laut Sprecher der Polizei seine Ausweispapiere bei sich, daher konnte er identifiziert werden. Vermutlich ist er ertrunken. Das 46 Jahre alte Besatzungsmitglied war (…) bei Mannheim von einem Kreuzfahrtschiff in den Rhein gefallen.” (Stuttgarter Zeitung)

“Ein 19-jähriger afghanischer Asylbewerber ist (…) im Rhein in Laufenburg AG ertrunken. Seine Leiche wurde (…) im Rechen des Kraftwerks Laufenburg angeschwemmt. Der Mann gehörte zu einer Dreiergruppe von gleichaltrigen Landsleuten, die (…) im Rhein ein Bad nahmen. Dabei gerieten sie in Not. Einer konnte sich selber ans Ufer retten, ein zweiter wurde von einem privaten Bootsfahrer aus dem Rhein gefischt. Der dritte Afghane blieb trotz einer Suchaktion verschwunden. (…)
Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hatte Anfang dieses Sommers darauf hingewiesen, dass im Hitzesommer 2015 auffallend viele Touristen und Asylbewerber beim Baden tödlich verunglückt waren. Die SLRG liess darauf ihre Baderegeln in mehrere Sprachen übersetzen – unter anderem auf Arabisch und Somalisch.” (Blick)

“Horrorfund am Colonia-Hochhaus! Bei einem Spaziergang am Rheinufer stieß der Kölner Adrian H. (Name geändert) am Mittwochnachmittag auf die verstümmelten Überreste eines Mannes. „Es handelte sich um eine männliche Leiche, circa 40-50 Jahre alt, verschnürt in einen blauen Müllsack, ohne Arme und ohne Kopf“, so H. (…). Die sterblichen Überreste sollen nun obduziert werden, um Näheres über das noch nicht identifizierte Opfer und dessen Todesumstände zu erfahren. (…) Eine Mordkommission wurde gebildet, um das Todesrätsel zu lösen.” (Express)

“Die Wasserschutzpolizei musste (…) eine groß angelegte Suchaktion auf dem Rhein bei Orsoy ergebnislos abbrechen. Sie galt einem jungen Mann, der vermutlich ertrunken ist. Dabei handelt es sich (…) um einen 26-jährigen Flüchtling (…). Nach ersten Erkenntnissen soll er ein ungeübter Schwimmer gewesen sein und am Strand in Höhe des Hafens als Einziger im Fluss gebadet haben. Plötzlich sei er von einer Welle erfasst worden, die ihn weggerissen habe. (…) Mehr als 100 Leute beobachteten das beängstigende Szenario. Nach gut einer Stunde wurde die Suche eingestellt.” (Rheinische Post)

“Schon wieder ist ein Flüchtling den Fluten des Rheins ausgeliefert gewesen: Nach einem 19 Jahre alten Nigerianer wurde (…) in Bad Säckingen bei einer großangelegten Rettungsaktion im Rhein gesucht. Der Flüchtling, der laut Polizeiangaben nicht schwimmen konnte, wird bisher noch vermisst. Die Behörden rechnen mit dem Schlimmsten. Der 19-Jährige ist (…) zusammen mit einer Gruppe von Flüchtlingen an den Rhein gegangen, um dort zu baden. Dabei ging der Nigerianer nach Angaben seiner Begleiter einige Schritte ins Wasser und wurde von der Strömung mitgerissen. Der Nichtschwimmer trieb ab und ging unter.” (Badische Zeitung)

“Bei Albbruck (wurde) eine männliche Leiche im Rhein gefunden. Über die Identität des Toten und die näheren Umständen seines Todes ist (…) nichts bekannt. (…) Die Fundstelle befindet sich in der Nähe eines beliebten Freizeitgeländes direkt am Rhein gegenüber der früheren Papierfabrik. (…) Ob der bei Albbruck aufgefundene Tote eventuell mit dem Vermisstenfall G. B. (…) in Zusammenhang steht, ist ebenfalls offen. Mehr Klarheit dürfte erst die von der Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen angeordnete Obduktion durch einen Gerichtsmediziner bringen.” (hierzuland)

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Konzert auf der Rheininsel Grafenwerth: “”Aus nacktem Felsen dringt es. Noch namenlos, das Quellende, das Rinnende, das Wässrige.” Scheinbar aus dem Off ertönte am Freitag die Stimme von Sven Puchelt. Er saß am Bug des “Rheingold”-Schiffes und erzählte die Geschichte des Rheins, während die Musiker des Ensembles die Schiffsbühne am Heck eroberten. Unter der Leitung von Rüdiger Oppermann reist das Ensemble am Rhein entlang zu insgesamt 15 verschiedenen Orten von Basel über Worms bis Xanten, um das Publikum an den Ufern der Rheinstädte zu begeistern. (…) Rund 150 Gäste lauschten den musikalischen Geschichten vom Rhein als “Alpenwanderer” über den Goldhut von Schifferstadt bis hin zum Nibelungenlied und der Loreley. Und während hinter der Bühne über dem Rhein langsam die Sonne unterging, begeisterten Oppermans Weltmusiker mit teils mittelalterlich anmutender Musik, asiatischem Lautgesang und afrikanischen Trommelkonzerten bis hin zum Big-Band-Gefühl, wenn die 15 Musiker gemeinsam auf der Bühne standen.” (Kölnische Rundschau)

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Unter “füdliblutt” versteht der Schweizer “nackt”. So erklären sich Schlagzeile und Artikel der kostenlos verteilten Tageszeitung 20 Minuten, die sich in der Schweiz, anders als in Deutschland, bis auf den heutigen Tag erhalten hat: “Füdliblutt am Rhein – Ein Nackter zog (…) am Kleinbasler Rheinufer die Blicke vieler Passanten auf sich. Verboten ist das in Basel nicht. Er sei dem Wasser entstiegen, wie Gott ihn geschaffen hat, berichtet ein Leser-Reporter. (…) Einen verwirrten Eindruck soll der Langhaarige gemacht haben, als er im Adamskostüm die Promenade rheinabwärts schritt.”

