Das erste Mal

Vergangenen Herbst, als sich die aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl stattfindende Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss zu Marcel Crépons außergewöhnlichen, bisher einzig auf rheinsein dokumentierten Rhein-Erkundungen und unterwegs erworbenen Fund- und Sammelstücken abzeichnete, übermittelte uns der Autor (1) mehrere Materialsendungen, die “einen bestimmten, vergangenen und eigentlich nicht wiederholbaren Rhein” in Wort, Bild und Artefakt beinhalten: ein per Mail und klassischer Post portionsweise eingelangter, im Bernstein menschlichen Ausdrucks eingeschlossener Fluss, aus dem wir mit Hilfe des ausstellungserfahrenen Kölner Künstlers und rheinsein-Korrespondenten Roland Bergère behutsam eine Auswahl trafen, die dem Rahmen einer öffentlichen Präsentation gerecht werden soll.

Wir flankieren die analoge Ausstellung mit einem April-Block erstmals veröffentlichter Créponica. Zu diesem Konglomerat gehört der Text Das erste Mal. Er handelt von Erinnerungen und Ausführungen zu den Abenteuern eines jungen Mannes, der sich mittlerweile in seinen frühen 60ern befinden dürfte. (2) Seinerzeit angestiftet von einem älteren Ehepaar, begibt sich Marcel Crépon auf seine erste Rheinreise, wahrscheinlich zugleich seine erste Auslandsreise. Seine Deutschkenntnisse sind zu diesem Zeitpunkt im Anfängerstadium. Für den jungen Mann ergeben sich erstaunliche, unübersichtliche Szenerien, die gleichwohl den Auftakt zu einer unbestimmten, aber erklecklichen Zahl weiterer Erkundungen teils unter den absonderlichsten Aspekten geben, die bisher zum “Rheinreise”-Topos niedergelegt wurden.

***

Liebes rheinsein,

Einem Fisch im Aquarium gleich, der sich fragt wie die Wesen jenseits der Scheibe bloß überleben können, stand ich am Fenster, zog an einer Zigarette, und starrte durch das Glas, während eine verirrte Biene hilflos um meinen Kopf herum summte. Es dämmerte. Aus dem gerade ausgepusteten Rauch schienen zwei Gestalten hervorzutreten. Zunächst als recht unförmiges Etwas, dann als Körper, welche einige Quadratzentimeter des Bürgersteigs in Anspruch nahmen: bescheidene Pfützen, in denen sich jedoch das Unermessliche von Zeit/Raum eines bald abgelaufenen Lebens verdichtete. Er in einen Rollstuhl gekrümmt, sie über ihn gebeugt, so als ob sie an ihn geschweißt oder genäht worden wäre. Sie hielt die Lehne fest, schnaufte und schob. Langsam gingen sie, so langsam, dass das Tempo der anderen Passanten und Verkehrsteilnehmer in der Wahrnehmung beschleunigt erschien. Vielleicht bewegten sie sich überhaupt nicht von der Stelle, während die Welt sehnsüchtig nach Sinn um sie herum raste.
Genau dengleichen Endruck hatte ich bereits zuvor einmal empfunden, vor Jahrzehnten, als ich in die Wohnung der Velloins eintrat. Monsieur Velloin saß in einem abgenutzten Ledersessel. Ein Schleudersitz, dachte ich, der ihn jeden Moment ins Jenseits katapultieren könnte. Hinter ihm stand Madame, dünn und trocken wie ein Blatt Pergament, das man vergeblich  zu zerreißen versuchen würde. Beide strahlten die Unerschütterlichkeit des Dreisatzes aus. In der Wohnung fand ein Kampf zwischen Licht und Schatten statt: schwer zu erkennen, ob die helleren Flächen die dunkleren zu verschlingen drohten oder umgekehrt. Wie auch immer. Der Grund meines Besuchs war nicht, darüber zu richten. Monsieur Velloin war Lehrer gewesen, von der Sorte, die die “écriture républicaine” als Zeichen der Einheit zwischen Geist und Körper verstand, und seine Schüler mit wohlwollendem Sadismus vor arithmetische Probleme stellte: “Ein vraquier verlässt den Hafen mit 2545 Tonnen Sand im Frachtraum, in verschiedenen Anlaufhäfen lädt er 7,5 Prozent seiner Fracht ab. Wie viele Häfen muss er besuchen, bis von seiner Ladung nichts mehr übrig ist?” Seine bevorzugten Fächer waren jedoch Geographie und Geschichte. Große Achtung hatte er vor Sebastian Münster, vor seiner Leistung, es geschafft zu haben, die gesamte Welt zu beschreiben, ohne sich dafür zu bewegen, oder doch zumindest kaum. Als Folge eines gerade noch überlebten Myokardinfarkts war Monsieur Velloins Bewegungsverminderung unfreiwillig. Zum Frührentner erkoren, nutzte er die geschenkte Zeit, um an seinem “Livre des ouï-dire” (Buch vom Hörensagen) zu arbeiten. Hunderte von Schulheften hatte er säuberlich und akribisch gefüllt mit Anekdoten aus der Stadt, Erinnerungen, umgeschriebenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln, zusammen getragenen Fernseh- und Rundfunkmeldungen, kurz: Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Für die Illustrationen war Madame Velloin zuständig. Ihre Inspiration fand sie in alten Schulbüchern, deren bunte Abbildungen sie geschickt nach Bedarf umzeichnete, transformierte, aquarellierte. Nun wollte sie etwas Moderneres wagen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung davon hatte. Was sie bereits probiert hatte, holte sie aus einer Schublade hervor. (Die Probe durfte ich später zur Inspiration mitnehmen.)

