Presserückschau (November 2012)

Nachdem in Basel Spaziergänger einen beinahe hummergroßen Signalkrebs aus dem Rhein gezogen hatten, vermeldet nun auch kindernetz.de eine „Krebsjagd am Rhein“. Während das Schweizer Boulevardblatt Blick ganz pragmatisch die kulinarischen Qualitäten des Tiers herausgestellt hatte, berichten die auf Kinder spezialisierten Reporter, daß „der große Krebs gefangen werden müsse, weil er sonst kleineren Krebsen schade“. Weitere bedeutende Rheinnachrichten des Novembers:

1
Der General-Anzeiger berichtet von Diskussionen um einen künftigen Wasserbus auf dem Rhein in Bonn. Die Idee kam aufgrund bevorstehender Großbaustellen zustande: “Nach Auffassung des BDA (Bund deutscher Archtiekten) soll der Rhein unter dem Motto „R(h)ein in die Stadt“ als Natur- und Erlebnisraum zum Kernthema der innerstädtischen Entwicklung werden: Der Rhein also als Vernetzungsraum, der Verbindungen mit unterschiedlichen Qualitäten schafft, und ein Gestaltraum, der die beiden Seiten des Bonner Stadtbildes am Fluss zeigt und die besondere Qualität der „Stadt am Rhein“ zum Ausdruck bringt. Der Wasserbus soll mit zahlreichen kurzen Verbindungen über den Rhein die beiden Bonner Seiten miteinander verweben. Dabei stehen nach der Idee weniger die touristischen Ziele im Vordergrund, als vielmehr „die Verbindung der unterschiedlichen Wohn- und Arbeitswelten“. Im Idealfall soll sogar die Angliederung an den ÖPNV gelingen, was dessen Attraktivität für die Bürger steigern und die Bonner Stadtstraßen entlasten würde.“ Eine unsererseits längst und angesichts des regen Bosporus-Fährverkehrs sogar schmerzlich vermißte Idee, die auszugraben auch anderen Städten am Rhein gut zu Gesicht stünde.

2
„Vier von fünf Vorarlbergern rechnen jederzeit mit einem Hochwasser, geht aus einer Befragung der IRR (Internationale Rheinregulierung) unter 600 Bürgern beidseits des Rheins hervor“, teilt der ORF mit. Und weiter: „Die Hochwassersicherheit am Alpenrhein soll spätestens ab 2017 innerhalb von 20 Jahren bei Kosten von 400 Mio. Euro nachhaltig erhöht werden. Geplant ist, die Abflusskapazität des Rheins zwischen der Illmündung und dem Bodensee von derzeit 3.100 Kubikmeter pro Sekunde auf 4.300 Kubikmeter pro Sekunde zu steigern. Dieser Richtwert entspricht einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen ein Mal in 300 Jahren auftritt. Das Hochwasser-Schadenspotenzial im Rheintal wird allein auf Vorarlberger Seite mit 2,66 Mrd. Euro beziffert.“

3
Erneut der General-Anzeiger berichtet unter dem Titel „Potemkin am Rhein“ über die zweifelhafte Eröffnung des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorabwehrzentrums (GETZ) in Köln, das sich nicht recht vom Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) und dem Gemeinsamen Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus/-terrorismus (GAR) unterscheiden lasse. So sei die politische Prominenz der Eröffnung zahlreich ferngeblieben: „Auch der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, ein CDU-Mann, fehlte. Der improvisierte Zustand des Zentrums legt zusätzlich Zeugnis davon ab, dass da hopplahopp etwas präsentiert werden musste: Potemkin am Rhein. (…) Wer gemeinsam gegen Terror und Extremismus kämpfen will und dann noch nicht mal die Gründungsfeier einvernehmlich hinkriegt, muss sich über Hohn und Spott nicht wundern: “Getz geht´s los”, lautet einer der einschlägigen Sprüche.“

4
„Der Klimawandel wird Deutschland mehr Überschwemmungen und Hitzerekorde über 42 Grad bringen. Eine weitere Folge sei, dass Flüsse wie der Rhein „öfter mal austrocknen“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung“ – berichtet ntv. Eine Meldung, die natürlich wieder gegen regen Fährverkehr spricht.

