Presserückschau (Juli 2016)

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“Der Rhein ist nichts für Anfänger, meint Mike Pernox. “Da findet man vor allem Wasser-Pokémon – wenn man sie denn haben will. (…) Dem Rhein würde ich als Standort drei von fünf Sternen geben. Die Wasser-Pokémon, die man dort findet, sind gut, es gibt Enton, Karpador und Goldini”, sagt er. Vor allem aus Karpador könne man später viel machen – das Pokémon entwickelt sich nämlich mit genügend Pflege weiter zu einem Pokémon namens Garados, und das ist zum Beispiel im Kampf mit anderen Spielern und ihren Monstern kaum zu schlagen.”" (Rheinische Post)

2
“Am (…) 10.07.2016 wurden zum ersten Mal elf Kinder aus Köln im Rhein getauft. Pfarrerin Dr. Anna Quaas und Pfarrer Mathias Bonhoeffer der evangelischen Kartäusergemeinde feierten den Taufgottesdienst mit über 100 Gästen. (…) Carl, Milla, Lion, Zoe, Marlene, Leonie, Ben, Timm, Trixi, Frida und Jake gehören jetzt zur Gemeinde. (…) Damit der Gottesdienst im Rhein tatsächlich stattfinden konnte, mussten zunächst Genehmigungen eingeholt werden. Sowohl das Grünflächen- als auch das Schifffahrtsamt mussten zustimmen. Auch wenn die Strömung an der Taufstelle nicht besonders stark ist, sorgte die DLRG von einem Boot im Wasser aus für Sicherheit.” (WDR)

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Rheintote
“Ein vermisster Matrose ist bei Ludwigshafen im Rhein gefunden worden. Die Leiche war laut Polizei am Werksgelände des Chemiekonzerns BASF an einer Wasserentnahmestelle entdeckt worden. Der Mann hatte laut Sprecher der Polizei seine Ausweispapiere bei sich, daher konnte er identifiziert werden. Vermutlich ist er ertrunken. Das 46 Jahre alte Besatzungsmitglied war (…) bei Mannheim von einem Kreuzfahrtschiff in den Rhein gefallen.” (Stuttgarter Zeitung)

“Ein 19-jähriger afghanischer Asylbewerber ist (…) im Rhein in Laufenburg AG ertrunken. Seine Leiche wurde (…) im Rechen des Kraftwerks Laufenburg angeschwemmt. Der Mann gehörte zu einer Dreiergruppe von gleichaltrigen Landsleuten, die (…) im Rhein ein Bad nahmen. Dabei gerieten sie in Not. Einer konnte sich selber ans Ufer retten, ein zweiter wurde von einem privaten Bootsfahrer aus dem Rhein gefischt. Der dritte Afghane blieb trotz einer Suchaktion verschwunden. (…)
Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hatte Anfang dieses Sommers darauf hingewiesen, dass im Hitzesommer 2015 auffallend viele Touristen und Asylbewerber beim Baden tödlich verunglückt waren. Die SLRG liess darauf ihre Baderegeln in mehrere Sprachen übersetzen – unter anderem auf Arabisch und Somalisch.” (Blick)

“Horrorfund am Colonia-Hochhaus! Bei einem Spaziergang am Rheinufer stieß der Kölner Adrian H. (Name geändert) am Mittwochnachmittag auf die verstümmelten Überreste eines Mannes. „Es handelte sich um eine männliche Leiche, circa 40-50 Jahre alt, verschnürt in einen blauen Müllsack, ohne Arme und ohne Kopf“, so H. (…). Die sterblichen Überreste sollen nun obduziert werden, um Näheres über das noch nicht identifizierte Opfer und dessen Todesumstände zu erfahren. (…) Eine Mordkommission wurde gebildet, um das Todesrätsel zu lösen.” (Express)

“Die Wasserschutzpolizei musste (…) eine groß angelegte Suchaktion auf dem Rhein bei Orsoy ergebnislos abbrechen. Sie galt einem jungen Mann, der vermutlich ertrunken ist. Dabei handelt es sich (…) um einen 26-jährigen Flüchtling (…). Nach ersten Erkenntnissen soll er ein ungeübter Schwimmer gewesen sein und am Strand in Höhe des Hafens als Einziger im Fluss gebadet haben. Plötzlich sei er von einer Welle erfasst worden, die ihn weggerissen habe. (…) Mehr als 100 Leute beobachteten das beängstigende Szenario. Nach gut einer Stunde wurde die Suche eingestellt.” (Rheinische Post)