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Es sei nur eine Idee, also nicht fertig, betonte sie. Ein Foto hatte sie aus einer Schweizer Touristik-Broschüre ausgeschnitten, und eine ihrer Zeichnungen darauf geklebt. Das Model dafür war eine Abbildung aus einen alten Katalog des Auktionshauses Druot. Ein Arzt, ein guter Freund ihres Mannes, hatte eines Tages von einem Bericht erzählt, den er im Archiv des Krankenhauses, in dem er tätig war, gelesen hatte. Der Verfasser beschrieb den Fall der Madame L. Als er sie zum ersten Mal sah, lag sie regungslos und zwar buchstäblich im Dreck. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sie hochgebildet war. Sie war fest davon überzeugt, in Rheinnähe geboren zu sein, wo sie, ihren Angaben zufolge, Opfer von Soldaten der Revolutionären Armee wurde. Sie schilderte mit schwindelerregender Präzision wie zwei engelsgleiche Volksvertreter der Rheinarmee den Befehl erteilt hatten, ihr den Kopf einzuklemmen und damit unwiderruflichen Schaden verursachten: für immer, so Madame L., seien dabei ihre moralischen Empfindungen verloren gegangen. Als die Armee von Bitche in Richtung Landau marschierte, blieb allein das ”ekelerregende Wesen L.” zurück. Ihr Versuch, sich im Wasser zu reinigen, war erfolglos geblieben, was ihr verwahrlostes Erscheinen erklärte. Das Bild, so Madame Velloin, stellte den Augenblick dar, in dem L. das Eintreffen der Armee wahrnahm.