5
Ob die folgende Meldung über eine Spezies namens Hulecoeteomyia japonica bezeugt, daß der Klimawandel bereits im Gange ist? Über das unerwüscht zugewanderte Insekt berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger: „Die aggressive asiatische Buschmücke vermehrt sich in Deutschland immer stärker. In NRW erstreckt sich die Population bereits über ein großes Territorium zwischen Köln und Koblenz. Die Mücke gilt als Überträger des gefährlichen West-Nil-Fiebers.“ Am Oberrhein ist die Mücke indessen schon etwas länger bekannt.

6
Die Rhein-Zeitung über tierische Migration und ihre Effekte: „Im Rhein lebten heute bereits allein mehr als 45 Arten wirbelloser Einwanderer, heißt es. Die Neuankömmlinge verdrängen dabei die heimischen Arten. Angesichts der bedrohten Artenvielfalt spricht Stefan Stoll von einer „McDonaldisierung“. „Überall gibt es nur noch das gleiche Angebot“, erklärt der Biologe.“ Das gleiche, aber ein anderes, oder etwa nicht? Schwingt hier das angestammte Verdammen terrestrischer Migrationsbewegungen aus Angestammtenmund mit? Und wo landen die verdrängten Arten? In Mägen? Oder drängen sie anderswo hin?

7
Eine bauplanerisch-neoromantische Meldung hat der Südkurier parat. Sie betrifft Rheinfelder Pläne für die Internationale Bauausstellung 2020: „Das Rheinfelder Rheinuferprojekt mit Pavillon, Fischaufstieg, naturnahen Uferabschnitten mit Kiesbänken und Felsen auf der deutschen Seite und zeitgenössischer Landschaftsarchitektur mit Stadtpark auf Schweizer Seite ordnet sich in diese Leitidee ein. Der Rhein zwischen beiden Rheinfelden soll bei der Bevölkerung „Liebe“ wecken mit Erlebnissen und Ausblicken, die ans Wasser locken.” Der Gedanke des Rheins als “Verführer”, fährt der Artikel fort, sei seitens der Rheinfelder als verpflichtender Anspruch aufzufassen.

8
Daß Thomas Gottschalk seinen Wohnsitz Schloß Marienfels verkaufen will, war vielen Zeitungen, darunter der Frankfurter Rundschau, eine quasi-makelnde Nachricht wert: „Allerdings müssen Interessenten bedenken, dass alle Räume von Thea Gottschalk höchstpersönlich gestaltet wurden. Thea Gottschalk suchte ihrem Mann stets die Kleider für seine „Wetten, dass ..?“-Moderationen aus. Man kann sich also die Pseudo-Prunk-Melange in den Gemächern vorstellen. Andererseits hat der Käufer die Chance, demnächst auf den Touristenschiffen genannt zu werden. Wenn auch nur als Besitzer des Schlosses, das mal Thomas Gottschalk gehörte.“

9
Der Duisburger Kriminalpolizei gelang es, einen kuriosen Vermißtenfall aufzuklären. Nachdem vor knapp einem Jahr bei Rees-Mehr (Oberkörper) und im Emmericher Yachthafen (Unterkörper) ein männlicher Torso aufgetaucht war, konnte dieser zunächst nicht identifiziert werden, denn: „die Polizei (kam) aus einem wesentlichen Grund nicht auf (einen bekannten, Anm.: rheinsein) Vermissten: Er war etwa 1,70 Meter groß. Die Gerichtsmedizin hatte aber errechnet, dass die Leiche im Rhein zu einem Mann mit der Größe von fast 1,90 Metern gehören müsse. Sie war einer fehlerhaften Formel in der Neuauflage eines verwendeten Lehrbuchs aufgesessen“, berichtet die Rheinische Post.

