Grand Canal d’Alsace

Elektrorhein: die Nordfassade des Laufwasserkraftwerks Fessenheim schmückt ein Vater Rhein-Relief – als blitzeschleudernder Zeus oder Thor ist der Flußgott eine Rarität, deren Mythologie sich im Zeitalter elektrischen Stroms erst noch entwickeln muß.

Im rundumverglasten Maison des énergies, einem Erklärzentrum der französischen Elektrizitätswerke EDF, spiegeln sich Grand Canal d’Alsace und wolkenumspielte Schwarzwaldgipfel.

Nirgends am weitläufigen Rhein haben wir den Müll bisher in vergleichbarer Perfektion sich großflächig ordnen sehen: am Nordende des Schleusenwehrs von Fessenheim erstrecken sich mehrere Becken, in denen Geschwemmsel hochgradig ästhetische abstrakte Mosaiken auf der Wasserfläche bildet.

Presserückschau (Dezember 2012)

Zum Jahreswechsel passend erscheint auf unserem Screen die Frage, ob nicht eigentlich immer wieder dasselbe in der Zeitung stehe? Für die Presserückschau dürfte eine Bejahung dieser Frage bedeuten, daß sie fortzuführen ab einem gewissen Grad an Themenabdeckung überflüssig würde. In der Vergangenheit haben wir tatsächlich den ein oder anderen Zeitungsartikel nur unwesentlich verändert oder ganz identisch zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Stellen vorgefunden. Würden zigtausende Rheinmeldungen aus hundert Jahren überblendet/auf Schnittmengen untersucht, was wären die zentralen/häufigsten Begriffe/Themen? Folgt eine Nachricht der Aktualität nicht nur, sondern nimmt sie die Aktualität auch vorweg, sodaß sie beinahe blind, ihrem konkreten Anlaß weitgehend entkoppelt lanciert werden könnte?

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“Warum gibt es im Rhein keine Aale mehr?“ fragt die Badische Zeitung und schildert ihre Vorort-Recherchen: „Für Sekunden zuckt der Aal im grünen Netz. Dann schlägt der Schwanz geschmeidig nach hinten aus, der glitschige Fisch landet im aufgewühlten Wasser des Grand Canal d’Alsace bei Kembs. Er trägt einen Sender unter der weißen Bauchhaut. Er ist einer von 50 Akteuren. Französische Forscher wollen herausfinden, warum die Aalbestände in Europa und besonders am Rhein dramatisch zurückgegangen sind. Über die Ursachen wird spekuliert: Wasserkraftanlagen und Stauwehre, Umweltverschmutzung, Pilzkrankheiten oder Überfischung in manchen Flussmündungen? (…) “Gesichert ist, dass es innerhalb weniger Jahre in den 80er-Jahren zu einer Zäsur gekommen ist”, erklärt Sébastien Manné vom Amt für Wasser und Wasserlebensraum, er überwacht das Forschungsprogramm. Die Zahl der Aale ging danach um 95 Prozent zurück.“ Am Niederrhein wiederum wird der Aal fleißig gefangen, jedoch vor seinem Verzehr gewarnt, weil der Fisch zuviele Schadstoffe aus chemischen Altlasten am Rheingrund enthalte.

2
Über ein dreijähriges deutsch-niederländisches Projekt, an dem auch die Hochschule Rhein-Waal beteiligt war und das nun 81 Buchseiten abwirft, schreibt die Rheinische Post. In der Publikation „Genießen im Grünen – Groen genieten in der Region Rhein-Waal“ seien die Vorzüge der wenig bekannten „grünen Insel“ zwischen den Ballungsräumen Rhein-Ruhr und Randstad Holland dargestellt: „Wunderschön wird der Niederrhein in all seinen typischen Facetten dem Leser vor Augen geführt. So sieht man große Heuballen vor der Silhouette der Schwanenburg: „Selbst in Städten wie Kleve ist es am Niederrhein nie allzu weit bis zum nächsten Acker.“ Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der Produktion: „Das Ackern liegt dem Niederrheiner im Blut“. Auch Grünkohl, Eier von frei laufenden Hühnern, Weizenanbau, Äpfel mit roten Backen oder Käseerzeugnisse sind Wirtschaftszweige der Zukunft.“