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“Eine Wette zwischen Schweizern aus Zürich und Elsässern aus Straßburg aus dem Jahr 1456 ist der Hintergrund der Hirsebreifahrt. Zwischen den Städten bestand eine Partnerschaft und die Zürcher Zunftleute wollten mit dieser Fahrt ihren Partnern beweisen, dass sie im Notfall innerhalb eines Tages bei ihnen sein könnten. Als Beweis brachten sie einen Topf Hirsebrei, der bei der Ankunft noch warm war. Seit 1946 findet die Fahrt als Zeichen der Verbundenheit (fast) alle zehn Jahre statt.” (Badische Zeitung)

7
“Der zwischen Hinterrhein und Nufenen neu erbaute Rheinquellweg ist (…) eröffnet worden. Gleichzeitig wurde auch das Projekt «Sprudelnde Geschichten und Dorfbrunnen» feierlich eingeweiht.” (Südostschweiz)

8
“Ein Velofahrer ist (…) in Graubünden über steile Felsplatten hinab in den Rhein gestürzt. Er trieb rund 100 Meter den Fluss hinunter, bis er sich an einem Stein festklammern konnte. (…) Der Unfall hatte sich bei Haldenstein ereignet, als der Velofahrer auf einem schmalen Wanderweg dem Rhein entlang fuhr. Dabei verfing sich laut Polizei seine Lenkstange in einer Stahlkette, die als Haltevorrichtung für Wanderer dient, und er stürzte.” (Basler Zeitung)

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“Damit der Aal eine Zukunft hat, wurden (…) 40.000 Jungtiere zwischen Lampertheim und Wiesbaden-Biebrich in den Rhein gesetzt. Ehrenamtliche Helfer und örtliche Angelvereine hatten diese Aufgabe unter Regie des Darmstädter Regierungspräsidiums übernommen. Sie erfüllen damit die EU-Aalverordnung. (…) Die ausgesetzten Tiere sind etwa 20 Zentimeter lang und damit für viele Fressfeinde nicht mehr interessant. (…) Damit die meisten der 40.000 Aale eine Überlebenschance haben, wurden sie zunächst an Europas Küsten als Jungtiere gefangen und dann in Aquakulturanlagen bis zu ihrer jetzigen Größe aufgezogen. Die beim Darmstädter Regierungspräsidium angesiedelte Fischereibehörde geht davon aus, dass die Aale in den nächsten fünf bis 20 Jahren im Rhein leben und dann auf Wanderschaft in ihre bis zu 6000 Kilometer entfernten Laichgebiete ziehen. Diese Tour geht quer durch den Atlantik bis zur Sargassosee am Rand der Karibik. In der Regel verliert sich dort die Spur der Tiere. Forschern ist es bisher nicht gelungen, Aale bei der Fortpflanzung zu beobachten.” (Echo)

Presserückschau (März 2016)

1
“Eine Panne im umstrittenen Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass vor knapp zwei Jahren soll wesentlich dramatischer verlaufen sein als bisher bekannt. Einem Bericht der “Süddeutschen Zeitung” (…) zufolge waren am 9. April 2014 nach einer Überflutung wegen eines Lecks in Block 1 die Steuerstäbe zum Abschalten des Reaktors nicht mehr manövrierfähig. (…) Der Block wurde laut “SZ” erst durch Einleitung von Bor ins Kühlsystem abgeschaltet – ein äußert seltenes Vorgehen. Der Betreiber des Akw, der staatliche französische Stromkonzern EDF, hatte zwar von dem Leck berichtet, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen. Auf der achtstufigen internationalen Störfallskala Ines wurde der Vorfall lediglich auf Niveau 1 eingestuft. Die Überschwemmung habe damals eine “Abfolge von technischem Versagen und Chaos” nach sich gezogen (…). So sei eines der beiden parallelen Sicherheitssysteme ausgefallen, weil Wasser in Schaltschränke gelaufen sei.” (Donaukurier)

2
“Es gibt Szenarien, da muss man zweimal hingucken, um zu verstehen, dass man nicht völlig verrückt geworden ist. So ging es wohl einigen Duisburgern (…), als ein offensichtlich toter Pottwal auf der Ladefläche eines Transporters durch die Innenstadt rollte. Wenig später lag das fast 20 Meter lange Tier am Ufer des Rheinpreußenhafens in Homberg. Eine Schulklasse begutachtete es neugierig, die Kinder konnten kaum fassen, was sie da sahen. Wenig später kamen Forscher, um den Wal zu untersuchen. Auch das Duisburger Ordnungsamt kam zur Unfallstelle. Hatte sich der Wal vielleicht verirrt, ist er etwa über die Nordsee in den Rhein geschwommen und dann gestorben? Fehlanzeige: Der Pottwal am Duisburger Rheinufer hat nie gelebt. Es handelt sich um eine lebensgroße Attrappe, die zu den Aktionen des Kulturfestival Duisburger Akzente gehört.” (Rheinische Post)

3
“Die Ansicht ist wenig spektakulär: ein abgesperrtes Loch in der Erde, dessen Boden leicht mit Wasser bedeckt ist und auf dem ein Bagger und ein Container stehen. Trotzdem bedeutete der 16 Meter tiefe Schacht gestern Anlass zur Freude auf dem Chempark-Gelände Wiesdorf. Denn er ist der Anfang eines neuen Tunnels unter dem Rhein zwischen Leverkusen und Köln-Merkenich. Und so feierte Chempark-Betreiber Currenta mit mehreren Dutzend Gästen aus Unternehmen und der Politik die Taufe der Rheinunterquerung. Sie trägt nun den Namen “Martina”. Patin und Namensgeberin ist Currenta-Mitarbeiterin Martina Jacobs-Wellenberg, die das Projekt seit Beginn begleitet.” (Rheinische Post)

4
Loreena McKennitt feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum, berichtet die Fachzeitschrift Powermetal im Stil einer Werbeanzeige: “Nun schiebt ihr Label Quinlan Road noch die Livescheibe “Troubadours On The Rhine” nach, wiederum strikt limitiert auf 5000 Kopien und in hochwertigem 180g-Vinyl. Doch neben der hochwertigen Aufmachung ist das Schöne daran natürlich in erster Linie das Schöne darin. Loreena spielte dieses Konzert auf Einladung des Radiosenders SWR1 (…) am 24. März 2011, in Mainz. (…) Insgesamt (…) eine (große, schwarze) runde Sache, die ein Muss für alle Folkfans darstellt. Und die Tatsache, dass die Aufnahmen vom schönen Mainz am Rhein stammen, sollte insbesondere die Rheinländer auf den Plan rufen. Da dürften die 5000 Exemplare schnell vergriffen sein.”