Madame Velloin bat mich, einige photographische Hintergründe für sie zu realisieren, die sie als Vorlagen verwenden wollte. Dafür hatte sie eine Wunschliste verfasst, die sie mir überreichte. “Der Rhein ist der Fluss der Träumer,” sagte sie lächelnd, “träumen Sie also, lassen Sie Ihr Objektiv träumen, und sparen Sie sich die von Hugo zu Tode beschriebenen pittoresken Landschaften.” Das waren Worte! Mit einem bezwingenden “Nehmen Sie!” drückte sie mir eine Interrail-Fahrkarte in die Hand, sowie einen Briefumschlag, den ich unbesehen einsteckte. Der wahre Historiker fragt nicht nach Sinn oder Unsinn der Dinge, sondern geht einfach der Sache nach. Ich war jung, es war Sommer, ich würde fremde Länder besuchen und den Rhein sehen – warum nicht?
Schon am Anfang der Reise meldeten sich zwei Legenden, die zwar mit dem Fluss in keinerlei Verbindung standen, jedoch in meiner Erinnerung geblieben sind, weil ich kurz vor seiner Überquerung und kurz danach Notiz von ihnen nahm. Die erste hob sich in höchste Höhen empor, auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe fiel die zweite. Beim Verlassen des Zuges in Mülhausen hatte ein Reisender ein Musik-Magazin auf seinem Sitz liegen lassen: nicht darin zu blättern wäre töricht gewesen. Es enthielt einen Bericht über die Sex Pistols wie sie das silberne Thronjubiläum der Königin mit einer lärm- und bierreichen Ehrenrunde auf der Themse gefeiert hatten. Im muffigen Fernsehzimmer der Pension, in der ich später Unterkunft gefunden hatte, lief ein Western, als Andenken für den frisch aus dem Leben geschiedenen Elvis Presley. Fröhlich bunt hatte London im Magazin ausgesehen. Recht verschneit dagegen Texas, des schlechten Empfangs wegen.
- Der King is’ tot, kommentierte einer der Gäste, und nippte an seinem Bier.
- So isses, bestätigte ein anderer, mit seinem Schaum gurgelnd.
- Der King of Rock’n'Roll…
- Trotzdem reingefallen.
- ???????
- Ins Todesloch…
”In den Rhein gefallen”, hatte ich verstanden. Im Rhein ertrunken war also Elvis. Dachte ich. (Aufgedunsen wie er war, hätte er doch eigentlich schwimmen können.) Wie die Party in die Themse gefallen war, nach Intervention der Bobbies. Breit und kräftig trug der Fluss beide Legenden mit seiner Strömung fort, das Vergangene und das Aufgehende, um sie später in der Nordsee mühelos auszuspeien, bei seiner eigenen Entlassung in die weite Welt des offenes Meeres.
Ich setzte meine Reise fort, als stiller Peregrinus, den Fluss entlang, so nah als möglich an seinen Ufern, einen Monat lang, mal in der damals noch so genannten BRD, mal in Frankreich, mal in der Schweiz oder sogar in den Niederlanden, gebeugt über meine Brownie Flash, in deren Sucher die Welt verkehrt herum aussah. Hier und da schoss ich Photos, immer 12 Aufnahmen. Dann wechselte ich die Filmrolle aus und setzte die Jagd nach Motiven fort. Den Wünschen und Anweisungen Madame Velloins nachzugehen erwies sich mehr als schwierig, denn genauer betrachtet war ihre Liste ein fein zusammen getragenes Durcheinander.

