Blatnýs Rhein

ivan blatny_der rhein

aus: Ivan Blatný – Alte Wohnsitze. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier, Wien 2005

Marcel Crépon über Franz Liszts Platane (3)

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(…) Zwei Metro-Stationen entfernt von der Kirche befand sich seine Wohnung, eigentlich ein ehemaliges Zofenzimmer, im fünften Stock gelegen, mit genügend Platz, um keinen wirklichen Platz zu haben, welcher jedoch ausreichte, um sich im Kreis zu drehen. Das eingerahmte Blatt hing über dem Bett, es stammte eindeutig von einer Platane ab. Obwohl die Lichtverhältnisse miserabel waren, sah ich wie der Mann ein Profil von Liszt mit Tusche und Wasserfarbe darauf gezeichnet hatte. Es sah nicht schlecht aus, wenn auch nicht besonders schön. Während wir uns darüber unterhielten, blieb die Frau stumm auf dem Bett sitzen. Dann stand sie auf, näherte sich dem Rahmen, riss ihn plötzlich vom Wand ab und schlug mit der Hand darauf, wobei ihre Ringe als eine Art poing américain dienten und das Glas zerbrachen. Überrascht (ich) und entsetzt (der Mann) blieben wir still und starrten sie an. Sie schaute mit einer Art pathologischem Vergnügen zurück, so als ob sie die Absicht hätte, das braune, getrocknete Blatt zu zerreißen, oder es vielleicht zu verschlucken, um sich dessen Zauber einzuverleiben. Doch weder das eine noch das andere tat sie, sondern sie nahm es an ihren Mund und küsste es. Dann legte sie es auf das Bett und ging. Nun lag es da, von verstaubtem Glas befreit. Vorsichtig, doch fest entschlossen fragte ich um Erlaubnis, es photographieren zu dürfen. Der noch regungslose Mann bejahte mit den Augenlidern. Ich machte einen Aufnahme, und hörte wie er in meinen Rücken flüsterte:

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Dies, das letzte meiner Lieder
ruft dir. Komme wieder, wieder!

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

Direkt oder indirekt zitiert :

- Felix Lichnowsky, Die Nonnenzelle
- Franz Liszt, Die Nonnenzelle, S.274/1 (Eck, Köln 1843)
- Jean Cras, Poèmes intimes, Nr. 5: La maison du matin (Eschig, Paris 1912)
- Antoine Mariotte, Kakémonos op. 20, 4 pièces japonaises pour piano, III – Temple au crépuscule (Enoch, Paris 1925)
- Wind des Rheines – “Le Vent du Rhin”: unter diesem Titel wurde Alcools von Apollinaire in dessen Revue Immorale 1905 angekündigt.

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- Jacques Trochet (Nonenwerth, 9. August 1794), Baptiste Toulié (Nonenwerth, 26. August 1794). In: Charles-Louis Chassin & Léon Hennet, Les volontaires nationaux pendant la Révolution. Historique militaire et états de services des huit premiers bataillons de Paris, levés en 1791 et 1792 (Paris, 1899-1906)
- Günther Prötzies, Studien zur Biographie Franz Liszts und zu ausgewählten seiner Klavierwerke in der Zeit der Jahre 1828-1846 (Bochum, 2004)
- ”Der nach dem mittleren Rheinarm gelegene Rand der Insel trug den stolzen Namen ”Die Schweiz”. Woher der Name kam, ist schwer zu begreifen, denn es war der häßlichste Theil des ganzen Besitzthums: ein sandiges, unebenes Terrain mit ruppigen Birken und Hollergebüsch, das im Sommer stets klebrig und voll Insekten war, und das die Aussicht auf den Rhein und das Gebirge versperrte. Auf der anderen Langseite der Insel, Rolandseck gegenüber, zog sich eine alte Pappelallee hin. Ringsum aber rauschte der Strom, und von den Ufern winkten die Berge mit ihren Ruinen und ihren Landhäusern zu uns herüber.”
Christine von Hoiningen-Huene, Nonnenwerth. Eine rheinische Klosterschule. In: Deutsche Rundschau, Bd. 100, Juli-August-September 1899.
- Franz Liszt und die Gräfin d’Agoult in Nonnenwerth 1841-1842. Aus dem Nachlass Varnhagens von Ense mitgeteilt von Emil Jakobs. In: Die Musik, Halbmonatsschrift mit Bildern und Noten, hrg. von Kapellmeister Bernhard Schuster, October (Berlin und Leipzig 1911-1912).

Unterdessen, einst, zwischen Rheinufer und Mayagebieten

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Le mai le joli mai en barque sur le Rhin

Mai

Le mai le joli mai en barque sur le Rhin
Des dames regardaient du haut de la montagne
Vous êtes si jolies mais la barque s’éloigne
Qui donc a fait pleurer les saules riverains ?