5
“Im Rahmen der 37. Duisburger Akzente “Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen” läuft im Ruhrorter Museum der Deutschen Binnenschifffahrt noch bis zum 9. April die Sonderausstellung “Neue Horizonte – Dynamik im Fluss” über den Erfinder Paul Schatz (1898-1979), der als deutsch-jüdischer Emigrant in der Schweiz lebte (…). Dazu spielte (…) das “Ensemble Neue Horizonte Bern” (…) sein Programm “Im Fluss”. (…) Sämtliche Kompositionen von “Im Fluss” beschäftigen sich mit den Themenkomplexen Fluss, Wasser und Hafen, aber auch Strömung, Schleuse, Handelsumschlagplatz, Schwäne, Rhein, Donau und Moldau sowie weiterem Nahen oder Fernen. Der formale Rahmen leitet sich von Paul Schatz und seinem umstülpbaren Würfel ab (den übrigens der Westdeutsche Rundfunk vor 50 Jahren zum Logo seines Dritten Fernsehprogramms machte). Der taumelnden Bewegung des Oloids passt sich auch die in jedem Konzert andere Reihenfolge der Stücke an. Genauer gesagt, bleibt die Abfolge gleich, nur Anfang und Ende verschieben sich.” (Rheinische Post)

6
Rettung aus Rheinnot: mehrere Schafe hatten sich laut Anrufen von Spaziergängern bei der Krefelder Feuerwehr im Fluß befunden: “Ein freilaufender Hund hat (…) eine Schafsherde in Panik versetzt. Ein Tier wurde in den Hals gebissen. Es wusste sich nicht anders zu retten, als in den Rhein zu springen. Ein Passant und ein Polizist in zivil, retteten das verletzte Tier in Ufernähe aus dem Wasser. Vom Hund keine Spur.” (Rheinische Post) Der Verbleib der restlichen Schafe, die sich ebenfalls in den Fluß gestürzt haben sollen, ist ungeklärt.

7
“Ein ausgebüxtes Rind hat (…) einen Polizeieinsatz der Stadtpolizei Chur verursacht. Das Tier war zuerst stadtauswärts auf den Zuggeleisen unterwegs. Danach stapfte es zum Rheinufer. (…) Als eine Polizeipatrouille vor Ort eintraf, waren bereits mehrere Personen dabei, das entwichene Rind von den Geleisen wegzutreiben. (…) Nach einiger Zeit ging das Rind zum Rheinufer und überquerte den Fluss schwimmend. Es strandete völlig erschöpft am gegenüberliegenden Ufer von Haldenstein. Dort konnte das Tier schliesslich von Bauern mit einem Seil hochgezogen werden.” (Schweizer Bauer)

8
“In Baden-Württemberg hat ein 22-Jähriger sein Auto versehentlich in den Rhein gelenkt. Er und sein Beifahrer kamen glimpflich davon. Ein Passant hatte (…) den Zwischenfall in Breisach am Rhein beobachtet und den Notruf gewählt. (…) Kurz darauf meldete sich (…) der Fahrer des Wagens. Er und sein ebenfalls 22 Jahre alter Beifahrer hatten sich alleine befreit und waren durchs eiskalte Wasser zum Ufer geschwommen. Danach gingen beide nach Hause, um die nassen Kleider zu wechseln. Der Polizei zufolge ist der Unfallverlauf inzwischen geklärt: Der Fahrer war (…) beim Rückwärtsfahren auf einen Grünstreifen geraten und hatte die Kontrolle über das Auto verloren. Der Wagen rollte daraufhin die Böschung zum Rhein hinunter und stürzte in den Fluss. Das Fahrzeug ging unter und soll nun geborgen werden.” (Spiegel)

9
“Erneut haben Unbekannte zwei große Bäume an der Rheinallee (in Königswinter; Anm.: rheinsein) vergiftet. (…) Eine stolze Platane und ein Ahorn mussten deshalb (…) in Höhe der Hubertusstraße am Rheinufer gefällt werden. Ebenfalls (…) wurden zwei weitere Bäume gefällt, die bereits im vergangenen Jahr Opfer von Giftanschlägen geworden waren, und eine Pappel, die unmittelbar am Rheinufer stand und angesägt worden war. Die Stadt hat innerhalb von nur neun Monaten insgesamt fünf Strafanzeigen gegen Unbekannt bei der Polizei erstattet.” (General-Anzeiger)

10
“Jubel bei den Rhine River Rhinos: Die Rollstuhl-Basketballer aus Wiesbaden haben den Aufstieg in die Erste Bundesliga perfekt gemacht. Die Mannschaft von Cheftrainer Cliff Fisher setzte sich am letzten Spieltag bei den SKG Rolling Choclate in Heidelberg mit 89:53 durch und sicherte sich die Meisterschaft in der Zweiten Liga.” (Wiesbadener Tagblatt)

11
“Die Programmiersprache rhine aus der Feder von Ramkumar Ramachandra ist eine typisierte, von Elixir inspirierte Sprache, die die LLVM-Just-in-time-Kompilierung nutzt und einen vollständigen abstrakten Syntaxbaum, sowie N-D-Tensoren, First-Class-Funktionen und Typinferenz bietet. Die von Ramachandra im GitHub-Repositorium des Projekts vorgestellten Sprachfeatures umfassen beispielsweise die Typannotation ~Int (In rhine werden nur Argumenttypen kommentiert; Rückgabetypen werden inferiert) sowie die Funktion ~Function(Int -> Int -> Int. Letztere nimmt zwei Integer auf und gibt einen zurück, wobei etwas Haskell-Syntax eingestreut wird. (…) Eine Besonderheit von rhine ist der AST. Dieser nimmt starke Anleihen bei der LLVM-Zwischenschicht (IR), umfasst jedoch auch einige höher angesiedelte Konzepte, wie beispielsweise Tensoren. Er ist Ramachandra zufolge als SSA zu betrachten und verfügt über einen eingebetteten UseDef-Graph, weshalb Analysen und Transformationen sich besonders leicht gestalten sollen.” (Jaxenter)

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“Einsatzkräfte der Polizei und der Rheinhausener Feuerwehr haben in Duisburg-Friemersheim die Reste einer Leiche aus dem Rhein geborgen. Ausgerückt waren auch ein Boot der Wasserschutzpolizei sowie Taucher. Da der Torso relativ ufernah im Rhein trieb, kamen letztere nicht zum Einsatz. Zur Identität der toten Person ist noch nichts bekannt. (…) Fingerabdrücke der aufgefundenen linken Hand werden derzeit ausgewertet. “Die Leiche ist auch nicht mehr ganz frisch”, sagt Feuerwehr-Einsatzleiter Thorsten Stolz. Sie sei vermutlich schon eine Weile stromabwärts getrieben und auch in Kontakt mit Schiffschrauben gekommen.” (WAZ) “In Duisburg hat eine Passantin am Rheinufer Leichenteile gefunden. Der menschliche Unterkörper war im Bereich Alsumer Steigs angeschwemmt worden (…). Erst vergangene Woche war rheinaufwärts beim Duisburger Ortsteil Friemersheim ein lebloser Oberkörper geborgen worden. Taucher der Feuerwehr zogen die Leiche aus dem Wasser. Eine DNA-Analyse soll nun klären, ob die Leichteile von der selben Person stammen. (…)” (Welt)

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“Die Quecksilber-Belastung deutscher Flüsse liegt (…) vielerorts weit über dem zulässigen Grenzwert. Die Umweltqualitätsnorm von 20 Mikrogramm Quecksilber je Kilogramm Fisch werde in den großen Flussgebieten Rhein, Elbe und Donau dauerhaft und flächendeckend um das fünf- bis 15-fache überschritten (…). Quelle dafür sei eine Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Parlamentsanfrage. Zwar stoßen Dutzende deutsche Braun- und Steinkohlekraftwerke in geringen Dosen Quecksilber aus, Umweltschützer machen aber vor allem giftige Dämpfe aus Braunkohlekraftwerken für die Umweltbelastung mit dem Schwermetall verantwortlich.” (n-tv)

Ustrinkata am Vorderrhein

“Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam.”

