Spiegelung

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Ein Flussblau im gelben Schimmer mehrere Zeichen aus dem Nichts in den Fluss gegossen eine Farbigkeit von Ufer zu Ufer gehen wir über Wolken

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Das vierte Text-Bild-Paar unserer kleinen Serie beschäftigt sich mit dem Blick über den Rhein vom Großbaseler zum Kleinbaseler Ufer. Marianne Büttikers ”Plan der Formen” (30 x 30 cm, Enkaustik, Farbstift und Gouache auf Papier) entnimmt der flußdominierten Landschaft efemere Flächen, die sich aus Licht, Himmel, Wasseroberfläche und Menschenbauten zu ergeben scheinen und hält sie als Landkarte des Vorübergehenden/Vorübergegangenen fest.

Von Ufer zu Ufer

mbuettiker_fährmann

Das nahe und das ferne Jetzt ein Augenblick lang ein Augenblick im Strom der Zeit die Unendlichkeit befahren sage ich dir während ich versuche das Quellwasser im Fluss zu erkennen

mbuettiker_Münsterfähre Leu

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Eine Eigenheit Basels sind die Gierseilfähren, vom Rhein angetriebene Übersetzboote zwischen Großbasel und Kleinbasel. Das Bildpaar zeigt einen “Fährmann am Rhein” (12 x 9 cm, Öl auf Karton) und einen Blick aus der Münsterfähre “Leu”.

Wo ich lande fliegst du auf

mbuettiker_Schwalbe über dem Rhein

Das nahe und das ferne Dort ein stetes Fliessen in seiner Mitte ein Wiederkehren und Abschiednehmen im Flug das Überbrücken zweier Zeiten im Hier der Fluss und seine Ufer sage ich dir berühren sich nie wo du landest

mbuettiker_ Wo ich lande fliegst du auf

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Auf dem zweiten Bildpaar unserer kleinen Serie mutiert ein den Rhein überblickender Sperling auf der Basler Mittleren Brücke, dem “ältesten noch existierenden Rheinübergang zwischen Bodensee und Nordsee” (Wikipedia), zu einer dahinjagenden Schwalbe (ihrem Schatten, einem Schwalbengedanken) bzw. zu einem Symbol über Flüchtigkeit, Kommen und Gehen. Marianne Büttikers Miniatur (Öl auf Karton) mißt im Original ganze 6 x 5 cm.

Von vnnutzen buchern

Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan
Von büchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden dut
Sprich ich, do heym hab jchs fast gut
Do mit losz ich benügen mich
Das ich vil bücher vor mir sych
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bücher het der welt
Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vsz berichten sich
Ich hab vil bücher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn
Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert, würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler
Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Dann jch gar wenig kan latin
Ich weysz das vinu heysset win
Gucklus ein gouch, stultus eyn dor
Vnd das ich heysz domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sah sunst bald eins mullers thier

(aus: Sebastian Brant – Das Narrenschiff, Basel 1494. Als wir jüngst in Großbasel am Rheinsprung an Brants ehemaligem Wohnhaus zum Sunnenlufft vorbei strichen, wehte uns tatsächlich ein Lüftlein vorreformatorischer Mahnung an, Hans Böhm schien seine ihm von Brant angedichtete Sackpfeife zu blasen, weit hinter den Hügeln (welche hinter den Hügeln hinter den dahinterliegenden Hügeln liegen) zwar, im Taubertal, doch unterschwellig eindringlich, als wäre da noch was aufzuarbeiten, während ein sich verflüchtigender schwarzer Fleck wie Jan Hus` Asche von Konstanz her den übergrünen Rhein hinabgetrieben kam, in einer ketzerischen Zeitschlaufe.)

Indikativisch-imperativer Konjunktiv

basel_stickerAufforderung zu angewandter Stadtverschönerung in der markenkunstüberfluteten Anzugbürgeridylle von Großbasel.

Großbasel

Am Basler Theaterplatz der großartige Fasnachts-Brunnen von Jean Tinguely. Die kinetischen Plastiken tingeln, tangeln und tinguelyngeln, daß es unser Herz in Wallung bringt. Bespatzt, betaubt, bebaslert und betouristifiziert: ein Ausbund an UnSinn höchster Qualität und Lustigkeit und jedenfalls der effektvollste Brunnen, der uns an der Rheinschiene bisher unterkam. Wenige Meter entfernt stinkt Richard Serras wuchtige Intersection nach Urin. Eine reiche Stadt voller Kunst unterschiedlichster Provenienzen. Überraschend hügelig. Grüne Straßenbahnen ziehen durchs Gewimmel: Biofriseure, Lällkönige, Elfdausigjumpfere, Engelmengen, die rückwirken in eine Zeit, die einst eine Stunde vorging, die Basler Zeit, die sich unterdessen zwar der mitteleuropäischen gestellt hat, aber noch nicht völlig ausgependelt scheint: die Stadt weist Zeitlöcher auf, Zeitdehnungen, Zeitnischen, auch vorgetäuschte Zeitstillstände, kurzum: es herrscht Zeitgaukelei. Im Haus zum Sunnenlufft am Rheinsprung lebte Sebastian Brant. Stieg dort zum Münster mit seiner hochkomplizierten Baugeschichte und seinen Autofanten und sonstigen Figuren, insonderheit jener am Gallusportal, mannigfach teleobjektiviert nach Fernost privattransportiert. Im Kreuzgang des Münsters weitere Grabplatten auf Barockdeutsch und Latein, non ex multis unus wird da einer bezeichnet, epitafern. Von der Münsterbrüstung Blick übern grünen Rhein, in die Rheinfluchten und nach Kleinbasel, seit 1302 bereits sind beide Teile vereint, verrheint wie`s ebenfalls scheint. Das da-und-dorthin-Schweifen und -Streifen führt durch mehrere Straßen, Gassen, Wege, die den Rhein im Namen führen, durch die Kaianlagen auf den Barfüsserplatz, an dem sich zweierlei Sorten FCB-Hools in einer kurz darauffolgenden Zeitschleife eine veritable Schlacht liefern werden. Ankunft und Abfahrt vorbei an langgestreckten Technowänden des Zukunftsviertels. Das technoid geschriebene Wort verhält sich im Sonnenlicht wie ein kaltblütiges Tier, echst, pixelt und dimensioniert sich über Glasfassaden hinweg in Gedächtnisschlaufen, seiner Zeit voraus, sodaß ihm nur hinterhergeschrieben werden kann, während es in nahen, der Gegenwart bereits eingeschriebenen, Zukünften zum Leben erwacht (ist/sein wird).