Or des vergers fleuris se figeaient en arrière
Les pétales tombés des cerisiers de mai
Sont les ongles de celle que j’ai tant aimée
Les pétales fleuris sont comme ses paupières

Sur le chemin du bord du fleuve lentement
Un ours un singe un chien menés par des tziganes
Suivaient une roulotte traînée par un âne
Tandis que s’éloignait dans les vignes rhénanes
Sur un fifre lointain un air de régiment

Le mai le joli mai a paré les ruines
De lierre de vigne vierge et de rosiers
Le vent du Rhin secoue sur le bord les osiers
Et les roseaux jaseurs et les fleurs nues des vignes

(Guillaume Apollinaire, Alcools, 1913)

Rolandseck

In Rolandseck träumte ich auf dem grünen Ufer
Die Nonne Rolands auf der Insel Nonnenwerth
Schien ihr Alter unter den kleinen Mädchen zu verlieren

Die sieben Berge träumten wie Tiere
Endlich müde die legendären Prinzessinnen
zu bewachen
Und träumend wartete ich auf die
rechteckige Fähre

Vom Berge kamen Leute um
den Fluss zu überqueren
Drei Damen mit hannoverschem Akzent
Blätterten grundlos Rosen in den Rhein
Der eine Ader deines so edlen Körpers
zu sein scheint

Auf der mit Schatten befleckten Strasse
am Fluss entlang
Flohen vor Furcht zitternd
Die Autos wie unwürdige Reiter
Während sich auf dem Band des Rheins
Dampfschiffe entfernten

(Guillaume Apollinaire, übertragen von Ernst Meister)

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Nuit Rhénane

Mon verre est plein d’un vin trembleur comme une flamme
Écoutez la chanson lente d’un batelier
Qui raconte avoir vu sous la lune sept femmes
Tordre leurs cheveux verts et longe jusqu’à leurs pieds

Debout chantez plus haut en dansant une ronde
Que je n’entende plus le chant du batelier
Et mettez près de moi toutes les filles blondes
Au regard immobile aux nattes repliées

Le Rhin le Rhin est ivre où les vignes se mirent
Tout l’or des nuits tombe en tremblant s’y refléter
La voix chante toujours à en râle-mourir
Ces fées aux cheveux verts qui incantent l’été

Mon verre s’est brisé comme un éclat de rire

(Guillaume Apollinaire)

Andernach

andernach_rolandstatueRolandstatuen gibt es in vielen Städten. Die Schwertritter symbolisieren die jeweilige städtische Souveränität. Dieser Roland in Andernach genießt einen perfekten Rheinblick. Eine Besonderheit ist die Möwe auf seinem Kopf. Sie besteht aus Gips und Farbe, unbekannte Spaßvögel hatten sie auf der Statue Haupt verankert, wo sie einige Tage verweilte, bis sie, vermutlich von Amts wegen, wieder entfernt wurde. Schreibt uns Marcel Crépon, der diesen Monat in Andernach weilte. Zunächst habe er, so direkt am Rhein, die Rolandstatue für eine Siegfriedstatue gehalten, da er mit der Person des Roland unverbrüchlich die Schlacht von Roncevalles (mit Rolands Tod, so wie er im Manuel d‘Histoire de France seiner Kindheit abgebildet war) in Verbindung bringen würde, nicht aber Andernach. Später, beim Wein mit Einheimischen über seinen Statuenirrtum aufgeklärt, habe er dann vom Rolandsbogen erfahren, der zwar mit “seinem” Roland nichts zu schaffen habe, den er jedoch unverzüglich aufsuchte, um, von Versen Apollinaires flankiert, tiefer in die rheinische Geschichte einzutauchen und weitere Aussichten zu genießen.
andernach_bollwerkDer Totentanz auf diesem Bild (Fotos: Marcel Crépon) ist Teil eines von der Natur angegriffenen Bodenreliefs namens “Apokalypse” (von Udo Weingart). Er findet statt im Andernacher Bollwerk, einer Rotunde aus dem 17. Jahrhundert, die einst zur Zollkontrolle der Rheinschifffahrt diente und heute als Ehrenmal für die Opfer der beiden Weltkriege. Wer das Bollwerk betreten möchte, kann nicht umhin, sich dem Totentanz einzufügen.

Marcel Crépon schreibt desweiteren begeistert von kostenlosen Gemüsen, die in Andernach für jeden pflückbar “zwar nicht in Wundergärten hängen wie in Babylon”, sondern einfach am Fuße einer Burgmauer lägen, wo sie, so mitten in der Stadt, dennoch einen bleibenden Eindruck hinterließen. Gleich nebenan stünde auch “Gemüse fürs Hirn”: ein gläserner Büchertauschschrank wie er ihn erstmals erblickt habe.