das erste mal_liste
Die daraus resultierende Verwirrung festzustellen war eine Sache, damit umzugehen eine andere. Glücklicher Carpaccio, der einfach und gekonnt venezianische zu rheinischen Gebäuden ummalte, die Kronen der Feinde der Republik als kölnische Wappen umdeutete, ottomanische Krieger hinter Hunnen versteckte. Ein Armbrustschütze zielte auf einen Vogel, eindeutig war die Botschaft: für die Heldin der Légende Dorée bedeutete es schlicht das Massakriertwerden. Ruhig und glatt lag der Rhein im zarten Lagunenlicht. Frühmorgendunst. Es war Herbst. Es war Sommer und als ich den Hauptbahnhof verließ, schlug mir die erdrückende Luft eines bald darauf ausbrechenden Gewitters ins Gesicht, während herumziehende Männerbünde mir die Ohren mit ihrem Gegröhle vollstopften. Vom Gewölbe der Hohenzollernbrücke geschützt wartete ich und bezüglich der Ankunft Ursulas hatte ich keine Frage mehr. Nun, welcher Hintergrund passte zu “Et quos nascentes explorat gurgite Rhenus” oder “Rheni mihi Cæsar in undis / Dux erat, hic socius, facinus quos inquinat, æquat”? Mein Latein, liebes rheinsein, ist schon beim Aufschreiben der Worte am Ende. Und was halten Sie von einer 1609 Meter langen Brücke des Heiligen Geistes, welche angeblich von Brückenbrüdern über dem Fluss erbaut wurde? Würden Sie das Biotop der Ephemera longicauda erkennen? Und das des Misgurnus? Wann läßt der Barsch sich sehen, wo versteckt sich die Mulette? Die Strecke, welche d’Enghien von Bingen aus schwamm, um seine Geliebte in Rüdesheim zu besuchen, wäre noch zu erkunden und photographisch festzuhalten, schwieriger nur der Weg, welchen Harpalos auf Bimsstein zurücklegte, wie ein gewisser Dr. Müller einst schilderte. Wo ein Laufkäfer weilt, sind die Ägypter nicht weit. Laut Voltaire gab ihre Lieblingsgöttin Paris seinen Namen, verehrt wurde sie von den dortigen Schiffern, die ihren Kult, samt anderen Waren, zu ihren Kollegen ans Rheinufer paddelten. Kulissen für die dabei praktizierten Rituale brauchte Mme Velloin selbstverständlich auch. Augenentzündungen kuriert der Philosoph übrigens mit einem Cocktail aus Maas-, Weser-, Elbe- und Rheinwasser, eine passende, magische Quelle musste also her. Natürlich durfte das Geburtshaus Sebastian Münsters nicht fehlen, ebenso wenig adäquate Schauplätze für Poum, den Polizeihund (sic!). Aufgelistet war desweiteren ein geeigneter Hintergrund für die Strandidylle der Schwanenritter und die schöne Kleverin – Lohengrin ließ also ebenfalls grüßen, oder sein Cousin. Puzzolanerden, Rhein-Pottasche, oberbergisches Lignit sollten als Gedächtnisaufbewahrer und damit als Geschichtenerzähler erkundet und unter die Lupe bzw. das Objektiv genommen werden, nicht zu vergessen das Echo, welches ein Ton 17 Mal zu wiederholen imstande ist. Über den geistigen Zustand Mme Velloins stellte ich mir, wie gesagt, keinerlei Frage, sondern suchte pragmatisch nach Lösungen, ihre Bitten zu erfüllen.
So versuchte ich, an diesen fliehenden Wassermassen abzulichten, was sie inspirieren könnte, auch das, was an ihrer Oberfläche schwamm, schimmerte, navigierte, abtrieb, schäumte, auftauchte, versank, sich spiegelte, wellte, von links rückwärts geschaukelt nach vorne rechts gezogen zickzackte, wippte, was an den Ufern schwappte, wuchs, gedieh oder unter der Augustsonne verdorrte, abblätterte, verblichene Palisaden, schattige Promenaden, dichte Gebüsche, zu Tode urinierte Grasflächen. Auf Brücken stand ich, dem Vertigo trotzend, um ganze Panoramen zu erfassen, welche aufgrund der geringen Brennweite meiner Kamera höchstwahrscheinlich Eisenbahn-Landschaftsmodellen ähneln würden. Wie unentbehrlich Reisen für die allgemeine Bildung ist, bewies die Symbiose zwischen dem französischen ”pays-bas” und der Niederlandschaft, die ich für das Porträt eines holländischen Offiziers G. Courbets auswählte.
Auf der Rückfahrt in erhöhte Gefilde trat eine Frau ins Abteil, in dem ich halb im Schlaf zu rekapitulieren versuchte was ich alles schon im Kasten hatte. Sprachbrocken und Handzeichen gestatteten eine Art wackeliger Unterhaltung. Meine Kamera lieferte genügend Informationen für den Grund meiner Anwesenheit im Zug, auch wenn der Zweck für sie recht mysteriös blieb. Ihrerseits erzählte sie – besser gesagt: ich glaubte zu verstehen, dass sie es erzählte –, sie käme aus der Nähe eines vulkanischen Sees. In der Umgebung wußte sie eine Stelle, an der eine Art Lachgas aus der Erde entweichen würde, womit sie und ihre Freunde sich genüßlich berauschten. Was die Skizze, die sie trotz des ruckelnden Abteilwagens in mein Notizbuch kritzelte, mir verdeutlichen sollte.