“Schon wieder ist ein Flüchtling den Fluten des Rheins ausgeliefert gewesen: Nach einem 19 Jahre alten Nigerianer wurde (…) in Bad Säckingen bei einer großangelegten Rettungsaktion im Rhein gesucht. Der Flüchtling, der laut Polizeiangaben nicht schwimmen konnte, wird bisher noch vermisst. Die Behörden rechnen mit dem Schlimmsten. Der 19-Jährige ist (…) zusammen mit einer Gruppe von Flüchtlingen an den Rhein gegangen, um dort zu baden. Dabei ging der Nigerianer nach Angaben seiner Begleiter einige Schritte ins Wasser und wurde von der Strömung mitgerissen. Der Nichtschwimmer trieb ab und ging unter.” (Badische Zeitung)

“Bei Albbruck (wurde) eine männliche Leiche im Rhein gefunden. Über die Identität des Toten und die näheren Umständen seines Todes ist (…) nichts bekannt. (…) Die Fundstelle befindet sich in der Nähe eines beliebten Freizeitgeländes direkt am Rhein gegenüber der früheren Papierfabrik. (…) Ob der bei Albbruck aufgefundene Tote eventuell mit dem Vermisstenfall G. B. (…) in Zusammenhang steht, ist ebenfalls offen. Mehr Klarheit dürfte erst die von der Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen angeordnete Obduktion durch einen Gerichtsmediziner bringen.” (hierzuland)

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Konzert auf der Rheininsel Grafenwerth: “”Aus nacktem Felsen dringt es. Noch namenlos, das Quellende, das Rinnende, das Wässrige.” Scheinbar aus dem Off ertönte am Freitag die Stimme von Sven Puchelt. Er saß am Bug des “Rheingold”-Schiffes und erzählte die Geschichte des Rheins, während die Musiker des Ensembles die Schiffsbühne am Heck eroberten. Unter der Leitung von Rüdiger Oppermann reist das Ensemble am Rhein entlang zu insgesamt 15 verschiedenen Orten von Basel über Worms bis Xanten, um das Publikum an den Ufern der Rheinstädte zu begeistern. (…) Rund 150 Gäste lauschten den musikalischen Geschichten vom Rhein als “Alpenwanderer” über den Goldhut von Schifferstadt bis hin zum Nibelungenlied und der Loreley. Und während hinter der Bühne über dem Rhein langsam die Sonne unterging, begeisterten Oppermans Weltmusiker mit teils mittelalterlich anmutender Musik, asiatischem Lautgesang und afrikanischen Trommelkonzerten bis hin zum Big-Band-Gefühl, wenn die 15 Musiker gemeinsam auf der Bühne standen.” (Kölnische Rundschau)

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Unter “füdliblutt” versteht der Schweizer “nackt”. So erklären sich Schlagzeile und Artikel der kostenlos verteilten Tageszeitung 20 Minuten, die sich in der Schweiz, anders als in Deutschland, bis auf den heutigen Tag erhalten hat: “Füdliblutt am Rhein – Ein Nackter zog (…) am Kleinbasler Rheinufer die Blicke vieler Passanten auf sich. Verboten ist das in Basel nicht. Er sei dem Wasser entstiegen, wie Gott ihn geschaffen hat, berichtet ein Leser-Reporter. (…) Einen verwirrten Eindruck soll der Langhaarige gemacht haben, als er im Adamskostüm die Promenade rheinabwärts schritt.”

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“Eine Wette zwischen Schweizern aus Zürich und Elsässern aus Straßburg aus dem Jahr 1456 ist der Hintergrund der Hirsebreifahrt. Zwischen den Städten bestand eine Partnerschaft und die Zürcher Zunftleute wollten mit dieser Fahrt ihren Partnern beweisen, dass sie im Notfall innerhalb eines Tages bei ihnen sein könnten. Als Beweis brachten sie einen Topf Hirsebrei, der bei der Ankunft noch warm war. Seit 1946 findet die Fahrt als Zeichen der Verbundenheit (fast) alle zehn Jahre statt.” (Badische Zeitung)

