Türkischer Rhein: Çapulcular

Gestern fand in Köln eine Großdemonstration (und mehrere kleinere) statt, die laut dem Veranstalter, der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), auch laut einigen Teilnehmern, 100.000 Menschen versammelt haben soll. Die Presse hingegen sprach von 30.000 bis 40.000 Teilnehmern, die Polizei von 33.000, vielleicht um mit dieser etwas weniger glatten Zahl ihre Zählkompetenz hervorzuheben und den interessierten Kölnern gleichzeitig zu veranschaulichen, daß sie sich die Menge etwa dreimal so groß vorzustellen hätten wie diejenige der von Ursula, der Stadtheiligen, angeführten Schar der 11.000 Jungfrauen, die einst, womöglich im 4. Jahrhundert, vor den Toren des belagerten Kölns von den Hunnen, sagen die einen, von barbarischen Heiden, sagen die anderen, auf dem Rhein abgefangen und gemetzelt worden sein sollen. Wieviele Kölner sich für diese Demonstration wirklich interessierten, läßt sich schwer sagen. rheinsein immerhin begab sich vor Ort, allerdings erst nach den Hauptkundgebungen, da wir Politikerreden aufgrund des seltsamen Fänomens, daß sie uns gern zum einen Ohr hinein und gleich zum anderen wieder hinausgehen, häufig nicht hören können. Bereits am Alter Markt, dessen Außengastronomie Heerscharen an Kölnern und Touristen versammelte, hatten findige Gastronomen ihr Angebot auf Türkisch formuliert: kahvaltı (Frühstück) gab es da noch um 16 Uhr oder kurzum yemek (Essen). Wir müssen schon lange nicht mehr in der Stadt gewesen sein, denn es verblüffte uns ein wenig, dort Tausende trinken zu sehen. War es nicht auch das, wofür die Protestierenden in der Türkei derzeit auf die Straße gehen: die Freiheit, auf der Straße zu trinken? Der nachmittägliche Kölschtrinker, welcher die Vorbeiziehenden mit süffisanten Kommentaren bedachte, fungierte gewissermaßen als Aushängeschild für die demokratischen Errungenschaften seiner Stadt. Der benachbarte Heumarkt gehörte indes ganz den Demonstranten, alevitischen Gruppen, die aus Haguenau im Elsaß oder Winterthur in der Schweiz gekommen waren. Wieviele Menschen auf den Heumarkt passen, ist umstritten. Er war jedenfalls bei unserer Ankunft am Nachmittag immer noch rappelvoll und in ein Fahnenmeer verwandelt: die türkische Nationalflagge, Atatürk-Stoffe, Abdullah Öcalan war ebenfalls vertreten, nicht alle Banner konnten wir auslesen, zahlreiche Schilder mit Parolen, die häufigste diejenige des Protestanstoßes: „Her Yer Taksim Her Yer Direniş“ (Überall ist Taksim, überall ist Widerstand) wurde immer wieder gerufen, dieweil kurze Statements der teilnehmenden Gruppen per Lautsprecher über den Platz dröhnten. Die Protestierenden schienen beinahe ausschließlich alevitische Exiltürken verschiedener Generationen und stark in Gruppen organisiert. Ein Mann ging individuell als „zensiertes Medium“ und erlangte damit Aufmerksamkeit: er hatte sich einen Pappfernseher um den Kopf gebastelt, in seinem Mund steckte ein Knebel. Mädchen und junge Frauen trugen rote Stirnbänder mit Çapulcu-Aufschrift: lächelnde, tanzende Plünderinnen. Überhaupt wirkte die Atmosfäre gelöst, freundlich, ansatzweise sogar enthusiastisch. Karl Marx, der als Zeitungsmann direkt am Heumarkt gearbeitet hatte, hätte sicherlich mit einer nicht ganz leicht zu beschreibenden Gefühlsmischung auf diese Invasion geblickt. Gesichtsdeutsche waren nur wenige auszumachen: Künstlertypen, Berichterstatter, Berufsdemonstranten. Das Ganze wirkte wie ein kurzfristig bestellter Schaukommunismus. Ein einziger Essensstand versorgte die Leute mit Akkorddöner. Die Statements der Redner klangen gediegen und nicht alle schlau. Die Musik setzte an, brach ab und setzte wieder an. Die Leute hatten Rhythmus. Immer wieder beklatschten sie sich selbst. Um den Demonstrationszoo verteilt saßen diejenigen, die vom Herumstehen genug hatten, unter Sonnenschirmen auf den Gastronomieterrassen. Um weitreichend von den Medien wahrgenommen zu werden, reichte das alles dreimal und öfter. Wie aus dem Nichts, vielleicht aus dem Internet, war die Stadt türkisch besetzt und Köln hatte eine imposante Solidaritätsbekundung mit den Protestierenden in der Partnerstadt Istanbul abgegeben, wahrscheinlich ohne daß dafür auch nur ein Kölner nötig gewesen wäre.