das erste mal_laacherseekl

Spuckte ein Ufer eine Legende aus, fing das andere sie ab und schickte sie zurück. Und so ging es weiter und weiter, doch besaß der Interrail-Fahrschein die gleiche Eigenschaft wie das Chagrinleder. Je mehr ich davon Gebrauch machte, desto weniger Zeit blieb mir, ihn zu verwenden. Kurz: ich trat die Rückfahrt an – bis zur Wohnung der Velloins. Darin war der Schatten zu Licht und dieses zu Schatten geworden, wenn ich mich recht erinnere. Die belichteten Filmrollen übergab ich Mme Velloin. Mr. Velloin rieb sich die Hände, tunkte seinen Federhalter in ein Tintenfass aus Porzellan und schrieb sorgfältig neue Einträge nieder.
Nun, liebes rheinsein, Sie werden sich bestimmt fragen, ob die Fotos, die ich damals schoss, ihren Zweck erfüllt haben? Ich erfuhr es nie. Einen Tag nach Abgabe der Filmrollen verließ ich die Stadt und kehrte nie wieder dorthin zurück.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

(1) Berufsbezeichnungen wie Autor gefallen Marcel Crépon nicht sonderlich. Wenn es sich schon nicht vermeiden ließe, schrieb er in einer seiner wenigen, stets überaus kurz gehaltenen Repliken auf unsere Nachfragen, möge er als Grenzforscher oder Sammler von Situationen angekündigt werden.
(2) Marcel Crépon gibt über seine Person so gut wie keine direkte Auskunft. Ob seine Verweigerung biografischer Daten aus Scheu, Konzept oder sonstigen Gründen rührt, ist rheinsein nicht bekannt. So sehr wir diese Haltung respektieren, kommen wir hinsichtlich der Ausstellung nicht umhin, einige Spekulationen über den Autor (denn ein solcher ist er, auch wenn ihm die Wortwahl nicht behagt) anzustellen, die sich aus verstreuten Indizien zusammen puzzeln lassen.

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (4)

Manchmal bin ich überrascht, sehr verschneite Gedanken zu formulieren. Die Meteorologie des Geistes ist das Wetter wert.

Andere Male höre ich Texte, ohne den Inhalt zu erfassen, weil sie in einem anderen Raum zum Ausdruck kommen. Manchmal sind es Steine, die einer nach dem anderen fallen, manchmal ein ganzes Stück Mauer, das abstürzt. Es ist dann möglich, den Zustand des Verfalls zu messen, an dem die Beziehung zwischen zwei Wesen angekommen ist.

Es gibt nichts. Die Wellen versuchen, durch unendliches Gähnen für Abwechslung zu sorgen, mit etwas schmutzig-gelbem Schaum auf den Lippen, der für eine Weile auf dem Sand haften bleibt.

Der leere Horizont, die flüssige Ausdehnung zwischen mir und ihm, die hektische Oberfläche, sogar aufgewühlt, aber leer, ein verlassener, aber nicht öder Raum, leer, aber weder so groß, wie wir ihn sehen, noch so voll, wie wir es gern gehabt hätten, vorausgesetzt wir hätten ihn füllen wollen. Zu viel des Nichtgenug, des Nichtgenügens zu viel, nicht viel, aber genug um wegzugehen. Zu gehen heißt, woanders hinzugehen, weit ins Leere, das man eigentlich in der Reichweite seiner Hand hat. Zu gehen bedeutet sich zwingend vorzustellen, dass die Leere dort erträglicher sein wird als die Leere hier. Das Aberwitzige der Exotik, das ist es.

Nun, abgesehen vom Meer gibt es am Meer nicht viel zu sehen.

Das Meer ist also wüstenartig, bis zum Horizont, dieses “dort”, das die Menschen anzieht, sie dazu bringt, es sich anzusehen, oder zum Jenseits dieser Linie zu streben, die sie zu ihren Füßen haben, vor ihren Augen: die Leere. Manche gingen, oder gaben vor, ohnehin zu gehen, ich weiß nicht wohin, blieben aber zu Hause. Sie dachten wohl, in dem sie nicht gingen, wohin sie vorgaben zu wollen, sie würden die Unsterblichkeit erlangen. Man stirbt auch wenn man nirgends hin geht, das ist ein Vorteil, vielleicht (24).

