Die Lesung in Montabaur

„In Koblenz stieg ich aus dem Zug. Wolkenloser Himmel über dem Deutschen Eck. Bundeswehrreservisten mit Strohhüten und Bierfahnen. Ja, und der Rhein und die Dampfer, und die MS Vaterland auf dem Weg nach Bonn, Bordkapelle, deutscher Wein und Ausflügler. Ich machte allerdings keinen Ausflug. Ich war unterwegs zu meiner ersten Lesung.“

Während der Lektüre von Jörg Fausers Roman Rohstoff, der in Istanbul, Berlin, Göttingen und Frankfurt spielt und in dem Fauser in einer Szene, wenn auch nicht detailgetreu, so doch verblüffend profetisch seinen eigenen Tod beschreibt, indem er feststellt, daß auf die beschriebene Weise immer nur die anderen stürben, während dieser rasanten Lektüre, die ein Deutschlandbild eröffnete, wie es „echter“ in Romanen selten zu finden sein dürfte, hofften wir gelegentlich, daß es den Protagonisten an den Rhein verschlagen würde, um einen Grund zu haben, das Buch in unseren gesamtrheinischen Kanon aufzunehmen – was dann tatsächlich im oben zitierten 43. und letzten Kapitel geschieht: Seine erste Lesung führt Harry Gelb, Fausers Alter Ego, über Koblenz nach Montabaur. In Koblenz wartet Gerda vom Jugendbildungsklub Montabaur, um Gelb an die Stätte seiner Lesung zu geleiten:

„“Wir müssen jetzt einen Bus nehmen“, sagte Gerda, die auch nicht gerade besonders angetan schien von mir. Dabei hatte ich mein bestes weißes Nyltesthemd an, meine Trevirahose war frisch gebügelt, und ich war nach der Schicht auch brav nach Hause gegangen und hatte noch ein paar Stunden gepennt. Aber wahrscheinlich hatte Gerda einen wuschelhaarigen Hippie mit Ohrring, dreckigen Fingernägeln und geflickten Jeans erwartet, der ihr gleich einen Joint anbot und vom Paradiso in Amsterdam schwärmte.
„Ich würde ganz gern noch ein Bier trinken“, sagte ich.
Sie warf mir einen mißtrauischen Blick zu, steuerte uns aber über den Bahnhofsplatz in die Cafeteria von Hertie. Sie schleckte ein Eis, ich trank eine Halbe. Natürlich trat mir prompt der Schweiß auf die Stirn, und das Hemd wurde feucht auf der Brust. Gerda sah aus, als würde sie schon überlegen, wie sie mich am besten loswerden konnte. Ich bot ihr eine Camel ohne an, aber rauchen tat sie auch nicht. Ich zahlte. Wir gingen. Es war erst vier Uhr nachmittags. Die Lesung war für acht angesetzt.“

Sollte Gerda ein reales Vorbild haben, wird diese Dame Fauser wahrscheinlich überlebt haben. Nun fahren Gerda und Harry Gelb im überfüllten Postbus nach Montabaur:

„In dieser Gegend war ich als Halbwüchsiger schon gewandert, sie hatte sich seitdem entschieden bevölkert – ganze Wüstenrot-Siedlungen im schlichten Fertighausverfahren, dann die Bungalows an den Hängen, die Zubringerstraßen, die Autobahntrassen, Grossomärkte, Einkaufszentren, Möbellager, und die Bundeswehr hatte sich ausgebreitet mit allem, was dazugehörte, von der Raketenstellung bis zur Bundeskegelbahn. (…) Ich hätte dringend ein Bier gebraucht, ein Bier und etwas Stärkeres. Eine Lesung bei der Jungen Union, das war es also. Vom Aushilfsanarchisten zum katholischen Cut-up. Wir näherten uns Montabaur. Die Stadt sah auch entschieden mißtrauisch aus.“

Jörg Fauser: Rohstoff, Zürich 2009

Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth

Bonn, 7. und 9. Dezember 1864
[...]
Nun ist der Brief doch noch etwas liegen geblieben. So kann ich Dir denn noch vom Abend bei Prof. Schaarschmidt erzählen.
Seine Frau ist eine Holländerin, und wir haben beide zusammen über rheinisches Essen und rheinische Unreinlichkeit geschimpft; sie will mich nächstens einmal zu Holländisch(er) Küche einladen. Der Prof. ist urgemüthlich, Berlinerkind; wir haben ebenso angenehm uns unterhalten als gegessen.
[...]
F.

