Rheinlocken


Einst hatten wir eine kleine Liste mit bescheuerten rheinischen Friseurladennamen begonnen, die bisher allerdings nicht die angestrebte Fortsetzung fand. (Einsendungen stets willkommen.)
Bescheuerte Friseurladennamen sind indes keine rheinische, nicht einmal (wie sich leicht denken ließe) eine deutschsprachige Spezialität. So fanden wir in Frankreich Beispiele für wortspielerische Haudraufkreativität wie etwa den wohlapostrofierten Damensalon Sist’hair in Boulogne-sur-Mer. Daß Boulogne als Transitort nach Großbritannien fungiert, könnte den sonst in Frankreich eher zurückhaltend eingesetzten englischen Einfluß dieser Wortkreation erklären. Im Hinterland fanden wir gleichwohl subtilere Beispiele vor, etwa den Salon Diminutif in Aulnoye-Aymeries.
Im gentrifizierten Kölner Rheinauhafen stießen wir jüngst auf den Friseursalon Rheinlocken. Dessen Glasfassade spiegelt den Rheinabschnitt gegenüber des Aurora-Gebäudes. Von außen betrachtet fließt auf diese Weise glitzernd der Rhein durch den Salon. Ein bescheuertes Wortspiel (reinlocken) ist in diesem Kompositum aufdringlich enthalten, dennoch wirkt der Name, der umgehend kulinarische Assoziationen (Donauwellen, Nockerln) weckt, nicht vordergründig geschmacklos, sondern eher klassisch-poetisch, wobei er reichlich Deutungsspielraum z.B. ins Biedermeierische, Wagnerianische oder Proletarische beläßt und somit auf ein breites Kundenspektrum abzuzielen scheint. Gegenüber des Friseurladens lag, als wir ihn entdeckten, die Panta Rhei II vertäut, eine Tatsache, die unsere Aufmerksamkeit zwischen beiden Objekten (denn wie museal präsentierte Schaustücke kamen uns Tankschiff und Salon im geleckten Ambiente vor) hin und her titschen ließ, bis vor unserem unsichtbaren Auge der Friseurladen auf dem zu Wogen mutierten Schiff davonschaukelte, einem fernen Blau, das sich nicht recht gegen diverse Grautöne durchzusetzen vermochte, entgegen.

Wie das britische Königshaus einmal der Queen Mom einen Rheinfallbesuch zum Geburtstag schenkte

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Spekulationen und nachrichtenartigen Meldungen diverser damaliger internationaler Boulevard- und Prominenzblätter im Kern durchaus zu entnehmen sei die insgesamt von der Öffentlichkeit wenig beachtete Geschichte wie das britische Königshaus einmal der Queen Mum einen Rheinfallbesuch zum Geburtstag schenkte, ohne daß die Paparazzi, bis auf ihren seinerzeit scharfsinnigsten Vertreter, Bob Woolf (der seine wahren Quellen bis heute nicht offenlegt, rheinsein aber ein paar Fragen beantwortete), davon Wind bekamen.

Die Geschichte spielte sich bereits im Jahre 1970 ab, anläßlich des siebzigsten Geburtstags der Königinmutter. Im engsten Kreis der Windsors seien im Vorfeld über Tage und Wochen, immer wenn die Queen Mum schlief, hartnäckige, mit irrwitzigen Monologen, fintenreichen, vor allem endlosen anekdotischen Repliken und facettenreichen Anhebungen des Tonfalls gewürzte Debatten geführt worden, die (wie Woolf, der seinen fotografischen Coup (s. Bild oben) hier noch einmal aufrollt, distinguiert anmerkt), dem Geiste Shakespeares ob ihrer komödiantischen Angestrengtheit allenfalls ein mild-mitleidiges Lächeln abgerungen haben dürften, jedoch schlußendlich, anders als zahlreiche Stücke des Dichters, ohne Leiche ausgingen.

Nachdem man sich im königlichen Familienrat zu Beginn der Planungen vor allem in Erinnerungen an überlieferte oder selbst miterlebte Geburtstagsausflüge der Ahnen ergangen habe, die großen Zeiten des Empires maliziös bis bitterernst heraufbeschwörend (mailt Woolf) wie etwa das Abenteuer der Ururgroßmutter der damals amtierenden Queen (letztere natürlich die bis heute amtierende Elizabeth II), die mit stolzen 71 Jahren den Schweizer Pilatus bezwang, indem sie sich in einer Sänfte bis zum Krienseregg tragen ließ, eine wild-erhabene Alpengegend, wo auf dem Kulm hernach ein Restaurant (“Leider ein schmachvoller Aspekt für die Krone: ausgerechnet ein Restaurant!” (Zitat: Woolf)) ihren Namen trug. Nein, eine Reise in die Berge sei eigentlich nicht in Frage gekommen.