Von diesem Meer, aus dem wir kommen, in das wir gehen. Wer weiß, ob nicht doch irgendwas dabei herauskommt, wenn wir es imitieren? Auch wenn es im Grunde bleibt, wo es ist. Sich bewegt? Das ist das Kunststück des Meeres: Sich zu bewegen, ohne abzuhauen. Deshalb ahmen wir es nach. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig, weil wir doch ständig die Segel setzen.
Man fragt sich, warum diejenigen, die am Meer leben, über den Horizont hinaus fahren, um die Leere zu entdecken, die an ihren Fingerspitzen klebt. Sie gehen nicht, sie navigieren. Und wenn sie nicht navigieren, navigieren sie auf eine andere Weise. Sie gehen zum Beispiel. Beine, schließlich sind sie auch dafür gut. Das sollte man nicht vergessen. Wir vergessen viele Dinge, seien wir ehrlich, und wir erinnern uns nicht sehr an das, woran wir uns erinnern.

Wir können genauso wenig das sein, was wir waren, wie das sein, was wir sein werden. Es ist notwendig, die Zeit oder die Zeiten zu respektieren. Niemand benutzt den Indikativ für das Imperfekt, noch dieses für die einfache Zukunft. Es gibt Regeln, die Konkordanz zwischen den Zeiten: In der Schule war es leichter etwas zu sagen als zu schreiben, aber mit etwas Fleiß ging es. Vielleicht gehen wir deshalb so bereitwillig. Denn wenn wir gehen, haben wir den Eindruck, dass wir mit der Zeit übereinstimmen. Und wir sehen das Land, zusätzlich zu dem oder jenem, den wir im Kopf haben, und das sind auch oft diejenigen, die wir mehr als bei allem anderen beim Gehen sehen, was das Gehen umso erfreulicher macht und die Freude am Gehen steigert. Wenn wir in Länder gingen, die wir nicht im Sinn haben, würden wir uns dort nicht zurecht finden, wir würden uns verirren. Sehen, Beobachten, was wir nicht kennen, durch das, was wir kennen, ist eine ausgezeichnete Art sich zu orientieren.

Im Louvre, grafische Abteilung: Courbet, Frau liest in einem Boot (Rhein) – während des Aufenthaltes in F.?

Auf die Bilder von Eimern zeigend, sagte er, sie würden ihn an Türme erinnern. Kurz, ich baute nichts weniger als eine Stadt. Er hatte Architektur studiert, also musste er Ahnung haben. Und dann fügte er hinzu, dass mehr an als Türme, die Eimer ihn an Pyramiden denken ließen, aber umgekehrte. Menschen haben Fantasie. Hätte er sie mit Kathedralen, mit der Atlantikmauer oder mit dem Bahnhof von Luçay-le-Mâle verglichen, hätte mich das nicht weiter gestört.

Die Zeit war nie vor der Theorie verlegen, sie ging sofort zur Praxis über.

Eimer spielen nicht. Ich spiele nicht Eimer, wenn ich sie fotografiere. Ich bin die Eimer.

Das Kommen und Gehen der Welt, ihr Läuten, ihr Atem und ihre Asche finden sich vielleicht einen Augenblick in den Eimern wieder, bis zum Moment, in dem auf die Kamera-Auslöser gedrückt wird. Sie enthalten dann nichts. Sie sind so leer wie der endlich erreichte maritime Horizont, oder sie enthalten nur Zeit, innerhalb derer das Kommen und Gehen der Welt köchelt. Die Zeit der Eimer, die Zeit der Türme. Die Zeit bin ich, wenn ich sie fotografiere. Vielleicht könnte sie eines Tages zu einer Stadt werden, wie mein Freund sagte. Eine Stadt aus leeren Türmen.

Das Land, das wir im Kopf haben beim Gehen und dasjenige, das wir tatsächlich durchqueren.

Die französische Sprache ist so magisch wie schwierig. Sie spricht das Wort “Eimer” (seau) aus, das genauso “Sprung” (saut) oder “Siegel” (sceau) oder “dumm” (sot) sein kann, wobei letzteres derjenige ist, der nicht zu unterscheiden vermag, was was war. Einen Sprung in den Eimer machen zu wollen, ist das Siegel des Narren (25), wiederholte die Lehrerin, ein Axiom, das uns sehr verwirrt erschien und uns von der gepriesenen Klarheit unserer Sprache entfernte. Um diese für sie ziemlich relative Dunkelheit auszugleichen, nutzte die Lehrerin ein Lineal aus Buchsbaumholz, dessen Kontakt mit der Epidermis unserer Finger einen kurzen, aber intensiven Schmerz verursachte, der in den meisten Fällen von beispielhafter Effizienz war. Die Klarheit der Sprache zeigte sich dann: Die Strenge der Schreibweise war weit weniger schmerzhaft als die von Holz.

