Zwischenbilanz (9) – Von Flüssen in Chiapas

Weil unsere Forschungen in den vergangenen beiden Monaten sich, was das fluviale Moment belangt, auf den mexikanischen Bundesstaat Chiapas konzentriert hatten, passierte in dieser Zeit auf diesen Seiten so gut wie nichts. Rheinische Nachrichten erreichten uns dann und wann in kurzen Atempausen während der Erkundungstouren in Chiapas und Oaxaca, zwischen Festival- und Kulturbotschafteraktivitäten, Naturkatastrofen, Fiebern und literarischen Arbeiten. Ab sofort und bis Jahresende wird rheinsein die diesjährige Schlagzahl von zehn Einträgen pro Monat nochmals aufnehmen, bevor zum Jahreswechsel erneut Entscheidungen über Fortführung bzw. Beendigung des Projekts anstehen.

Als Übergang zwischen Leerstelle und neuen rheinischen Einträgen zeigen wir Flußeindrücke aus dem Süden Mexikos. Nach der Ruinaulta, dem “Grand Canyon der Schweiz”, besuchten wir in Chiapas den “Grand Canyon Mexikos”, den Cañón del Sumidero, einen Abschnitt des Río Grijalva. Geführte Flußtouren auf Schnellbooten starten bei Chiapa de Corzo. Mit rasender Geschwindigkeit geht es an dichter Ufervegetation entlang Richtung Schlucht.
sumidero_verschwommene erinnerungVerschwimmende Erinnerung

Daß während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautet eine Warnung des Bootsführers. Bei Brücken, Felshöhlen, auffälligen Pflanzen und Tieren legt er Stops ein und erzählt zum Gesichteten passende Geschichten, von denen der Wind die schönsten Episoden stiehlt. Unsere Sitznachbarin versorgt uns mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung “Wasserwurzel” bedeuten soll. Durch den Himmelskorridor über unseren Köpfen ziehen verirrte Pelikane, darüber kreisen Rabengeier. Silberreiher stehen stolzen Models gleichend in Ufernähe und präsentieren ihr strahlend weißes Gefieder.

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen und Krokodile Kokodrile. Hier bekommen wir sie erstmals in freier Wildbahn zu Gesicht. Während die Affen gegenüber den Bootstouristen in etwa diegleiche Neugier aufbringen wie die Bootstouristen gegenüber den Affen, lungern die Krokodile scheinbar desinteressiert auf Schlammbänken. Das braune, blasenwerfende Wasser macht einen nicht ganz ungiftigen Eindruck. Welche monströsen Wesen in seinen verschlammten Tiefen wuseln mögen, erscheint letztlich unausforschbar. Geister der Chiapa, eines Mayavolks, das sich, um der Versklavung durch die Konquistadoren zu entgehen, in die Schlucht stürzte und somit sein Erdendasein auslöschte, könnten heuer auf dem Flußgrund siedeln. Wir erreichen einen gigantischen Teppich aus Treibholz und Plastikmüll, der die gesamte Flußbreite einnimmt. Die Schrauben des Bootes häckseln sich mühsam hindurch, weitere Touristenboote staken im Teppich, und der Wind verweht die Erzählung von der Mülllawine im Naturschutzgebiet.
sumidero_weihnachtsbaum“Weihnachtsbaum” lautet der Name dieser Pflanzenformation, die in der Regenzeit von seitwärts in Sprühregen verwehenden Kaskaden gewässert wird

Nach gut zwanzig Kilometern erreicht die Fahrt ihren Wendepunkt am Chicoasén-Staudamm. An der Staumauer wartende Versorgungsboote bieten Snacks und Getränke. Die Rückfahrt mündet kurz vor Schluß in Starkregen. Komplett durchnäßt gehen wir an Land. In Chiapa de Corzo bestellen wir Sonne, um wieder zu trocknen, und ein paar der berühmten süßen Backwaren.
sumidero_von oben

Über einsame Serpentinen geht es mit dem Sprinter weiter zu Aussichtspunkten, um den Canyon und seine Schattenwürfe aus verschiedenen Höhen zu betrachten. Im Rückspiegel torkelt der angeblich weltgrößte Schmetterling, ein metallisch blau schillernder Falter, unter Einfluß unserer Abgase über die Straße. Nächst einer der Plattformen steht ein Ceiba-Baum, in der Maya-Mythologie der germanischen Weltesche Yggdrasil als Bindeglied zwischen Unter-, Real- und Oberwelt vergleichbar, eine Funktion, die der Cañón del Sumidero auch für sich genommen vermittelt: als Herberge eines untergegangenen Volkes, als Sammler von Gegenwartsmüll und wilden Tieren, sowie mit magischem, von Sonne, Regen und Wind geleitetem Himmelsspiel.

