Rheinwelse

rheinwels

Maria Wels, 16 Jahre,  98 Zentimeter, 38 Kilogramm

“Der Flusswels ist geheimnisvoll. Niemand kann genau sagen, wo er herkommt. Und kaum einer bekommt ihn jemals zu Gesicht – nur der Angler, der seinen Köder mit viel Glück direkt vor seiner Nase präsentiert: tief unten im Dunkeln, wo der Wels in einem schlammigen Loch sitzt und zeitlebens jede unnötige Bewegung vermeidet” schreibt der Spiegel, der, wie stets am Puls der Zeit, unter Berufung auf Anglerkreise rasant wachsende Welsvorkommen an Rhein und Neckar beobachtet: die Fänge seien von ein paar hundert Kilo Wels noch vor 15 Jahren auf 14 Tonnen Wels vor zwei Jahren gestiegen.

rheinsein führt den Wels, in seiner Spielart des Grauers, einer rheinischen Variante des erzählenden Butts, gleichsam seit Anbeginn im Wappen. Der Grauer, ebenfalls ein Bodenfisch welsiger Struktur, übertrifft den Europäischen Wels (Silurus glanis), der bis zu drei Meter lang, bis zu 150 Kilo schwer und bis zu 80 Jahre alt werden soll in allen Kategorien bei weitem. Als Fisch-Geröll-Mischwesen ist der Grauer im Grunde noch viel geheimnisvoller als der nun in den Medien seine Renaissance feiernde Wels, vielleicht ist er sogar gänzlich unvorstellbar.

rheinsein freut sich nichtsdestotrotz über die neue Aufmerksamkeit für den Rheinwels. Als derzeit größtem Raubfisch des Rheins werden ihm fluvial legend-artige Geschichten angedichtet, für die noch wenige Beweise existieren. Hunde und Kinder soll der dann gegebenenfalls auch gern als Monsterfisch titulierte Räuber bereits in die Tiefe gezogen und verspeist haben. In Frankreich wurde des Rheinwelses Äquivalent, der Tarnwels, beim Erbeuten von Ufertauben gefilmt: mittels Hechtsprungtechnik schnellt der Wels aus dem Seichtwasser und raubt unter grobem Federlesens die zarten Vögel, um sie unter Wasser zu verspeisen.

Die Grundel, die vor einem halben Jahr als Katastrofe für die Rheinfauna  ausgerufen wurde, weil sie sich ungehemmt vermehre und alle anderen Arten verdränge, ist hingegen des Rheinwelses Leib- und Magenspeise. Wie die Natur sich doch gegen jede menschliche Inschutznahme und Katastrofenausrufung immer wieder selbst zu regulieren versteht! rheinsein jedenfalls begrüßt den Rheinwels mit einer kleinen Portraitserie bisher bekannt gewordener Exemplare, die wir an eine Zeichnerin, die nicht näher genannt werden möchte, in Auftrag gegeben haben.

Rheinfische (3)

Dieser vorsommerlichen Tage haben Artikel über die Rheinfauna Konjunktur. So meldete im Laufe der letzten Woche derwesten.de (das Internetportal der WAZ) einiges Wissenswerte und Erstaunliche über Neozoen und Fische am Niederrhein, während das Forschungsschiff Burgund derzeit auf Höhe St. Goar u.a. Wirbellosenproben aus dem Fluß entnimmt, um die sich stets verändernden Bestände der rheinischen Tierwelt zu inventurieren.

Nach dem Amazonas-Gebiet sei der Rhein heuer der größte natürliche Lebensraum für Piranhas, lautete so eine forsche, nicht ganz leicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfende Nachricht, ausgegeben von den Duisburger Fischereiverbänden. Nebst dem vor Duisburg lauernden Piranha wanderten auch die Schnappschildkröte und die Donaugrundel in die Gegend ein. Letztere breite sich seit sechs Jahren im gesamten Rhein-Mosel-Gebiet aus, heißt es von der Burgund: ein gedrungener, rund 20 Zentimeter starker Geselle, der in schon fünf verschiedenen Arten aus dem Schwarzmeerraum in den Rhein migrierte und die Machtverhältnisse im Wasser kippte: „Mancher Angler fängt kaum noch einen anderen Fisch.“

Bis zu drei Meter lange Welse hätten sich im Rhein angesiedelt, heißt es desweitern aus Duisburg. Ein Tauchgang in den Tiefen des Stroms mag da leicht zu einer Begegnung der archaischen Art führen – uns erinnert der Riesenwels natürlich sogleich an den Grauer, den rheinischen Urfisch halbmythischer Provenienz, der selten gesehen, dessen orakelnd-erzählendes Blubbern und Murmeln aber schon häufig gehört worden sein soll. Ab wievielen Welsmetern die Weltsprache Anglerlatein beginnt und ab wievielen Welsmetern sie völlig überdehnt zusammenschnalzt, ist bis heute nicht geklärt. Im Dnjepr, lasen wir einst, hätten schon bis fünf Meter lange Welse gelebt.