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“Der zwischen Hinterrhein und Nufenen neu erbaute Rheinquellweg ist (…) eröffnet worden. Gleichzeitig wurde auch das Projekt «Sprudelnde Geschichten und Dorfbrunnen» feierlich eingeweiht.” (Südostschweiz)

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“Ein Velofahrer ist (…) in Graubünden über steile Felsplatten hinab in den Rhein gestürzt. Er trieb rund 100 Meter den Fluss hinunter, bis er sich an einem Stein festklammern konnte. (…) Der Unfall hatte sich bei Haldenstein ereignet, als der Velofahrer auf einem schmalen Wanderweg dem Rhein entlang fuhr. Dabei verfing sich laut Polizei seine Lenkstange in einer Stahlkette, die als Haltevorrichtung für Wanderer dient, und er stürzte.” (Basler Zeitung)

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“Damit der Aal eine Zukunft hat, wurden (…) 40.000 Jungtiere zwischen Lampertheim und Wiesbaden-Biebrich in den Rhein gesetzt. Ehrenamtliche Helfer und örtliche Angelvereine hatten diese Aufgabe unter Regie des Darmstädter Regierungspräsidiums übernommen. Sie erfüllen damit die EU-Aalverordnung. (…) Die ausgesetzten Tiere sind etwa 20 Zentimeter lang und damit für viele Fressfeinde nicht mehr interessant. (…) Damit die meisten der 40.000 Aale eine Überlebenschance haben, wurden sie zunächst an Europas Küsten als Jungtiere gefangen und dann in Aquakulturanlagen bis zu ihrer jetzigen Größe aufgezogen. Die beim Darmstädter Regierungspräsidium angesiedelte Fischereibehörde geht davon aus, dass die Aale in den nächsten fünf bis 20 Jahren im Rhein leben und dann auf Wanderschaft in ihre bis zu 6000 Kilometer entfernten Laichgebiete ziehen. Diese Tour geht quer durch den Atlantik bis zur Sargassosee am Rand der Karibik. In der Regel verliert sich dort die Spur der Tiere. Forschern ist es bisher nicht gelungen, Aale bei der Fortpflanzung zu beobachten.” (Echo)

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Presserückschau (Juli 2013)

Das Sommerloch hat fast alle nennenswerten rheinischen Nachrichten verschluckt. Neben der üblichen Sommerberichterstattung über die zahlreichen Rhein in Flammen-Veranstaltungen, einem auf Grund gelaufenen Tanker (ein gutes Stückchen oberhalb der Loreley, somit außerhalb jeden Mythoseinreihungsverdachts) und dem traurigen saisonalen Anstieg der Badeunfälle (“Schwimmen im Rhein ist wie Joggen auf der Autobahn”) zischte so gut wie nichts an rheinischen Meldungen durchs Netz:

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Der mißlichen Faktenlage widmete sich schließlich das Satire-Magazin Der Postillon und bescherte am 23. Juli die lange ersehnte verwertbare Meldung: “Wie die Regierung heute bekanntgab, haben deutsche Behörden am Wochenende ein Krokodil in den bei Badegästen beliebten Nebenarmen des Rheins ausgesetzt. Ziel sei es, das drei Meter lange Tier für die nächsten vier bis sechs Wochen zum Nachrichtenthema des Sommers zu machen und so unliebsame Skandale aus den Schlagzeilen zu verdrängen. ”Noch können Sie so viele kritische Fragen stellen, wie Sie wollen”, verkündete Regierungssprecher Steffen Seibert vor versammelten Journalisten. “Aber schon bald werden Kinder beim Spielen das Krokodil sichten und Deutschland ins Sommerloch stürzen. Wir alle wissen doch, womit Sie dann ihre Titelseiten füllen werden.”"

2
Daß Grills längst nicht immer ok sind, ist bekannt. Der oder die Verursacher der folgenden Meldung sind weiterhin unbekannt: “Entlang des Rheinufers zwischen der Insel Grafenwerth bis Königswinter wurden große Mengen altes Frittierfett angeschwemmt. Offensichtlich wurde das Fett in großem Stil illegal in den Rhein entsorgt. Das teilte (…) die Stadt Bad Honnef mit. Die Wasserschutzpolizei Köln nahm Proben des angeschwemmten Unrats und hat (…) die Ermittlungen aufgenommen. Infolge der hohen Temperaturen hatten sich die Anschwemmungen zwischenzeitlich aufgelöst, so dass die Uferbereiche wieder uneingeschränkt nutzbar sind.” (General-Anzeiger)