sumidero_el zopilote pasaEl zopilote pasa

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Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein innerstädtischer Leguan beobachtet uns, und zischt, sobald wir die Kamera zücken, mit so nie von einem Leguan erblickter Geschwindigkeit ins ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise gerichtete Flußbett steckt voller Müll.
sabina_tuxtlalMural in der Nähe des Río Sabinal

Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je länger wir uns an den Ufern aufhalten, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Wir erinnern uns: an Fundorte blutiger, zuvor gefolterter Leichen auf Zeitungsfotos. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wie hoch mag der Blutanteil am Wasser liegen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr viel deutlicher, als dies europäischen Flüssen wie dem Rhein anzumerken ist, neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter den der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das wir bisher gesehen haben, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt inszeniert sich in Tuxtla (dem “Ort der vielen Kaninchen”, in dem wir kein einziges lebendes Kaninchen sahen) als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde in einer Stadt, der ohnehin keinen Tourismus anzieht, weil es in ihr nur Alltag gibt, der in allabendlichen öffentlichen Marimba-Partys und mühsam programmierten, regelmäßigen Marienerscheinungen sich auflöst und in uralten, eßbaren Zoquebegriffen, für die keine Übersetzungen mehr aufzufinden sind.

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Während einer Fieberwanderung landen wir in San Cristóbal de las Casas am Río Amarillo, der tatsächlich so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiß. Wäre es an uns gelegen gewesen, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich hätten wir ihn so benannt wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüßchen, denn um einen Fluß. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden oben kurz portraitierten Flußabschnitte alles andere als gesund aus. Doch fällt uns mehr als eine weitere Farbnuance die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als wir die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Utrilla, klassisch bekannt als Puente Blanco (Weiße Brücke) queren.
amarillo_puente blancoNicht nur sind auf deren Pfeilern Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht, sondern findet sich in unmittelbarer Nähe ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”), eine Parole, mit der im Zuge der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde und die als Kritik am selben Vaterland aufzufassen ist, denn die Entführungen erfolgten durch Polizei- und Militärkräfte, welche die Studenten später zur Exekution in die Hände eines Verbrecherkartells übergeben haben sollen. Am vielbesungenen, majestätischen Rhein sind, im Gegensatz zum kaum besungenen, plebejischen Río Amarillo, vergleichsweise wenige lyrische Zeugnisse zur öffentlichen Ansicht gebracht: ein Zustand, der nach Veränderung ruft.

Groppenfasnacht, Groppen allgemein und eine spezielle Groppe

Mit Fischknusperli ging, wie die Thurgauer Zeitung berichtet, am gestrigen Sonntag der „Große Groppenumzug“ im bodensee-schweizerischen Ermatingen über die Bühne. Die Gemeinde Ermatingen erklärt dieses Lokalereignis wie folgt: „Mitten in der Fastenzeit, wenn das Narrentreiben anderswo längst abgeklungen ist, rüstet sich Ermatingen alljährlich “zur letzten Fasnacht der Welt”. Diese erlebt alle drei Jahre mit dem Grossen Groppenumzug ihren Höhepunkt. Rund 20’000 Besucher wohnen jeweils dem in seiner Form einzigartigen Fischer-, Frühlings- und Fasnachtsumzug bei. Ihren Namen hat die Ermatinger Fasnacht von der Groppe, einem kleinen Fisch, der heute kaum mehr vorkommt. Noch vor 100 Jahren wurden Groppen aber mit dem Schleppnetz zu Tausenden auf einen Zug gefangen. Mit Salz bestreut und in der Pfanne gebraten galten sie als besondere Delikatesse.“ Die Knusperli dürften somit kaum aus Groppe bestanden haben. Weiterführende Informationen über die Spätfasnacht finden sich auf deren eigener Website. Nebst Informationen zur uneindeutigen Herkunft des Brauchs, der mindestens aufs Konzil von Konstanz zurückreichen soll, lesen wir dort über die Groppe: „Der Gropp gehört zur Familie der Knochenfische und ist auf der nördlichen Halbkugel in rund 300 verschiedenen Arten bekannt, die meisten davon sind typische Meeresbewohner. Die verbreitetste Süsswasserart, die Groppe (auch Koppe, Dolm, Cottus gobio) wird bis etwa 15 cm lang. Es sind oberseits grau bis bräunliche Fische mit dunkler Marmorierung. Nachdem der Gropp (oder eben die Groppe) im Bodensee jahrzehntelang als Folge der Gewässerverschmutzung als ausgestorben galt, ist der kleine Raubfisch heute wieder vereinzelt im See zu finden. Seine frühere Population wird er aber kaum jemals wieder erreichen. Das Gleiche gilt für seine kulinarische Bedeutung. Der kleine Fisch, dessen Fleisch von Knochen und Gräten durchsetzt ist, entspricht nicht mehr den Ansprüchen der heutigen Fischliebhaber.“ Über die Dickköpfigkeit der Groppe stand nichts zu lesen. rheinsein geht, ohne der Groppenfasnacht je beigewohnt zu haben, davon aus, daß diese spezielle Eigenschaft des Fischs in die Fasnachtsriten eingebunden sein dürfte und ist jedenfalls angetan von der groppigen Tradition am Schweizer Seeufer. Denn bei einer Wanderung durch die Ruinaulta, den „Schweizer Grand Canyon“, hatten wir einst Gelegenheit, uns mit einem leibhaftigen Exemplar dieser aktuell so seltenen Spezies zu unterhalten. Es handelte sich um eine gestrandete Groppe namens Ueli, die wir nach einigem unerquicklichen verbalen Hin und Her (vulgo: sinnlosen Diskussionen) aus ihrer mißlichen Lage, dem Eingeklemmtsein zwischen größeren rundgeschliffenen Alpenrheinkieseln, per Fingerschnips befreiten (die Groppe flog für einen Moment und das sah teuflisch elegant aus; „Groppendynamik“ flirrte uns ein beschreibendes Kompositum für ihr Flugverhalten durch den Schädel), woraufhin der geschnipste Fisch, dem all das offensichtlich peinlich war, grummelnd davonflösselnd, und auf eine Art und Weise vernuschelt, damit nur jeder wüßte, wie schwer ihm die Sache fiel, uns drei von ihm zu erfüllende Wünsche zugestand, eine fortgesetzt unangenehme Situation also, die wir seinerzeit nicht zuletzt wegen akuter Wunschlosigkeit mit lediglich dem Wunsch eines „Guten Tages“ quittierten, welcher auf die Groppe zurückfallen sollte. Wir haben nie wieder von ihm/ihr gehört.