Arno Camenischs Sprache ist hochrhythmisch. Sie besteht aus kurzen, kommagetrennten Einheiten, die sich zu langen Sätzen, zu einem schnaufenden Sermon dehnen, der nicht nur einen Sprecher zu besitzen scheint, bzw falls doch nur einen, dann einen, der aus verschiedenen Raumecken mit Ideen gefüttert wird, die abzumischen er gezwungen wirkt, als Kleister benutzt er Capunsmasse. Denn auch eine Mischung aus Hochsprache, Bündner Dialekt und dem sursilvanischen Romanisch ist diese Sprache, die plätschert und anzieht wie der Vorderrhein, den sie häufig beschreibt. Eine rauhe Mischung, kantig, Berglerbeat, langsam, bald schwer, bald unberechenbar bis luzid, von exzellenter Qualität. Ob eine solche Sprache in 200 Jahren noch verstanden wird fragen wir uns, wie wir uns das sonst nur bei zeitgenössischen Gedichten, unsere eigenen eingeschlossen, fragen. Und verwerfen die Frage sogleich, weil es fürs erste ausreicht, daß uns diese Sprache ganz ausgezeichnet gefällt, auch weil sie bei allem Flow beinahe stets vom Wesentlichen spricht, Leben und Tod. Die Wirtshausszenen aus der “Helvezia” in Tavanasa erinnern uns an jene, die wir einen Monat lang in Linas “Calanda”-Gaststube in Haldenstein, am bereits zusammengeflossenen Alpenrhein erlebten. Urchiges Stammpersonal mit markigen, auf den winzigen Provinzflecken Welt ihres Daseins bezogenen Erzählungen, ein Personal, dem jederzeit zuzutrauen ist, daß es die Gläser nach dem Leeren gleich noch auffrißt, das als verborgener Gegenbeweis für die im Literaturbetrieb kursierende These vom Ende der Zeit der großen Geschichten hinter Nikotinnebeln vor sich hin existiert, wenngleich es seine Geschichten recht einsilbig erzählt. Groß sind sie allemal. Und: Arno Camenisch liefert die literarisch stärksten Beschreibungen der Macht des Vorderrheins, die uns bisher bekannt sind.

Arno Camenisch: Ustrinkata, Engeler 2012
ISBN 978-3-033-03028-2, Gebunden, Schutzumschlag, 18,5 x 12 cm, 100 Seiten, Euro 17.- / CHF 25.-

Der Rhein in der lokalen Kleinpublikation

Im Haldensteiner Boten, dem schick aufgemachten halbjährlichen Gemeindeblatt, erinnert sich die älteste Einwohnerin, wie sie 1939 herzog, an die internierten Polen und Italiener im Dorf, „die schöne Lieder sangen“. Daß nach dem großen Calandawaldbrand außergewöhnlich viele Morcheln zu finden waren. Daß sie eine Stunde unterwegs war, ihrem Mann, der nach dem Brand aufforstete, das warme Mittagessen im mit Tüchern umwickelten Topf in den Wald zu bringen. Daß die Kinder den ganzen Sommer barfuß unterwegs waren. Daß die Kinder nach Hochwassern beim Sammeln von Treibholz am Rheinufer mithelfen mußten. Auch im Hinterzimmer der Calandawirtin gehen die kinderarbeitsgespickten „Geschichten von früher“, denen sich deutliche Unterschiede zum Leben im Wohlstand der Moderne entnehmen lassen. Umschlagsgeziert ist der Haldensteiner Bote vom Druck einer fantastischen Vedute des Schloßes, 1548 geschaffen vom Thurgauer Meister HS als Teil einer groß angelegten Raumvertäfelung, die heute im Köpenicker Schloß gelandet ist, während das Haldensteiner inwärtig in schlichter Gekalktheit, durch das hie und dort sein uriges Gemäuer schimmert, Geschichte atmet. Neben dem Haldensteiner Boten liegt dann noch das Hochglanzmagazin Rheinfluss (mit dem leicht gestelzten Untertitel: Magazin für am Rhein Lebende: von den Quellen bis zur Einmündung in den Bodensee) mit vielen Fotos von Brücken in Vollfarbe aus, im verrauchten Hinterzimmer der Calandawirtin, ein seltsames Surium versammelter, als Artikel getarnter, Werbung, tatsächlicher Artikel und einer einsamen Grußnote an den unbekannten Touristen in englischer Sprache, daß einigermaßen erstaunt, welch ein finanzieller Aufwand für die visuelle Ausstattung derartiger Kleinpublikationen betrieben wird.

Haldenstein (7)

In Caminadas verzauberten Tälern steht im Kapitel über die Wasserkulte: „Unweit der Ruine Haldenstein ist eine heilsame Quelle, welcher die sie bewohnende Quellenjungfer die Kraft verleiht, Kranke von ihrem Übel zu befreien; man sieht oft eine weiße Gestalt neben dem Born sitzen.“ Bei der Gestalt soll es sich denn auch um eine Frau (ob Quellenjungfer oder nicht) handeln. Gestern im Föhn also, ausgestattet mit dieser völlig neuen Information und halbwegs genesen von einer seltsamen Schweizer Schweinegrippevariante, hinauf zu besagter Ruine. Die Wetterprognosen locken etliche Spaziergänger, Nordic Walker, Mountainbiker in den Hang. Entgegen meiner vorherigen Einschätzung läßt sich doch leicht zum einsamen Ruinenfels vordringen, vor drei Wochen hatte der Herbst den Pfad verdeckt (- lang ists her; vor drei Wochen bereitete der Anstieg noch Muskelkater). Von einer Heilquelle nächst der Ruine weiß kein Passant, ein als Quellenfassung interpretierbarer Stein beherbergt wohl eher das ehemalige Abwasserloch. Aus Grasbüscheln lugen blühend (!) Alpendistel, Glockenblume, Storchenschnabel und Scabiosa, auf keinen Fall aber Beinwell; Thymian und Dost würzen den Wegrand, eierförmige Föhnwolken bevölkern den Himmel, eine fette schwarzhaarige Raupe peristaltet übern Wanderweg, heut ist die Große Ruinentour angesagt, nach Grottenstein hinan krachen die Wipfel, schwanken die Föhren, auf Lichtenstein brettert der Föhn ins Gemüt, die Burggeister haben sich längst zum Überwintern in Erdlöcher verzogen, es stehen Zeichen am Himmel und am nächsten Tag schneit es so sehr, daß Berge und Himmel im Weiß verschwinden, sogar die Kühe stehen schneebedeckt in der Ecke und erinnern an ihre flottanten Verwandten, die manischen Gletscherstiere droben am Alpenrand, wo die Kristalle der Berge unter kaum vernehmbarem Knirschen (eine der schrillsten Sprachen der Welt) in jene des Himmels wachsen.