***

Bonn, 11. und 12. Dezember 1864

Meine liebe Lisbeth,
gar gerne möchte ich als Motto meines Briefes darüber schreiben “interessant und geistreich”, ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß ein Brief immer so ist, wie er aufgenommen wird, und vielleicht darf ich in dieser Beziehung die besten Hoffnungen haben.
Das war ein Posaunenstoß zur Einleitung. Jetzt kommt Schilderung der Situation.
Ich schreibe jetzt, morgens, eben des Bettes mich entwunden habend, zur direkten Widerlegung der Ansicht, daß ich Kater hätte. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen. Gestern war großer Commersabend mit dem feierlichen Landesvater und unendlichen Bowlenströmen; Gäste aus Heidelberg und Göttingen; mehere Professoren, darunter Schaarschmidt waren eingeladen und haben sehr nette Reden geredet. Deussen hielt eine famose Fuchsrede; unendliche Telegramms von allen Weltenden und Burschenschaften, von Wien, Königsberg, Berlin usw. Wir waren über 40 Mann zusammen, die Kneipe war prächtig geschmückt. Ich habe eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, die des Doktor Deiders, der fabelhafter Schumannfreund ist; wir haben uns unsre gegenseitigen Besuche versprochen; nun habe ich doch endlich einen tüchtigen Musikkenner gefunden. Die gestrige Gemüthlichkeit war eine herrliche, erhebende.
Weißt Du, an solchen Commersabenden herrscht ein allgemeiner Seelenschwung, da giebt es keine Biergemüthlichkeit. Heute Mittag ist großer Auszug durch die Hauptstraßen mit Paradeanzügen und fabelhafter Rennomage. Dann fahren wir mit Schiff nach Rolandseck, dort ist großes Diner in Hotel Croyen, und was weiter folgt, das steht im subjektiven Belieben. – Vorgestern Abend fieng der Commers an, wir tranken bis gegen 2 Nachts, sammelten uns gestern um 11 morgens zu einem Frühschoppen, machten dann einen Markttrottoirbummel, aßen zu Mittag und tranken bei Kley gemeinsam Kaffe. Du siehst, die Thätigkeit und die Anstrengung ist groß – und ich habe Recht, mit erhobenem Bewußtsein sagen zu können: ich habe keinen Kater.
Dies Schilderung der Situation. Jetzt kommt der literarische Briefkasten.
Viele von den Büchern, die Du beschreibst, sind mir nicht ganz unbekannt, die Lebensräthsel habe ich wohl auch einmal gelesen. Ich dächte, mehr noch als die Altejungferstube müßte Dir der junge Professor, der gegen Schluß antritt, gefallen haben. – In Daheim lies doch “Marie und Maria.” Hausse und Baisse, das Du mir vielleicht nicht zu übersetzen brauchst, scheint mir vom philosophischen Katheder herab geschrieben. Durch Kreuz zur Krone und Gott ist mein Heil, wie Morgen und Abend verschieden, wird von der Kreuzzeitung gelobt. Die Problematischen Naturen habe ich auch noch nicht ausgelesen. Wie so ich überhaupt in diesem Semester noch keinen Roman gelesen habe. –
Heute morgen setze ich den Brief fort, und Du bekommst auf diese Weise eine vollständige Schilderung unsres Commerses.
Wir haben ein wunderschönes Wetter gehabt, der Auszug mit schöner Husarenmusik machte großes Aufsehen, der Rhein hatte die schönste blaue Farbe, wir hatten Wein mit auf das Dampfschiff genommen. Wie wir nach Rolandseck kamen, wurden Böller zu unserm Empfang gelöst. Wir tafelten nachher bis gegen 6 Uhr, waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfaßte unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmrung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirgs, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Nach Tische saß ich mit Gaßmann, vielleicht dem interessantsten Menschen der Frankonia und Bierzeitungsredakteur und Kneipwart zusammen; wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die andern Champagnerbowlen tranken. Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth, besonders die reizende Insel Nonnenwörth, auf der ein Mädchenpensionat ist; darüber ragt der Drachenfels, diese mächtige steile Felswand. Der Ort macht den Eindruck der tiefsten Ruhe. – Nachher bin ich mit wenigen nach Bonn zurück gefahren, während die andern die Nacht dort geblieben sind und wahrscheinlich heute morgen eine Spritze in das Siebengebirge machen.
Heute morgen bin ich denn sehr froh und munter aufgestanden, denke zuerst an Dich und beendige den Brief, damit er noch zeitig genug eintrifft.
So hast Du denn ein Bild meiner letzten Tage, wunderschönen Tage, die Du Dir mit aller Phantasie ausmalen darfst. Allerdings habe ich bei dieser Ueberfülle des Stoffs Dir nur einiges Thatsächliche mitgetheilt und keine Gelegenheit gehabt, schöne und feine Bemerkungen zu machen. Lebe nun recht wohl und grüße die liebe Tante Rosalie, sowie alle, die sich meiner gern erinnern. Adieu, liebe Lisbeth
Dein Fritz.

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)