Das Nahethal

(von Gustav Pfarrius)

Im Waldesdunkel, auf rauher Hart,
Da ward geboren ein Mägdlein zart;
Um seine Wiege starrte der Schnee,
Das that dem Herzen der Mutter weh,
Sie sprach: „Veklaget die Kleine nicht,
Ich will ihr vergelten der Kindheit Noth:
Wenn einst ums Haupt sie den Brautkranz flicht,
Dann seht sie glühen im Abendrot!”
Als hätt es verstanden der kindische Sinn,
So hüpfte die plaudernde Kleine dahin.
Und tanzte hinunter ins grüne Thal,
Den Wanderer grüßend wohl hundertmal:
Denn wo ihn der kühlste Schatten umfing,
und wo um die steilsten Felsen er ging,
Und wo er die üppigsten Fluren sah,
Da war auch die heimliche Schwätzerin nah,
Drum hat er zuerst, soviel bekannt,
Sie kurz die liebliche Nahe genannt,
Doch diese hatte nicht Rast noch Ruh,
Und eilte den Armen des Bräutigams zu.