Haldenstein (6)

Der Antiquarius kennt auch Haldenstein, insondere das Schloß (!), zuzeiten seiner adlichten Bewohntheit: “Wann nun der Rhein eine Weile unterhalb Räzuns das Wasser Plessur eingenommen hat, so komt man mit solchem also bald nach Haltenstein. Dieses ist ein schönes (in der Tat, Rheinsein bewohnt es grad; Anm.) Schloß, Dorf und Herrschaft in Graubünden, eine halbe Stunde von Chur, jenseits oder auf der linken (der richtigen, wie der Kölner sagt!; Anm.) Seite des Rheins. Das Schloß liegt auf einem hohen (man kann auch übertreiben – es gibt jedenfalls in unmittelbarer Umgebung weit höhere; Anm.) Felsen und ist wohl erbauet, Dessen Besitzern stehen die hohen und niederen Gerichte (Steinbockfilet? Bündner Gerstensuppe? letztere jüngst noch im Nordflügel von der Kastellanin für die Bürgerversammlung in riesigen Kesseln gebraut; Anm.) zu. Es war selbiges ehemals einem adeligen Geschlechte gleiches Namens zuständig. Nach des letztern, nämlich des Herrn Haldenstein zu Lichtenstein, zu Anfang des funfzehenden Jahrhunderts erfolgten Tod, ist es nacheinander an die von Greifensee, von Grüningen, an die von Marmels, von Castion, von Hohenbalken, von Dägerstein, und endlich an Thomam von Schauenstein, einen Ritter, gekommen, welcher von dem Kaiser Matthia im Jahr 1617. in den Freyherrnstand erhoben, und unter andern auch mit der Münzgerechtigkeit beehret worden. Dessen Nachkommen haben diese freye Herrschaft besessen, bis sie mit dem Anfange des achtzehenden Jahrhunderts an Johann Lucium von Salis gekommen. Der dißmalige Besitzer ist Gusbertus von Salis. Das ganze Gebiete dieser Herrschaft ist nicht über eine Meile lang, hat dabey einen überaus unfruchtbaren Grund und Boden, welcher nicht einmal einiges Korn hervorbringt. Gleich oberhalb Haldenstein liegen (bis heute, im Föhn; Anm.) die Ueberbleibsel des Gemäuers von dem Bergschloße Lichtenstein. Die Gegend in dieser Landschaft (schön ausgedrückt!; Anm.) ist mehrentheils voller hoher Gebürge, zwischen welchen sich die Thäler hier und dar zuweilen bis auf eine Meile erweitern, die sodann von dem dardurch fließenden Rhein und andern Bächen oft überschwemmet, davon aber zu herrlichen Auen und Wiesen gemacht werden.” Rheinsein könnte jetzt mit Dielhelm noch gen Trimmis, gen Norden, etc, aber es regnet so fürchterlich sehre, draußen, im Dunkeln, als machte das alles keinen Sinn.

Chur (2)

„Die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne.“ (Thomas Bernhard)

„Wer Chur je mit eigenen Augen gesehen hat, der weiß, daß es sich hier um eine sonnige, herzenswarme, liebliche Stadt handelt.“ (Iso Camartin)

Ob Thomas Bernhard nicht sonderlich herumgekommen ist oder sein erfolgreich-auf-Nörgeln-gepolt-Sein ihn zu seiner Feststellung verleitet hat (grad keine Vergleiche zu Bernhardschen Aussagen über andere Städte zur Hand): Chur vermittelt, insbesondere winters von Norden betreten, anfangs schon einen recht depressiven, von Bergen zugeklappten, dunklen Eindruck (etwa den eines Betonwaldes, aus dessen dampfstrahlgereinigten Modergebieten kahlköpfige Hochhauspilze ragen), der sich aber beim Verweilen flugs in hellere, sehr helle und Zwischentöne löst und bei Sonnenschein sowieso innert Minuten, wenn auch nicht rückstandslos, dahinschmilzt. Insofern dürfte sich Iso Camartins heimatverteidigender Satz vor allem auf Ausschnitte, und hierbei vor allem ältere, der ältesten Stadt der Schweiz berufen. Nun geht es in puncto Finsternis stark auf den kürzesten Tag des Jahres zu, Chur glimmt, von Haldenstein aus betrachtet, ab spätestens 17 Uhr wie eine weihnachtsbeleuchtete Kröte (oder sonst ein rundlich-fettes Krippentier) drunt, von hier aus links des Rheins gruppiert, ein Anblick, wie ihn jedes in Talgründen gelegene Schweizer Städtchen mehr oder minder bietet: gewiß kein allzu kalter. Rabiate, dem Wortsinn entsprechende, Finsternis mag der Literat zwar überall, aber im Städtevergleich doch eher z.B. in Phnom Penh als herrschend vorfinden, Finsternis gepaart mit Kälte, wenn es denn sein muß, z.B. in den Polarregionen, Gelsenkirchen oder Kattowitz. Chur enttarnt Bernhards Urteil bei aller Vorsicht (wer weiß, was Bernhard Grauenhaftes in Chur widerfahren sein mag?) somit mindestens zur Hälfte als vorurteilsgenährte Selbstentlarvung eines Kaumgereisten. So soll man immer aufpassen. (Ich sperre vorsorglich die Kommentarfunktion für Gelsenkirchener.) Letztlich sind beide Zitate Korsettstangen einer kleinen Stadt mit (zum Wohnen) hübschen Winkeln und häßlichen Flächen, welch letztere über ihre bergblickbietende Funktionalität jedoch, auf Dauer, einen ästhetischen Zugewinn entwickeln (oder dann doch eines Tages besser abgerissen werden) mögen. Von den Gewerbe-und Industriezonen bliebe, daß auch sie schweizerisch clean erschienen, von der Stadt an sich, die im Gesamten schon wie hingeworfen-wo-Platz-ist wirkt, die tallängs wenig Ausbreitungsbestrebungen zu besitzen scheint und doch das Zentrum einer ganzen Region voll berühmter Ferienorte in ehemals und teils bis heute wilden Haupt-, Seiten- und Rheintälern vorstellt, läßt sich sagen, daß sie dieses an sie herangetragene Selbstbewußtsein mit Gelassenheit zu tragen scheint. Ein freundlicher, zurückhaltender Schlag geht dort shoppen oder verkauft sein Birnbrot, auf kleinem Areal ist die gesamte Kultur einer zerklüfteten Region (zumindest museal) verfügbar und in der munizipalen Linie „dr Bus vu Chur“ erklingen die Haltestellenansagen im lokalen Dialekt.