Was Längen- und sonstige -Mythik betrifft, ist der Wels eher nur ein Häppchen gegen den Stör. Der groteske Knochenfisch gilt im Rhein (bis auf eine Kleinart, den Sterlet) seit den 50er Jahren als „nicht mehr heimisch“. Das hinderte Winfried Kersjes nicht, an Fronleichnam bei Emmerich einen über einen Meter langen Stör aus dem Fluß zu ziehen. „Mich überkam ein Gefühl der Panik, ich konnte es gar nicht glauben. Das ist eine Sensation“, waren die Worte des erfahrenen Anglers auf derwesten.de nachzulesen. Kersjes ließ den Stör nach dem Vermessen und einem Beweisfoto wieder frei. Unterdessen darf gerätselt werden, ob es sich dabei um einen freiwiligen Rückkehrer oder um ein ausgesetztes Tier handelte. Falls es ein Exemplar der größten Störart, des Hausens gewesen sein sollte: diesem Tier werden in der Weltsprache Anglerlatein Körperlängen von bis acht oder neun Metern zugeschrieben.

Die Forscher auf der Burgund berichten darüberhinaus von Neozoen und Alteingesessenen mit poetischen Namen wie Quaggamuschel, Steinkleber (eine Schneckenart) und Hydropsyche (eine Köcherfliegenart). Ihre Schöpf- und Bestimmarbeiten sollen bis Ende Juni dauern, die Ergebnisse an die EU berichtet werden. Vielleicht schenkt ihnen der Grauer bis dahin noch obskure Knöchelchen oder eine weise Redewendung aus seinen Zahnzwischenräumen.

Rheinisches Fischmonster

An den legendären Grauer gemahnt das rheinische Fischmonstrum, von dem die FAZ online vor zwei Tagen in groben Zügen berichtete: Bei Wiesbaden habe die Polizei am Ostermontag eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht. Von einer Frau alarmiert, die glaubte, einen Menschen im Wasser treiben zu sehen, fanden die Beamten einen zweieinhalb Meter großen und 80 Kilogramm schweren Wels, der auf einer Sandbank gestrandet war. Das Tier wurde dann mit Seil und Boot der Wasserschutzpolizei zurück in tiefere Wasser geschleppt.

So weit, so gut. Doch zur intensiveren Verbildlichung des Berichts wurde demselben von der FAZ noch ein Foto zur Seite gestellt. Es zeigte einen kescherbewehrten knieenden Mann am Rande eines Wasserbeckens, darin ein Wels in etwa in der Größe dieses Mannes. Die Bildunterschrift besagte: “Der gestrandete Wels im Rhein war noch einen halben Meter größer”
Ein sehr animierender, die Vorstellungskraft begünstigender Journalismus, dachten wir da, der, wo er die originalen Fänomene verpaßt, sogleich mit Ersatzfänomenen aufzuwarten versteht. Ganz im Banne solcher Denkart stellten wir uns vor, wie es wäre, erklären zu dürfen, sollen oder müssen, daß es die FAZ online gibt und welcher Art dieses Medium beschaffen sei. Der FAZ-Redaktion dürfte womöglich folgende Lösung gefallen: Wir tätigen einen Screenshot der Panorama-Seite des Online-Auftritts sagen wir: des Kölner EXPRESS. Und erläuternd fügen wir hinzu: “Die FAZ aus Frankfurt war noch ein bißchen seriöser”

Mein unsichtbares Auge empfiehlt: Rheinfänomen

Der Grauer

Der Grauer besteht aus Schotter, aus Kies
aus dem Wasser, das an ihm feilt, aus einer
Inversion der Zeit, ein Tier so alpin wie
maritim, ebenso schwer wie leicht, bös wie
ein Gott und stumm wie ein Geist. Geborn
aus dunklen Blasen, aus uraltem Gerücht
das klar über Grenzen reicht. Er schwimmt
er stürzt und steht als isotroper Wels, als
Aal schlängt er sich durch dein Gebet, ein
ewiges Rauschen aus Fels und abgründiger
Quell. In seinem Fischhirn wohnen Wesen
und Kräche der Jahrmillionen. Daß er uns
bloß nicht lacht! Nebst Rieslingmelancholie
hat er dem Land den Strom gebracht und
graue Barteln wallen seitdem in uns allen