Sind die Berge in Reiseplanungen einmal ausgeschlossen, wenden sich die Gedanken einer alten Regel zufolge dem Meer zu, der Küste. Im Falle der Windsors: war nicht die Queen Mom, als sie selbst regierte, Trägerin des Order of the Bath und somit dem das Königreich umgebenden Element aufs Tiefste verbunden? Andererseits: das Meer… Es war ja geradezu überall, sein Anbranden peinlichst bekannt, seine Trendsportarten nichts für eine Seniorin vom Schlage der Königinmutter, um deren Ehrentag es ja ging, wobei das Protokoll vorgab, daß der engste Familienkreis die Reise nolens volens mit zu bestreiten hätte. Das Meer jedenfalls bestand für die Ratschlagenden aus einer riesigen Falle akuter Langeweile; zudem wirkte die Küstenlinie, “was die Windsors selber vielleicht garnicht allzu direkt, sondern vielmehr unterbewußt empfänden” (Woolf), eher einengend, anbetrachts des Verlaufes der Landesgeschichte. Wie auch immer, eine Reise ans Meer sei zu keiner Zeit ernsthaft in Frage gekommen.

Ein Vorteil für den reisenden Adel ist seine zahlreiche Verwandtschaft, die sich häufig über die Lande verteilt, eine Folge historischer Heiratspolitik. Angehörige des Adels können sich, “wofür braucht man da noch Berge, wofür das Meer?” (Woolf), in halb Europa einladen lassen. Das gilt selbstredend auch für die Windsors, “für wen, wenn nicht für sie?” (Woolf). Wir haben uns wohl ein freudig anhebendes Gelächter vorzustellen, geboren aus der gemeinsamen Hoffnung auf eine baldige Lösung der schwierigen Geschenkfrage mithilfe der Verwandtschaft, ein Fröhlichkeitsausbruch, aus dessen Mitte sich Prince Philip urplötzlich an seine Mutter erinnert haben mochte, die Mutter wiederum eine Tochter der Princess Victoria of Hesse and by Rhine. Der Rhein, der Rhein, wir Briten liebten einst den Rhein, dürfte es durch die Runde gegangen sein, “the castled crag of Drachenfels, Sie wissen schon!” (Woolf), just als die Queen Mum aus einem frühen Gin-Nickerchen erwachte, und im Halbschlaf, besorgt um ihren Nachmittagsspaziergang, gemurmelt haben soll: “The rain falls?”

“That’s it!” “The Rhinefalls!” “Superbe choice, granny!”

An ihrem Ehrentag schließlich habe man die ahnungslose Queen Mum in einen Privatjet verfrachtet und sei gemeinsam an den Zielort geflogen. Ihre zunehmende Flugaversion habe die alte Dame mit einigen Gimlets niedergerungen. Einzeln, zerstreut, als britische Touristen verkleidet, näherte man sich den schäumenden Fällen. Wie zufällig habe man auf dem Känzeli wieder zusammengefunden, die Queen Mum in die Mitte genommen und ein launiges “Happy birthday!” angestimmt, als die alte Dame “That’s nothing but water!”  (Woolf) grantelnd zum Rückweg gedrängt haben soll, der umgehend, an ihrem Geburtstag durfte die Queen Mum stets noch einmal in die Rolle der Königin schlüpfen, angetreten worden sein soll.

moenchengladbach

ich moechte wiedergeboren werden & zwar
in moenchengladbach: mit nem sprung in

der platte: ewiges jazzgedudel zum roehren
der britischen bomber ausm weltempfaenger

ne spur jauche in der luft, seitenscheitel &
koteletten, kraeftige kraeuterbitter zu schlecht

gebuegelten gesichtern. pastors sonntags-
predigt hallt in den schlagzeilen nach, bis ein

groove aus uebersee die tanzflaeche in bunte
truemmer zerlegt. es wabert & echot. geblaese

auf hochtouren & am tresen lehnt guenter
netzer mit nem glas orangensaftkonzentrat