Köln an der Ruhr

köln an der ruhrSo wie der Chaos-Theorie zufolge der Flügelschlag eines Schmetterlings angeblich eine Naturkatastrofe auslösen kann, so mag rheinseins kürzlich erfolgter Aufruf an die Topografie-Guerilla, die fiktive Ortschaft Grund ins Netzkartenwerk des Oberrheins zu schmuggeln, die Verlegung Kölns an die Ruhr bewirkt haben.

köln an der ruhr_2(Screenshots: Google Maps, 22. März 2013)

Die Ortschaft Grund am Oberrhein

„Er ist der Briefträger, das ist, was er tut. Er trägt Briefe zu den Bewohnern von Grund. Er kennt Grund. Jeden Briefkasten, jede Straße, jeden Namen, jedes Haus, jeden Mann und jede Frau. Er weiß, welches Kind zu welchem Hund gehört, welcher Vater zu welchem Kind und welcher nicht. Er kennt jede Straßenlaterne, jede Ampel, jeden von funkelndem Scherbenstaub bedeckten Altglascontainer-Abstellplatz.
Jede Fahrradrampe an jedem Bordstein, jede Baustelle, jeden Kinderhandschuh, der auf einer Zaunlatte steckt, jede Zaunlatte, jede Treppe, jede Straße, Sackgasse, Einfahrt, jeden Feldweg, Schleichweg, Trampelpfad.
Den gesamten Straßenplan von Grund hat er sich einverleibt, und wenn er seine Runde macht, sieht er den krakeligen Verlauf seines Weges so vor sich, als verzeichne er ihn mit den Füßen auf einer Karte.
Er kennt das Dorf und das Neubaugebiet ebenso wie das Tiefgestade mit den Rheinauen, den Gemeinde-Kirschbäumen, dem Klärwerk, dem Recyclinghof und der alten Mülldeponie, die jetzt ein Wald ist, aber der Müll ist immer noch dort. Er kennt den Baggersee, das Kieswerk, das man nicht betreten darf, aber er kennt es trotzdem. Er kennt die Sandberge auf dem Gelände des Kieswerks, die demnächst abgetragen werden sollen. Er kennt die Altrheinarme und das Rheinufer, er weiß, wo die Fische sind, wo die Graureiher nisten, wo die Hirschkäfer kämpfen. Er weiß, dass aus dem See Ochsenfrösche steigen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Er kennt jedes verrostete Ding, das irgendwer in den Wald gekippt hat, und er weiß auch, wem es gehört.“

(aus: Katharina Hagena – Vom Schlafen und Verschwinden, Köln 2012)

Noch bevor die Gegend näher spezifiziert wird, ist uns bei der Lektüre klar, daß bei Grund von einer badischen Ortschaft in der Nähe Karlsruhes die Rede ist. Denn die Autorin stammt aus Karlsruhe und was sie beschreibt, ist uns kindheitsvertraut. Später im Text wird Grunds Lage näher eingegrenzt: am Ende einer der Stichstraßen Richtung Norden, die vom Karlsruher Schloß aus schnurgerade durch den Hardtwald verlaufen, sei dieses Grund gelegen. Hinterm Rheindeich, halb in den Auen. Eine Ortschaft namens Grund am Rhein existiert auf keiner Karte, das literarische Grund dürfte sich jedoch aus den realen und als Romankulisse noch recht unverbrauchten Käffern Linkenheim, Dettenheim, Rußheim sowie ihren Gegenparts auf der pfälzischen Seite zusammensetzen und wir möchten hiermit alle findigen, von literarischen Beschreibungen des Oberrheins begeisterten Topografieschaffenden anstupsen und darauf hinweisen, daß ein Dorf namens Grund auf fast ganz natürliche Weise künftig in den Kartenwerken des Internets aufscheinen könnte und sollte.