3
„Die Leverkusener Rheinbrücke ist für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen gesperrt worden. Enorme Schäden hätten diese Maßnahme notwendig gemacht, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Ob die Mängel überhaupt zu reparieren sind, ist unklar.“ (Kölner Stadt-Anzeiger)

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„Cette semaine, le projet commun des neuf ports du Rhin Supérieur a été lancé – le «corridor européen multimodal du Rhin Supérieur» devient ainsi une réalité, constituant un maillon central du transport fluvial sur l’axe Rotterdam – Gênes. L’Europe des transports est en train de se constituer et le Rhin Supérieur fait partie des éléments centraux donnant en même temps un exemple d’une coopération tri-nationale réussie“, teilt das euroJournal mit. Dem „multimodalen Korridor“ gehören die Häfen von Straßburg, Colmar, Kehl, Karlsruhe, Ludwigshafen, Mannheim, Basel, Mülhausen und Weil am Rhein an.

5
Von einer halbwegs höllischen Passagierkonzentration auf der Bellriva berichtet die Frankfurter Rundschau: „Auf einem Rhein-Kreuzfahrtschiff vor Wiesbaden sind in der Nacht zum Samstag mindestens 54 Reisende an schwerem Brechdurchfall erkrankt. Weil die Ursache dafür zunächst völlig unklar war, wurde das Hotelschiff unter Quarantäne gestellt – niemand durfte von Bord.“ Als Verursacher wird der Norovirus vermutet, die Feuerwehr sei ihm bereits auf der Spur. Die größte Gefahr beim Norovirus bestünde in Dehydration. (Wahnsinnsidee: Ein Süßwasserschiff voller Dehydrierender, die sich in üblen Schwällen die Seele aus dem Leib treiben. Hieronymus Boschs Visionen als Wirklichkeit vor Wiesbaden.) Ein Fluch scheint auf der Bellriva zu liegen: „Das Schiff war erst im Frühjahr dieses Jahres in die Schlagzeilen geraten, nachdem es bei Karlsruhe von einem Lotsen auf Grund gesetzt und dabei fast versenkt worden war.“

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Ein Zusammenschluß namens „Trinationale Metropolregion Oberrhein“ betreibt „das touristische Leuchtturmprojekt “Upper Rhine Valley”“, meldet baizer.ch, das Portal des Wirteverbands Basel-Stadt: „Neue Vorhaben, die auch in der Region wirken und dort die Wahrnehmung stärken, sind die Entwicklung und Installation von Schildern, die den Eintritt ins “Upper Rhine Valley” an allen Autobahnen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kennzeichnen, die Entwicklung und Kennzeichnung grenzüberschreitender Ein- und Mehrtagesradtouren sowie die Verbindung der Weinstrassen links und rechts des Rheines zu einer gemeinsamen “Oberrheinweinstrasse”.“

7
Hat das die Loreley getan? Eine Meldung aus der Frankfurter Rundschau: „Ein mit Stahl beladenes Güterschiff ist (…) auf dem Rhein bei Sankt Goar nahe der Loreley auf Grund gelaufen. (…) Ursache der Havarie sei ein Fehler des Schiffsführers gewesen.”

8
„Am 26. März 2013 organisiert das grenzüberschreitende Forschungskonsortium Neuro-Rhine im Plenarsaal des Conseil Régional d’Alsace in Straßburg einen internationalen Kongress für Experten und Praktiker der Neurogenese und der Neuroprotektion“, verkündet rmtmo.eu, das Portal der offenbar anglofilen „Trinationalen Metropolregion Oberrhein“ (siehe 6) bereits jetzt: „Neuro-Rhine ist ein Konsortium von 10 Partnern aus der Trinationalen Metropolregion Oberrhein und Umgebung: Universitätsklinikum Freiburg, SATT CONNECTUS Alsace, Centre National de Recherche Scientifique (CNRS), Région Alsace, Association Neurex Alsace, Universität Basel, Universität des Saarlandes, Land Baden-Württemberg, Land Rheinland-Pfalz.“

Ansonsten jede Menge Berichte zu den Hochwasserständen (“der Rhein ist für die Schifffahrt gesperrt”; “der Rhein darf wieder von Schiffen befahren werden” etc etc), die in ihrer schubartigen Häufung zeitgeraffte Plastiken in unserer Imagination hervorrufen: eine Art holografischer Tischrhein zum Selberbedienen, dessen Vorbild eine Kreuzung aus Modelleisenbahn und Strömungsbecken mit lyrischen Unterständen sein könnte.