Rheinverbauung

Texte sémi-trouvé: so funktionierts, mittels Rammen, Sumpfen, Dämmen substantiviert, sowie -ang-, -ung- und -keit-suffixbasiert, was seit Rheinseins Ankunft unter der Haldensteiner Brücke passiert:
1. Erstellen Baupiste
2. Schütten Ablenkdamm mit 2 Reihen Blocksteinen
3. Erstellen des Blockteppichs als Erosionsschutz im Pfeilerbereich
4. Erstellen Planum und Rammen Spundwand
5. Erstellen Pumpensumpf für Wasserhaltung
6. Erstellen Sohlenplanie
7. Erstellen Blockteppich
8. Entfernen von Ablenkdamm und Umlegung Spundwand
Soweit Baufase 1. Material genug für ein gesättigtes stück Sprechdichtung, wie sie die Arbeitsgänge selbst vorgeben, ab vier Uhr früh. Das Wort „Pumpensumpf“ in Endlosschlaufe wäre der geeignete Taktgeber. „Planie“ und „Planum“ ein reizvolles Gegensatzpaar für verspielte Interludi, während „Spundwand“, mit Zäsur gesprochen den Pumpensumpf-Dreivierteltakt aushebelte. Fase 2 des Bauvorgangs spendiert natürlich das Wort „Bauvorgang“, kombiniert auch „Pumpensumpf-Bauvorgang“ und, hier seien nur noch die onomatopoetisch besonders relevanten Punkte benannt:
2. Instandsetzung Blocksteinwuhr
6. Auffüllung (mit Kiesmaterial im Bereich des) Rampenkopf(s)
7. Fertigstellung, Unterfangung etc.
Gung, gung, gung, (angung, ellung, ungungung) sag ich da!
Der durchgehende Part, mit gehörigem Ernst vorzu: tragen, lautet wie folgt: „Durch die flache Ausbildung der Rampe mit einem Längsgefälle von 1,1% kann die Durchgängigkeit auch für schwimmschwache Fische gewährleistet werden.“ (Betonung auf und Wiederholungen von „ung“, „keit“ und „schwimmschwache Fische“.)

Chur

Der Churer Wohlfühl-Parcours verläuft exakt am Damm zwischen Rhein und Autobahn. Die Äußerungen der letzteren sind weit deutlicher vernehmbar. Die Sonntagsspaziergänger scheints nicht zu stören. Grüezi, grüezi (wohl, Frau Stirnima). Der Föhn hat indes einigen Schnee von den Halden gepustet. Auf den Kiesbänken suchen beeimerte Damen nach passenden Steinen, ihr Heim aufzuhübschen. Bei den Calanda Kieswerken stürzt die Plessur in den Rhein. Im steil aufragenden Fels des Westufers springen, von zahlreichen Passanten bestaunt, die Gemsen: „das ischt dr Zoo von Chur“. Wohnkästen säumen die Giacomettistrasse, eine klobige Trabantensiedlung, deren haufendörflich anmutende Grundstrukturen im Beton versinken. Litfaßsäulen wie schräg in den Boden gepinnte Stecknadeln künden von kulturellen Aktivitäten in der Stadt: „Energie-Apéro Nr. 63: Trends in der Strassenbeleuchtung (Videoübertragung nach Poschiavo)“, „Rendez-vous am Mittag zum Thema „Die alpine Schneedecke – Tatsachen und Aussichten“. Kleiner Dialog am Empfang des Bündner Naturmuseums: „Was haben Sie denn hier?“ „Wir haben Vögel.“ „Ausgestopfte?“ „Ja, und Hirsche, Steinböcke.“ „Auch lebende?“ „Wir haben Fische und Mäuse.“ Unter reichlich Mühen wird eine zehn Rinder starke Herde von vier Burschen auf die Ausfallstraße getrieben, Kühe und Menschen verschwinden im Trab in der asfaltierten Dämmerung. Die Natur findet auf den Straßen statt. Die sich, an dieser Stelle, mit aller Macht des Asfalts (unter dem der Rhein liegen soll), gen Haldenstein krümmen und schwingen.

Haldenstein (5)

Das nächtliche Dorf macht gespenstische Geräusche. Rühren sich die Schweine im Koben oder brechen doch irgendwelche Männli mit zweifelhaften Absichten durch die Erde herauf? Das Rattern der Gatter. Selbst trockenes Laub im Föhnwind, wenns übern Boden kratzt, läßt einen zusammenfahren. Vom Dunkel kaum noch gehalten: die schleichenden bösen Hunde mit ihren stinkenden Mäulern voll kräftiger spitzer Fänge. Was leuchtet dort überirdisch grell aufm Berg, blendet ab, wieder auf, oder ists garnicht aufm Berg, sondern viel viel näher, als einem lieb sein kann? Die alten Bündner in Büchlis Mythologischer Landeskunde erzählen haarsträubende Geschichten. Immer wieder vom Totävolch, Totenfolc, Nachtvolk, das nicht jeder sehen kann, aber sobald die dunklen Gestalten ziehen, ist die nächste Leiche schon ausgemacht. Sie haben es doch selbst erlebt. Bei den Rheinbrücken wartet die Nußgeiß und klaubt sich all diejenigen Kinder, die sich nicht ordentlich gewaschen und gekämmt haben. Drachen leben in den Schluchten. Im Sommer hab ich auch einen gesehen. „Schümmeli, Schümmeli lauf dr Trab / Du treischt diä totä Lüt in ds Grab“ führt zur Pestzeit der führerlose Totenschimmel die Leichen gen Hinterrhein ab. Ds Tobeljaggeli prügelt die Hexe ausm Spinnrad. Das Wâlimannli nimmt Kinder, die am Wasser nicht aufpassen. Nächtlich zum Steinerollen verdammte und in Stein gebannte. Sprechende Füchse (wie in Lars von Triers „Antichrist“): „s ischt guet, daß du dinne bischt! Sus wärischt futsch!“ Am Mittwoch geht’s besser nicht auf die Alpen. Man spürts am eigenen Körper, der kalt wird, wenn sie kommen. Man fragt sie am besten, was sie wollen. Dann verlassen sie einen wieder. Zeile für Zeile wirds einsamer im Nordflügel. Einsamer? S kommt immer nur drauf an, wie erwünscht und sichtbar letztlich die Gäste sind. Haldensteins Kirchglocken geben Entwarnung. Für wie lang? Kuhschädel lugen aus Hühnerställen, der käsende Geisteralpler steigt feurigen Schritts vom Berg, mit beschlagenen Pferdehufen. Klapp, klapp machts auf der Straße.