Ruinaulta

Was der Rhein alles ist und wie er sich zeigt, schreibt Victor Hugo in „Le Rhin. Lettres à un ami“: „Er ist mal breit, mal schmal, er ist meergrün, durchsichtig, schnell, freudig und ganz erfüllt von der großen Freude, die allem Machtvollen eigen ist.“ Hinter Castrisch fällt er plötzlich in eine Schlucht. Sein Wasser wird turmalinfarben, bleibt zugleich durchsichtig. Pfeifend und rumantsch plappernd dringt die Rhätische Bahn in die Ruinaulta, neben einem schmalen Fußpfad bedeutet ihre Schmalspur die einzige Verkehrstrasse in einem Gelände voll herrlicher Wildheit und Anspielungen auf Kulissen und Koloration der Winnetou-Filme. Über 1000 Gipfel, 614 Seen und 150 Täler soll Graubünden aufweisen. Doch diese Schlucht, die auch als Schweizer Grand Canyon bezeichnet wird, mag sie alle an Faszination übertreffen – was aus dem Zugabteil leicht Reden ist und nach Möglichkeit bei der ein oder anderen Fußwanderung überprüft werden soll. Vor gut einem Jahr habe ich diese beeindruckende Schlucht samt Flimser Bergsturz ehrfürchtig bis gethrillt und sowieso höhenschwindlig von weit oben an der Asfaltstraße durch eine passende Baumlücke betrachtet; jetzt zockle ich auf ihrem Grunde durch sie hindurch und kann weder diese Vorgaben an Idyll noch die Möglichkeit, sie per Eisenbahn zu queren, richtig fassen. Der Mittelrhein ist ein Abklatsch davon. Ein aufgepumpter. Klassischer Fall für Verlust qua Potenzierung, Mediokrität nach sich ziehende Kulturvervielfältigung. Hier jedoch springt der Fluß wie die Konsonanten der romanischen Sprache, er felselt, besteht aus mehr Kies als Wasser, rauscht, knautscht und gautscht. Nach seinen Taten und Sagen muß man suchen, sie werden einem nicht aufs Auge gedrückt. Kaum jemand hält sich in dieser unsäglich attraktiven Wildnis auf. Die Zugpassagiere wollen allesamt nach Chur. Die Schluchtbahnhöfe liegen weit unterhalb der Ortschaften mit Namen Valendas-Sagogn, Versam-Safien, Trin (Halt bei Bedarf). Kurz vor Reichenau tritt der Lauf aus der Schlucht, das türkisfarbne Wasser fügt sich zum geschmeidigen Dreischneuß des Zusammenfluß`, über den die Rhätische Bahn hinwegschwebt. Die Schneegrenze wird zur Grenze vereisten kalten Schweißes, denn ab Domat-Ems schwitzen die Berge ihre erdrückenden Depressionen aus. Unterhalb Chur bewirbt ein Plakat: www.gottkenner.ch (Fehler! Die von Ihnen aufgerufene Adresse http://www.gottkenner.ch/ ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie die korrekte Schreibweise der Webadresse (URL) und versuchen Sie dann die Seite neu zu laden.)