Schinderhannes

Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s`est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d`amour au joli mai

Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
A plume d`aigle sert de cible
A Jacob Born le mal foutu

Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d`avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet

Et s`écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd`hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai

Allons Julia la mam`zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D`herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon

Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n`en veut pas
Pas d`amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas

Il faut ce soir que j`assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair des torches de résine
La fleur de mai c`est le florin

On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s`attendrit à l`allemande
Avant d`aller assassiner

(Von Guillaume Apollinaire aus seinen großartigen Rhénanes. Vom Schinderhannes-Text existiert eine schöne Übertragung ins Deutsche von Paul Celan.)

Die elftausend Ruten

Apollinaire schrieb mit die großartigsten Rheingedichte aller Zeiten. In Die elftausend Ruten, einem Werk, das der Spiegel anläßlich von staatsanwaltschaftlichen Durchsuchungen in den 80ern als „erotische Groteske“, das Picasso weit zuvor als Apollinaires Meisterstück bezeichnete und das heute wohl unter de Sade-inspirierter Hardcore-Pornotrash eingeordnet würde, gibt es zwei Rheinstellen:

„(…) Cornaboeux, die letzten Schluckaufs unterdrückend, rappelte sich blutend auf. Er wies auf Estelle, die sich mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen das schmutzige Schauspiel betrachtete:
„Die ist an allem schuld!“ erklärte er.
„Sei nicht unmenschlich“, sagte Mony, „sie hat dir immerhin die Gelegenheit gegeben, dich an einer Leiche vergehen zu dürfen.“
Und da man gerade über eine Brücke fuhr, trat der Fürst ans Fenster, um das romantische Rheinpanorama zu betrachten. Es war vier Uhr morgens, auf den Weiden grasten Kühe und unter den deutschen Linden tanzten bereits Kinder. Monotone, todtraurige Blasmusik verriet das Nahen eines preußischen Regiments, und die schwermütige Weise mischte sich dem dumpfen und hohlen Geräusch des über die Brücke fahrenden Zuges. Glückliche Dörfer, überragt von hundertjährigen Burgen, säumten die Ufer, und die rheinischen Weinberge erfreuten mit ihrem regelmäßigen Mosaik das Auge.
Als Mony sich umwandte, sah er den gräßlichen Cornaboeux auf Estelles Gesicht sitzen. Sein kolossaler Arsch bedeckte das Antlitz der Schauspielerin völlig. (…)“

Es geht dann weiter mit Körperausscheidungen und Totschlag. Der bekannte romantische Rhein wird kurz als Kontrastmittel eingeblendet, die das Buch bestimmende rasende Morallosigkeit zu illustrieren. Eine zweite Stelle läse sich vielleicht als Vorwegnahme internationaler, hollywoodgesteuerter Betrachtensweisen des sexualisierten deutschen Frolleinwesens um den Zweiten Weltkrieg herum, wobei noch zu klären wäre, wieweit die Übersetzung dem Vorschub leistete:

„(…) Die Kellnerin, dieses Prachtexemplar von einer Deutschen aus Braunschweig, besaß eine üppige Kruppe; man hätte sie für eine belgische Vollblutstute halten können, die auf Hengste losgelassen wird. Ihr flachsblondes Haar machte sie recht romantisch; gerade so mußten die rheinischen Nixen sein. (…)“

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

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(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)

Apollinaire

Auch wenn einer der beiden mir gegenübersitzenden alten Schweden jüngst im EC auf der linksrheinischen Trasse beim vermeintlichen Anblick des Loreleyfelsens (der in Wirklichkeit noch ein paar Kilometer auf sich warten ließ) aus seinem besoffenen Idiom plötzlich in eine klare deutsche Zeile, nämlich: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“ und somit in erhabene Melancholie verfiel – mit die schönsten Rheingedichte, zumal in Häufung, hat ein Franzose gemacht, Guillaume Apollinaire, in seinem berühmten Band „Alcools“ mit den Rhénanes.

Mai

Le mai le joli mai en barque sur le Rhin
Des dames regardaient du haut de la montagne
Vous êtes si jolies mais la barque s`éloigne
Qui donc a fait pleurer les saules riverains?

Or des vergers fleuris se figeaient en arrière
Les pétales tombés des cerisiers de mai
Sont les ongles de celle que j`ai tant aimé
Les pétales flétris sont comme ses paupières

Sur le chemin du bord du fleuve lentement
Un ours un singe un chien menés par des tziganes
Suivaient une roulotte trainée par un âne
Tandis que s`éloignait dans les vignes rhénanes
Sur un fifre lointain un air de régiment

Le mai le joli mai a paré les ruines
De lierre de vigne vierge et de rosiers
Le vent du Rhin secoue sur le bord les osiers
Et les roseaux jaseurs et les fleurs nues des vignes