Rhein vs Niger

4-Seasons, das Hausmagazin des Reiseausstatters Globetrotter, führt in einer aktuelleren Ausgabe ein Interview mit dem Reiseschriftsteller Michael Obert, der aus Breisach stammt und u.a. den Niger von der Quelle bis zur Mündung bereist hat: „(…) Ich bin am Rhein aufgewachsen, habe im Fluss schwimmen gelernt, jede freie Minute geangelt, den Frachtschiffen nachgesehen und mich an Bord geträumt. Irgendwann hat sich der Niger in meinem Kopf festgesetzt – und die Idee, dass ich ihn einmal auf voller Länge bereisen würde. (…)“ Am Niger glauben die Flußleute, daß es auf dem Stromgrund Dörfer gibt, in denen Götter und Geister wohnen. Im Gegensatz zu den Geschichten der Rheingläubigen werden die des Nigers nach wie vor hauptsächlich in mündlichen Überlieferungen weitergegeben, sind drum jedoch nicht weniger alt oder sogar älter und gleichzeitig womöglich lebendiger. Ein in Europa ausgebildeter Geisteswissenschaftler aus dem Kamerun erzählte uns vor Jahren, daß er in seiner Heimat auf dem Land Leute kenne, die für eine Weile auf dem Flußgrund lebten, teils, indem sie sich in Tiere verwandelten. Dies erzählte er mit demselben Ernst, mit dem er über die Filosofen der Aufklärung sprach: Transformationsprozesse und ihre vielfältigen Ausprägungen. Mitteleuropa zähmt die wilden Ströme, und baut dann gigantische Bagger um Begradigungsfolgen auszugleichen, auch diese begehbaren Druckkammern, die auf den Rheingrund gelassen werden, mit deren Hilfe die Fahrrinne gereinigt wird: der technische Fortschritt implantiert sich der Natur, es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste Mischwald aus herkömmlichen und elektronischen Bäumen entsteht – Westafrika pflegt weiterhin mystisch-zaubrische Naturtechniken und läßt dem Fluß seinen selbstgewählten Lauf. Auf die Frage, was für ihn Heimat bedeute, beschreibt Obert ein Ritual, das wenig europäisch anmutet: „Wenn ich meine Mutter in Breisach besuche, gehe ich hinunter an den Rhein, an eine Stelle, wo ich als Junge oft zum Angeln saß. Dort tauche ich meine Hände ins Wasser. Lange Zeit ist das für mich am ehesten „Heimat“ gewesen: meine Hände in „meinem“ Fluss spüren. Mittlerweile fühle ich mich überall auf der Welt geborgen, aufgehoben, zugehörig, wo ich die Hände in die Strömung tauchen kann. (…)“ Bei Breisach herrscht Dreirheinigkeit: Grand Canal, Tullarhein, Altrhein. Uns am ehesten vorstellbar, daß Obert eine Stelle am Altrhein meint. Obert erzählt im weiteren, wie Patrick Leigh Fermors „Die Zeit der Gaben“ ihn zur Reiseschriftstellerei inspiriert habe und davon, was den Rheinanwohner mit dem Nigeranwohner verbindet: „Schon als Junge spann ich Geschichten über den Rhein zusammen: Auf dem Grund des Flusses lebten Wesen, halb Mensch, halb Tier, ich sprach mit ihnen, brachte ihnen Geschenke, bat sie um kleine Gefallen. Ich glaube, ich habe nie aufgehört, nach dieser geheimnisvollen Welt und den Wesen, die sie bevölkern, zu suchen. Dann komme ich an den Niger – und dort ist diese Welt ganz alltäglich, dort leben die Geister auf dem Grund des Flusses, Menschen gehen bei ihnen in die Lehre, heiraten sie sogar oder tanzen mit ihnen, andere verwandeln sich in Krokodile, Seekühe werden zu Frauen. Am Niger ist die Welt des kleinen Jungen vom Rhein plötzlich lebendig geworden – uralt, fantastisch, rätselhaft.“

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!