Last but not least: wurde im November entlang des Rheins und einiger seiner Nebenarme der Karneval ausgerufen (so gut wie alle lokalen Tageszeitungen berichteten), und in Köln, meldet der Kölner Stadt-Anzeiger, werden kommende Hochwasser ab sofort „in den Rhein zurückgepumpt“.

Appenzell

Anhand der Fotos ein Versuch, die Appenzell-Exkursion zu bewerten. Fiel ja in Niesel und verschwand darin. Sehr steil gings auf wilden Geheimstraßen über die Appenzeller Alpen (den prächtigen Steiß der Schweiz vom Bodensee und St. Galler Rheintal her betrachtet), die wenig Rheine auszuschwitzen scheinen (so mündet z.B. die Sitter erst via Thur in den Rhein). Wenn man vom Appenzell sprechen hört, dann kommts stets auf die Selbstmordrate, das Frauenwahlrecht, den Käse, die Hackbrettmusik. Letztere eine der bedachtesten Ausprägungen von Hausmusik, die uns je zu Ohren kamen. Es heißt, die Appenzeller Leute seien etwas seltsam. Stur. Im Niesel waren jedenfalls garkeine zu sehen. Dafür freistehende crèmefarbene Gehöfte, deren weitere Eigenart darin besteht, daß die Scheunen im rechten Winkel direkt an die Wohnhäuser gebaut sind. Die Appenzeller Bahn erinnert an die Sauschwänzlebahn und das gesamte Appenzell auf ersten Blick in vielem an den Schwarzwald. Als „Schwarzwald der Schweiz“ würden die Appenzeller das Appenzell aber niemals vermarkten. Der Hauptort Appenzells heißt Appenzell und macht den Eindruck eines Potemkinschen Dorfes, mit dem Unterschied, daß hinter den schmucken Fassaden noch Verkaufstresen installiert sind, bevor die zugige Landschaft beginnt. (Also vielleicht eher ein Schweizer Disneyland.) Zu kaufen: Biber (Gebäck), Pantli (Salsiz), Ratzliedlitextbücher (Kulturgut), Ohrlöffel (Herrenschmuck), schwach-, mittel-, hoch-, ultra- und scheinnaiv bauerngemalte Landschaft mit Gehöften, Vieh und Menschen (spirituelle Vergegenwärtigungstechnik) und genauso künstlich wie diese Bilder sieht das Appenzell auch in Wirklichkeit aus, d.h., die örtliche Bauernmalerei erreicht im tatsächlichen Abgleich mit der Landschaft erstaunliche (Foto)Realitätsgrade. „Dienstag zu, Mittwoch auch“ steht auf einer Restauranttafel, es sind die einzigen Appenzeller Zeilen, die wir Zeit unseres Besuchs zu lesen bekommen, über die restlichen Wochentage geben sie freilich keine Auskunft. Wer mag die Information angeschrieben haben? Es gibt keine Menschen auf der Straße, Gartenzwerge schon und zwar jeder Couleur und Berufskleidung, aber keine Menschen eben, Seifenblasen schon, aber die werden von mechanischen Gartenzwergen umhergepustet, es gibt Fotos und Gemälde von idyllischen Appenzeller Szenen, auf denen auch Menschen dargestellt sind, aber eben (außer Touristen) keine auf den Straßen, keine als Appenzeller erkennbaren Appenzeller jedenfalls, sie werden sich doch nicht alle umgebracht haben, kaum vorstellbar, daß sie wirklich alle den Niesel scheuen, auf den saftig grünen Weiden jedenfalls steht kein Vieh, liegen aber auch keine Leichen. Gefunden haben wir echte Appenzeller schließlich doch noch (auf den Fotos, wie immer sie dorthingelangt sein mögen – und natürlich:) im Internet: „Min Vatter isch en Appezeller/er fräßt de Chäs mitsamt em Täller