Damit hatte es sich dann auch mit Juli-Meldungen. Neben den Meldungen gab es allerdings noch einen sehr lesenswerten, weil detailreichen und somit vorbildlich sommerlochstopfenden Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger über die Pflanzenpopulation auf dem Kölner Dom: “Dass er heute dunkelbraun bis schwarz gefärbt ist und nicht mehr hellbeige, wie er es ursprünglich war, hat (…) weniger mit dem Schmutz und Staub der Stadt zu tun, als mit der rund 1000 Tonnen schweren Biomasse, die auf ihm lebt – ihr Gewicht entspricht etwa dem von 200 afrikanischen Elefantenbullen.”

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.

Aufm Drachenfels

Im Tal aufgewachsene Menschen (wie ich) hegen eine gewisse Skepsis gegenüber den Bergen, es ist uns nicht ganz geheuer dort oben, ungekannte Wesen und Gefahren lauern dort sowie eigentümliche Menschen, die weniger lauern, vielleicht, als daß sie wild und unberechenbar wirken oder überhöhte Preise für ihre Dienstleistungen verlangen und häufig ein recht fundamentales Christentum pflegen. Und so bekreuzigen wir uns mehrfach, bevor wir in die Felsen aufsteigen. Mein Bekreuzigungsakt am Drachenfels, einem nicht gar so gewaltigen, immerhin mit mythischem Namen und dreierlei Drachenlegenden versehenen Hügel, bestand diesmal im Deklamieren einiger Byronscher Canti aus Childe Harold`s Pilgrimage, wie etwa diesem:

„The castled Crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Between the banks which bear the vine,
And hills all rich with blossomed trees,
And fields which promise corn and wine,
And scattered cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strewed a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.“

Viele dieser lyrischen Beobachtungen treffen auch heute noch, als ein Bruchteil des Gesamtbilds, vor allem natürlich die letzte Zeile. Beim Aufstieg wie stets die Suche nach möglichen Stellen der Siegfriedschen Drachenhatz. Auf halber Höhe ein Cappuccino mit Rheinblick in den ersten Frühjahrssonnenstrahlen. Das dauerdröhnende Tal, moderne Landschaft mit Silberschleifchen, ein Probealarm, die unsichtbaren Schwingungen der Sirenen: wilde Bewegungen in der Luft. Kommen Tiefflieger über die Eifel? Die Sirenen verklingen, zurück bleibt das unregelmäßige Rauschen der Verkehrstrassen. Weiter, vorbei an Schloß Drachenburg, das einst einem etwas exzentrischen Mann namens Paul Spinat gehört haben soll, mit Vorliebe für Uniformen und rosafarbene Rolls Royce, und solchen Ideen wie Leute aus Warhols Factory einzuladen, um die Innengestaltung seiner gediegenen Wohnstatt vorzunehmen (unbestätigte Quelle). Außen verkünden Banner die Möglichkeit zur Besichtigung: „Wegen Renovierung geöffnet“. Doch: Schloß geschlossen. Vorbei an einer Gruppe dumm in die Gegend linsender Esel, die Zahnradbahn fährt vorbei, mal bergauf, mal bergab. Gegen Mittag mehrt sich das Menschenaufkommen. Der Drachenfels hat einen Ruf zu verteidigen, als Deutschlands meist bestiegener Berg. Aufwärts, aufwärts, sind eh nur ein paar Meter. Der folienverpackte Bergfried überm Gipfel ist von Baugerüsten umgeben. Steht da wie eine unmotivierte Rakete (oder ein vergessenes Geschenk). Zu seinen Füßen nach wie vor die drachenfelsische Betongastronomie, dem äußeren Anschein nach eine Mischung aus 70er-Jahre-Gefängnisarchitektur und DDR-Kantine. Soll angeblich bald weggesprengt werden. Der Postkartenblick auf die Rheininseln Grafenwerth und Nonnenwerth. Plötzlich lärmend durchkreuzt von einem offenen Leichthubschrauber. Von unten dröhnt weiter das Tal. Japanische Touristen scherzen. Ich murmle fleißig Byron-Verse. Es bräuchte einen Kescher für Geräusche. Sie auch noch nach Tagen, Wochen und Jahren aus der Luft zu fischen. Dann wär das hier eine reiche Jagd.