Eines Tages traf ich einen Mann, der einmal mit einem Wassereimer gefoltert worden war. Nachdem sie ihn im Schneidersitz an den Stamm eines Sapotillbaums gebunden hatten, fixierten seine Wachen über seinem bereits rasierten Kopf einen mit Wasser gefüllten Eimer, dessen Boden sie durchbohrt hatten. Dann … ich erzähle es später, anderswo …

Auf dem Tisch liegen Objekte. Gegenstände in ununterbrochener oder flüchtiger Gegenwart. Runde und Rollen, offensichtlich eher ein Basar als bewiesene Unordnung. Dessen Schwankungen erinnern, wage ich zu behaupten, an die der Welt, oder sogar des Universums: alles aus Erscheinungen, Aufenthalt, Verschwinden.

Die Straßen und Bürgersteige als Tische betrachten, auf denen die abgelegten Gegenstände nicht an Ort und Stelle bleiben, um so weniger, da man selbst in Bewegung ist. Eine gesunde Aktivität ist es, zu gehen, die zudem den Vorteil hat, die Ausübung einer Aufzählung noch schwieriger, wenn nicht unmöglich zu gestalten. Wie lange können wir tatsächlich, ehrlich, die Daten aufsammeln, die wir brauchen, um eine Liste der Dinge zu erstellen, die links und rechts zu sehen sind, ohne dass letztere die ersten löschen? Wie wird man die mnemonische Bewahrung von einigen garantieren können, wenn man andere notiert? Zu sagen, dass es genügen würde, alles in einem Heft zu notieren, wäre optimistisch. Wie schaut man sich, während man schreibt, um? Wie schreibt man über das, was man sieht, wenn man sorgfältig darüber schreibt, und dabei nichts sehen kann? Der Schock des Zusammenpralls mit einem Laternenpfahl oder einem anderen Element der Stadtmöblierung würde eine klare Antwort ohne Anklage geben: man schafft es nicht. Ein Handy zu benutzen, um die Daten in Form von SMS zu erhalten, würde mich wahrscheinlich nicht viel weiter bringen.

Wir können sagen, nachdem man ihn [Heinrich Heine] gelesen hat: Es gibt keinen Rhein mehr (26)…

Und wenn der Blick ein paar Fenster streift, läßt sich der Geist von ihren Inhalten nicht aufhalten, noch besorgt das der Anblick dieses megalodon-ähnlichen Mannes, der wie gefangen in einem wahren Flechtwerk von Gegenwinden aufkreuzte, der mehr auf der Stelle trat als zu gehen, mehr brüllte als nachsang, was in seinen stereofonischen Kopfhörern gespielt wurde: eine Sonic-Farce, die ihn dazu brachte, mit desorganisierten Gebärden die Luft durcheinander zu bringen und in voller Ekstase die bombadierte Festungsmauer seiner Zähne zur Schau zu stellen, einem zum Amokläufer mutierten batteriebetriebenen Kaninchen gleich, das eine Trommel zu Tode schlägt…, dachte ich und kam am Bahnhof an.

Wir gingen an einem Wald entlang auf eine Reihe von Bäumen zu (Reste eines größeren Waldes?), die den Horizont unterzeichneten, welcher langsam vom Nebel wegradiert wurde. Wir hielten an. Wir gingen zurück zu der Baumreihe, hinter der der Fluss fließen sollte, den wir nicht erreichten, so dick der Nebel nun war, und dichter und dichter wurde, löschte er jegliche Idee eines Ziels. Was wir vor uns hatten, könnte ebenso leicht hinter uns liegen, dachten wir. So dicht war der Nebel.

***

(24) Es könnte sein, dass diesen Gedanken das Gedicht “Rondel de l‘adieu” von Edmond Haraucourt zu Grunde lag.
(25) Vouloir effectuer un saut dans le seau est le sceau du sot.
(26) Paul Foucher, Les coulisses du passé (Paris, 1873)