Schinderhannes

Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s`est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d`amour au joli mai

Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
A plume d`aigle sert de cible
A Jacob Born le mal foutu

Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d`avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet

Et s`écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd`hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai

Allons Julia la mam`zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D`herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon

Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n`en veut pas
Pas d`amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas

Il faut ce soir que j`assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair des torches de résine
La fleur de mai c`est le florin

On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s`attendrit à l`allemande
Avant d`aller assassiner

(Von Guillaume Apollinaire aus seinen großartigen Rhénanes. Vom Schinderhannes-Text existiert eine schöne Übertragung ins Deutsche von Paul Celan.)

Die elftausend Ruten

Apollinaire schrieb mit die großartigsten Rheingedichte aller Zeiten. In Die elftausend Ruten, einem Werk, das der Spiegel anläßlich von staatsanwaltschaftlichen Durchsuchungen in den 80ern als „erotische Groteske“, das Picasso weit zuvor als Apollinaires Meisterstück bezeichnete und das heute wohl unter de Sade-inspirierter Hardcore-Pornotrash eingeordnet würde, gibt es zwei Rheinstellen:

„(…) Cornaboeux, die letzten Schluckaufs unterdrückend, rappelte sich blutend auf. Er wies auf Estelle, die sich mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen das schmutzige Schauspiel betrachtete:
„Die ist an allem schuld!“ erklärte er.
„Sei nicht unmenschlich“, sagte Mony, „sie hat dir immerhin die Gelegenheit gegeben, dich an einer Leiche vergehen zu dürfen.“
Und da man gerade über eine Brücke fuhr, trat der Fürst ans Fenster, um das romantische Rheinpanorama zu betrachten. Es war vier Uhr morgens, auf den Weiden grasten Kühe und unter den deutschen Linden tanzten bereits Kinder. Monotone, todtraurige Blasmusik verriet das Nahen eines preußischen Regiments, und die schwermütige Weise mischte sich dem dumpfen und hohlen Geräusch des über die Brücke fahrenden Zuges. Glückliche Dörfer, überragt von hundertjährigen Burgen, säumten die Ufer, und die rheinischen Weinberge erfreuten mit ihrem regelmäßigen Mosaik das Auge.
Als Mony sich umwandte, sah er den gräßlichen Cornaboeux auf Estelles Gesicht sitzen. Sein kolossaler Arsch bedeckte das Antlitz der Schauspielerin völlig. (…)“

Es geht dann weiter mit Körperausscheidungen und Totschlag. Der bekannte romantische Rhein wird kurz als Kontrastmittel eingeblendet, die das Buch bestimmende rasende Morallosigkeit zu illustrieren. Eine zweite Stelle läse sich vielleicht als Vorwegnahme internationaler, hollywoodgesteuerter Betrachtensweisen des sexualisierten deutschen Frolleinwesens um den Zweiten Weltkrieg herum, wobei noch zu klären wäre, wieweit die Übersetzung dem Vorschub leistete:

„(…) Die Kellnerin, dieses Prachtexemplar von einer Deutschen aus Braunschweig, besaß eine üppige Kruppe; man hätte sie für eine belgische Vollblutstute halten können, die auf Hengste losgelassen wird. Ihr flachsblondes Haar machte sie recht romantisch; gerade so mußten die rheinischen Nixen sein. (…)“

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

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(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)

Apollinaire

Auch wenn einer der beiden mir gegenübersitzenden alten Schweden jüngst im EC auf der linksrheinischen Trasse beim vermeintlichen Anblick des Loreleyfelsens (der in Wirklichkeit noch ein paar Kilometer auf sich warten ließ) aus seinem besoffenen Idiom plötzlich in eine klare deutsche Zeile, nämlich: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“ und somit in erhabene Melancholie verfiel – mit die schönsten Rheingedichte, zumal in Häufung, hat ein Franzose gemacht, Guillaume Apollinaire, in seinem berühmten Band „Alcools“ mit den Rhénanes.

Mai

Le mai le joli mai en barque sur le Rhin
Des dames regardaient du haut de la montagne
Vous êtes si jolies mais la barque s`éloigne
Qui donc a fait pleurer les saules riverains?

Or des vergers fleuris se figeaient en arrière
Les pétales tombés des cerisiers de mai
Sont les ongles de celle que j`ai tant aimé
Les pétales flétris sont comme ses paupières

Sur le chemin du bord du fleuve lentement
Un ours un singe un chien menés par des tziganes
Suivaient une roulotte trainée par un âne
Tandis que s`éloignait dans les vignes rhénanes

Sur un fifre lointain un air de régiment
Le mai le joli mai a paré les ruines
De lierre de vigne vierge et de rosiers
Le vent du Rhin secoue sur le bord les osiers

Et les roseaux jaseurs et les fleurs nues des vignes