Haldenstein (4)

Von Haldenstein Richtung Norden geht’s mit dem Velo besser rechtsrheinisch, hart längs an Zugtrasse und Autobahn, aber immerhin auf Wegen, die sonst nur noch für Gänger und Reiter zugelassen sind. Machtlos plätschert der Rhein gegen die dominante Umgebung an, wirft trotzig ein paar Silberhäubchen, wirkt dennoch stark in die dritte, vierte Reihe verdrängt. Schmale Auwaldstreifen dämmen zwar kaum den Verkehrslärm, geben dem Strom jedoch Blickwinkel und Aufmerksamkeiten zurück, die sich als landschaftsmalereitauglich bezeichnen ließen, hielte die romantische Epoche noch an. Gegenüber Trimmis Industriegebiet mit seinen Kleinmuldenservices und skulptural überhöhten Quaderschleppern hoch droben auf den Rauchgasreinigungsanlagen ragt denn auch ein Lurleyfels in den industriegedeckten Hintergrund, ein hübscher chancenloser Halunke von Fels, der auf diese Weise wohl noch ein paar tausend Jahre der Entdeckung seiner Talente harren mag. Ein paar Pedalumdrehungen weiter harrt Zizers (einst Zutzers etc), 955 n.Chr. erstmals urkundlich erwähnt, aber sicherlich viel viel älter, unter Burg Friedau des nahenden Fremden. Der es rechts liegen läßt. Sich stattdessen für den schwarzen Sandstrand interessiert, den er von den Kanaren zwar, aber nicht vom Rhein kennt, bisher. Nur wenige hundert Meter weiter erneuter Halt auf dem Gelände „Geschiebe-Rückgabe Versuch der Gemeinde Zizers“, einer ansehnlichen, betretbaren Kiessammlung: gewachsene, verkrüppelte, gepfropfte Steine, gescheckte, (höhen)linierte, gebänderte, gegurtete, terrassierte, zugespitzte, abgestumpfte, gerundete, verfingerte, getigerte, gezebrate, mit Aufsitzern geschlagene Steine, Steine, Steine, die neue Steingewächse, -geflechte und -konstellationen bilden, der Farbe Grau zu ihrem unerreichten Höhepunkt verhelfen, indessen dort herumliegen und warten, bis sie vom Rhein abtransportiert und zu Feinstaub verschliffen ins Steinnirwana eintunken. Militärhubschrauber überfliegen das Gelände mit angeleinten Jeeps. Ein zwei freilaufende Hunde unsicherer Herkunft. Der Rhein selbst kann sich nicht recht entscheiden zwischen Bergbach und Strom. Ich mache den Wurftest. Fliegt der Stein bis ans andere Ufer, kann es sich nicht um einen voll ausgewachsenen Fluß handeln. Vier fünf Versuche und der Kiesel knallt gegen die jenseitige Uferbefestigung.

Haldenstein (3)

Wie gut die Kommunikation mit dem dem Zentralrheinländer in vielerlei Weise äußerlich fremd wirkenden, von so hohen Bergen gesäumten, von zunächst (aber nur auf den allerersten Anschein!) so unverständlichen Aktionen geprägten Lebensformen im Alpenrheintal funktioniert, verdeutlicht folgende Begebenheit, die für meinen kurzen Aufenthalt bisher als absolut typisch erachtet werden kann: jüngst stellte ich hier meine Verwunderung über einen u-förmigen Straßenbau mitten im Fluß, knapp unterhalb der Haldensteiner Rheinbrücke, ins Netz. Kaum zwanzig Minuten vergingen auf diese hilflose Anfrage ins sonst so völlig Blaue, schon stellten fleißige Arbeiter mit Schweizer Präzision formulierte Tafeln an besagter Brücke auf, die über die mir so rätselhaft erscheinende Maßnahme informieren: daß die Flußsohle sich im Laufe fortschreitender Erosion vertieft habe; daß der dritte Brückenpfeiler dadurch zwar nicht akuter, aber doch absehbarer Unterspülungsgefahr ausgeliefert sei; daß man daher beschlossen habe, die Flußsohle auf ein stets Niveau zu fixieren und somit die Brücke zu sichern; daß hierfür mitnichten eine „u-förmige Straße“ gebaut würde, wie ich an den fortgeschrittenen Arbeiten leicht feststellen könne, sondern eine „aufgelöste Hockrampe“ von etwa 60 Metern Länge, zunächst auf Haldensteiner Seite; daß dies nur Baufase 1 darstelle und in Baufase 2, die, verspreche man hiermit, für ortsfremde Interessenten zeitig ausgeschildert würde, eine weitere aufgelöste Hockrampe auf Churer Seite hinzugebaut würde, sobald jene auf Haldensteiner Seite die Situation zureichend stabilisiert habe; daß ich mir schließlich um die Fische keine Sorgen machen müsse, denn diese wie auch andere Wassertiere erhielten Durchlässe von zureichender Geräumigkeit; daß für alle weitere Fragen im Übrigen auch das Gemeindebüro wochentags in den frühen Morgenstunden geöffnet habe.

Lichtenstein

Der Bergnebel ist letzte Nacht fast zu mir ins Bett heruntergekrochen. So ist das: wenn man erhaben, herrschaftlich wohnt, bitten selbst die Naturgewalten um Audienz. Umgekehrt hechle ich in einem Anfall aus Huld und Demut die steilen Dorfpfade hoch, diesmal geht’s auf die Ruine Lichtenstein. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts dem Zerfall überlassen, steht sie mahnend überm Abgrund, schnaufend und unterzuckert erreiche ich ihren Fuß, einen Hügel, der vielleicht unter Aufbietung außergewöhnlicher Mühen und letzter Reserven eventuell gerade eben noch so fast erklimmbar ausschaut. Aus dem Tal steigen an- und abschwellende Verkehrsfrequenzen, mischen sich im Trakte stufenlos geregelter Jahrhunderte den Gesängen der Vögel und Flugmaschinen. Hier ist niemand sonst. Als letzter Mensch auf Erden kämpf ich mich durch rottendes, braunes, eckernträchtiges Buchenlaub zielan, schwing und zieh ich mich schließlich unter Atemnot, Bewußtseinsstarre und Krämpfen, keiner Richtung als der nach oben führenden achtend, an freistehenden Baumwurzeln Zentimeter um Zentimeter zur Burg empor, ziemlicher Wahnsinnsakt für einen Höhenschwindligen (dem`s vorm Abstieg noch viel mehr graust, aber schließlich: „nunner kommsch immer“) – und es lohnt: der Blick ist veritablen Majestäten würdig! Chur, mithilfe seiner paar Hochhäuser abgesteckt, liegt Rheinsein komplett zu Füßen, der Rhein selbst scheint aus dieser Perspektive ein schüchterner, unbeteiligter, randständiger. Das ehemalige Burgtor (?) führt stracks in den Abgrund. Haldenstein, das Dorf, wirkt sehr zerbrechlich da unten. Und ich selbst komme mir sehr verrottbar vor, sollte mir hier etwas zustoßen. Durchatmen. Anfliegende und davonflatternde Verse. Gedenkminute für ein Schwänchen. Fast noch wahnsinniger als der Aufstieg gerät der Abstieg: Gleiten, Schliddern, aufm-Hosenboden-Rutschen; über und über mit Erde, Laub und späten Waldfrüchten bedeckt gelange ich zurück ins Dorf, mein schratiger Anblick löst keinerlei übertriebene Regung aus bei den Wartenden an der Bushaltestelle, sie wissen um die zarte, aber fortschreitende Symbiose zwischen alteingesessener Landschaft und frischem Besucher: „lueg, da chummt der Schwoob, wo im Schloß huust, ja grüezi!, ja hoi!“

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.

Haldenstein (2)

Der Bergnebel kriecht nahezu bis in meine obere Schloßetage herab, sinistres Knistern dringt aus seinen Schleiern. Niesel. Vermutlich wird auch der Schnee tiefer herab gekommen sein, um eine Schicht schwerer auf den Tannen lasten – allein, der Nebel verhindert den Blick auf die Höhen. Da jagt der gute Bauer keine Kuh ins Freie. Vom Westfenster lassen sich immerhin die neuen Sonderangebote im unterhalb des Nebels gelegenen Dorflada erspähen. Eine brutal harte Arbeitswoche beginnt, versicherten sie mir bereits gestern vorausschauend in der Gaststube. Ganz anders das Wochenend: Bunte Hydrantenmännli mit Playmobilschöpfen säumen die sonnig-windigen Dorfstraßen. An der Felshalde längs: die unterschiedlichen Flugstile der Greife und Helikopter. Hausinschriften: „Gott schütze dieses Haus / und die da gehen ein und aus“, „Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft“ (außer sprachschönen Sinnsprüchen, widerspricht stante pede die hypersensible Dichterseele), aber: „Nicht Kunst noch Fleiß noch Arbeit nützt / wenn Gott der Herr, den Bau nicht schützt“ künden von Generationen Bauerfahrung. Peter Zumthor soll hier leben, in einem selbstentworfenen Haus, weswegen zahlreiche Touristen (Japaner, Amerikaner) durch die Dorfstraßen pilgerten. (Vielleicht in einer Art Wilden Jagd auf die Gipfel der Architektur, mit (infra)rötlich leuchtenden Objketivaugen, schwarznachts, wie in der Mythologischen Landeskunde beschrieben – ich jedenfalls konnt die Touriprozession, obgleich sie zwingend am Schloß vorbeiführen müßte, bisher nicht erblicken). Die Kirche mit ihrem Zwiebelturm, der auf Walser weist, im Dorf lassend (den Schlüssel hat mir die Calandawirtin, welche ihn hütet, versprochen) geht’s weiter durch die malmkalkige, angenehm um Noten von Milch- und Fleischvieh bereicherte Calandaluft, ein rheinischer (?), calandrischer Wind verteilt die tierischen Aromen althergebrachter Welten, in fast ganz Haldenstein stehen oder schweben sie noch ein wenig herum, im vermeintlichen Einklang mit sich selbst. Auf Chur zu. Das hinter der Rheinbrücke beginnt. Direkt oberhalb der Rheinbrücke führt u-förmig eine unbefestigte Straße in den Strom, als sollte hier ein Hafen für Spielzeugschiffe entstehen. Richtung Süden verläuft direkt am huschenden Rhein, großzügig von Straßenlärm begleitet, der Wohlfühl-Parcours (eine Trimmstrecke) der Churer Clubs Panathlon und Rotary.

Haldenstein

Rheinseins Ankunft in Haldenstein vollzieht sich in der Gaststube Calanda bei netten Einweisungen der charmanten Vorstipendiatin, Kalbsbratwurst und einem ersten Kübel Calanda, wie überhaupt unterm Calanda alles Calanda scheint und der bündnergrüne Rhein eine nachgeordnete, bestenfalls als Calandarhein einzunehmende Rolle zu spielen. Später am Abend schmeißt der Chäschpi im Hinterzimmer eine Runde Zwetschgenpunsch und erzählt vom Höhepunkt seiner Touren als Reisebusfahrer, dem Apenheul in Apeldoorn, desweiteren vom Museum Rhein-Schauen in Lustenau, einem verstorbenen Pater-Unikum in Disentis und einer dramatischen Rettungsaktion im Rhein bei Ilanz, seiner Heimatstadt, der ersten am Rhein; während Haldenstein immerhin die erste Oper am Rhein besitzt – im August wurde im Schloßhof Carmen aufgeführt. Am Morgen steht die Besichtigung der Ruine Haldenstein an, der markantesten von gleich drei Burgruinen auf der kleinen Gemarkung ob des Rheins bzw nid des Calanda, „des Herablassenden“. Der Anmarsch steht mit 25 Minuten ausgeschildert, die zügig einen derart steilen Aufstieg darstellen, daß ich nach fünf Minuten denke: „wenn das so weitergeht, kommst du bestenfalls als toter Mann oben an“. Es geht so weiter, doch nur fünf Minuten, nun auf schmalem Pfad längs eines trockenen Sturzbachs, schon ist die Ruine erreicht. Schafsglocken lockern den aufdringlichen Verkehrslärm des mehrfach trassendurchfurchten Tals, Esel eseln daneben, vom gezackten Himmel schenkt eine schwer überhitzte Sonne ihre Novemberreserven her. Die Ruine balanciert ihre Imposanz auf unzugänglichem Felsspitz, hinter den Mauern dreschen zwei ewige Raubritter aufeinander ein, fügen sich schwere Scharten zu, prosten sich sportlich mit Calanda-Bräu zu in den Kampfpausen; unten eilt derweil der Rhein, als wolle er sich selbst überholen und wisse keineswegs, wohin. Wanderschilder weisen auf poetisch klingende Ziele wie Bärenhag, Batänja (ein Maiensäß), Ruine Grottenstein (deren Name von Kröten, nicht von Grotten rühren soll), Ruine Lichtenstein, Arella, Funtanolja, Altsäss.